über den grünen Anger dem Ziele entgegenſchießt! Dreimal zur Stange hinauf, die den Holzkranz trägt, und wer beim dritten Jagen zuerſt bei der Stange iſt und geſchickten Griffes den Kranz faßt, der wird, unterm Jauchzen alles Volks und dem Schmettern aller Hörner
König. Er bekommt ſeinen Blumenkranz mit dem Seidentuche. Der erſte nach ihm bekommt zwei Blumenſträuße, aber einen Strauß bekommt jeder Reiter. Auf dem grünen Raſen wird nun ein Faß geleert. Der König und der, der das Ziel zuletzt erreicht hat— er heißt„der Pracher“— tragen die vollen Gläſer und Krüge um. Dafür gibt jeder Gaſt nach ſeinem Belieben Groſchen oder Thaler. Mit voller Muſik geht nun der Zug ins Dorf, und zum Tanze im Hauſe des Königs. Und der König handelt ſouverän und königlich: er führt jedem Tänzer eine Tänzerin zu, ganz nach ſeinem königlichen Wohl⸗ meinen und Belieben.
Daß es bei der Anzahl Tonnen, bei denen der Panner einſchenkend in Schweiß und Hemdärmeln ſich tummelt, ohne allen Streit hergeht, wage ich nicht zu behaupten. Kein verſtändiger Menſch kann das. Der Storch, oben in alter Würde, wundert ſich jedenfalls über das leichtſinnige Volk da unten, ja, findet's unter ſeiner Würde, auch nur hinzuſehn. Die Schwalben zwitſchern ſich, die blaue Abendluft des Dorfringes nach Beute durchjagend, oder auf einzelnen Balkenpflöcken und Sparren ſelbander ruhend, jedenfalls beißende Bemerkungen über das Treiben unter ihnen zu. Was werden aber die Droſſeln und Finken erſt ſagen, wenn ſie im Schein der fröhlichen Morgenſonne von den hohen Eichengipfeln ringsum auf den Dorfring hinabſchauen, und das junge Volk mit ſchweren Schritten durch den Thau des Graſes in die Häuſer, ſtatt mit Pflug oder Senſe zu Felde ziehen ſehn!
Unrecht hat das Thierreich nicht. Der Paſtor zu Kletzien kam neulich aus der Kirche, legte Chorrock und Bäffchen oben auf ſeiner Stube ab, ging zu ſeiner Frau, die er jüngſt erſt heimgeholt, hinunter, und ſagte: Merkwürdig leer war heut doch die Kirche!— Ei, Mann, ſagte ſie, weißt Du denn nicht, daß heute Kranzjagen zu Karmitz iſt?—
Von der Menge Biers, welches in den Pfingſttagen ver⸗ braucht wird, ſchweigt die Geſchichte. Daß aber eine geringe Ge meinde das Jahr hindurch zum Wegebau, bei gemeinſamem Graben⸗ Auswerfen, beim Pfingſtbier und ähnlichen Gelegenheiten an die 300 Thaler Bier auf Gemeinderechnung nimmt, kommt immer noch vor, trotzdem daß die Herren an den Aemtern zu Dannenberg oder Lüchow, wo ſie können, ſcharf dagegen ſind. Ja wohl, Saufen, bei guter Gelegenheit, iſt uralt ehrlicher Wendenbrauch. Die ganze alte, wilde Slavennatur bricht hervor, wenn ſie auf ihren hochrädrigen Stuhlwagen mit ihren prächtigen, feurigen Pferden von der Stadt zurückgaloppiren, wohin ſie das Linnen zur Legge gefahren haben, oder wo ſie Geld für Torf, Hopfen oder Früchte aufnahmen.
An Wohlſtand fehlt's nicht, ſehen wir. Der Hopfenbau kann ſehr ergiebig ſein, die bayriſchen Händler zahlen oft 60 Thaler für den Centner; der Waizen geräth in der Niederung durchweg. Die ſtrenge Geſchloſſenheit der Güter hindert das Wachsthum der Bevöl⸗ kerung in die Zahl hinein, ſchützt aber den Wohlſtand. Er zeigt ſich prunkend bei Familienfeſten.
