Jahrgang 
1865
Seite
338
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manchen eigennützigen Menſchen für ſeine ſchlechte Sache an, und machte ihn ſolches alſo kühn, daß er nach Herzog Ottens Tode, da die ganze Landſchaft zu ſeinem Begräbniß beſchieden und verſammelt war, bei der Einſenkung Schild und Helm des Todten ergriff und ſie dem Sarge nachwarf mit den landesverrätheriſchen Worten: Da liegt unſere Herrſchaft von Stettin!

Herr Bartolomäus hielt einen Augenblick inne und blickte ſeinen Sohn an, der ſaß da wie verzaubert auf ſeinem Roſſe und regte ſich nicht. Die Zügel hatte er ſchlaff auf den Hals ſeines edlen Thieres ſinken laſſen, ſein Oberkörper war vornüber geſunken, und die großen braunen Augen des Jünglings hingen wie gebannt an den Lippen, an den ernſten Zügen des Vaters. Als dieſer inne hielt mit Reden, ſchrak Dietmar wie aus einer Betäubung auf und rief dringend und leidenſchaftlich:Nun! nun! Und was thatet Ihr Uebrigen dazu? Entrann der Bube lebend?

Der Vater nickte düſter mit dem Kopf.Er lebt noch jetzt und wird lange genug leben, ſich und manchen pommerſchen Mann zu verderben. Doch höre weiter. Da die Verſammelten, wir Herren von der Ritterſchaft, Städte und Geiſtlichkeit ſolche frevle Worte hörten, die da deuten ſollten, das Land ſei losgeſtorben und ohne Erben und falle ſomit Rechtens den Markgrafen zu, die das Angefäll hätten, da entſtund eine ſchreckliche Bewegung! Im Nu waren unſere Schwerter bloß, ſolches geſchah alsbald auch von den Märkern; die aber gut pommerſch waren, riefen und ſchrieen wild dawider, und unſer edler Vetter, Herr Hans von Eickſtedt, ſprang ſonder Zaudern in die Gruft, ergriff Helm und Schild und rief mit donnernder Stimme: Albrecht Glinden, ſo nenne ich Dich einen Lügner und Verräther! Noch haben wir angeſtammte Fürſten, das ſind die Herzöge von Wolgaſt, und ihnen gehört das Land und dies Ge⸗ waffen! So entſtieg er dem Grabe, herrlich in ſeinem Zorn, wie der Ritter Georg, da er dem Drachen obgeſiegt.

Des lauſchenden Jünglings Bruſt hob ſich im Sturm tiefſter Gemüthsbewegung; ſeine Augen brannten in einem ſchwärmeriſchen Feuer.O, edler Vetter! ſeufzte er ſtill,wer Dir gliche!

Herr Bartolomäus hatte einige Augenblicke ſtill und ſinnend in den winterlichen Glanz der ſteigenden Morgenſonne hinausgeſchauet; jetzt wendete er ſich wieder dem Sohne zu und fuhr alſo fort:Es konnte nicht wohl ausbleiben, daß bei ſo zwieträchtiger Geſinnung der Ver⸗ ſammlung großer Streit entſtund. Handelte es ſich hier doch um geſammten Landes Wohl oder Wehe, um Recht oder Unrecht, um Verrath oder Treue. So fiel hier an heiliger Stätte und ſchier über der offenen Gruft manch ſchwerer Hieb, klaffte manche Wunde, rann mancher Tropfen rothen Blutes auf die Steine nieder. Da wichen die Märkiſchen endlich unſerer Treue Uebermacht; Herr Hans von Eickſtedt aber zuſammt einigen Rittern und Aebten ſaßen alsbald auf, den Herzogen Erich und Wartislav von Pommern⸗Wolgaſt Helm und Schild zu bringen, auch Anerbietung pflichtmäßiger Huldigung und willigen Gehorſams Seitens des Landes zu thun, was die Herzoge mit Dank annahmen, auch verſprachen, die Stet⸗ tiniſchen Lande wie rechte und erbliche Herrſchaft ſchützen und ſchirmen zu wollen und bei allen Gnaden und Rechten zu belaſſen, ſo ſie von Alters her gehabt.

Aber auch die Märker ſäumten nicht; vielmehr erließ Markgraf Friedrich Briefe an Stettin und die ganze Landſchaft und begehrte, daß man ihn von Rechts wegen annehme und huldige und ſonſt keinem anderen; drohte auch mit Ernſt, ſie wohl zu ſchädigen, ſo ſie anders thäten und den Herzogen anhingen. Das gab große Verwir⸗ rung und Uneinigkeit im ganzen Lande. Denn auch Albrecht Glinden ruhete nicht, ſondern verſuchte allewege mit ſeinem Anhang, daß er das Land an den Markgrafen brächte, redete ſonderlich den Städten viel vor von Macht und Reichthum, ſo ihnen von Herrn Friedrichs Gnaden bevorſtünde, und ſtiftete eine Zuſammenkunft bei nächtlicher Weile auf dem Friedhof zu Schildersdorf, da ſollten die Städte, ſonderlich Stettin, Greifenhagen, Pyritz, Garz und andere, ſo an der Grenze liegen, mit Märkiſchen Räthen zuſammentreffen und aller Sachen wohl einig werden. Aber die Städte bedachten ihre Ehre und Glimpf und kamen nicht zur Stelle; nur die von Garz und Etzliche von der Landſchaft waren da und haben bei dunkler Nacht unter der großen Linde an der Kirche unter des Teufels Bei⸗ ſtand geteidigt und alles wohl beſchworen. Die Linde aber, darunter ſolcher Verrath geſchehen, iſt von Stund an verdorret und bis zur Wurzel hin abgeſtorben.

