Jahrgang 
1865
Seite
354
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Bruſchavers, daß die Begleiter des Herzogs nach den Schwertgriffen langten und beſorgte Blicke um ſich warfen. Mitten aber aus dem Haufen der adligen Waidmänner rief die ſchneidende Stimme Herrn Thilos von Huxhol, trotz der allgemeinen Bewegung, laut und ver⸗ nehmbar:Zähme Deine Zunge, Herzog, wenn Du vom Stettiniſchen Adel ſprichſt! Du biſt hier weder in Barth noch in

Wolgaſt!

Das war deutlich geredet und hätte den Fürſten unter anderen Umſtänden leicht zur Beſinnung gebracht, ſo aber ſtand augenblicklich ſeine Beſonnenheit unter doppeltem Bann, und die Worte Thilos von Huxhol reizten nur ſeinen Jähzorn zu wildem Ausbruch. Glühen⸗ den Auges blickte er in der Richtung, von wo die Stimme gekommen, über die Menge hin, um den Sprecher zu erkennen, dann fuhr er zu ſeinen Begleitern herum und rief mit zornbebender Stimme, während ſeine Rechte das Schwert zuckte:Herr Bernd von Mol⸗ zahn, Erb-Land-Marſchall im Lande Pommern, verhaftet den Frevler, der eben geſprochen und nehmt ihn in Gewahr!

In dieſem verhängnißvollen Moment öffnete ſich der Kreis der Edelleute, und Herr Bartolomäus von Bruſchaver trat finſteren Blickes den Herzog an und ſprach lauten und feſten Tones:Es hat Euch beliebt, Herr Herzog, meinen reinen Namen durch höhniſche Anſpielungen und Verdächtigungen anzutaſten, die nicht wohl miß⸗ verſtanden werden können. Dennoch will ich Euch, um der Schwere der Sache willen, gebeten haben, Euch vor dieſen edlen Herren hier klarer und ſonder Hehl und Rückhalt auszuſprechen, auf daß ich darauf antworten und meiner Ehre Genugthuung bereiten möge!

Der Herzog war von der Erſcheinung Bruſchavers und der ſchlichten Gradheit ſeiner Rede ſichtlich betroffen; aber ſeine Leiden⸗ ſchaft und ſein erregtes Blut gingen noch in zu hohen Wogen, um ſich davon ſogleich beſänftigen zu laſſen, und ſo polterte er haſtig und abweiſend hervor:Was ich geſprochen habe, das habe ich geſprochen! Wen's juckt, der kratze ſich! Zu weiterem fehlt mir Luſt und Muße! Zurück alſo und gebt meinem Roſſe Raum!

Wild drohende Rufe erſchollen auf dieſe Worte des Herzogs rings⸗ umher und ſchlugen an Bruſchavers Ohr: der aber hörte nur eine grelle, jugendliche Stimme daraus hervor, die ihm wie ein Meſſer durch die Seele fuhr.Feiger Ehrenſchänder! ſchrie es hinter ihm auf,ſo nimm Deinen Lohn! und als der entſetzte Vater herum⸗ fuhr, hatten die zornbebenden Hände Dietmars bereits die Sehne geſpannt, und die Armbruſt lag in tödtlichem Anſchlage. Noch ein Zucken mit der Wimper, und der mörderiſche Bolzen hätte des Herzogs Kehle durchbohrt da ſchlug des Vaters Hand im ent⸗ ſcheidenden Augenblick das Gewaffen zur Seite, und ziellos ziſchte der Bolzen in den Wald.Weg mit der Armbruſt, wahnſinniger Knabe! raunte der unglückliche Mann, ſchneebleichen Angeſichts, dem Faſſungsloſen wild ins Ohr;meinſt Du, ich könnte meine Ehre nicht allein wahren und brauche Meuchelmord?

Das traf den Jüngling ins Leben, daß er zurücktaumelte und die Hände vors Geſicht ſchlug; barmherzige Arme griffen nach dem Schwankenden, Zuſammenſinkenden, und hielten ihn aufrecht, theil⸗ nehmende Freunde entzogen ihn den entſetzten Blicken der Umſtehenden. Es war ein Augenblick allſeitiger, tiefſter Erſchütterung.

Tief betroffen ſaß der Herzog auf ſeinem Roſſe da und athmete ſchwer; der verhängnißvolle Moment hatte ihn vollkommen nüchtern gemacht und ihm ſeine kalte Beſonnenheit wiedergegeben. Mit ihr aber war auch ſein Gerechtigkeitsgefühl zurückgekehrt, und er vermocht's über ſich, zu thun, als habe er nichts gemerkt von des Jünglings Anſchlag auf ſein Leben. Gedanken von bitterſter Reue durchzuckten ſein Herz; er hätte einen Finger ſeiner Hand hingeben mögen, um alles das ungeſchehen zu machen, was ſich an dem heutigen Tage zugetragen, und ſo nahm er's auch als eine ſchwere, aber wohlver⸗ diente Buße auf ſich, als der edle Bruſchaver mit faſt entſtelltem Antlitz ſich von ſeinem Sohne ab noch einmal zu ihm wandte und fliegenden Tones ſprach:Zu unſeliger Stunde ſeid Ihr hierher gekommen, Herr Herzog, die Gemüther zu verwirren und die treuen Herzen Eurer Unterthanen Euch abwendig zu machen. Von falſchen Zungen willig betrogen, habt Ihr Euch nicht geſcheuet, den lauteren Namen eines alten Geſchlechtes anzutaſten, das keinem anderen in Pommerſchen Landen an Treue nachſteht. Zwar unſere Ehre iſt damit nicht verloren; Ihr aber, Herr Herzog, büßtet heute ein unſchätzbar Kleinod ein, das Ihr nimmer wieder erlangen könnt: den Ruhm eines allzeit gerechten Fürſten! Zieht weiter! Wie ſehr

ich Euch zuvor geliebt und geehrt, hinfort ſeid Ihr mir nichts mehr, als ein ſchwacher, leidenſchaftlicher, leicht bethörter Mann, deſſen Ohr jedwedem Verläumder willig offen ſteht. Ich aber will nicht ruhn, ehedenn ich Euch erwieſen, wie übel betrogen Ihr wart, wie bitter Unrecht Ihr mir gethan.

