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„Aber ich muß ſie haben!“.
„Es iſt unmöglich, daß ich ſie aus den Händen gebe.“.
„Seht hier,“ rief der Blumiſt, indem er alles Geld, welches er bei ſich trug, auf den Tiſch warf und welches ungefähr 100 Pfund St. war.
„Mein Gott! wie viel Geld!“ rief die Frau aus.
„Bergt es nur; ich nehme den Topf mit und den erſten Ableger bringe ich Euch wieder, dann kann Euer Mann nichts merken.“
Der Kauf war abgeſchloſſen und der Blumiſt eilte mit ſeiner neuen Pflanze heim. Er befreite ſie von allen Blumen und Knospen, machte ſo viel Stecklinge wie wöglich und brachte dieſe in ſein Treibhaus. Jede neue Pflanze wurde wieder in eine Anzahl andere vertheilt und zwar mit dem Erfolge, daß er bereits im folgenden Jahre dreihundert Fuchſias hatte, die ſammt und ſonders Blüte verſprachen. Die beiden erſten, die blühten, ſtellte er zur Schau aus. Es dauerte nicht lange, ſo hatte er für jede ein Pfund in der Taſche. Der Blumiſt ſorgte dafür, daß die ihn Be⸗ ſuchenden nie mehr als zwei Pflanzen zu ſehen bekamen und in kurzer Zeit hatte er ſeinen ganzen Vorrath das Stück zu einem Pfunde verkauft.
Der Frau des Seemanns hielt er Wort. Er brachte ihr einen ſeiner erſten Stecklinge und dieſe war nicht wenig froh, ihrem Mann bei ſeiner Heimkehr nicht nur deſſen Geſchenk, ſondern außerdem noch hundert Pfund St. vorzeigen zu können. Aber der Blumiſt hatte noch beſſere Geſchäfte gemacht; die eine Pflanze brachte ihm über 2000 Pfund ein. H. M.
Wetterprophezeiungen der Neuzeit; Verkündigen eines Sturmes.
Es wird unſern Leſern bekannt ſein, daß bedeutende Stürme mitunter zwei oder drei Tage vorher verkündigt worden ſind und daß man gleichzeitig auch angegeben hat, aus welcher Richtung dieſelben wehen werden. An den Küſten Großbritanniens ſind ſogar Stationen eingerichtet, um durch verab⸗ redete Signale die Schiffer von dergleichen Vorherſagungen zu benachrichtigen. Wir wollen hier einige kurze Andeutungen geben, in welcher Weiſe man bei dergleichen Vorherbeſtimmungen zu verfahren pflegt.
Es gibt zwei Hauptmethoden, um über Windrichtung und Windkraft etwas vorher beſtimmen zu können, nämlich: 1) durch Ableſen der An⸗ gaben eines oder mehrerer Inſtrumente, aus ihren Abweichungen von einem gewiſſen Mittel⸗ oder normalen Stande. Hat man den mittlen Stand des Baro⸗ meters an einem Orte für jeden Tag des Jahres annähernd gefunden, ſo theilt man die Beobachtungen an verſchiedenen Tagen in Reihen, welche die Abweichungen von 5 zu 5 Millimeter enthalten. Dieſe laſſen erkennen, ob der Barometerſtand über dem Tagesmittel(zu hoch), oder unter demſelben(zu niedrig) und wie groß der Betrag hierfür iſt. Ebenſo werden die Regenmenge, die Windkraft u. ſ. w. mit den Barometerabweichungen in Verbindunggebracht Es hat ſich daraus ergeben, daß an einem Tage, an welchem das Baro⸗ meter Morgens 15 bis 20 Millimeter zu niedrig ſteht, faſt ſtets Regen kommt, daß die Wahrſcheinlichkeit aber abnimmt und gleichſteht, wenn die Abweichung nur gering iſt, daß dagegen, wenn das Barometer 10 bis 15 Millimeter zu hoch ſteht, die Wahrſcheinlichkeit nur ein Viertel beträgt.
Wenn die Windkraft in eben ſolche Reihen getheilt wird, ſo ergibt die Unterſuchung, daß in Utrecht der Druck auf den Quadratmeter im Mittel 7 Kilogramm beträgt, ohne daß der Unterſchied der verſchiedenen Reihen gerade groß genannt werden kann, daß aber die Kraft des Windes in den übrigen Reihen, welche einem zu niedrigen Stande entſprechen, regelmäßig bis zum doppelten Betrage oder 15 Kilogramm ſteigt.
Eine zweite Methode beſteht darin, die gleichzeitig an verſchiedenen Orten gemachten Aufzeichnungen in demſelben Sinne zu verwerthen. Es ergeben ſich bei dieſer Methode folgende einfache Regeln: 1) Die Wind⸗ richtung wird weſtlich ſein, wenn das Barometer im Süden höher ſteht, als im Norden, und der Wind wird um ſo kräftiger ſein, je bedeutender der Barometerunterſchied iſt. 2) Er wird leicht 30, 40 und mehr Pfund be⸗ tragen, wenn der Unterſchied größer iſt als 4 Millimeter, mitunter bricht ein ſolcher kräftiger Wind erſt ſpäter am zweiten oder dritten Tage durch,— und umgekehrt. 3) Die Windrichtung wird, mit wenig Ausnahmen, öſtlich ſein, wenn das Barometer im Norden höher ſteht als im Süden, namentlich dann, wenn dieſer Unterſchied 3, 4 Millimeter oder mehr beträgt. 4) Die Windkraft iſt in dieſem Falle nie ſo groß, daß ein Sturm zu befürchten iſt, es ſei denn, daß der Unterſchied mehr als 6 Millimeter betrage.
