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ſchäftsträger am Hofe von Würzburg hat Ihnen eine Lection de
haute diplomatie gegeben! Wie haben Sie überhaupt nur glauben
können, daß er Ihre ziemlich indiscreten Fragen mit einer ſolchen Jetzt reibt ſich der alte Herr
Freimüthigkeit beantworten konnte! 1 vielleicht ſeelenvergnügt die Hände und ſagt ſich:„Die Pſchen Diplomaten ſind mir doch nicht gewachſen.“
Ich ſtand wie verſteinert da— ich war wüthend auf den Ge⸗ ſandten, wüthend über mich ſelbſt— wüthend auf Herrn Mocquard!! —„und könnte ich Ihre perſönliche Meinung erfahren, Excellenz?“ ſagte ich endlich.
„Ich glaube, daß wenn man die Hälfte von dem, was die öffentliche Meinung ſagt, abzieht und es dem, was Ihnen Herr Mocquard geſagt, zuſetzt, ſo wird man den rechten Punkt des Ver⸗ hältniſſes, in dem dieſer Herr zum Kaiſer ſteht, treffen!— Sie ſollen
ſehen, welche Antwort Sie auf die Denkſchrift des Barons erhalten Ja, der
werden?— Ich wette, ein einfaches Bedaurungsſchreiben. Kaiſer hat etwas vor allen andern Fürſten voraus! Er hat gewußt
ſeine Diener ſich zu Freunden— zu gediegenen Freunden zu machen!! — Alle ziehen ſich in den Schatten zurück, wenn es gilt, ihren Ge⸗
bieter glänzen zu laſſen! und unter allen dieſen Freunden ſtehen
die Herren Mocquard und Perſigny obenan!— Beide ſind die
Incarnation des Bonapartismus!“ Ich muß geſtehen, daß ich meinem Herrn Geſandten ſehr wenig
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Glauben ſchenkte— er war ſchon hoch in den Sechszigern und ge⸗ hörte einer andern Schule wie ich, an! In der nächſten Woche zog ich Erkundigungen über Herrn Mocquard und ſeine Stellung ein— und erhielt die verſchiedenſten Antworten auf meine Fragen! Nie⸗ mand aber wollte glauben, daß dieſe Stellung eine ſo untergeordnete ſei, wie er verſucht hatte, es mir verſtehen zu geben!
Am Anfange der folgenden Woche erhielt der Baron eine Ant⸗ wort auf ſeine Denkſchrift!— wie es der Geſandte vorausgeſehen hatte, war es ein einfaches Bedaurungsſchreiben, welches dem lücken⸗ haften Geſetze die einzige Schuld an dem Vorgefallenen zuſchrieb!— Am nächſten Morgen jedoch erhielt mein Freund ein Schreiben des Staatsminiſters, welches ihm anzeigte, daß Seine Majeſtät ihn zum Ritter der Ehrenlegion ernannt hätte!
Mein Herr Geſandter ließ ein wenig die Naſe hängen!— er mußte ſelbſt eingeſtehen, daß, wie Herr Mocquard es mir geſagt hatte, niemand wie der Kaiſer fähig geweſen wäre, dieſe unangenehme Frage auf eine ſo würdige Art und Weiſe zu löſen!
Bevor ich Paris verließ, ſah ich noch einmal Herrn Mocquard auf einem Balle im Hôtel de ville— er drückte mir im Vorbei⸗ gehen die Hand und fragte mich, ob ich ihn denn nie wieder beſuchen würde! Doch die Worte des Geſandten waren mir noch nicht aus dem Kopfe gekommen— ich traute mir ſelbſt nicht und zog vor, mich keiner neuen Probe auszuſetzen.
Kus allen deutſchen Gauen.
Im hannöverſchen Wendlande.
Alte Originale muß man feſthalten, denn man behauptet, die gleichartigere Bildung ſei im Begriff, das Urſprüngliche, Verſchieden⸗ artige in Sitte, Tracht, Bauart, das mannigfaltig Gewordene immer mehr zu verwiſchen. Ich hoffe dem günſtigen Leſer etwas Eigen⸗ artiges und Originales vorführen zu können, indem ich ihm einen Blick in das hannöverſche Wendland verſtatte.
Wir verlaſſen die Celle⸗Harburger Bahn und wenden uns von Uelzen ab der Elbe zu. Nach fünf Stunden etwa werden wir auf den letzten Ausläufern der Lüneburger Haide anlangen. Es ſind mit Haide bedeckte, durch Haideflächen verbundene Dünen, welche in das Tiefland der Elbe vorſpringen. Kleine Fußwege, mit feinem weißen Sand bedeckt, durchſchneiden hier oder dort die braune, ein⸗ tönig ausgegoſſene Farbe der welligen Fläche. Das Braun geht in Roth über, oder in Grau, das Ganze macht den Eindruck melancho⸗ liſchen Ernſtes, erhöht durch den düſtern Föhrenwald, oder durch das dunkle Erlengeſtrüpp in der moorigen Senkung. Hie und dort liegt ein verwitterter Granitblock, röthlich mit kümmerlicher Flechte bedeckt, oder weiß, wie von Regen und Sonne gebleicht. Oder ein cirkel⸗ runder Erdaufwurf, von Haide überwuchert, erhebt ſich einſam über der ſchweigenden Strecke— es iſt ein Hünengrab. Oder ein Bienen⸗ ſtand feſſelt einen Augenblick das Auge— aber nichts bricht den Eindruck ernſten, tiefen Schweigens. Das iſt der Charakter der Haide.— Aber jetzt auf der letzten Höhe wird mit einem Schlage das Bild ein anderes.
