Jahrgang 
1865
Seite
335
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es hat, im Ringen mit dem mannigfaltigen wüſten Aberglauben, doch die Tiefe des Volkes erfaßt.

Damit aber der geneigte Leſer, da wir beim Schluß unſerer Schilderung ſtehen, nicht etwa den Verdacht ſchöpfe, daß es ein heim⸗ licher und verkappter Wende ſei, der ihn vom Uelzener Bahnhof durch

die Haide ins Wendland geführt hat, ſo ſei dies hiermit endgültig verneint. Aber ein Wendenfreund iſt's freilich, welcher im Schutz und Schatten eines alten Edelſitzes des Landes Muße gefunden hat, Land und Leute zu betrachten, und Freude daran gefunden hat, ſie dem Leſer zu ſchildern. Rll.

Am Familientiſche.

Das Brockengeſpenſt.

Haſt Du, lieber Leſer, ſchon einmal zur Herbſtzeit den ſchönen Harz be⸗ ſucht? Wo nicht, ſo möchte ich wohl, daß dieſe Zeilen mit der Ahnung von den herbſtlichen Schönheiten des Harzes zugleich den Wunſch in Dir erweckten, dieſelben aus eigenem Anſchauen kennen zu lernen. Denn trotz ſeiner Reize, die freilich anderer Natur als im Sommer ſind, aber an ergötzender Mannig faltigkeit ihren ſommerlichen Schweſtern nicht nachſtehen, ſieht der Herbſt im Harze nicht viele Wanderer mehr. Ich meine: der Spätherbſt, vom Ende September bis Anfang Oktober. Für ſeine Schönheiten gehört freilich ein empfänglicheres Gemüth als es die Mehrzahl der Reiſenden mitbringt. Sie wollen mehr geſucht ſein, während der Sommer die ſeinigen offen und unver⸗ hüllt darbietet. Sie ſind ſeltener, aber deſto eigenthümlicher. Und faſt ſcheint es, als wollte der Alte vom Berge durch einige finſtere, drohende Mienen erſt die Unempfänglichen fortſcheuchen, um dann das Reich ſeiner Wunder zu öffnen; denn zwei bis drei Tage ſchlechten Wetters reichen oft hin, um ſämmtliche Wandervögel auf den Schwingen des Dampfes an den ſanfteren heimatlichen Herd zu verſcheuchen. Aberwer ausharret, wird gekrönt Der alte launiſche Geiſt des Gebirges hat nur endlich Ruhe haben wollen vor all dem Lärm in ſeinem Revier. Nun kommt er hervor aus ſeiner Felſenkluft, rothglänzendes Laub um die Stirn, wallende Nebel zum weiten Gewand. Da ſitzt er und ſchaut über bunte Wipfel hinweg in die duftige Ferne. Im nickenden Farren⸗ kraut zu ſeinen Füßen raſchelt der träge Salamander, hoch in den Lüften zieht ſeine ruhigen Kreiſe der Weih, und mit klugen, treuen Augen blickt das Reh durch die Büſche auf den alten Freund. Feierliche Stille herrſcht rings um ihn her; in tiefem Frieden ruhen die prächtigen Hallen ſeiner bunten Buchen⸗ und ewig grünen Tannenwälder. Selten unterbricht ihre Ruhe der Schrei des Hähers, der auch jetzt noch eifernd der Marken ſeines Geheges wartet; zuweilen nur fällt leiſe ein welkes Blatt auf den mooſigen Grund, nnhörbar wie die heimliche Thräne des lächelnden Abſchieds. Und der Alte lauſcht und nickt mit dem Haupte, zufrieden mit ſeinen Bergen, die ſchöner ſind als je, denn das Lächeln des Abſchiedes gleitet über ſie hin.

Und wenn nnn der Abend ſich über die Wälder breitet und hinter den Wipfeln der Mond ſich hebt, dann lauſche mit geſpanntem Athem anderen Stimmen, die Du vielleicht noch nie vernommen. Seltſam tönt es aus der fernen Felsſchlucht wie das ächzende, heulende Todesröcheln eines gefallenen Rieſen. Erſchrocken ſtehſt Du ſtill und ſtille iſt es weit und breit da, näher, furchtbarer erſchallt die ſchreckliche Stimme. In den tiefſten Tiefen hebt ſie an und ſchwingt ſich ächzend empor, um in abgeriſſenen, tiefen Stößen zu erſterben; dort drüben noch eine und dort noch eine es ſind Hirſche, die ihren Brunſt⸗ und Kampfruf durch die Stille des Abends erſchallen laſſen. Auf einſamer Waldwieſe halten ſie ihre Turniere. Hüte Dich, ſie durch ähnlichen Ruf heranlocken zu wollen, ihr Gehörn könnte für Dich ebenſo verderblich werden wie der Dolch des eiferſüchtigen Italieners. Eiferſucht macht blind und grauſam, ſogar das ſanfte Thier des Waldes.