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Herr Bartelmes hielt hier inne und zwang ſein tanzendes Roß zur Ruhe; Dietmar aber ſchauerte vor der Erzählung in ſich zuſammen und verſank in Nachdenken und Schweigen.

So ritten Vater und Sohn eine Weile ſtill neben einander, bis der edle Bruſchaver endlich von ſelber wieder begann und in ſeiner Erzählung alſo fortfuhr:Um der Zwieſpalt willen, die dergeſtalt im Lande herrſchte, haben dann die Herzoge vorderhand die Huldigung nicht erlangen mögen, und weil von beiden Parteien viel gehandelt und aber gehandelt worden, und wenn man dachte, es ſei nun alles klar, der Sache neuer Anſtand erwuchs, ſo verfloſſen ein Paar Jahre, bis denn endlich, dieweil Geſetzloſigkeit und Willkür faſt ſehr im Lande um ſich griff, den rechten Fürſten gehuldigt wurde. Wie der Markgraf das erfuhr, daß alle ſeine Ränke und Anſchläge zu nichte geworden und die Lande doch an die Herzoge gekommen, ergrimmte er faſt ſehr, warb bei vielen Fürſten und Herrn um Hilfe und fiel ſo mit großer Heeresmacht in Pommern ein. Wie ſie hierſelb hauſten, magſt Du daraus erkennen, daß man ſeine Mannen und Knechte nur dieMärkiſchen Wölfe nannte. Zuerſt berannte er Vierraden, und da er's nicht wohl einnehmen konnte, erkaufte er einen Müller dazu, daß er bei nächtlicher Weile ſeinem Volk ein Pförtlein öffne der that's, und ſo gewann der Markgraf Stadt und Schloß.

Darnach zog er auf Garz, darinnen er an denen, ſo ſich mit Glinden ehemals unter der Linde zu Schildersdorf zuſammenge⸗ ſchworen hatten, einen ſtarken Anhalt und Beiſtand fand. Dieſelbigen ließen, ob ihnen gleich erſt vor kurzem Verzeihung und Strafloſigkeit von den Herzogen gewährt worden, den Feind eilends ein, und ſo ward damals, um Oſtern werden's nun neun Jahre, der feſte Ort des Markgrafen. Der nahm alsbald die Huldigung von den Bürgern und legte von Stund an ein Schloß in die Stadt, damit er von da aus das Land Stettin bekriegen und erobern möchte, ſetzte auch einen Hauptmann darein, Herrn Werner von der Schulenburg, der annoch innen gebietet, wie Du wohl weißt, und die Gegend umher, auch unſern Hof, fleißig brandſchatzt. Der Markgraf aber gewann auch die Löckenitz nach vielen Stürmen, und ſeine Knechte verheerten, wie rechte Wölfe, das Land umher bis vor Stettin.

Dietmars Ungeduld, die ihm ſchon geraume Zeit aus den feurigen Augen geblickt, ließ ſich nun nicht länger zügeln.

Aber um aller Heiligen willen, Vater, warum ließen die

Herzoge ihm ſolches zu? Konnten nicht auch ſie Volk aufbieten und den markgräflichen Haufen entgegenziehn, daß ſie ſie wieder zum Land austrieben?

Sie mußten's wohl leiden, mein Sohn, entgegnete Herr Bartelmes finſter,denn von nirgendher war fremd Volk zu werben, da alle Nachbarfürſten beim Markgrafen ſtanden. Hätten ſie aber dennoch mit eigenen minderen Kräften eine offne Feldſchlacht verſucht, ſo wäre damit nicht allein das Herzogthum Stettin, ſondern auch ihr ganzes Land in die Wagge geſetzt, und ſo mußten ſie ſich, ob ihnen das Herz auch brannte, vorerſt beſcheiden, den Städten zu befehlen, daß ſie ſich ſelbſt erwehrten und die Märkiſchen Wölfe von ihren Mauern hielten. Das flache Land aber war nicht zu ſchützen. Damals machte der Verräther Glinden einen neuen Anſchlag, ſogar die Feſte Stettin in der Feinde Hand zu geben, und ſtanden die Märkiſchen Haufen ſchon vor den Thoren, doch ward der tückiſche Plan noch zeitig verrathen, und der Markgraf mußte abziehn, wie er gekommen.

Da haben ihm die Herzoge aller Orten nachgeſetzt und die Wege verlegt, auch viel Volks abgeſchnitten, ſo ſich auf Futterung begeben, kurz mannigfachen Schaden zugefügt. Die weiſen Räthe aber, ſo Herzog Wartislav an das kaiſerliche Hoflager abgeſchickt, über des Markgrafen Gewaltigung zu klagen, brachten es zuwege, daß des Kaiſers Majeſtät allen Ständen mit Ernſt gebot, ſie ſollten dem Markgrafen keine Hilfe thun, und ſtanden demzufolge viele Fürſten demſelben ab und kehrten heim, alſo daß nun die Pommern den Märkern wohl gewachſen waren. So hat die Sache denn zwiſchen beiden Landen leider Gottes mit Kampf und Streit, Sengen und Brennen und fruchtloſen Tagfahrten manches Jahr gedauert, bis Herzog Erich ſtarb und ſein Sohn Bogislav zur Regierung gelangte. Der hat endlich mit den Markgrafen auf dem Tage zu Prenzlow Frieden gemacht; Herzog Wartislav aber, der von Wolgaſt, hat nicht drein willigen wollen für ſich, dieweil er's nicht verſchmerzen konnte, daß die Städte Garz und Vierraden und Löckenitz, ſo wider Recht, allein durch Verrath genommen waren, in der Feinde Händen blieben,