H. W.
Heulende und tanzende Derwiſche in Kairo.
Kurz vor der Vorſtadt Foſtat oder Altkairo, zwiſchen ihr und dem näher bei der Hauptſtadt gelegenen Bulak, der fruchtbaren Nilinſel Rhoda gegenüber, liegt am Nilufer ſelbſt, das Kloſter der heulenden Derwiſche. Eine breite Allee von Palmen und Sykomoren führt bald an dichten Zuckerrohrfeldern, bald an weit gedehnten Trümmerhaufen, ja ſelbſt an deutſchen Biergärten vorüber von Kairo aus nach demſelben hin, ein Lieblingsſpazierritt, beſonders in der Kühle des Abends, wenn man auf den muthigen, kräftigen Eſeln über das durchaus ebene Terrain einherjagt. Wie in jedem orientaliſchen Gebäude und zumal in den Moſcheen, ſo nahm auch in dieſem Kloſter zunächſt ein Hof mit Brunnen in der Mitte uns auf. Als wir ankamen, fanden wir bereits dieſen ganzen Hof voller be⸗ haglich niedergekauerter Gruppen. Und wie bei allen Gelegenheiten, ſeien ſie, welche ſie wollen, ſo wurde auch hier ſofort der unvermeidliche,(übri⸗ gens recht gute) Kaffee präſentirt; einige der langhaarigen, ſpitzmützigen Mönche machten die Kellner. Auch wir Giaurs gingen ſo wenig wie die Gläubigen leer aus, und während wir den dicken, ſchwarzen Saft aus den kleinen Taſſen langſam einſchlürften, hatten wir volle Gelegenheit, Ausſehen und Benehmen unſerer Gaſtgeber zu beobachten, das gutmüthige,
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verlebte Geſicht des Scheichs, die theilweiſe ſehr intelligenten, theilweiſe aber auch fanatiſch verdummten Züge der Mönche, das vielverſprechende, friſche Antlitz eines noch ganz jugendlichen Knaben. Doch wir hatten nicht lange Zeit, uns ſolchen Betrachtungen hinzugeben; das Zeichen zum Beginn der Ceremonie wurde gegeben, indem unſere Derwiſche ſich aus dem Hofe durch mehrere Zimmer hindurch in den großen Saal des Kloſters begaben, wohin das Publikum ihnen nachfolgte. In der Mitte der einen Wand war dort die mit Inſchriften und der grünen Fahne des Propheten geſchmückte Gebetsniſche angebracht; vor ihr ließ der Scheich ſelbſt ſich nieder, während rings um ihn im Kreiſe die Derwiſche ihre Ge⸗ betsteppiche ausbreiteten, allmählich bis zu dreißig anwachſend, aber bei weitem nicht alle in der Tracht des Ordens. Jeder der kam, ging zu⸗ nächſt zum Scheich, ihm die Hand zu küſſen; aber das war auch das einzige Zeichen einer hierarchiſchen Ordnung. Nicht blos die durch die Gebetsniſche ausgezeichnete Wand, ſondern auch die übrigen Wände des Gemaches, waren theils mit Waffen, theils mit Koranworten verziert, und oben, gerade unter der Decke des Saales, war ein Gitter für die zu⸗ ſchauenden Weiber angebracht, aus dem auch wirklich mehrere glühende Augen auf uns herabſtarrten. So die Dekoration, wie nun das Schau⸗ ſpiel ſelbſt?— Oft genug iſt es beſchrieben, aber keine Beſchreibung kann den Eindruck der Sache ſelbſt wiedergeben, wenn man ſo ruhig daſitzt und dem immer ſteigenden Paroxysmus zuſieht. Als eine echt islamitiſche, religiöſe Uebung beginnt auch dieſe Feier mit dem wiederholten Geſange des Faddah. Anfangs leiſe, aber ſchon unter beſtändigem Kopfneigen, dann durch Rohrpfeife und Trommel wilder und wilder, ertönt das la illah il allah, und mit dem wilderen Geheul mehrt ſich die körperliche Bewegung der Heuler. Zuerſt ſitzen ſie in bekannter orientaliſcher Weiſe mit ausgeſpreizten Beinen da; nur den Kopf nach vorn und nach hinten überneigend und von einer Seite zur andern ſich wiegend. Immer heftiger aber, immer ſchneller wird der Kopf nach vorn und hinten geſchleudert, und die langen Haare fliegen ſchlangengleich um die bleichen Geſichter. Dann ſteht zuerſt der Scheich auf; ihm folgen die andern, und nun geht die Körperſchwingung wie das Geheul in noch viel ärgerer Art weiter. Man meint, ſie müßten mitten entzwei brechen; ſo weit biegen ſie ſich nach vorn, ſo weit nach hinten. Und immer greller, immer ſchneiden⸗ der