Doch das ſind alles Eindrücke, die der Alte vom Berge auch wohl einem weiteren Kreiſe der Reiſenden gewährt; ſeine geheimſten Zauber läßt er nur ſeine Günſtlinge und treuen Anhänger erblicken. Auch ich ſchmeichle mir zu dieſen begünſtigten Sterblichen zu gehören, und um dem Alten Jünger zu werben, will ich Euch heute von einem ſeiner wunderſamen Bilder erzählen, das in den Büchern gewöhnlichdas Brockengeſpenſt genannt wird.

Es war am Morgen des 19. October 1859, als ich es, nicht auf dem Brocken, ſondern auf dem herrlichen Hexentanzplatze im Bodethale, zum erſten Male zu ſehen bekam. Denn nicht bloß auf dem Brocken wird die Erſcheinung, von der ich reden will, beobachtet, ſondern auch in den Alpen; überhaupt überall, wo die örtlichen Verhältniſſe es geſtatten. Mit der Sonne war ich aufgeſtanden und hinausgegangen, angelockt durch einen Blick, den ich aus dem Bette heraus indas Land gethan hatte. Da war nämlich von Feld, Dorf, Stadt, Fluß u. ſ. w. nichts zu ſehen. Alles war untergegangen in einem Nebelmeere, das ſeine weißen, glänzenden Wogen vom fernſten Horizonte bis zu den Bergen des Harzes wälzte. Es war ein eigenthümlicher, herrlicher Anblick. Zuweilen öffneten ſie ſich und zeigten einen Thurm, ein Paar Häuſer oder ein Stück Feld; dann zogen ſie ſich wieder zuſammen und verſchwunden war alles. Einen mächtigen Damm ſetzte ihnen der Harz entgegen, aber konnten ſie auch die Berge nicht überwinden, ſo zogen ſie doch ſiegreich in die Thäler ein, die nach der Ebene zu ſich öffneten. Auch in das Bodethal zu meinen Füßen wälzten ſie ſich ſchwer und langſam hinein, wie Oſſianiſche Geiſter um die Felſen ſchwebend. Immer dichter zogen ſie einher, immer höher ſchwebten ſie an den ſchroffen Abhängen des Thales empor, bis ſie das alte Maal des heiligen weißen Roßes unſerer grauen Vorfahren auf dem jähen Roßtrappfelſen erreichten und überfluteten. Meinen Standpunkt am Thalrande des Hexentanzplatzes erreichten ſie aber nicht; denn noch über hun⸗ dert Fuß emporzuklettern bis zu mir, dazu hatten ſie nicht Kraft. Es war ein köſtliches Schauſpiel. Hinter mir die über Waldwipfel aufſteigende Sonne, Nebel im Lande zur Rechten, Nebel zu Füßen, aber über dem Haupte der herrlichſte blaue Himmel. Und vorwärts, über das Thal hinweg, wie ruhig, klar und majeſtätiſch lag da das Brockengebirge mit ſeinen ſchönen Wellen⸗

linien. Angeglüht vom röthlichen Morgenſtrahle erſchien es wie ein in jugendlichen Phantaſien geahntes, unerreichbares Märchenland voll Duft und glühender Farbenpracht. Welch' ein köſtlicher Standpunkt, hoch über allem Dunſt und Nebel auf weithinſchauender, ſonniger Felſenhöh!

Unwillkürlich tauchten im Gedächtniß die Worte Schillers auf:

Auf den Bergen iſt Freiheit, der Hauch der Grüfte

Dringt nicht hinauf in die reinen Lüfte und das Herz ſtimmte einen ſtillen Morgenpſalm zu Ehren Deſſen an, der auf ewigen Bergen thront.

