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Ein deutſches Familienblatt mit Illuſtrationen.
Erſcheint wöchentlich und iſt durch alle Buchhandlungen und Poſtämter vierteljährlich für 15 Sgr. zu beziehen. Kann im Wege des Buchhandels auch in Monatsheften bezogen werden.
Ausgegeben im März 1865. Der Jahrgung läuft vom October 186 3 bis dahin 4865.
Barkolomaeus von Bruſchaver.
Hiſtoriſche Novelle von Ludwig Ziemßen. (Fortſetzung.)
Zweites Kapitel.
Nachdem ſich an der beſprochenen Stelle Herr Thilo von Huxhol
von Schwager und Neſfen getrennt hatte, ſetzten dieſe eine Weile ſchweigend ihren Weg fort, indem ſie den Roſſen zu beſchleunigtem Laufe willig die Zügel ſchießen ließen. Beide ſo tief in ihre Ge⸗ danken verſunken, daß ſie weder an Unterhaltung dachten, noch für die ſchöne Winterlandſchaft, die in den Strahlen der aufgehenden Sonne vielfarbig blitzte und blinkte, ein Auge hatten. Erſt in einem Hohlwege, wo ſchwer beladene Holzwagen den Pfad faſt unwegſam
gemacht hatten, zogen ſie die Zügel an, und hier entſpann ſich auch ohne daß er Leibeserben nachließ oder einen anderen Erben be⸗
zuerſt ein Geſpräch zwiſchen Vater und Sohn.
Mit ernſtem Antlitz, auf dem trotz des raſchen Rittes die bleiche Farbe der Gemüthsbewegung noch vorherrſchte und den Knaben älter erſcheinen ließ, als er war, hub Dietmar in der raſchen und ent⸗ ſchiedenen Weiſe der Mutter ohne Zögern an:„Ich bitte Dich, Vater, was heißt es, ein„Glindeſcher“ ſein? Wer iſt Glinden und was hat's für ein Bewenden mit ihm?“
Der Vater wendete ſich im Sattel und ſah den Sohn ob dieſer Frage betroffen an; doch da er wohl vermuthen mochte, wie auch Dietmar in denſelben Gedankenkreis gerathen ſei, in dem ſein eigner Geiſt ſich ſeit Beginn ihrer Reiſe bewegte, ſo vergalt er die Frage nicht erſt durch eine Gegenfrage, ſondern erwiederte mit ruhiger Stimme:„Du fragſt nach einem Verräther, mein Sohn, nach einem Manne, der ſein Vaterland dem Feinde in die Hände ſpielen und ſeinen Fürſten ihr heilig Recht und Erbe ſtehlen wollte. Ein rechter Edelmann ſollte den Namen ſchier nicht über ſeine Lippen bringen, ohne auszuſpeien dabei, und mich wundert'’s faſt, wie Du nach ſeiner Sache forſchen magſt.“
„Dennoch will ich Dir's nun nicht verhalten, wie's um den Glinden und ſeine Spießgeſellen ſteht; Du biſt wohl alt genug, um mit Nutzen Einſicht zu gewinnen in des Vaterlandes Zuſtand und
Lage, und,“ ſetzte er mit einem langen, forſchenden Blick auf des Jünglings geſpannte und ſchmerzlich erregte Miene hinzu,„jedenfalls
wird Dir's gut thun, zu vernehmen, wie Dein Vater über den
Glinden und ſeine That denkt. So höre denn! Du lagſt noch an Deiner Mutter Bruſt, als unſer letzter Landesherr Stettiniſcher Linie, Herzog Otto, ſeines Namens der Dritte, einer dazumal im Lande wüthenden Peſtilenz erlag und in der Schloßkirche zu Stettin begraben wurde.„Er war noch minderjährig geweſen, da ſein Vater, Herzog Joachim, chriſtmilden Gedächtniſſes, mit Tode abging, und zehn Jahre lang hatte Markgraf Friedrich von Brandenburg als Vormund die Regierung für ihn geführt, ehedem er ſelbſt ins Regiment eintrat und ſeiner Würden und Pflichten wahrnahm. Leider raffte ihn, wie ich ſagte, ſchon nach wenigen Jahren die böſe Peſtilenz dahin,
ſtimmt hätte. Da regten ſich die Markgrafen des Landes. Zu
wohl hatten ſie in währender Vormundſchaft Gelegenheit, Ver⸗
mögen und Einkommen des Landes Pommern erſpähet und ſchon damals, dieweil Herr Otto noch ein Kind war, mit Fleiß geſucht, die Stettiniſche Landſchaft ſich günſtig und geneigt zu machen, dem⸗ nach auch ſtets wider Adel und Städte ſich zum allergnädigſten und freundlichſten verhalten und ihnen gar nichts abgeſchlagen oder ge⸗ weigert, ja etzliche von der Ritterſchaft gar— es iſt eine Schande zu ſagen— in ihre jährliche Beſoldung genommen, ſo daß ſelbige ſich da⸗ mit ſonder Scham und Scheu allbereits ihrer Freiheit begaben und den Markgrafen gute Hoffnungen erweckten. So gingen dieſe nun allgemach um ſo kecklicher in ihren böſen Praktiken vorwärts, und da ſie wohl wußten, daß die Herzöge von Wolgaſt nur ferne Vettern mit Herzog Otto waren, auch nicht einerlei Wappen mit diefem führten, im Gleichen daß König Erich immer geſagt, Herzog Erich ſei ſein Erbe nicht, ſo warteten ſie nur Herrn Ottens Tod ab und wollten nunmehr ſich ohne Zögern des Landes bemächtigen, daran ſie, wann es losſtürbe, aus alten Verträgen das Angefäll beſaßen. Dazu halfen ihnen nun treuloſe Männer von der Hitterſchaft aud beſten Kräften! Inſonderheit war zu Stettin ein märkiſch geſinnter enege meiſter, Albrecht Glinden genannt, der that alles, auch die Stettiniſ 3 Bürgerſchaft auf des Markgrafen Seite zu bringen, warb auch


