Jahrgang 
1865
Seite
348
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hatte, das Land der Dithmarſchen, war der eigentliche Inhalt des

von ihm, wie von Reuter, daß ſein Dichtername länger leben und unvergeſſen ſein wird, als der flüchtige Rauſch ſeiner erſten Aufnahme zu verkünden ſchien.

Wir gedenken noch mit Freude der Zeit, als Ende 1852 der Quickborn, unſeres Dichters erſtes und Hauptwerk, mit 2000 Exemplaren in wenigen Wochen vergriffen war. Das lebhafteſte Intereſſe für das engere Vaterland des Dichters war im geſammten deutſchen Volk wach geworden und dies Land, ſpecieller der Theil deſſelben, der die Kämpfe des Landes ſeit Jahrhunderten aufgenommen

Büchleins, ſein Volks⸗, ſein Familien-, ſein Gemüthsleben, ſeine Geſchichte waren des Dichters Stoff und die Sprache ſelbſt, die eigenſte des Landes, wie auf einen Zauberſchlag zu der rührenden und mächtigen Kraft ſolcher Lebensſchilderung erhoben. Sie, die ſinkende und vernachläſſigte Schweſterſprache des Hochdeutſchen, war aus den Banden, in denen ſie ſchlummerte, erlöſt und zeigte, daß ſie für alle die bunten Bilder des Lebens, für den rührenden Ernſt dieſer Volks⸗ ſcenen, wie für das naive Tändeln und den derberen Witz dieſer Lebensgenrebilder das rechte, das treffende und einſchlagende Wort habe. Wie erſtaunt ſah man ſich an, Klänge aus der Schriftſprache zu vernehmen, die dem naiven Humor des Volkstons den kindlichen Ausdruck liehen, den Klang einer knappen, noch jungfräulich friſchen und unverbrauchten Sprache, die bei dem Umfang ihrer Stammlaute und dem Mangel abſchwächender Endſylben einen reichen Wechſel des Vokals bot und wie Muſik an unſer Ohr klang. Vor allem

Still, min Hanne, hör mi to,

Lüttje Müſe pipt int Stroh,

Lüttje Vageln ſlapt in Bom,

Röhrt de Flünk(Flügel) un pipt in Drom.

Still, min Hanne, hör mi an!

Buten(draußen) geit de böſe Mann,

Baben(droben) geit de ſtille Maan(Mond): Kind, wull(wer) hett dat Schrigen dan?

trifft KTlaus Groth den kindlich naiven Volkston vortrefflich. V V V

Halb Dönchen, halb Kindergeſchichte, erzählt er in ähnlichem

Ton von der Prinzeſſin:

Dar weer en Prinzeſſin, de ſeet in en Bur(Bauer), Harr Haar as en Gold un ſeet jümmer un lur(lauerte), Do keem mal en Prinz un de hal er herut

Un he war de König un ſe war de Brut,

oder er ſieht mit Kindesaugen den Trödeljuden durchs Dorf laufen

und ruft ihm nach: Luerlüttje(ganz kleiner) Kaneeljud! Wa(wie) ſüht he verdweer(verdreht) ut! Hangt Band ut, hangt Trand(Tand) ut Handelt allerallerhand Grandgut(kleiner Kram). Iſak, is dat Schipp kam? Is min Sewel mitkam? Krieg'k en Wagen, krieg'k en Popp, Krieg'k min Hot mit Feddern op?

und er antwortet: Kinner, noch nicht! Tokum Johr kumt't vellicht! Dat Woter weer dick worn, Mät teebn(warten) bet de Glicksorn!

Der Weihnachtsabenv enthält ſchon tiefern lyriſchen Gehalt, wo wir die ſchöne Sentenz finden: De Tid geit raſcher as en Drom: Eerſt krigt wi ſülm en Wihnachtsbom, Denn kamt uns Kinner an de Reeg, Denn ſitt Grotmoder bi de Weeg.

Ein wahres Muſtexſtück dieſer volksthümlichen Art iſt das berühmteMatten Haſ, das jedes Kinderbuch aufweiſt und ebenſo das charakteriſtiſche:Aanten int Water, das die einfachſten Naturlaute zu volksthümlichem Reimklang zu verbinden ſcheint.

Unmittelbar daran ſchließen ſich die lyriſchen Ergüſſe, die man in dieſer wohllautenden Unmittelbarkeit des Gefühls in der Form plattdeutſcher Sprache bis dahin kaum für möglich gehalten hatte. Obenan ſtehen hier die berühmten Lieder:Min Johann und He ſä mi ſo vel, deren Worte wie Laute der Erinnerung aus längſt verklungener Kindheit in unſer Ohr tönen.

