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die Hand zum Abſchiede gereicht haben, wenden wir uns zuletzt auch zu den Dienſtboten, die uns jetzt als zu der Familie gehörig in einem ganz anderen Lichte erſcheinen. Auch ihnen ſchütteln wir die Hände und verlaſſen, von dem alten Wehrfeſter begleitet, die Stube. Er folgt uns bis zur Seitenthür, wünſcht uns eine gute Reiſe und ladet zum baldigen Wiederkommen ein. Nachbars Fritz, welcher ſein an⸗ fängliches Vorurtheil gegen uns überwunden zu haben ſcheint, bietet ſich zum Begleiter an, indem er uns einen Richtweg zu zeigen ver⸗ ſpricht. Unter ſeiner Führung verlaſſen wir den Hof. In der Stube ſcheint es nach unſerem Weggange anſcheinend ruhig zu bleiben. Aber wir können uns verſichert halten, daß unſere Erſcheinung und die Abſicht derſelben jetzt eifrigſt beſprochen werden, und daß grade diejenigen, welche während unſerer Anweſenheit am wenigſten feil hatten, jetzt die eifrigſten Redner ſind.
So ſieht ſich die weſtfäliſche Spinnſtube von der innerlichen, von der gemüthlichen Seite an. So war ſie, ſo iſt ſie in vielen Gegenden noch, von eingreifender Bedeutung für das Leben des Hauſes und der Familie, aber ihren ehemaligen Einfluß auf Handel und Induſtrie hat ſie verloren.
Flachsbau und Flachsſpinnen haben ſeit uralten Zeiten die Ein⸗ wohner Weſtfalens beſchäftigt; das älteſte Dokument darüber hat Tacitus in ſeinem Werke über Deutſchland ausgeſtellt; und ſo könnte ſich die weſtfäliſche Leineninduſtrie ihres hiſtoriſchen Alters, wie wenige andere Berufszweige rühmen, und wenn es darauf ankäme, den Ur⸗ ſprung bis in die graueſte Vorzeit, bis zu Hermann dem Cherusker zurückführen.
Iſt auch zunächſt das Spinnen und Weben lediglich eine Haus⸗ arbeit geweſen, um die Bekleidung der Familie zu beſchaffen, ſo hat ſich doch ſchon frühe ein Gewerbe daraus entwickelt, wie aus der Ge⸗ ſchichte der Innungen und Gilden des Mittelalters zu erkennen iſt. Zur Zeit der Hanſa ſchon wurde Leinen aus Weſtfalen nach den fernſten Ländern verkauft.
Offenkundig tritt das weſtfäliſche Leinengeſchäft erſt nach dem 30 jährigen Kriege als ſolches auf und auch da nur erſt in ſchwachen Umriſſen. Man weiß nur, daß die Holländer, welche damals bekannt⸗ lich im Beſitz des Welthandels waren, in Weſtfalen die rohen Leinen⸗ gewebe zu kaufen pflegten, um ſie auf ihren vorzüglichen Bleichen zu Gent, Harlem, Brügge ꝛc. bleichen zu laſſen, und ſie dann nach dem Auslande, vorzüglich nach den ſpaniſchen Kolonien zu verkaufen. Erſt ſpäter, kurz vor dem ſiebenjährigen Kriege, ſind in Bielefeld eigene Bleichen errichtet, und damit die altberühmten Leinenhäuſer hervor⸗ gerufen worden, denn die Exiſtenz der Bleichen wird uns zum erſten Male in der Geſchichte des ſiebenjährigen Krieges berichtet, wonach der franzöſiſche Marſchall Etrées auf ſeinem Zuge nach Minden die Bleichen Bielefelds plündern ließ, was hinterher zu Reklamationen Veranlaſſung gab, die auch zum Theil von Erfolg begleitet waren. Bis dahin vermittelten die Holländer den Verkauf des Bielefelder Leinen, woraus ſich denn auch der Umſtand erklären läßt, daß auch noch bis jetzt die Bielefelder Leinen in der ſpaniſchen, engliſchen, ita⸗ lieniſchen und ruſſiſchen Sprache unter dem Namen holländiſche Lei⸗ nen, der freilich auch noch einen weitern Begriff hatte, bekannt ge⸗ blieben ſind.
Notoriſch iſt, daß das feinſte Garn, welches Menſchenhände je verſponnen haben, in Weſtfalen und namentlich in der Umgegend von Bielefeld gefertigt wurde, und der Verkauf des dortigen feinſten Garns nach Valenciennes und Brüſſel, zur Anfertigung der berühmten Battiſte und Spitzen, bildete einen Haupttheil des Bielefelder Handels, gegen Schluß des vorigen und in dem erſten Drittel des jetzigen Jahrhun⸗ derts. Man ſpann ſo fein, daß ein Stück von 2400 Ellen Faden nur ⅞ Loth wog, und ſo konnte es nicht fehlen, daß die Kunſt⸗ fertigkeit und Geſchicklichkeit der weſtfäliſchen Spinner, welchen eine eben ſo vorzügliche Leiſtungsfähigkeit der Weber zur Seite ſtand, die Grundlage zu einer blühenden Induſtrie in Bielefeld wurden, welche ihre Fäden bis in die fernſten Regionen des Erdballs ausſpann, deren Ruhm und Ruf allſeitig anerkannt und geprieſen wurde.