Ja, zauberhaft ſchön mag das wohl geweſen ſein, wirſt Du fragen, lieber Leſer, aber wo bleibt denn das Zauberbild des Alten, von dem Du uns er⸗ zählen wollteſt? Geduld, mein Lieber, der Künſtler malt auchzuerſt den Hinter⸗ grund ſeiner Gemälde. Ich ſtand alſo vorn auf der Klippe des Hexentanz⸗ platzes und ſchaute hinunter und hinüber auf die weißen Nebelwogen des Thales. Plötzlich iſt es mir, als ſtände ein Regenbogen mitten vor mir im Nebel, deutlich und ſchön, nur nicht ganz ſo lebhaft, wie man ihn ſonſt ſieht. Ich glaubte von der Sonne geblendet zu ſein, ſchloß die Augen eine Zeit lang, blickte wieder hin und ſiehe er war noch da, und beim längeren Schauen wurde ich noch mehr gewahr. Drüben im Nebel lag der ſpitze Schatten der Klippe, auf welcher ich ſtand und auf demſelben ſtand eine menſchenähnliche Geſtalt, welche dieſelben Bewegungen wie ich machte. Es war aber eine ganz beſondere Schattengeſtalt. Um das Haupt trug ſie wie ein Heiliger einen lichten Kranz von Regenbogenfarben und ein gleicher, aber größerer, wölbte ſich in einiger Entfernung um die ganze Figur, die bis jetzt noch zwerghaft klein war. Plötzlich aber dehnte ſie ſich mit Windesſchnelle aus, ihre Füße berührten die meinigen, während ihr Haupt an den jenſeitigen Roßtrapp⸗ felſen ſtieß, ſo daß ihre Länge nicht weniger als 1614 Fuß(ſo viel mißt nach den neueſten Berechnungen die Entfernung vom Hexentanzplatze bis zur Roßtrappe in gerader Linie) betrug; eine Größe, wie ſie wohl kaum der mächtige Geiſt des Rieſengebirges in jener Zeit gehabt haben mag, als er voll Grimm der entflohenen Prinzeſſin nachjagte. Ha, rief ich verwundert aus, das Brockengeſpenſt! Nach den Beſchreibungen, die ich bisher darüber geleſen hatte, konnte es nichts anderes ſein. Schnell umgekehrt und mit lauter Stimme die Hausbewohner gerufen, unter denen ſich auch ein liebens⸗ würdiger Forſteleve befand. In Haſt kommen ſie herausgeſtürzt und ſtaunen mit mir das Wunder an. Für alle war es etwas Neues, bisher noch nie Geſehenes. Ueber eine Stunde lang währte das intereſſante Phänomen. Je nachdem die Nebel dichter oder dünner wurden, ſich hoben oder ſenkten, war auch die Erſcheinung eine andere. Bald war der Schatten koboldartig klein, bald titanenmäßig groß; bald ſah jeder nur ſeinen eigenen Schatten, bald auch den ſeiner Nachbarn zugleich. Und wunderlich war es anzuſehen, wenn die Geſpenſter im Nebel ſeltſame Bewegungen mit Armen und Beinen uns nachmachten, immer aber von den doppelten Regenbogen umgeben.

Endlich jagte die höher ſteigende Sonne die Nebelmaſſen auseinander; die Erſcheinung wurde ſchwächer und ſchwächer, bis ſie ganz verſchwand. Im Lande tauchten die Thürme der alten Kaiſerſtadt Quedlinburg und ihrer Nachbarin Halberſtadt auf und weißſchäumend blickte die Bode, auf der noch tiefe Schatten lagen und die ſich bisher nur durch ihr mächtiges Rauſchen bemerkbar gemacht hatte, zur ſonnenbeleuchteten Höhe empor.

Abends hatten wir daſſelbe Schauſpiel bei Mondſchein; wenn ich nicht irre, ſtand gerade der volle Mond am Himmel. Die Nebel waren (wiedergekommen gerade wie am Morgen. Natürlich war die Erſcheinung

nicht ſo lebhaft, Schatten und Regenbogen matter; aber ich glaube, daß gerade bei Mondſchein dieſes ſchöne Phänomen noch nicht oft beobachtet worden iſt. Ich habe ſeitdem dieſes reizende Geſpenſt jedes Jahr im Oktober, wenn ich die Ferien in der liebenswürdigen Familie des Hexenwirthes ver⸗ lebte, zu beobachten das Glück gehabt. Auch vergangenes Jahr habe ich es in den erſten Tagen des Oktober zwei Morgen hintereinander geſehen. Gerade der Hexentanzplatz eignet ſich zur Beobachtung dieſer Erſcheinung ganz vor züglich, und ich glaube kaum, daß es noch viele Punkte im Harze gibt, welche alle Bedingungen zur Bildung jenes Geſpenſtes gewähren. Selbſt auf dem Brocken, von dem es ſeinen Namen hat, iſt es gewiß im Laufe mehrerer Jahre nicht ſo oft beobachtet worden als auf jenen ſonnigen Höhen, die beſſer den NamenElfentanzplatz verdienten. C. Hey. Die erſte Fuchſia in Europa.

Es wird in einem der letztern Jahre des vorigen Jahrhunderts ge⸗ weſen ſein, als ein bekannter Blumiſt in der Nähe Londons einem Freunde ſeine Schätze zeigte.Du haſt allerdings viel Schönes, ſagte dieſer, nach

dem er alles in Augenſchein genommen hatte,aber doch ſah ich dieſen Morgen Schöneres. Es war eine zierliche Pflanze und die Blumen hingen in ſcharlachrothen Trauben daran hernieder. Nachdem der Blu miſt vernommen, wo ſein Freund dieſe Pflanze geſehen hatte, ging er bin und fand, daß es wirklich etwas ganz Neues war. Er begab ſich in das Haus und machte den Verſuch, ſie zu kaufen.Nein, antwortete die ſitzerin,die iſt mir nicht feil; mein Mann hat ſie mir Aus Waſtindien mitgebracht: bevor er abermals fortging, hat er mir dieſe Blume auf die Seele gebunden.