Jahrgang 
1865
Seite
371
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Leben gehe, aber mit wüthender Tapferkeit kämpften auch die braven Pommern, und unter Herrn Bruſchavers gewaltigem Schwert ſank mancher Mutter Sohn darnieder. Wo aber die Haufen am dichteſten und die Gefahr am größten war, da erſchien immer, allen voraus, eine ſchlanke Jünglingsgeſtalt, die hieb gewaltig in die Feinde und bahnte ſich Weg und Pfad durch die erſchreckten Maſſen. Wer es ſei, das erkannte man nicht, da das Viſir an ſeiner Sturmhaube nieder⸗ geſchlagen war und kein Abzeichen Stand und Namen verrieth. Auch drängten Zeit und Gefahr des Augenblicks viel zu ſehr, um Nach⸗ forſchungen anzuſtellen; es galt jetzt vor allem, bis zur entgegen⸗ geſetzten Seite der Stadt vorzudringen und dem Herzog Wartislav, der dort im Hinterhalt lag, das Stettiniſche Thor zu öffnen. Das gelang erſt nach vielen Kämpfen; doch war's ein herrlicher Augenblick, als der edle Bruſchaver und Herr Thilo von Huxhol mit gewaltigen Schmiedehämmern Thorſchloß und Riegel zerſchlagen hatten, ſo daß die Thorflügel knarrend aufſprangen, und nun Herzog Wartislav, der vom Kampfgetöſe drinnen bis unter die Mauern gelockt war, auf hohem Roß, gefolgt von kriegeriſcher Mannſchaft, unter dem Thor⸗ bogen erſchien, und Herr Bartolomäus von Bruſchaver, über und über mit Staub, Schweiß und Blut bedeckt, ihm mit den Worten entgegen trat:Ziehet ein, Herr Herzog, in Eure feſte Stadt Garz, die Euch pommerſche Treue wiedererobert hat, und helft uns die Feinde vollends niederwerfen!

Da wechſelten Röthe und Bläſſe im Angeſichte des Herzogs, aber die Freude trug den Sieg davon.Edler Bruſchaver, rief er,das will ich Euch immer danken! Doch jetzt an die Arbeit. Heraus mit den guten Schwertern und Horſa Stettin! in den Feind in den Feind! Wie eine dunkle Wetterwolke ſtürmte die dichtgeſchloſſene Schar der Panzerreiter, den Herzog voran, in die Gaſſen der Stadt, alles, was noch Widerſtand leiſten wollte, niederwerfend. Dann ging's mit ganzer Macht zum Schloß hinan, Herrn Werner mit allen ſeinen Gäſten aufzuheben. Da fand man aber das Thor wohl ver⸗ riegelt, wenn's auch drinnen noch ſtille war, denn der Schlaf hielt alle Bewohner, Gäſte wie Diener, nach dem geſtrigen Taufbanket noch mit bleierner Schwere gefangen. Darum galt's Eile, daß man hineinkäme, ehe ſie drinnen munter wurden und Zeit hatten, ſich zu wappnen, und ſo begann man Leitern heranzuſchleppen. Darüber verging aber Zeit, und die Thorwache fuhr aus dem Schlummer auf, ſchrie und johlte:Allarma! Allarma! Waffen, Waffen! Feinde am Thor! Kein Augenblick war zu verlieren, die erſte Leiter ſtand, da ſchwang ſich, allen voran, wieder jener jugendliche Held, der ſchon oft heute im ärgſten Gewühl kämpfend erblickt war, die Sproſſen hinan, erklomm die Mauer und ſprang mit dem gellen RufMir nach, tapfre Pommern! jenſeits auf abſchüſſiger Erd⸗ wand in die Stadt hinab. Sein Beiſpiel riß alle mit ſich fort. Bald wimmelte die Mauer von ſtreitbaren Männern, bald kämpfte man drinnen den erbittertſten Kampf, bald flogen die Riegel auf, und das Schloß war über.