Ein blühender Wohlſtand breitete ſich in natürlicher Folge ſolch günſtiger Verhältniſſe über das ganze Ravensberger Land aus und
Bielefeld thronte ſtolz auf ſeinen Linnenſtücken als erſte Leinwand⸗ ſtadt der Welt.
Doch wie nichts beſtändiger iſt als der Wechſel, ſo trat auch für Bielefeld mit der Erſcheinung der Maſchinen ein Feind aufs Kampffeld, der die altgeſicherte Erwerbsthätigkeit unſanft und plötz⸗ lich aus ihrer behaglichen Selbſtzufriedenheit ſcheuchte, und ſie in we⸗ nigen Jahren in eine Lage brachte, in der ſie für ihre Exiſtenz zu zittern alle Urſache hatte.
In dem ſehr begreiflichen Gefühl der bis dahin unangefochtenen Ueberlegenheit, kümmerte man ſich Anfangs wenig um den von Eng⸗ land aus drohenden Angriff auf den Leinenmarkt— es ſchien un⸗ glaublich, daß die Maſchine je die Fertigkeit der Hand, wie ſie im Ravensberger Lande ſich herausgebildet hatte, erlangen oder gar über⸗ treffen könne— war man doch im allgemeinen der Anſicht, daß das Maſchinengeſpinnſt ſchlecht, unhaltbar, mit einem Worte unſolide ſei. In dieſer Anſicht durch das kaufende Publikum beſtärkt, und den Fortſchritt in der Vervollkommnung der Maſchine wenig beachtend, einigten ſich alle maßgebenden Kreiſe in dem Bemühen, ſich gegen das Maſchinenweſen abzuſchließen und den gemüthlich patriarchaliſchen Zuſtand des Spinnens und Webens mit ſeinen idylliſchen Bildern von den Spinnſtuben und im dunklen Grün verſteckten Weberhäus⸗ chen, wo nur der Friede und die Unſchuld walten ſollten, auf jede Weiſe zu erhalten.
Kaufleute wie Arbeiter, geiſtliche wie weltliche Behörden— kurz jeder im Lande erblickte in der Einführung der Spinnmaſchine den Ruin für ſittliche und materielle Wohlfahrt. Die Maſchine als „Düwelswerk“ anzuſehen, war nicht blos die fixe Idee der alten Weber,— mehr oder weniger war dies der Grundgedanke vieler ſonſt intelligenter und wohldenkender Männer.
Bei alledem ließ ſich die Thatſache nicht ableugnen, daß allmäh⸗ lich ein Abſatzgebiet nach dem andern den Engländern abgetreten werden mußte. Spanien, Italien, Weſtindien, ſonſt die bedeutend⸗ ſten Abnehmer, blieben fort, und ſchon ſtellten ſich allſeitige Noth⸗ ſtände ein— man ſann auf vielerlei Abhilfen— zu dem rechten Mittel wollte man nicht greifen.
Inzwiſchen rückte das engliſche Maſchinengeſpinnſt näher und bedrohte die weſtfäliſche Induſtrie bald im eignen Lande; ihre Unhalt⸗ barkeit ließ ſich nicht mehr ignoriren, es mußte etwas geſchehen, um die tauſendjährige Induſtrie dem Verderben und dem Untergange zu entziehen.
Zur rechten Stunde erfolgte dieſe That und damit der Wende⸗ punkt der Leineninduſtrie Weſtfalens, womit ſich neue Ausſichten und Hoffnungen eröffneten, deren Verwirklichung ſich heute ſchon ſichtlich anbahnt. Es erſchien die Maſchinenſpindel nicht als Verwüſterin, wie mancher gemeint, nein, als Retterin in der Noth.
Die Gründung der Ravensberger Spinnerei, dieſer größten weſtfäliſchen Spinnſtube der Neuzeit, fällt in das Jahr 1855, ſie ging von Bielefelder jungen Induſtriellen aus, welche die Noth⸗ wendigkeit der Syſtemänderung längſt anerkannt hatten.
Der vollſtändige Ausbau dieſes großartigen Etabliſſements, welches ſich in Anlage und Ausführung den beſten engliſchen Etabliſſe⸗ ments gleicher Art zur Seite ſtellen darf, währte bis zum Jahre 1863, womit der projectirte Betrieb als vorläufig abgeſchloſſen betrachtet werden kann.
Im Jahre 1864 beſchäftigte man in der Ravensberger Spinnerei 1500 Menſchen, ſpann mit 24,000 Spindeln, verbrauchte 51,000 Centner Flachs und Heede, und producirte 486,442 Bündel Leinen⸗ garn, das Bündel zu 60,000 Yards oder zu 84,000 Berliner Ellen gerechnet— alſo in Summa 40,861,128,000 Berliner Ellen Leinenfaden— genug, um damit das Erdenrund 630 ½ Mal zu umſpannen.
An und neben der Ravensberger Spinnerei haben ſich Straßen und neue Etabliſſements erhoben, und ein neuer Stadttheil voll reg⸗ ſten Lebens iſt entſtanden. Von hier aus hat die Regeneration der ſchwer darniederliegenden und doch für das ganze Land ſo unendlich wichtigen Leineninduſtrie ihren Anfang genommen und„neues Leben blüht aus den Ruinen“. Alle früheren Befürchtungen haben ſich als grundlos erwieſen, und ſtatt zum Fluche, iſt die Einführung des Ma⸗ ſchinenſpinnens dem Lande zum Segen geworden.(Schluß folgt.)