Bei Hochzeiten, zumeiſt im Herbſt, geht's hoch her. Es kommt beim Bauern nicht auf die Perſon an, die man freit, es kommt aufs Gut an. Man freit ans Gut und freit ein Gut an. Das Ding⸗ liche herrſcht durchaus dem Perſönlichen vor. Unter dem Geſichts⸗ punkt kommt die Verſchreibung und Ehe zu Stande.
Der Bräutigam holt die Braut zur Trauung und auf ſeinem Hof ab. In drei Wagen geht der Zug. Auf dem erſten, dem Stuhl⸗ wagen, ſitzen Braut und Bräutigam allein. Den folgenden, den großen Leiterwagen, ziehen vier oder ſechs Pferde. Vorn ſitzen, be⸗ bändert, beſträußt, die Brautjungfern. Von ihren kleinen Mützen, roth eingefaßt, fallen kirſchrothe, ſeidene Bänder, zwei Hand breit jedes, aus breiter Schleife weit den Rücken hinab. Es iſt die ge⸗ wöhnlich ungemein kleidſame, ſonntägliche Tracht. Hinter den Jung⸗ frauen ſitzt die Frau, die nach rechts und links aus vollem Korbe Pfeffernüſſe den jauchzenden Kindern am Wege ſtreut. Dann erhebt ſich ſtolz der hohe, polirte Brautſchrank, rechts und links blaſende Muſikanten. Dann kommt der Koffer, das Spinnrad und der be⸗ bänderte Haspel. Rings um den Wagen jagen die„Birider“, Burſchen, oft zwanzig bis dreißig, auf bäumenden Pferden, wallende Bänder an den Mützen, an den Zügeln der Pferde, an den knallenden,
ſchallenden Peitſchen. Unter ihnen reiten blaſende Muſikanten. So brauſt der ſchallende, klingende Zug durchs Gefild, hinter ſich den Küchenwagen, als dritten des Zuges, mit Schinken, Butterkuchen, Fleiſch und Geflügel zur großen Gaſterei. Die iſt wahrlich umfang— reich.— Das junge Paar iſt aus der Kirche zurückgekommen. Die junge Frau hat die Krone abgelegt, die nur einmal im Leben getragen wird. Es iſt ein hoher Myrthenkranz, von dem handbreite, bunt⸗ ſeidene Bänder, ein breiter, den ganzen Rücken umhüllender Fluß, bis zu den Füßen hinabreichen. Dazu gehört der große Strauß künſtlicher Blumen vor der Bruſt. Von ihm hinab fallen blauſeidene Bänder in großer Fülle gleichfalls bis zu Füßen. Die Krone iſt abgelegt, die Mahlzeit beginnt. Der Paſtor hält das Tiſchgebet. Vom Hof des Bräutigams ſind etwa zum Verſpeiſen geliefert: ein Ochſe, anderthalb fette Schweine, fünf Gänſe, zehn Enten, hundert und zehn große Butter- oder Platen-Kuchen. Aber ebenſoviel hat der Hof der Braut zu liefern gehabt. Und das iſt nicht zu viel für die hundert Geladenen, zumal wenn man in Anſchlag bringt, daß die Hochzeit mindeſtens drei Tage dauert. Darum bringen die Geladenen auch Backwerk mit, quartieren ſich Abends bei Nachbaren im Dorfe ein und kommen des andern Morgens fröhlich wieder über den Ring ins Hochzeitshaus gegangen, vor dem die Buben und Mädchen ſich tummeln, unverhältnißmäßige Kuchenſtücken zwiſchen den Backen.