Vor uns ein weites, grünes Tiefland. Wir ſehen mit einem Male die Thürme von Dannenberg, den hohen, ſpitzen Stadt⸗ thurm, den ſtarken, runden Burgthurm, auf dem König Waldemar von Dänemark einſt gefangen ſaß, die Thürme von Lüchow, und weit im Dämmerblau den hohen Thurm von Salzwedel. Am Hori⸗ zont niedrige mecklenburgiſche Höhen jenſeits der Elbe. Die Rauch⸗ ſäulen der Schleppdampfer zeichnen uns ihren Lauf von Gartow her. Vielleicht zeigen niedrige Segel den Gang der Jeetzel, die von Salzwedel herab Wuſtrow, Lüchow, Dannenberg berührt, und bei Hitzacker in die Elbe tritt, nachdem ſie langſam in tiefen Ufern das Wendland durchzogen.
Wir überſehen dieſes Stück Landes mit einem Blicke, welches ſeit Alters von Wenden, wendiſchen Polaben, bewohnt, ſich in Sprache, Sitte, Bauart als ein ganz beſonderes ausweiſt. Als in Hamburg, Lübeck, die Oſtſee entlang Klöſter, Bisthümer, Domſchulen ſchon lange blühten, da war dies Stück der Welt noch lange heidniſch. Da wurde hier vor dem Bild des Götzen Prove noch geopfert, und man eilte zum blutigen Opferdienſt nach Rhetra, wo das Heiligthum
Radegaſts im See ſtand. Hier koſtete die Bekehrung der Wenden viel Sachſenblut. Und als Heinrich der Löwe die Kirche in der Hauptſache hier feſtgeſtellt, da dauerte es noch lange, bis der geborne Wende in Lüneburg oder Uelzen das Stadtrecht erlangen konnte. Das Volk blieb ſomit, germaniſirt in Sprache, chriſtlich im Kultus— wendiſch in ſeiner ganzen Art. Daher noch heut, wie die Ortsnamen ſelbſtverſtändlich wendiſch ſind, eine große Zahl noch geſprochener wendiſcher Worte. Ja heut noch gelten die Namen der alten Gaue. Der Wende im Drawän unterſcheidet ſich von dem im Lemgow. Wer ins Land tritt, findet ſich auf Schritt und Tritt von Eigenartigem und Uraltem umgeben.
Die Haidehöhen haben wir hinter uns. Vielleicht wandern wir zuerſt über moorige Wieſen, hier und dort ein Torfbruch. Aber in geringer Entfernung vor uns erhebt ſich ein Gebüſch von Erlen, darüber ragen mächtige Eichen. Rechts und links ähnliche Wald⸗ inſeln auf der weiten Trift. Wir wählen die mittelſte, und nehmen den Weg dahin. Er geht durch Erlen und Birken. Nun aber haben wir bald dichtes Gehölz zu beiden Seiten. Wir dringen weiter vor auf dem Wege, da blicken Strohdächer durch Stämme und Geäſte. Noch weiter und wir erblicken uns auf einem Dorfringe. Es iſt ein ſelt⸗ ſamer Anblick. Es ſind acht bis zwölf Häuſer in der Regel, die in vollkommenem Kreiſe ſtehen, alle mit der Giebelwand dem runden Dorfplatz zugekehrt. Aller Giebel iſt mit den hölzernen Pferdeköpfen in der Spitze geziert, ſowie jedes Haus drei Thüren dem Platze zu⸗ kehrt, das große Thor zur Hausflur, und zwei Thüren für das Vieh auf jeder Seite des Thores. Ueber dem Hauptthor der lange, die ganze Fronte einnehmende Bibelſpruch, bei alten Häuſern in den Balken geſchnitten; bei neuen mit weißer Oelfarbe auf grünen Grund geſchrieben. Aber ein frommer Spruch ſteht auch über jeder der Thüren: Bete und arbeite,— oder: Gott ſegne mein Vieh! In der Giebelſpitze aber, in der Höhe, prangt faſt überall: Allein Gott die Ehre! oder: Ehre ſei Gott in der Höhe! Und bei neuen Gebäuden iſt's mit Luſt und Liebe weiß auf blauem oder grünem Grund glän⸗ zend gemalt.
Treten wir in die Mitte des Dorfringes, der vollkommen ſchwei⸗ gend liegt, wenn wir nicht die zahlreichen Hunde geweckt haben, ſo erblicken wir alſo, drehen wir uns nur auf dem Abſatz herum, einen innern Ring von breiten Giebeln, wir blicken durch die offenen Haus⸗ thore auf ſämmtliche Fluren, erblicken ſämmtliche Herde in ihrem Hintergrunde, erblicken hinter den Häuſern den weiten Kreis der Baumkronen, der Klanzeien oder Waldſtücke, welche rings das Dorf umſchließen, denn wir ſtehen in einem Centrum, deſſen Radien jedes


