und kirchlichen Standpunkte unter unſern Mitgliedern vertreten, wie in jenen Blättern. Aber wir dulden einander gerne und ſprechen darüber in Freundſchaft, wenn wir unter uns ſind, nur in Comittee⸗ ſitzungen, überhaupt bei allen officiellen Anläſſen muß alles ſchweigen und zurückbleiben, was nicht aufs genaueſte zum Geſchäft gehört.“
„Wie viele ſolcher Leſezimmer haben Sie?“
„Wir haben bis jetzt drei in verſchiedenen Theilen der Stadt;*) der Beſuch derſelben, wie die Benutzung unſerer Bibliothek iſt allen Mitgliedern täglich von 1— 8 Uhr Abends umſonſt geſtattet. Jedoch werden alle drei Monate die geleſenen Blätter unter die Mitglieder verauktionirt, bei welcher Gelegenheit auch über Beibehaltung oder Abſchaffung alter und Anſchaffung neuer berathen wird.“
„Werden die Leſezimmer fleißig beſucht?“
„Recht fleißig, namentlich in den Abendſtunden.“
„Können die Beſuchenden dabei denn etwas zu genießen be⸗ kommen?“
„O ja,“ antwortete Mr. Cooper lächelnd;„ein Glas gutes, friſches Waſſer. Die meiſten von uns ſind Teetotallers, trinken nicht Bier noch Wein, ebenſo wenig wie Spirituoſen, obgleich wenige von uns einer Mäßigkeitsgeſellſchaft angehören oder ein Enthaltſam⸗ keitsgelübde abgelegt haben. In unſern Blättern werden Sie auch hie und da Angriffe gegen das Tabakrauchen gefunden haben; doch rauchen viele von uns.“
Wir gingen in das geräumige Bibliothekzimmer. Es enthielt zwiſchen 5— 6000 Bände aus allen Viſſeenſchaften, Geſchichte, Geographie, Theologie, Philoſophie u. ſ. w. ebenſo wie eine Aus⸗ wahl von Romanen, Dramen(worunter auch eine gute Ueberſetzung Schillers ſich befand) u. ſ. w. Außerdem etwa 100 Bände, die eine ſ. g. Reference library bildeten, d. h. Encyclopädien, Wörter⸗ bücher u. ſ. w., Werke zum Nachſchlagen überhaupt. Ferner ſah ich mehrere Globen, eine Auswahl guter Atlaſſe und Karten, endlich allerhand phyſikaliſche Inſtrumente, Teleskope, Microskope, Stereos⸗ kopen u. ſ. w., die auch für eine kleine Vergütigung an Mitglieder ausgeliehen werden.
„Zweifeln Sie nun noch daran, mein Herr,“ ſagte Mr. Cooper, „daß wir für die geiſtige Förderung unſerer Mitglieder ſorgen, ebenſo wohl wie für ihr materielles Gedeihen? Sie fragten mich vorhin, ob wir denn keine gemeinſamen Grundſätze hätten— ich ſagte Ihnen, keine, ſoweit es Staat und Kirche betrifft; dennoch haben wir Pionniere neulich verſucht, in einer Adreſſe einige Regeln niederzulegen, die für uns Cooperatoren maßgebend ſind und die das enthalten, was die Gelehrten etwa die ethiſche Grundlage der Cooperation nennen würden. Erlauben Sie mir, daß ich Ihnen aus dieſen „Model Rules“(Muſterregeln) etwas vorleſe. Wir haben darüber geſtellt:„Self-help is the true help, if it be not selfish help“ (Selbſthilfe iſt die wahre Hilfe, wenn es keine ſelbſtiſche Hilfe iſt). Weiterhin heißt es: Einigkeit iſt Stärke; göttliche Stärke, wenn ſie eine gerechte und weiſe Vereinigung zu gerechten Zwecken iſt. Seid einig und ſeid weiſe, Arbeitsbrüder, ſeid gerecht, und Ihr werdet ſtark ſein. Was eine ſolche gerechte und weiſe Einigkeit, oder mit andern Worten, was die wahre Cooperation für die gethan hat, welche ſie ausgeübt haben, mögt Ihr erfahren, wenn Ihr fragt, was ſie in der gegenwärtigen Zeit unerhörten Elendes in Rochdale gethan hat. Aber was ſie dort gethan hat, iſt kein Maßſtab für das, was ſie noch thun kann. Es iſt nur ein Anfang gemacht— dem Endziele ſtreben wir zu. Laßt nicht den Geſchichtsſchreiber künftiger Zeiten von den Männern unſerer Tage ſagen: Die reichen Männer Britan⸗ niens gaben ihren armen Brüdern jede Hilfe, welche das Geſetz ihnen geben konnte, damit ſie ſich als Stand und als Individuen emporarbeiteten; aber die Armen waren zu uneinig und zu ſelbſt⸗ ſüchtig und zu thöricht, um die Gabe zu benutzen. Trachtet darnach, daß es von Euch heißen möge, wenn Eure intelligenten und tüchtigen Enkel von Euch ſprechen: Dahin ſind wir gekommen, weil unſere Väter gelernt hatten, daß es keine wirkliche Kraft ohne Einigkeit gibt, und keine dauernde Einigkeit ohne Weis heit, und keine wahre Weisheit ohne Gere cht i gke it; durch ihr Vorbild haben ſie allen kommenden Generationen den unwiderleglichen Beweis geliefert, daß Gott mit denjenigen wirkt, die einig, weiſe und gerecht ſind.“
„Und haben Sie bisher in dieſem Geiſte gewirkt?“ fragte ich;
—) Nach dem neueſten Berichte(1865) hat die Geſellſchaft fünf ſolcher Leſezimmer in verſchiedenen Theilen der Stadt; ein ſechſtes ſoll demnächſt eingerichtet werden.