V

V

Ik wull, wi weern noch kleen, Jehann, Do weer de Welt ſo grot! Wi ſeten op den Steen, Jehann, Weeſt noch? bi Nawers Sot. An Heben(Himmeh) ſeil(ſegelte) de ſtille Maan, Wi ſegen, wa(wie) he leep, Un ſnacken, wa de Himmel hoch Un wa de Sot wul(wohl) deep.

Dieſer Johann war übrigens nicht ſein Freund Johann, der Nachbarsſohn, der die erſten Spiele ſeiner Kindheit theilte und dann ein ſehr ehrenfeſter und trockner Menſch geworden war. Ihm las einmal Groths Vater dieſes Lied vor, das in einer Recenſion angeführt war. Es klang ihm wie ſtiller Vorwurf ins Ohr; er fühlte ſich getroffen, ward roth und rannte mit dem Bruder unſeres Dichters davon und doch war dieſer Bruder Johann, nicht der be⸗ ſchämte Freund, in dem Liede gemeint, der Lieblingsbruder, ſein geliebteſter Freund, dereinſt ſein ſich aufopfernder Krankenpfleger. Einem andern Freunde, Theodor mit Namen, denn ein anderer als der Vorname bezeichnet die Jugendfreunde des Dichters, Nachbarskinder, nicht, hat Klaus Groth in ſeinenHundert Blättern(hochdeutſche Gedichte) ein Sonnett gewidmet.

Nicht minder ſchön und voll tönen Klänge der Trauer aus der heimiſchen Sprache des Dichters, gleich Glockenlauten, die übers Meer getragen werden:

Wat weenſt du di de Ogen blank?

Segg an, wat deit di weh?

Is Vader krank, is Moder krank?

Is Broder ut to See? oder es deckt der kühle Abend ſeinen Frieden über die müde Welt, eingewiegt von dem Liede des Dichters:

De Welt is rein ſo ſachen(ſtille)

As leeg ſe deep in Drom,

Man hört ni weenn noch lachen, Se's liſen(leiſe) as en Bom.

Man hört dat Veh int Graſen Un Allens is in Fred,

Sogar en ſchüchtern Haſen Sleep mi vär de Föt.

Das wull de Himmelsfreden Ahn Larm un Strit un Spott, Dat is en Tid tum Beden Hör mi, du frame Gott!

Erzählungen, die dem Dichter in ungetrübter Kindheit vom

Obbe(Großvater) oder von ſeinem Vater bei ländlicher Arbeit auf

dem Felde vorerzählt zu werden pflegten, ſind in den Abſchnitten: Wat ſik dat Volk vertellt undUt de oll Krönk zuſammengeſtellt. Erſtere ſind alte Sagen, meiſt grauſige Geſchichten, letztere geſchichtliche Begebenheiten.De letzte Feide(Fehde) gibt die

Unterwerfung der Dithmarſchen, einem Herrn den Eid leiſtend(20.

Juni 1559):

Nich en Wort war hört, nich en Stimm, nich en Lut,

Se ſtunn' as de Schap oppe Weid,

Se ſtunn' as de Reſt vun en dalſlan Holt(eines gefällten Waldes), To Föten de Trümmer vun Heid.

Einen traulichen Einblick in das Familienleben des Volks ge⸗ währen die Familienbilder, welche vornehmlich Züge des elterlichen Hauſes und ſeiner Bewohner geben. Der Obbe, der, zur Arbeit zu ſchwach, den erſten Unterricht des Knaben übernimmt, geht mit ihm aufs Feld und bringt ſich während eines Gewitters mit ihm und

dem Nachbar Springer in einer Feldhütte unter. Der Alte unter⸗ bricht das Geſpräch mit den kräftig ſchildernden Worten:

Wa drähnt dat langs de Höchden,

Un murrt un knurrt vun Weſten gegen an,

As wenn ſik Haff(Meer) un Heben(Himmel) wat vertelln Un wulln mal hörn, werkeen de deepſte Baß harr.

ImSonntagsmorgen ſehn wir die ſchöne, räſche Mut⸗ ter des Knaben vor der Thür mit der Nachbarin im Geſpräch, wäh⸗ rend ſie die Spinnwebe von den Fenſternult d. h. mit der Hand⸗ eule abfegt. Sie ſpricht von dem Heinrich, der mit dem Obbe drinnen iſt. Die Nachbarin ſieht durch den Spalt der knapp geöffneten Thür,

die Mutter lauſcht, wir ſehn der Nachbarin über die Schulter: