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Noch umſtanden Ritter und Mannen, nebſt dem Herzog, der ab⸗ geſtiegen und hinzugetreten war, trauernd und tief erſchüttert die beiden Leichen, deren Namen von Mund zu Mund gingen, als die Verſammelten plötzlich hier und da vor einem Hinzukommenden bei Seite wichen, und Herr Bartolomäus, der ſich von ſeiner Betäubung erholt hatte, in den Kreis eintrat.„Was gibt es hier?“ rief er von den erbarmenden Blicken der Umſtehenden erſchreckt, ahnungsvoll aus,— da legte ihm der Herzog innig die Hand auf die Schulter und ſprach, zu Boden deutend, wo einer der Bruſchaverſchen Leute kniend Dietmars Kopf in ſeinem Schoße hielt, ernſt und traurig:„Die Heldenleiche Eures braven Sohnes!“
Da fuhr Herr Bartolomäus zuſammen, wie vom Blitz getroffen; einen Moment haftete ſein entſetzter Blick an der Leiche, dann ſchweifte er wild und fragend im Kreiſe umher. Wie er den alten Dietrich traf, trat dieſer langſam hervor, wiſchte ſich mit dem Handrücken die Augen und ſprach:„Er war mit auf den Wagen, Herr,— heimlich! Ich verſchafft' ihm Sarewat und Waffen, auch Platz unter den Säcken, — mußts thun, Herr, wollt ſich ſonſt ein Leid zufügen.— Und ſo hat er mitgekämpft, wie ein Held!“—
„Mein Sohn, mein Sohn!“ ſtöhnte Herr Bartolomäus und ſank mit einem Laut tiefſten Jammers neben der Leiche in die Kniee, dem Todten lange und ſtille in das bleiche Antlitz ſtarrend. Er hört's wohl kaum, wie die Umſtehenden den heldenmüthigen Jüngling prieſen und ſich erzählten, wie er überall der Erſte geweſen, wo's Gefahr gegeben, wie er zuerſt ins Schloß gedrungen und endlich, da alle zagten, mit der Fackel den Holzſtoß entzündet, ob er gleich geſehen, daß es das Leben koſten müſſe. Auch achtete er der Tröſtungen, die man ihm ſpendete, nicht, ſondern blieb ſtumm und wie fühllos auf ſeinen Knieen, bis auch des Herzogs freundlicher Zuſpruch an ſein Ohr ſchlug. Da ließ er das Haupt des todten Jünglings, das er an ſeine Bruſt gezogen hatte, ſanft wieder niedergleiten in den Schoß des treuen, ſchluchzenden Knechtes und erhob ſich von der Erde. Sein Antlitz war aſchfarben, ſein Auge glanzlos und erloſchen. So ſprach er den Fürſten mit ſchwacher, tonloſer Stimme alſo an: „Da dieſer Knabe noch lebte, hat er ſich in heißem Jugendmuth ſchwer an Euch vergangen. Habt Ihr ihm das verziehn?“
Des Herzogs Züge verriethen bei dieſer Anrede die größte Seelenpein.„Tretet zurück, Ihr Herrn und Mannen,“ ſprach er mit bewegter Stimme, und dann zu Herrn Bartolomäus gewendet, fuhr er ſchmerzlich fort:„Woran erinnert Ihr mich!— Fürwahr, ich habe nichts zu verzeihen, und gerne ſprech' ich's aus, ich wünſchte mir einen ſolchen Sohn, wie dieſer hochſinnige Knabe war!— Seid immer ſtolz auf ihn, daß er der Eure war. Wahrlich, ich traure mit Euch um ſeinen Verluſt; es wär' ein ſeltener Mann geworden.“
Herrn Bruſchavers Antlitz blieb ſtarr und unbewegt.
„So dank ich Euch, gnädiger Herr;“ ſprach er kalt und tonlos, „und will nun heim, meinem Weibe ihren Sohn wiederzubringen, auf daß wir ihn zur Erde beſtatten. Doch wollet mir vorher noch
Zeugniß geben, ob mein Name wieder rein daſteht vor Euch, nachdem
Ihr den heutigen Tag geſehen!“
„O Bruſchaver,“ rief Herzog Wartislav, übermannt von vor⸗ wurfsvollen Gedanken, ſchmerzlich aus:„wollte. Gott, ich ſtünd ſo rein vor mir ſelbſt und meinem Gotte da, wie Ihr vor mir und aller Welt! Fürwahr, ich habe Euch viel Schmerz bereitet!“
„Genug!“ ſprach der unglückliche Vater, der über ſeines Fürſten reuevolle Erſchütterung den eignen Schmerz vergaß und ihm mit ernſter Milde zu Hilfe kam.„Eure heutigen Worte löſchen jene bittre Rede aus, die mir ſeither im Herzen gebrannt, und machen alles gut! Der alles dies verſchuldet, hat mit ſeinem Leben gebüßt. Ihr wurdet gar liſtig hintergangen und zolltet nur den Tribut menſch⸗ licher Schwäche. Klagt nicht ſchon Salomo, daß Verläumder die Fürſten mit ſich uneins machen? Fürwahr, wir ſind allzumal Sünder und mangeln des Ruhmes, der vor Gott gilt!“
Dem Fürſten ſtieg eine heiße Thräne ins Auge, und beide Hände gegen den edlen Mann ausſtreckend, der, den Zerſtörer ſeines Lebens⸗ glückes vor ſich, noch alſo ſprechen konnte, rief er gebrochenen Tones aus:„O, Bruſchaver, dieſe Stunde nagt an meinem Leben. Wahr⸗ lich, von Dir heißt es recht: Selig ſind die Sanftmüthigen! Aber ob Du mir gleich vergibſt, was ich Dir Leides gethan, ich ſelbſt muß
mir immerdar zürnen, daß ich um eines Verläumders Willen wie ein böſer Thor gehandelt.“
In dieſem Augenblick erſcholl vom Thurm her ein lautes Ge⸗ ſchrei und jubelnde Rufe; die furchtbare Lohe ringsumher, die bis zu den Zinnen emporgeſchlagen war, hatte die Widerſtandskraft der Belagerten gebrochen, und zum Zeichen der Ergebung erſchien droben eine weiße Flagge. Alles rief nach dem Herzog, daß er komme und Befehl gebe, was geſchehen ſolle. Da drückte der tiefbewegte Fürſt noch einmal die treue Hand des edlen Bruſchaver, ſah ihm noch ein⸗ mal innig ins Auge und wendete ſich dann mit einem Seufzer ab.