tönen Pfeife und Trommel, immer ärger wird das Geheul. So geht es lange Zeit fort; dann wird das volle la illah il allah durch das bloße allah abgewechſelt, und dies endlich durch ein rauh und wild her⸗ ausgeſtoßenes hu(er). So rauh wird dieſer Laut hervorgegurgelt, daß ich ihn nur mit dem indianiſchen Naturlaute, dem bekannten Hugh, oder mit dem Aufathmen eines aus tiefem Waſſer auftauchenden Schwimmers vergleichen kann; dabei aber nicht blos ein oder ein Paar Mal, ſondern oft hinter einander. Man ſieht deutlich, es iſt durch die grauſige Muſik wie durch die fortgeſetzte Schaukelbewegung ein Rauſch eingetreten, der immer ärger wird, und der je nach dem Grade ſeiner Tollheit, als Maß⸗ ſtab für die Frömmigkeit des Andächtigen dient. Schließlich wird er bei Manchen ſo arg, daß ſie aus allen Kräften mit dem Kopf gegen die Wand rennen und betäubt wieder hinſtürzen, oder daß ſie mitten in dem Schaukeln ſelbſt von einer Art Epilepſie befallen werden. Schaum ſteht vor dem Munde, mit den Händen ſchlagen ſie um ſich, und nur mit Mühe können die andern ſie packen und in eine Ecke hinlegen, wo ſie endlich ganz erſchöpft liegen bleiben.— Der Art nach verſchieden, in dem zu Grunde liegenden Princip(der abſichtlich durch aufregende Muſik hervorgerufenen Raſerei als religiöſer Kultusübung) den heulenden verwandt ſind die ta nzenden Derwiſche. Auch ſie haben in Kairo ein Kloſter, und zwar in dem innerſten Viertel der Stadt ſelber, wenn man vom Ende der ge⸗ werbthätigen, halbfränkiſchen Muskieh zur Rechten aus, durch die dicht gedrängten Bazars zur Citadelle hin abbiegt. Es iſt ein großes noch wohl erhaltenes Gebäude, und der Saal einem Amphitheater nicht un⸗ ähnlich, indem die Zuſchauer ſich oben auf den Gallerien verſammeln, während unten die Derwiſche ihre Ceremonien beginnen. Wir erwähnten ſchon, welch große Rolle auch hier die Muſik ſpielt, die eigenthümlich ſchnarrende und pipende, aber unwillkürlich die Nerven ſpannende und aufregende Rohrpfeife vor allem. Sobald ſie ertönt, ſammeln ſich auch hier, der Scheich voran, die Mönche im Kreiſe. Wie ſchmale Statuen ſtehen ſie da, in eng anſchließenden bis auf die Füße herabhängenden Kleidern. Aber mit den erſten Tönen der Pfeife beginnen ſie ſich lang⸗ ſam, ganz langſam um ſich ſelber zu drehen, in ſo engem Kreiſe, daß ſie dies mehremale thun, bevor ſie einen Fuß weiter gekommen ſind. Und dieſe geiſtreiche Bewegung geht dann ohne Unterlaß, ohne Pauſe fort, nur je nach der vorſpielenden Muſik ſchneller oder langſamer ausgeführt. — Und noch habe ich das Beſte nicht erwähnt, was dem Schauſpiel ſeinen eigenthümlichſten, auffälligſten Anſtrich verleiht. Jene ſchlaff herab hängen⸗ den, ſcheinbar knapp anſchließenden Gewänder ſind in Wirklichkeit gewaltig breite, faltige Röcke, die nur ihres dünnen Stoffes wegen ſo zuſammen⸗ gefallen ſind. Kaum beginnen ſich nun die Tänzer zu drehen, kaum faßt der dadurch hervorgerufene Luftzug jene faltigen Röcke, ſo blähen ſie ſich — ganz allmählig und wirklich harmoniſch; denn darin beſteht ja die Kunſt— immer mehr auf, bis ſie ſchließlich an Umfang die impoſanteſte Crinoline unſerer Damenwelt übertreffen. Und ſo tanzt man denn fort, während kaum noch der Oberleib aus den immenſen Steifröcken hervor⸗ ragt, und das Ganze den um die Uferfelſen brandenden Meereswogen be⸗ ſtändig ähnlicher wird; immer leidenſchaftlicher, immer aufgeregter, aber — und das iſt der Unterſchied von den Heulenden— immer gleichmäßig bis zum Schluß der Komödie. F. N.
Briefe und Sendungen ſind zu richten an die Redaction des„Daheim“ in Leipzig, Poſtſtr. Nr. 2.
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Unter Verantwortlichkeit von A. Klaſing in Bielefeld, herausgegeben von Dr. Robert Koenig in Leipzig.
Verlag der Waheim-Expedition von Velhagen* Klaſing in Gielefeld und Berlin.— Druck von Fiſcher Wittig in Leipzig


