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Verhalten ärgern und langweilen mochte. Ich war verdrießlich, doch antwortete ich durch ein wiederholtes Juchzen, das längs den Felswänden des Thales hell erklang und von allen Seiten erwiedert wurde. Danach ſtimmte ich einen Kuhreigen an, um allen Freunden zu zeigen, daß mir noch keine Angſt die Kehle zugeſchnürt habe. Dann ſah ich mich noch genauer im Neſte um und fand bald eine ſaubere Platte, auf die ich mit einem Röthel meinen Namen und die Jahreszahl hinſchreiben konnte. Von den Farrenkräutern, die da wuchſen, pflückte ich einige für mein Album zum Andenken an dieſen Tag.
Doch nun hörte ich meines Vaters Stimme, der mir ungeduldig zurief, ich ſollte mich zur Auffahrt anſchicken. Ich that es ſogleich. Mit dem Haken ließ ich mich in die Luft hinaus— es ging mit mir wieder, wie vorhin, mehrmals im Kreiſe umher, ich fühlte mich recht unbehaglich und rief mit lauter Stimme herauf, ſie ſollten doch ſchneller ziehen; doch die Burſche oben hörten es nicht und bis der Vater es ihnen zugerufen und ſie es verſtanden hatten, verging eine geraume Zeit.
Inzwiſchen kam ich wieder in die Nähe der Felszacken, und als nun das ſchnellere Aufziehen, das ich vorhin ſo ſehr gewünſcht hatte, ſich ſpüren ließ, hätte es mir bald zum Verderben gereicht; denn die Burſchen riſſen mich ſo ungeſtüm aufwärts, daß es all meiner Gei⸗ ſtesgegenwart bedurfte, um mich vor einem ſchmerzlichen, vielleicht lebensgefährlichen Zuſammenſtoß mit den Felſen zu bewahren. Ich rief laut:„langſam, langſam!“ und wehrte mich mit Händen und Füßen gegen den Felſen, wobei ich einen großen Steinklumpen los⸗ riß, der krachend auf die naſſe Platte ſtürzte und von da in das Thal hinabrollte.
Als mein„Langſam!“ endlich erhört wurde, bedurfte ich es nicht mehr, denn ich war ſchon bei dem Buſchwerke oben an der Fel⸗ ſenzinne angelangt und ließ mich nun ganz gemüthlich vollends hin⸗ aufziehen. Endlich war ich oben und wäre faſt vor Freude über das glücklich beendete Unternehmen dem alten Schützenmeiſter um den Hals gefallen. Die Burſchen ſchalt ich tüchtig wegen ihres Un⸗ ſtümes, ſie aber lachten mich aus und verſuchten dann, mich loszu⸗ binden. Das brachten ſie aber nicht zu Stande; nur dem alten Schützenmeiſter gelang es mit ſeiner unverwüſtlichen Geduld. Mein Vater kam allgemach auch herbei und ertheilte mir manchen Lobſpruch, in dem die andern alle einſtimmten. Dann zog ich mich zurück, um meine Verkleidung, die mich übrigens recht beluſtigt hatte, wieder los⸗ zuwerden, und bald ſtand ich wieder als Lechthaler Mädchen unter meinen Freunden.
Unterdeſſen hatte der Vater für den jungen Adler geſorgt, ihm die Lammreſte in kleine Stücke zerſchnitten vorgelegt, die derſelbe mit gutem Appetit verzehrte, und ihm dann ein bequemes Lager zugerich⸗ tet. Als das geſchehen war, lud Bruder Hannes die glorreich errun⸗ gene Laſt auf ſeine Schultern— undenun ging es vorwärts, heim⸗ wärts den ſteilen Abhang hinunter.
Am Fuße der Höhe liegt die Alpe Seele— da war bereits Vieh und deshalb Ausſicht auf gute Milch. Wir machten Raſt, die alte, gutmüthige Sennin brachte einen großen Stotzen voll guter Milch vor die Thüre ihrer Hütte— alle erlabten ſich an dem friſchen, nahrhaften Trunke und an dem trefflichen Weißbrote, das ich ihnen dazu reichte.
Die Pionniere
Union is strength.
Nach einer ſehr ermüdenden Nachtfahrt kam ich am 3. Juni 1863 in der großen„Baumwollenmetropole,“ in Mancheſter an. Aus dem hoch auf Felſen thronenden„Athen des Nordens“, Edinburg, war ich an die Ufer des Irwell und des Merſey verſetzt, in die Provinz Englands, die ſich rühmt, den alten angelſächſiſchen Wahlſpruch: „lieber zu handeln als zu reden,“ am treueſten bewahrt zu haben, nach Lancaſhire.„Während andere Städte ſprechen, arbeitet Man⸗ cheſter,“ ſagt Chambers von Edinburg.
