Jahrgang 
1865
Seite
350
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Die Art und Weiſe, wie der Dichter die Erzählung desUt de Marſch in drei größeren Bildern hinſtellt und dem Leſer die Ver⸗ einigung derſelben zu einem überaus rührenden Ganzen überläßt, iſt ſo neu, als künſtleriſch ſchön in der Ausführung. Dieſe Erzählun⸗ gen, namentlich die letztgenannte, erachtet man mit Recht für das Beſte, was unſere geſammte Literatur in dieſer Richtung aufzuwei⸗ ſen hat. Man könnte ſie nur dem Goetheſchen Meiſterwerk:Herr⸗ mann und Dorothea an die Seite ſetzen. Aus dem erſten Bilde desUt de Marſch ſei es uns erlaubt, ein Bild, ein Pröb⸗ chen der Ausführung zu geben. Ein Mädchen harrt, während im Hauſe und draußen über dem Kornfelde die Nachmittagsruhe träu⸗ mend brütet, des Geliebten, auf jedes Geräuſch horchend.

Man hört keen Starbenslud as blot de Wanduhr.

Dat ſlöppt int Hus un buten ſlöppt dat Feld.

Blot wenn in Drom en Höhnerküken ſtehnt,

De op de grote Del to Middag ſlapt,

So horkt de Kater oppen Lähnſtohl op

Un Müppe(Mops) reckt ſik, un de Hushahn buten

Fragt lut: wat dat bedü', de Kunſche(Puter) kullert

Un ut dat Hunnhus kikt en rugen(rauhen) Kopp:

Doch hebbt ſe ſik mal reckt, un all mal jappt(gegähnt),

So ſackt(ſinken) ſe wedder ruhi dal to ſlapen.

Und ſollen wir nun noch einen kleinen Abſchnitt aus denVer⸗ telln aufführen, ſo ſei es gleich zu Anfang desDethleff. Goethe ſagt irgendwo, die naive Kindesſeele habe etwas künſtleriſch Genievolles und könnte ſie ſich in ihrer Weiſe fortentwickeln, ſo müßte aus jedem Kinde ein Genie werden. Prüfen wir daran das Genie unſeres Dichters. Wer, wie Klaus Groth, noch als Mann aus der Kindesſeele herausdichten kann, muß wohl ein Künſtler von Ge burt ſein.

As he lütt weer, lev he bi ſin Grotmoder. Dat weer en ol magere Fru, de jümmer mit de Mund kneep. Sin Grotvader ſeet blot achtern Abend(Ofen). Sin Vader broch em op en Sünndag hen. Eerſt ging he em bi de Hand, nöß harr he em oppen Arm. He war ganz möd un ween, as he ankeem. Sin Vader har en ruge Mütz op, de ſchür' em an de Back, as he em oppen Arm drog. Nöß keem Sünndags wull en Mann, de em Koken broch, de küß em ok, awer de Mann harr keen ruge Mütz, he löv ni, dat dat ſin Vader weer.*

As he den annern Morgen opwak, ween he banni. Sin Grot⸗ moder gev em Kaffe mit Zucker in, un as ſe mal rut wen weer, ſä ſe, dar is Hans Lemp, de will di beſöken! Do keem en lütten Jung inne Stuv, de lach dat ganze Geſich; he ſtülter äwern Dröſſel(er ſtolperte über die Schwelle) und harr ſin Mütz oppe Hand, dar keek he rin. He ſä awer nix, un keem op Detel to. Awer de Grotmoder ſä jümmerlos: Nu ſühe! nu ſühe! Do pipen lurlüttje Vageln in en Neſt, de weeren ganz nakelt, de Ogen weern to un de Köpp fulln jümmer um. Se ſpeln den ganzen Dag dermit. He hett de Jung un de Vageln ſin Dag ni vergeten, awer ant Hus dach he ni wedder. So ſchöne Vageln gift dat nu gar ni mehr! Dat weer man Schad, des Abends weern ſe all dot.