Viele von den Gäſten fing man noch auf dem Lager, wo ſie ſchweren Hauptes ruhten und keiner Gefahr gewärtig waren, viele von der Dienerſchaft in Vorhalle und Keller, wie ſinnlos ausgeſtreckt, die Knechte wichen von Treppe zu Treppe zurück. Das toſende Ge⸗ ſchrei der Sieger weckte endlich auch Herrn Werner aus tiefem Schlaf: da ſprang er aus dem Bett und ans Fenſter; als er aber ſah, wie alles ſtand, ſchlug er die Hände in bittrem Gram zuſammen und rief: Ach leider! das war zu lang geſchlafen! Dann raffte er Kleider und Waffen zuſammen und eilte durch einen verborgenen Gang mit den Knechten, die er noch abrufen und beſcheiden konnte, auf das Vier⸗ radner Thor, von wo er alsbald ein grimmiges Schießen begann.

Der Augenblick war verhängnißvoll. Ließ man ihn ſich hier auf dem wohlverſicherten Thor feſtſetzen, ſo konnt's leicht geſchehen, daß er ſich trotz aller Anſtrengungen ſeiner Gegner daſelbſt hielt, bis. das Gerücht von der Ueberrumpelung des Platzes zum nächſten mär⸗ kiſchen Orte gedrungen war und ſchleunigſt Entſatz herbeizog, ein Fall, der um jeden Preis vermieden werden mußte. Darum befahl Herr Bruſchaver haſtig den Seinen, Holz, Stroh und Reiſig herbei⸗ zuſchaffen, ſo viel und ſo raſch ſie vermöchten, und ließ alles gegen die mächtigen, eiſenbeſchlagenen Pforten, die zum Thorthurm hinauf⸗ führten, und rings um das Gemäuer aufthürmen. Das ſahen aber die Bedrohten auch nicht müſſig oder gleichgültig an, vielmehr be⸗ gannen ſie, ſobald ſie ihrer Gegner Abſicht erkannten, ein ſo furcht⸗ bares Schießen von der Zinne, und Steinmaſſen und Balken ſtürzten

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ſo verheerend auf die Belagernden herab, daß Mann für Mann todt oder ſchwer verwundet dahinſank, und ein bedenkliches Stocken unter den Zutragenden entſtand. Ging man doch faſt dem gewiſſen Tode entgegen, wenn man ſich den hölliſchen Mauern näherte, da war es wohl menſchlich, wenn auch Tapfere ein Zaudern beſchlich, und das Werk anfing, langſamer vorzuſchreiten. Herr Bartolomäus ſah's mit wahrer Seelenangſt; ihm war's, als ſcheitere hier die ganze Unter⸗ nehmung. So ſprang er denn vom Roß, entriß einem zögernd her⸗ beikommenden Kriegsknechte eine mächtige Reiſigwelle und ſtürzte unter ermuthigendem Zuruf an die Umſtehenden damit auf die Mauer zu. Da krachte es vom Thorthurm, und ein gewaltiger Balken riß ihn im nächſten Augenblick zur Erde nieder. Er war nicht ſchwer verletzt, doch hatte ihn der Fall ſo betäubt, daß er, wie er aufſpringen wollte, wieder zuſammenſank. Eine entſetzliche Angſt, daß nun alles in Stocken kommen werde, befiel ihn.Zündet an, zündet an! ſchrie er mit der letzten Kraft ſeiner Stimme, da fühlte er ſeine Sinne ſchwinden und merkte es nicht mehr, daß ihn zwei ſeiner Knechte aus der Schußlinie trugen.