Ohne eine Erwiederung abzuwarten, wendete ſich Herr Bartolo⸗ mäus nach dieſen Worten kurz und haſtig ab, ſchwang ſich in den Bügel und grüßte die Freunde mit ernſter Handbewegung. Da raffte ſich Herzog Wartislav aus traumartiger Verſunkenheit auf und rief laut und dringend:Herr von Bruſchaver, noch ein Wort! Aber der tief gekränkte und durch die That des Sohnes vollends erſchütterte Mann warf jede Rückſicht von ſich und achtete

des Rufes des Herzogs nicht, gab vielmehr ſeinem Roſſe die Sporen

und ſprengte in ſo wilder Haſt davon, daß Dietmar, dem die Freunde eifrig ſein Pferd herbeigebracht hatten, ihm kaum zu folgen ver⸗

mochte, wie ſehr es ihn auch nach einer Unterredung mit dem Vater

verlangte. Nach wenig Secunden waren beide den Augen der Nach⸗ ſtarrenden entſchwunden, und nun eilten auch alle Zurückgebliebenen, in denen die Wirkung der eben erlebten Scene noch nachbebte, zu ihren Roſſen, die fernere Geſellſchaft des finſter blickenden, tief ge⸗ demüthigten Fürſten mit faſt verletzendem Eifer meidend. Da auch die Appenborchs mit ihrer Sippe ſich in dieſem gefährlichen Augenblick von ſeiner Perſon fern hielten, ſo folgten ihm nur die wenigen Beamteten, die zu ſeiner Umgebung gehörten; aber er achtete deſſen auch gar nicht, daß ſeine Begleitung alſo klein geworden, ritt viel⸗ mehr in tiefen Gedanken und weder rechts noch links ſchauend ſeines Weges dahin, und bald ſchlugen die ſchneebelaſteten Zweige einer Kiefernſchonung hinter ihm zuſammen.

Kopfſchüttelnd luden die Herren von der Stadt die Bälge der erlegten Raubthiere auf den Wagen; Köche und Schaffner packten eilig auf; die Jagdläufer, die man zu verleſen vergaß, zerſtreuten ſich, höchlich befriedigt von der kurzen Dauer der Jagd, in freudiger Haſt auf Wegen und Stegen, ihren Hütten zu, und nach wenigen Minuten ward nichts Lebendes auf dem Gehau erblickt. Oede und leer lag die Stätte, wo es eben noch ſo wild und leidenſchaftlich zu⸗ gegangen; der Wind pfiff in den Föhren und jagte klagend über die Haide dahin, und Raubvögel umkreiſten gierig die Stätte, wo man die Wölfe abgezogen und hingeworfen.

So ging die verhängnißvolle Jagd zu Ende.

viertes Kapitel.

Auf dem Edelhofe zu Bruſenfelde war ſeit jenem Tage, da Vater und Sohn aus dem Greifenhagener Forſt heimgekehrt waren, alles traurig verändert. Eine düſtere, leidenſchaftliche Stimmung hielt alle Glieder der Familie gefangen, und die ſchöne Harmonie, in der bisher Vater, Mutter und Sohn mit einander gelebt, war durch einen ſchneidenden Mißklang zerriſſen. Welch eine Scene der Erſchütterung war das geweſen, da am Abende des Jagdtages Herr Bartolomäus bleich und blutbefleckt, das edle Roß triefend von Schaum, in den Hof geſprengt war und ſich wie ein Verzweifelnder vom Roß geworfen, Frau Katharina durch ſeine Erſcheinung faſt zum Tode erſchreckend; welch ein Anblick des Entſetzens, als nach einer Weile ihm Dietmar gefolgt und, einem Sterbenden gleich, erſchöpft von Blutverluſt aus der wieder geöffneten Schulterwunde, und das Herz zerriſſen von Gram, Zorn und Zweifel, der Mutter in die Arme geſunken war, allen Jammer ſeiner jungen, ſchwer belaſteten Seele in einer Flut erſchütternder Thränen ausſtrömend! Das waren Stunden ungeahnter Qual für die hochſinnige, ſtolze Frau, der die unantaſtbare Ehre ihres Hauſes ein Glaubensſatz geweſen war, für das Herz der Gattin, die zu ihrem Eheherrn wie zu einem höheren Weſen, zu einem Muſterbild der Vollkommenheit aufblickte, als ſie nun von der Schmach vernehmen mußte, die ihrem Hauſe an gethan, angethan, ſie mußte es ſich immer wiederholen, wegen Verläumdungen, die nur ihretwegen gegen das Haupt ihres Gatten angezettelt waren. Fürwahr, es überwältigte ſie faſt, und ſo heftig durchtobte der Sturm bitterſter Gefühle, des Zornes gegen den Herzog vornehmlich ihre Bruſt, daß ſie mit der jähen That ihres leidenſchaftlich erregten Sohnes, der ſich im heißen Schmerz um die dem Vater angethane Schmach nicht beſonnen hatte, die tödtliche Waffe auf den Fürſten ſelbſt zu richten, im Innerſten ihrer Seele faſt ſympathiſirte, mindeſtens aber mit der überwältigenden Wucht