He harr en lütten Stohl un en lütten Diſch, do kreeg he ok ſin Eten op, awer he war ni eenmal recht ſatt. Sin Grotmoder ſeet an den groten Diſch, un ſin Grotvader derachter. Em düch, ſe eet banni, dat Kinn gung er jümmer op un dal. Wenn he denn ſin Teller mit beide Hann' inne Höch heel un ſä: Goſche, mehr! ſo ſä ſe: Kinner⸗ un Kalwer⸗Mat möt ol Lüd weten! Sit dem bedurt he noch jümmer de Kalwer.

Alle dieſe Schilderungen enthalten Züge des eigenen Kinder⸗ lebens unſeres Dichters.

Derſelbe ward geboren am 24. April 1819 zu Heide, dem Hauptflecken der Nordhälfte des Ländchens Dithmarſchen. Seine Voreltern waren ſeit früheſter Zeit freie Dithmarſche Bauern geweſen und vermuthet der Dichter, wie er es in:En Geſchichte vun min Vetter värmin Herzog noch jüngſt ausgeſprochen, daß ein ihm an Körpergröße ähnlicher Urahn zuerſt den Namen Groth, de Grot(der Große) getragen haben möge. Sein Vater, Hartwig Groth, hatte das Müller⸗ und Zimmergewerk erlernt und übernahm demnächſt den kleinen Landbeſitz ſeines Vaters. Später kaufte er eine Mühle dazu, die ihn ganz in der Nähe aus ſeinem Fenſter lockte. Wohlhabenheit und Unabhängigkeit kennzeichneten den Verkehr im Vaterhauſe, dem Hartwig Groth, ein tüchtiger, allgemein geſuchter und geachteter Mann, vorſtand, in dem die ſanfte