Es war keine günſtige Zeit, die betriebſame Stadt kennen zu lernen, die Stadt, die nach Sibirien und Afrika ihre Fabrikate ſendet, die dem Chineſen in ſeinem Theegarten ebenſo wie den indiſchen Squaws in ihren Felsbergen Gewebe zur Kleidung liefert. Der ſchwüle
Während die Burſchen darauf ihr Pfeifchen rauchten und ich mit der Alten plauderte, waren drohende Wolken über den Barſeirer Bergen heraufgeſtiegen, die unſerer ſchönen Partie ein recht naſſes Ende zu bereiten drohten. Wir brachen unverweilt auf; unterweges fand ich aber doch noch Zeit, jedem der Männer einen Strauß auf den Hut zu ſtecken. Den ſchönſten erhielt der liebe, alte Schützen⸗ meiſter, einen Strauß nämlich von herrlichem, langem Farrenkraut mit Alpenroſen.
Eiligen Schrittes— ſo ſehr mich auch meine Schuhe drückten — ging ich nun rüſtig mit den Freunden thalauswärts. Die Sonne war längſt hinter den rieſigen Gewitterwolken verſchwunden, und wir hatten noch drei Stunden Weges zurückzulegen. Nach einer Stunde brach das Unwetter los— der Regen ergoß ſich in Strömen, dazu war der enge Pfad mit ſeinen ſcharfen, ſpitzigen Steinen recht beſchwerlich. 4
Nach zweiſtündigem Marſche langten wir, völlig durchnäßt und entſetzlich müde, im Wirthshauſe an der Länd an. Hier erholten wir uns ſchnell und bald erklangen die Gläſer fröhlich zu Ehren aller Gemſen- und Adlerjäger, namentlich aber der Jägerinnen,
Beim Hauſe des Dorfſchulmeiſters wurde noch einmal Halt ge⸗ macht, ſogar das alte Klavier geöffnet, ein Walzer angeſtimmt, worauf der alte Schützenmeiſter mit mir, trotz eines Jungen, ein Tänzchen aufführte.
Und nun ging es, unter fortwährend ſtrömendem Regen, jedoch in beſter Laune, dem Ziele, unſerem lieben Untergiblen zu. Endlich hatten wir es erreicht; aus dem freundlichen Häuschen trat Mutter uns ſorgend entgegen und war voller Freude, als ſie uns alle ſo wohlbehalten wiederſah. Zwei mächtige Töpfe heißen Kaffees, die ich alsdann mit Schweſter Thereſe zurüſtete, nebſt kräftigem haus⸗ backenen Brote, Butter und Käſe, mundeten allen vortrefflich. Dar⸗ nach verließen uns die Freunde, wir aber ſetzten uns noch auf die Bank vor die Hausthüre, da das Wetter ſich inzwiſchen wieder auf⸗ geklärt hatte, plauderten noch viel über die Erlebniſſe des Tages und gingen erſt auseinander, als die alte hölzerne Wanduhr drinnen zehn Uhr ſchlug.
Nach einer von wilden Träumen, in denen ſich verwirrt und wüſt das Abenteuer des Tages wiederſpiegelte, unterbrochenen Nacht⸗ ruhe, erwachte ich am folgenden Morgen fröhlich und neugeſtärkt und übernahm alsbald die Pflege meines erbeuteten Adlerſprößlings. Derſelbe wuchs und gedieh ganz prächtig, aber zeigte bald einen ſol— chen Appetit, daß ich oft wegen des Futters in Verlegenheit gerieth. Doch fand ſich immer wieder irgend eine mitleidige Nachbarin, die mir eine alte Henne oder einen dienſtunfähigen Hahn zum Opfer brachte. Auch unter Hunden und Katzen hatte ich zuweilen für meinen Schützling zu wählen.
So wuchs der Vogel heran und ward mit der Zeit ein ganz ſtattlicher Aar. Eines Tages fand ſich ein Liebhaber, der ihn uns abkaufte, um mit ihm in die Welt zu ziehen, und ihn zur Schau zu ſtellen. Da ſiehſt Du ihn vielleicht noch einmal, freundlicher Leſer; und wenn Dir der Wärter von ihm ſagt, er ſei auf der Saxer Alm in Gretlesalpe bei Elbigenalp, weit hinten im Lechthale, von einem Mädchen gefangen worden, dann erinnere Dich der Verfaſſerin, die Dir ihr Abenteuer hier wahrheitsgetreu erzählt hat.
Anna Knittel.
von Rochdale.
Druck der Baumwollenkriſis(oder„Baumwollenhungersnoth“— „cotton famine,“ wie es im Engliſchen heißt) ruhte auf Stadt und Land. Viele Fabriken ſtanden ſtill und ſchauerlich leblos ragten ihre rieſenhaften Schornſteine in die ungewöhnlich klare Luft; die Straßen und Plätze— auch die ſonſt belebteſten im Mittelpunkt der Stadt— waren verhältnißmäßig ruhig und nur zu oft ſchlichen elende, hagere Geſtalten längs der Häuſer, denen der lange Stillſtand der Arbeit ſein verwüſtendes Gepräge auf das Antlitz gedrückt hatte; oder an den Ecken ſtanden Gruppen von müſſigen Arbeitsleuten, die ſich über die Nothzeit und über die neueſten Nachrichten aus Amerika unterhielten.
Mich hatte keine müſſige Touriſtenneugierde nach Lancaſhire geführt. Ich bekümmerte mich auch wenig um die Fabriken und den Handel der Baumwollengrafſchaft. Mein Zweck war: die hier glück⸗
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