Doch bald hätten wir den„Lichtertanz“ vergeſſen. Er iſt der erſte des erſten Abends nach der Trauung. Auf dem weiten Hausflur ſind in großem Kreiſe Jungfern und Burſchen abwechſelnd geordnet. Jedes der Mädchen trägt eine brennende Kerze in der Hand, mit Grün und Blumen umwunden, und zwar ſo hoch hinauf umwunden, daß das Licht, die Flamme ſelbſt, durch das zarte Grün der Blätter und die Blüten hindurch ſcheint. Der ganze Kreis ſteht geſchloſſen ſtill und lautlos. Nun beginnt die Muſik in langſamen, faſt feierlichen Tönen. Der Paſtor, ſo iſt's der alte Brauch, tanzt, oder vielmehr geht, in ebenſo langſamer und feierlicher Weiſe mit der jungen Frau ringsum, während alles ſchweigt, alles lautlos feſtſteht. Es iſt wahr, es liegt etwas Eigenthümliches in dieſem Lichtertanz, und es iſt ebenſo gewiß, daß den Alten dabei die hellen Thränen in den Augen ſtehen.
Sind die Wenden gegen die Kinder weich, ſo ſind ſie gegen die Alten hinterm Ofen wirklich immer noch hart. Ich ſage: immer noch, und erinnere mich der Geſchichte, die der alte Cranzius in ſeiner„wen⸗ diſchen Geſchichte“ erzählt, und die noch um 1400 möglich war.
Einſt fuhr eine Dame aus dem alten Hauſe der Grafen von Lüchow durch den„Jammerbrok“, einen Wald zwiſchen Dannenberg und Lüchow, der heut noch das Jammerholz heißt. Da hört ſie aus dem Dickicht ein angſtvolles Wimmern. Sie läßt anhalten und nach⸗ ſehen. Was iſt's? Ein Bauer, der ein tiefes Loch, ein Grab ge⸗ graben hat, und ſo eben ſeinen alten Vater hineinwerfen und alſo lebendig begraben will.— Cranzius erzählt, das ſei einmal allgemein feſtſtehende wendiſche Sitte geweſen, die Alten, Arbeitsunfähigen ſo zu beſeitigen. Man habe dann, ſetzt er hinzu, den Alten zugerufen: „Krup under!“ So hätten ſie in die Erde gemußt.— Ich wollte ſagen, es ſcheint, daß ein kleines Wenig von dieſem alten National⸗ zuge noch heutigen Tages im Stamme ſitze.
Aber es wäre ſchreiendes Unrecht, ſo von ihm zu ſcheiden. Denn wenn man den Volksſtamm auf ſeinem alten Grund und Boden, auf ſeinen ſtattlichen Höfen, umfaßt von den grünen Klanzeien, unter ſeinen hohen Eichen, vom kümmerlichen Obſtbaum noch gänzlich un⸗ verdrängt, ſchalten und walten ſieht, wie er von ſtädtiſcher Kultur beleckt, aber noch nicht zerſetzt iſt, wie er auf angeſtammtem Erbe be⸗ haglich, aus dem Vollen, fleißig lebt, und noch nicht alles zu Gelde macht, wie er in Milch und Butter und aller Fülle ſitzt, gaſtfrei Jedermann reicht, aber nicht davon verkauft, zu Ehren des Hofes— ſo bekommt man den Stamm der Leute lieb. Und wenn ſie, die Mannsleute in ihren ſchlichten Beiderwands⸗Röcken, ſelbſtgeſponnen und ſelbſtgewebt, die Frauen in der gleichmäßigen ſchwarzen wendi⸗ ſchen Tracht mit weißem Bruſttuch, keine andere Farbe duldend, die Mädchen mit den rothen Bändermützen zu den Kirchen gehen, die hie und dort mit den breiten, niedrigen, maſſiven Thürmen über die Erlen der Klanzeien hervorſehen— denn bis zur Höhe der Eichen reichen ſie nicht,— wenn ſie ſo ernſt wandern, ſie machen den Ein⸗ druck eines ganzen Volkes. Denn zu einem ganzen Volke gehört der durch Reflexion noch nicht zerſetzte Glaube, die Beugung vor dem ererbten Heiligen. Dies Heiligthum iſt ihnen auf den Spitzen der ſächſiſchen Schwerter, ſo zu ſagen, ſpäter als anderen gebracht, aber