Ernſt und traurig blickte ihm dieſer nach, dann hieß er den Knechten, ſein Roß herbeiführen, und da er im Sattel ſaß, mußten ihm die Treuen die Leiche ſeines Sohnes hinaufheben. Die nahm er vor ſich aufs Roß, daß das blutige, bleiche Haupt an ſeiner Bruſt ruhte, und ſchlug den Reitermantel um die theuren erſtarrten Glieder. Schluchzen und Weinen erhob ſich bei dieſem Anblick rings⸗ um im Kreiſe und kein Auge blieb trocken, als der unglückliche Vater ſich mit ſeiner traurigen Bürde auf den Heimweg machte. Der aber blickte ſtill in die aufgehende Sonne, die ſich hinter den fernen Hügeln in jugendlicher Pracht erhob, und ſein Buſen wogte von unausſprech⸗ lichen Gefühlen. Als hinter ihm in der Stadt das Siegesläuten von den Thürmen anhub, that ſich der Wald mit ernſtem Schweigen vor ihm auf, und durch ſeine einſamen ſtillen Halden ritt er, mit ſich und ſeinem Gott allein, ſein todtes Kind im Arm, das Herz voll großer Gedanken, langſam der nahen Heimat zu.
Nachwort.
Im Garten zu Bruſenfelde unter einer hundertjährigen Linde haben die trauernden Eltern die Leiche des theuren Sohnes beſtattet, und bittre Thränen ſind ihm reichlich gefloſſen. Doch war ihr Schmerz ein edler, geweihter, kein leidenſchaftlich entfeſſelter; ſie weinten, aber ſie wehklagten nicht; und ſelbſt die Mutter, die mit dem geliebten Sohne die ſchönſte Hälfte ihres Lebens dahin ſchwinden ſah, raffte ſich an der ſtarken Hand des liebevollen Gatten aus der Apathie des erſten, wildeſten Schmerzes auf und begann getroſt die andere Hälfte ihres Daſeins, doch milder, ernſter, gelaſſener, weicher, denn zuvor. Aus der Gruft des theuren Kindes erwuchs den Eltern ein neues, ſchmerzlich-ſüßes Glück, und die alten ſchönen Zeiten kehrten wieder ein unter das Dach des ehrwürdigen Herrenhauſes. Doch waren ſie reicheren, geweihteren Inhaltes nun, ſeit tiefſter Lebensſchmerz der beiden Gatten Denken und Empfinden geläutert hatte,— wie ſonnig ſchöne Herbſttage nur um ſo tiefer und beweg⸗ licher an unſer Herz greifen, unſere Seele mit holderen Empfindungen füllen, weil ihr Glanz auf erſterbende Fluren fällt, weil ihr lindes Wehen einen Hauch tiefer Melancholie, ein Gefühl des Heimwehs mit ſich führt, das unſere Seele gleicherweiſe erſchüttert und beglückt.
Der Fall von Garz zog noch weitere Erfolge für die Pommern nach ſich; auch die Orte Vierraden und Loeckenitz fielen wieder in die Hände der Herzoge, und die Zahl der Märkiſch Geſinnten wurde im Lande immer kleiner. Zwar brach der Churfürſt Albrecht im Som⸗ mer des Jahres noch einmal in die Pommerſchen Lande ein, das Verlorene wieder zu gewinnen, und erbitterte Kämpfe tränkten den verheerten Boden noch einmal mit Blut; doch ein unerwartetes Er⸗ eigniß gab der ganzen Sachlage bald eine neue Wendung. Herzog Wartislav, der ſeit dem Tage von Garz in tiefe Melancholie ver⸗ fallen war und viel gekränkelt hatte, ſtarb plötzlich und hinterließ ſeinen Neffen Bogislaf, dem ſpäter die Geſchichte den Ehrennamen des„Großen“ beigelegt hat, als einzigen Erben der geſammten Pommerſchen Lande. Der ſah des Reiches Noth und lieh den Bitten der Stände nach Frieden ſein landesväterlich Ohr. Unterhandlungen begannen, und manche Tagefahrt verlief in den Bemühungen, einen ehrenvollen Frieden herzuſtellen. Das gelang endlich, wenngleich nicht ohne Verluſte für das Pommernland, denn mehrere der neuer⸗ oberten Städte fielen wieder an die Mark zurück. Doch Garz, das mit ſo theurem Blut erkauft war, blieb dem Herzoge und bildete noch bis in ſpäte Zeiten eine feſte Grenzwehr gegen die Feinde, ein Stein des Anſtoßes und Aergerniſſes für die Märker, ein Gegenſtand des Stolzes für die treuen Pommern, und noch nach Jahrhunderten lebte die Mähr von der Ueberrumpelung des Platzes im Munde des Volkes.


