Jahrgang 
1865
Seite
370
Einzelbild herunterladen

Inzwiſchen hatten Gewappnete vom Adel Fuhrmannskittel übergeworfen und ſich auf die Gäule geſchwungen, die Fuhrpeitſche ſtatt des Schwertes in der Hand. Die Uebrigbleibenden aber thaten ſich in Trupps zuſammen, die ſollten ſich in Hinterhalt legen und auf ein Zeichen Herrn Bruſchavers hervorbrechen, die Feinde in jähem Anſturz niederzuwerfen. So war alles wohl geordnet.

Ernſt, doch innig und liebevoll nahm Herr Bartolomäus von ſei⸗ ner tief erregten Gattin Abſchied, dann gab er das Zeichen zur Abfahrt. Noch einmal flatterte das weiße Tuch in Frau Käthes Hand, noch einmal winkte ihr Eheherr mit der gepanzerten Linken grüßend zu ihr hinauf, dann rückte der Zug aus dem Lichtkreiſe der Fackeln und Windlichter fort, und Nacht und Dunkel entzog die Abziehenden den Augen der Nachblickenden. 1

In tiefem Schweigen ging es nun vorwärts; was nothwendig

geſagt werden mußte, wurde geflüſtert, Raſt wurde nirgend gehalten. So langte man endlich, da der Morgen ſchwach im Oſten graucte, am Rande derhohen Haide an; hier legten ſich die Städte und jene von der Ritterſchaft, die nicht hatten auf den Wagen Platz finden können, in Hinterhalt, der Wagenzug aber ging fürbaß, und bald betrat man den langen Knüppeldamm, der über das von mehreren Stromarmen durchfurchte Oderbruch auf Garz zuführte. Ueber den erſten Stromarm hatte man eine Zugbrücke geſchlagen; die war aber allzeit aufgezogen, denn hier wurde ein Zoll erhoben und Kriegsleute lagen in feſten Thürmen dahinter, die Stätte zu hüten. Zu denen ſchrie nun Herr Bruſchaver, der den Wagen voranritt, mit ſtarker Stimme hinauf und begehrte, ſie ſollten die Brücke fallen laſſen; er ſei's, der Bruſchaver, und bringe das Korn, davon ſie wüßten! Geraume Zeit verzog es, ehe die Kriegsknechte, die vom geſtrigen Feſte noch halb trunken und ſehr ſchläfrig waren, ſich der Ordre, dem Bruſchaver in aller Frühe zu öffnen, erinnerten. Endlich aber kamen ſie, ihrer ſechs oder acht, hervor, gähnten und reckten ſich, neſtelten an den Ketten und traten die Brücke nieder, ſo daß die Wagen hinauffahren konnten. Da zog aber Herr Bruſchaver ſein Schwert, auch die Fuhrleute ſprangen von den Gäulen, zogen die Schweinſpieße vom Wagen und liefen auf die Märker ein, die ſchreiend flüchteten. Aber ihr Verhängniß ereilte ſie bald; unter Hieb und Stich ſanken ſie zuſammen und wurden von der Brücke in den Strom geworfen. Ein einziger hätte in wilder Flucht faſt den Thurm erreicht und den ganzen Plan vernichtet, da es ihm ein Leichtes war, dann mit Schießen aus großen Büchſen der Stadt ein Zeichen zu geben, daß Feinde da ſeien. So aber überholte ihn Herr Thilo v. Huxhol im letzten Augenblick und ſtieß ihn mit feſter Hand nieder, daß ſein Blut ringsum den Boden färbte. So lag der lange Damm nun bis zur Brücke vor der Stadt frei; doch war der Aufenthalt am Zoll ein ſo bedeutender geweſen, und der Morgen hatte ſich in ſo beunruhigender Weiſe gehellt, daß Herr Bruſchaver in peinlichſter Haſt vorwärts trieb und durch den gemeſſenen Schritt der Wagengäule, die auf dem ſchlechten Knüppeldamm nur vorſichtig auftreten konnten, faſt in Verzweiflung verſetzt wurde. Oft ſprang er vom Roſſe und ergriff die Leinpferde am Kopf, um ſie ſchneller vorwärts zu bringen, dann ſtieg er wieder auf und jagte voran, den langen Damm abzuſuchen, ob auch kein Hinderniß ſich der Fahrt entgegenſtelle; dann ritt er wieder zurück, die Wagen⸗ reihe hinauf, und ermuthigte die in unbequemſter Lage unter den Säcken hingeſtreckten Mannen, noch wenige Minuten auszuhalten, um ſich im nächſten Augenblick wieder an die Spitze des Zuges zu ſetzen und vorauszuſprengen. So geſchah es wieder einmal, als ihn plötzlich die verkleideten Fuhrknechte in der Ferne an einer Stelle, wo der Damm eine ſtarke Biegung machte, und hinter einem hohen Elſengebüſche die eigentliche Brücke begann, ſein Roß heftig pariren und dann wie erſtarrt an der Stelle halten ſahen, den Oberkörper weit vorgebogen, als ſtiere er in äußerſter Spannung vor ſich hin. Dann ſahen ſie noch, wie er in wilder Verzweiflung die Hände zu⸗ ſammenſchlug und im nächſten Moment ſein Roß wendete. Im fliegenden Galopp kam er zum Wagenzuge zurück.Es iſt alles verloren, rief er ſchon von weitem den Freunden zu, und ſein Geſicht war todtenbleich;wir kommen zu ſpät! Auf der Brücke ſind Menſchen, die decken emſig die Bohlen ab, und ſchon klafft ein Ab⸗ grund zwiſchen uns und ihnen, ſo daß an ein Hinüberkommen nicht zu denken iſt!

Ein unbeſchreibliches Entſetzen verbreitete ſich auf dieſe Worte unter den Verſchworenen. Die Ritter ſprangen von den Gäulen

und ſtießen furchtbare Verwünſchungen aus; aus den nächſten Wagen ſchrie es wild und verworren dazwiſchen und rathlos ſtarrte man ſich an. Großer Gott! was war zu thun! Auf ſolchen Fall war man nicht vorbereitet. Schon riethen einige, das Unternehmen ſchleunigſt auf⸗ zugeben, die Pferde abzuſpannen, die Wagen ſtehen zu laſſen und zu verſuchen, ob ein Entkommen möglich ſei, als Herr von Bruſchaver, der einige Augenblicke in Gedanken verloren, wie eine Bildſäule auf ſeinem Roſſe geſeſſen, plötzlich emporfuhr und erklärte, es ſei wohl noch Rettung und Gelingen möglich; es komme ihm doch ein Zweifel, daß man drinnen eine Ahnung von ihrem Plane habe, ſonſt hätte man die Brücke wohl nicht abgedeckt, ſondern wäre mit ſtarker Macht ausgefallen, ſie zurückzutreiben und aufzureiben. So ſeien es am Ende nur einige Zimmerleute, die früh an die Arbeit gingen und, da ſie ohne Ahnung von der Gefahr ſeien, ſich vielleicht bereden ließen, die Bohlen loſe wieder aufzulegen, damit die Wagen überfahren könnten. Freilich dürften ſie dann nicht am Leben bleiben; ſei man aber erſt auf der Brücke, ſo würden da unten im Gebüſche ohne Zweifel auch die Stettiner und Stargarder Kähne liegen, aus denen ihnen dann genugſam Bewaffnete zu Hilfe kommen würden. Auch ihre eigene Nachhut in derhohen Haide könnte ihnen über Damm und Brücke folgen und gleich an der Handlung Theil nehmen. Man möge nur getroſt vorwärts fahren, alles werde mit Gottes Hilfe wohl gelingen.

Auf dieſe Worte faßten die Verſchworenen wieder einen rechten Muth, ſaßen auf und fuhren weiter, während Herr von Bruſchaver voranritt und, an der Brücke angekommen, zu den Zimmerleuten, die gleichmüthig bei der Arbeit blieben, hinüberſchrie, ſie möchten doch die Bohlen wieder überlegen, er, der Bruſchaver, müſſe alsfort hinüber, dem Herrn von der Schulenburg den Brandſchatzhafer zu bringen. Das wollten die trägen und halbverſchlafenen Leute nicht thun, gaben grobe Worte und riefen zurück, ſie ſeien nicht dazu da, um nichts und wieder nichts eine Arbeit zweimal zu thun. Er möge ſich ſeiner Wege ſcheren! Bruſchaver durft's ſich nicht merken laſſen, daß er gern ſein halbes, ja ſein ganzes Vermögen darum geben würde, wenn ſie thäten, was er verlangte. So ſchalt er denn wieder und verlangte heftiger die Ueberfahrt, ja, als einer der Geſellen ein Trinkgeld verlangte, ſo ſie ſeinen Willen erfüllen würden, wollte er erſt nichts davon hören, und ob ihn gleich jede weitere Secunde Ver⸗

zug mit Verzweiflung erfüllte, ſo bezwang er ſich doch mit äußerſter

Kraft, um keinen Verdacht zu erregen, dingte vielmehr von einem Groſchen zum andern, bis ſie endlich um einen Gulden eins wurden; den warf ihnen Herr Bartolomäus in ein Tuch gewickelt über die aufgeriſſene Stelle hinüber, und ſie begannen die Arbeit. Damit es aber ſchneller gehe, ſtiegen auch die verkleideten Fuhrknechte von den Gäulen und halfen die Planken mit anfaſſen und herüberziehen, ſo daß nach kurzer Zeit die Stelle paſſirbar war, und die Wagen hinauf⸗ fahren konnten. In dieſem Augenblick aber ſtürzten ſich Herr von Bruſchaver und einige von ſeinen Freunden, die neben den Wagen hergingen, auf die unglücklichen Zimmerleute und ſtießen ſie nieder. Jammernd und ſtöhnend ſanken die Aermſten zuſammen, und wenige Minuten nachher ſchloß ſich der Waſſerſpiegel der Oder über ihren Leichen.

Da ward es unten zwiſchen den Büſchen, im Rohr, unter über⸗ hangenden Weiden und im Schatten der Brücke lebendig: gewaffnete Geſtalten ſtiegen aus wohl verborgenen Kähnen auf, Matten und Decken wurden bei Seite geworfen, darunter kamen immer mehr Kriegsleute hervor, und als Herr Bruſchaver ihnen das Zeichen gab, kletterten ſie insgeſammt das Ufer hinan. So ſtand man am Thor, eine ſtattliche, wohlbewaffnete Mannſchaft, und über Damm und Brücke her zogen die verſteckt Geweſenen aus der hohen Haide heran, ſo daß die Macht immer größer wurde. Auf dem Thorthurm war alles todtenſtill, da ward nicht gezögert. Von den Wagen hob man die Leitern ab, band ſie zuſammen und erſtieg die Zinnen, während die Wächter noch den geſtrigen Feſtrauſch ausſchliefen. Die erwürgte man alsbald und öffnete dann die Thorflügel, worauf die ganze Macht mit dem hellen RufHorſa Stettin, Horſa Stettin in die Gaſſen ſtürmte. Da war wohl zuerſt noch alles öde und leer, und die Pommern konnten manchen Platz beſetzen; bald aber regte es ſich in den Häuſern umher, bewaffnete Bürger und märkiſche Reiſige ſtürzten hervor, immer neue folgten, und nun entſtand ein heftiger und blutiger Kampf in den Gaſſen, der vieler braver Krieger Leben koſtete. Die Bürger fochten verzweifelt, denn ſie wußten, daß es um ihr

ę˖OQnãã‧A⁰ypyp:yöQ 2y:·

2