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und ſchöne Mutter, die leider frühe ſtarb, liebevoll waltete, neben dem Dichter noch drei Brüder und eine Schweſter aufwuchſen und des Vaters Schweſter, die ſtille und friedliebende Tante Chriſtine, die Vermittlerin zwiſchen allen, einen beſonders wohlthätigen Einfluß übte. DerObbe, den wir ſchon als erſten Lehrer des Knaben kennen lernten, vollendete den Familienkreis. Der kleine Klaus war ein gewaltiger Rechenmeiſter, wie der Detel, und zeichnete ſich bald ebenſo ſehr in dem Lieblingsfach der Mathematik aus. Sorglos verlebte er die Kinderjahre. Selbſt ſpäter, als er die Ortsſchule, nicht die Rectorſchule, wohin Klaus nicht gehöre, wie der vor Ueber⸗ hebung ſcheue Vater meinte, beſuchte, blieb er den ganzen Sommer zu Hauſe und ſchweifte auf Feld und Moor umher. In ſeinem ſechzehnten Lebensjahre kam Klaus Groth zu dem benachbarten Kirchſpielvogt in Heide ſelbſt zur Schreibhilfe. Bei viel Muße beginnen hier mit Ernſt die Selbſtſtudien, ſelten nur durch hilfreiche Fingerzeige lehr⸗ reicher Freunde unterſtützt. Mit ihnen reifte der freie Entſchluß, ſich zum Lehrer auszubilden. Er geht drei Jahre nach Tondern aufs Seminar, wo er die ruheloſen Arbeiten der Selbſtbildung im Rauſche des Entzückens fortſetzt. Er wird dann nach glänzend be ſtandenem Examen an die Mädchenſchule nach Heide zurückberufen und kehrt wieder in den Kreis des Vaterhauſes ein. Kindeseindrücke und Iugenderinnerungen werden neu geweckt. Der Verkehr im viel⸗ belebten Vaterhauſe, Streifereien zu Verwandten in der Umgebung, beſonders nach derGeeſt, dem weiter vom Meer und höher ge⸗ legeneren Landestheil, vor allem nach dem vielbeſungenen Tillingſtedt, wo er lieber verkehrte, als in der ihm zu üppigenMarſch, dem Theil des Landes, der dem Meere zu und tiefer gelegen, er⸗ weitern ſeine Menſchenkenntniß, wie er ſelbſt auf größern Reiſen, 1845 ſogar nach Berlin, Dresden, durch Böhmen, den Main und Rhein hinunter, doch vorwiegend nur ſein engeres Vaterland und Volk der Dithmarſchen ſtets mehr und mehr lieben und ſelbſt dem Ausland gegenüber in ſeiner einfachen Sitte und Art ſchätzen lernte. Bei 43 Wochenſtunden ſetzt der junge Mann, der noch im 20. Jahr einen ungebrochenen Diskant ſang und weinen konnte, wenn er von ferne eine Flöte hörte oder ſein Bruder von der Mühle her die alten Volkslieder ſang, mit einer ſtaunenswerthen Energie die umfänglich⸗ ſten Studien fort, bis er 1847 körperlich zuſammenzubrechen droht. Er geht mit dem ſtill gehegten Plan ſeines dichteriſchen Schaffens in demſelben Jahre in die Einſamkeit der Inſel Femarn zu einem Freund, wo er zunächſt Geneſung, dann planmäßige Arbeiten findet, bis zur Erſchöpfung ſeiner materiellen Mittel und Körperkräfte und tritt endlich 1852 mit demQuickborn hervor, dem ein dreimonatliches Krankenlager folgt. 1853 bringt ihn ſein geliebter Bruder Johann krank nach Kiel. Dort lernt er 1854 ſeinen gelehrten Freund und Helfer, den Profeſſor Müllenhof, kennen, den Verfaſſer des Gloſ⸗ ſars und der Nachricht an die Leſer zum Quickborn, weilt 1855 am Rhein, wird 1856 Ehrendoctor der Bonner Univerſität und lebt ſeit 1857 in ſeiner academiſchen Wirkſamkeit in Kiel, wo er gegenwärtig vor beſetztem Auditorium ſeine Vorleſungen über deutſche Literatur fortſetzt. Er verheirathete ſich dort mit einer Bremenſerin, eine frühere Liebe hatte er vor ſeinem Abgang von Heide nach Femarn bekämpfen müſſen, und erfreut ſich zweier Kinder, Knaben von kräftiger und derber Natur. Den wiederholten Angriffen auf ſeine Geſundheit, die er ſelbſt verſchuldete, indem er rückſichtslos bei der Arbeit ſchwelgend auf ſie einſtürmte, weiß indeß die zähe Natur des Dithmarſchen Sängers mit Erfolg zu widerſtehen.

Man darf es dem Dichter nicht verargen, wenn er ein ganz beſonderes Gewicht auf die Eigenthümlichkeit ſeines Bildungsganges legt. Denn in der That iſt das Wiſſenswertheſte in ſeinem Leben dieſer ſein Bildungsgang, der, abgeſehen auch von dem Reſultat ſeiner dichteriſchen Leiſtungen, von der Ausdauer ſeines Fleißes und ſeiner Kraft, wie von ſeiner Charakter⸗ und Willensſtärke das redendſte Zeugniß ablegt.

Wir übergehen die Aufzählung der Wiſſenſchaften und der Sprachen, deren Kenntniſſe er ſich nach und nach erwarb und meinen genug geſagt zu haben, wenn wir berichten, daß er von einer ſchönen Handſchrift, die er ſich anzueignen wußte, aufſteigend Muſik, Wiſſen⸗ ſchaft und Sprachen nach allen Richtungen verfolgte und die Literatur

faſt aller europäiſchen Völker durchmaß und das alles, nur um ſeinem

Wiſſensdrang zu genügen, nicht zu dem Zweck eines beſtimmten Lebensziels. Um ſich bei der Arbeit wach zu halten, ſtieg er wohl

mit dem Buch zu Baum, und Regel war es, ſich jahrelang um vier