In dieſem Augenblicke kam der Herzog geritten, überſah die Sachlage mit einem fliegenden Blick und hörte noch Herrn Bruſchavers letzte Worte. Die nahm er eifrig auf und trieb die Leute, Fackeln herbeizuſchaffen und den Holzſtoß in Brand zu ſetzen. Doch das war leichter geſagt, denn gethan. Wohl loderten bald die Kienbrände in den Händen der Pommern und muthig ſtürmten ſie damit heran; allein keinem gelang es nahe genug heranzukommen, um den Holz⸗ ſtoß zu entzünden: die Geſchoſſe der verzweifelten Märker auf dem Thurm machten jede Annäherung unmöglich. Immer wieder ſchrie Herzog Wartislav wie raſend auf:Heran, heran, und müßten wir uns alle hier vor dem mörderiſchen Thurm begraben laſſen! aber die Menge hatte ein lähmender Schrecken befallen und die Fackeln brannten nutzlos in ihren Händen. Da durchbrach jener kühne Jüngling, der ſchon mehrfach an den gefahrvollſten Stellen den pom⸗ merſchen Streitern vorangeeilt war und deren Kampfmuth neu ent⸗ zündet hatte, die dichten Reihen, ergriff eine Fackel, die, den Händen eines Gefallenen entſunken, am Boden qualmte, und ſtürzte ſich ohne Zaudern auf die aufgeſchichteten Holzmaſſen zu. Staunen und Be⸗ wunderung folgte dem Kühnen und laute glückwünſchende Rufe be⸗ gleiteten ihn. Schon war er ſeinem Ziele nahe, als eine Steinkugel dicht über ihm dahinſauſte und ihm die Sturmhaube vom Haupte riß. Der Jüngling wankte, aber fiel nicht. Auf ſeine zu Boden geſtauchte Fackel geſtützt, ſtand Dietmar einen Augenblick nach Athem haſchend da, wie der Engel des Todes, das bleiche Antlitz, nun vom Viſir befreiet und jedem ſichtbar, rückwärts gewendet, während aus einer Stirnwunde, die ihm der zerſchmetterte Helm geriſſen, das Blut die Schläfe hinabrann. In dieſem Augenblick glich er ſeiner Mutter ſo ſehr, daß ein eben anreitender Edelmann entſetzt ſein Roß anhielt und ſeinen Begleiter krampfhaft am Arm packend, wild ausrief:Sieh hin, Wenzel, ſieh hin! Um der Wunden Jeſu Willen, was bedeutet das? Es iſt Katharina!

Um Gott, Herr Jaſper, Ihr raſet, entgegnete dieſer erſchrocken,

wie ſollt' Herr Bartelmes ſeine Ehegattin in dies Kampfgewühl mitgeführt haben und zudem in Harniſch und männlicher Kleidung! Ihr irrt!

Und ich ſage Dir, ſie iſt es, oder mich blendet die Hölle! er⸗

wiederte Herr Jaſper von Appenborch wie außer ſich, indem er vom

Roß ſprang.Haſt Du nie von Frau Sabine, ihrer Aeltermutter, gehört, die in Helm und Harniſch einen Ausfall auf die Feinde machte und ſie in die Flucht trieb. Sie iſt einer gleichen That fähig, und ſage, was Du willſt, ich muß ſie retten vor dem offenbaren Tode! Damit warf Herr Jaſper dem Begleiter die Zügel zu und ſtürzte nach der Stelle hin, wo er eben noch den Jüngling geſehen. Der aber hatte ſich inzwiſchen wieder erholt und drang mit Todesver⸗ achtung vorwärts. Jetzt jetzt war er am Ziele und ſchleuderte ſeine Fackel in die Stroh⸗ und Reiſighaufen, daß ſie im ſelben Augenblicke hoch aufloderten, da traf ihm ein ſcharfer Bolzen mit ſo tödtlicher Sicherheit das ungeſchützte Haupt, daß er lautlos zuſammenſank. Die Arme deſſen, der all das Weh der letzten Wochen über ihn und die Seinen gebracht, fingen ihn auf und trugen ihn einige Schritte fort, da fuhr ein zweiter Bolzen Herrn Jaſper von Appenborch in den Nacken und warf ihn ſammt ſeiner edlen Bürde zu Boden nieder.

Als Reiſige auf des Herzogs Befehl hinzuſprangen und beide aus der Schußlinie trugen, ſeufzte er noch einmal auf und verſchied.