„haben Sie, bei Ihrer großen und weitverzweigten Verbindung und bei Ihren mannigfaltigen Geſchäften niemals Streit gehabt, niemals Advokaten gebraucht?“
„Gottlob, niemals!“ war die Antwort.„Bisher haben wir uns frei von ihnen gehalten; überhaupt haben wir, ausgenommen bei Hauskäufen u. dgl., nichts mit den Behörden zu thun gehabt. Streitigkeiten, die hie und da vorgefallen ſind, wurden gewöhnlich ganz unter uns, durch ſelbſtgewählte Schiedsrichter beigelegt, ſehr ſelten durch den Friedensrichter. Wer ganz und gar unzufrieden mit der Geſchäftsverwaltung iſt, kann ja überdem jeden Augenblick ſein Geld zurückerhalten und aus unſerer Geſellſchaft austreten.“
Durch einen Geiſtlichen wurde mir ſpäterhin noch beſonders beſtätigt, was ich von dieſen Freunden gehört und geſehen hatte. „Alle Arbeiter, die ich geſehen, machten auf mich den Eindruck unge⸗ mein braver, nüchterner, intelligenter und gediegener Männer,“ ſagte ich zu ihm.„Sie ſind es auch,“ erwiederte er;„die Cooperativ⸗ geſellſchaft hat durchweg ein richtiges Selbſtbewußtſein, Sparſamkeit, einſichtsvolle Vorſicht, dazu die Gewohnheiten der Mäßigkeit und des hänslichen Comforts gefördert! In dem Maße, als ihr materielles Wohl emporgeblüht, iſt auch ihr intellektuelles, ſociales, ſittliches, ja ihr religiöſes Leben ſtetig gefördert worden. Dabei ſind ſie meiſt frei von aller Anmaßung und Selbſtüberhebung; ihr einziger Ehrgeiz iſt, daß die arbeitende Klaſſe wohlgenährt, wohlgekleidet, gut logirt, gut erzogen ſei— in einem Worte, daß ſie achtbar und geachtet daſtehe. Sie wünſchen durchaus nicht, ihren Stand zu verlaſſen oder andere Stände zu benachtheiligen, noch gegen die Reichen und die Ariſtokratie Front zu machen.
Mit aufrichtiger Bewunderung und Achtung nahm ich von meinen Rochdaler Freunden Abſchied und begab mich, von Tweedale begleitet, Abends auf die Eiſenbahn, um nach Mancheſter zurückzu⸗ fahren.
„Die Cooperation wird eine Macht im Staate,“ ſagte Lord Brougham auf dem„Social Science Congress“ von 1862 in Lon⸗ don;„und angeſtrengte Bemühungen werden fortwährend gemacht, um die Geſetze über die daraus hervorgehenden Inſtitute auf das Beſte zu geſtalten, um ihren Beſtand und ihre zweckmäßige Einrich⸗ tung ſicher zu ſtellen.“
Nach dem„Co-operative Directory for 1863“(Cooperativ⸗ Adreßbuch), das auf Befehl des House of Commons gedruckt worden i*ſt, gab es damals 454 regiſtrirte Cooperativ⸗Geſellſchaften in Eng⸗ land und Wales, von denen aber nur 381 nähere Angaben über ihren Beſtand gemacht hatten. Dieſe 381 Geſellſchaften enthielten 108,588 Mitglieder; ihr Betriebskapital belief ſich auf 793,500 Pfund St., ihr jährlicher Umſatz auf 2,626,741 Pfd. St., ihre Ausgaben auf 176,554 Pfd. St.(d. h. etwa 1 ½ Proc.) und ihr Reingewinn auf 213,623 Pfd. St. Dazu kommen noch die Geſellſchaften in Schott— land, die jedenfalls ſehr bedeutend ſind; in dem ſchottiſchen Städtchen Galashiel gibt es z. B. einen store, der allein 70,000 Pfd. St. in Umſatz bringt.
Die älteſte Geſellſchaft ſcheint die„Industrial Corn Mill“ von Hull zu ſein, die vom Jahre 1795 datirt. Von anderen engliſchen Geſellſchaften nehmen die Mancheſter und Liverpooler eine hervor⸗ ragende Stellung ein. Die„Manchester& Salford Equitable Co- operative Society, die 1859 gegründet wurde, arbeitete Ende 1863 mit einem Capital von 6900 Pfd. St., das ſich bis Ende 1864 auf 9600 Pfd. St. geſteigert hatte. Auch der Umſatz in den stores war von 24,405 auf 27,783 Pfd. St. geſtiegen; ihr Reingewinn war 2350 Pfd. St. Am 31. December 1864 hat ſie ein neues, großes, in florentiniſchem Style erbautes Gebäude in der Downing— ſtreet als ein Centraldepot eröffnet. In Mancheſter iſt denn auch im März 1864 eine Großhandelsgeſellſchaft auf coopera⸗ tiver Baſis unter dem Titel:„The North of England Co-operative Wholesale Society Limited“ errichtet worden.
In Liverpool begann die„Cooperative Provident Association“ 1851 ihre Thätigkeit, alſo ſieben Jahre ſpäter als Rochdale; 1864 zählte ſie bereits 3602 Mitglieder.
Wie ſehr aber auch die cooperative Bewegung ſich ausdehnen mag, wie viele neue Geſellſchaften im Laufe der Zeit entſtehen mögen, „die Pionniere von Rochdale“ werden ſtets von ihnen als wahre Pionniere der ganzen neuen Beweguug angeſehen werden, wie denn auch Rochdale unabläſſig von Freunden der Cooperation


