Jahrgang 
1865
Seite
331
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fünf Minuten hintereinander ſprechen, ohne einen fürchterlichen Schmerz in der Kehle zu empfinden! Das war der Lohn für eine Sünde! eine diplomatiſche Sünde nämlich, ſetzte er lachend hinzu.

Sie machen mir Furcht, rief ich,gibt es denn auch diplo⸗ matiſche Sünden?

Nur eine, antwortete er lachend,die Apoſtaſie! Ja, mein Herr, ich hatte die Diplomatie verläugnet, und Mercur, ihr Schutzgott, rächte ſich!

Sie bringen uns in eine ſchöne Geſellſchaft, erwiederte ich, ich wußte es nicht, daß wir unter Mercurs Schutze ſtänden ebenſo wenig wie ich es wußte, daß Sie einmal den Fuß in unſre Carrière geſetzt hätten

Und mit einem Erfolge, von dem die heutigen Diplomaten gar keine Idee haben, ſagte Mocquard,denken Sie ſich, im Jahre 1812, ich war 22 Jahre alt, war ich Geſchäftsträger des Kaiſers Napoleon I am Hofe von Würzburg!

Und Sie gaben dieſe glänzende Stellung auf, um

Umſprechen zu können, mein Herr! O, Sie können ſich nicht vorſtellen, was ich dabei auszuſtehen hatte! Das Paradoxon des Herzogs von Talleyrand, daßSprechen die Kunſt, ſeine Ge⸗ danken zu verbergen ſei, iſt in der Diplomatie ziemlich richtig, aber noch richtiger war damals: Gänzlich ſchweigen iſt die Kunſt der Diplomaten! Ich hielt es kaum ein Jahr aus, ich forderte meine Entlaſſung, zog die goldgeſtickte Uniform des Geſchäftsträgers aus und den ſchwarzen Talar des Advokaten an Sie haben gehört, wie ich auch dieſen niederzulegen gezwungen ward!

Und was ſagten Ihre verbannten Freunde in Aremberg zu dieſem Unfalle? fragte ich.

Es ging ihnen ſehr nah, erwiederte Mocquard,aber ſie kannten meinen Hang zu den Wiſſenſchaften und begriffen, daß ich hierin einen Troſt finden würde. Bis 1830 brachte ich meine Zeit auf dieſe Weiſe hin und glaubte mein öffentliches Leben ſei ſchon be ſchloſſen, als mich die Julirevolution meinen Studien entriß und mich auf Empfehlung alter und bewährter Freunde zum Präfekten von Bagnores de Bigorre ernannte!

Das war das dritte Mal, daß ich meine Carrière wechſelte und zu dieſer dritten, das begriff ich in den erſten Tagen ſchon, hatte ich noch weniger Geſchmack und Neigung als zu der erſten! Fügen Sie hinzu, daß ich mich keineswegs verpflichtet glaubte, meine freund⸗ ſchaftlichen Beziehungen mit der Familie Bonaparte meiner officiellen Stellung halber aufzugeben, und daß ich deshalb bei dieſer Regierung als Bonapartiſt ſchlecht angeſchrieben ſtand, und Sie werden leicht einſehen, daß ich mit Freuden die Gelegenheit ergriff, mich zurück⸗ zuziehen, als ich in der für Frankreich ſo erniedrigenden Politik von 1840 einen genügenden Grund mir ſelber gegenüber fand!

Und jetzt, fragte ich weiterfühlen Sie ſich in dieſer hohen Stellung, um die Sie ſo viele wie ich gehört habe, ſelbſt Miniſter beneiden, fühlen Sie ſich hier in Ihrem wahren Wirkungskreiſe?

Ja und nein, erwiederte er.Ja; denn wie ich Ihnen ſchon vorhin geſagt habe, behandelt mich der Kaiſer wie einen Freund im wahrſten, weiteſten Sinne des Wortes. Nein; denn mit einem Manne wie der Kaiſer hört alle perſönliche Initiative auf, und Sie wiſſen, daß wir alte Advokaten, die mit dem Parlamentarismus auf⸗ gewachſen ſind, uns gerade etwas darauf einbilden.

Sie werden ſelbſt begreifen, wie ſehr Sie mich in Erſtaunen ſetzen, Herr Mocquard, ſagte ich,denn Sie ſelbſt werden von den Gerüchten, die in einem gewiſſen Publikum circuliren, unter⸗ richtet ſein!.

Ja, man ſagt, daß ich die Reden und Schriften des Kaiſers verfaſſe, rief er lachend.Selbſt dieſes Talent wollen ſie meinem armen Kaiſer nicht gönnen! Es iſt aber auch zu toll! Gott gebe, daß ſie Recht hätten dann würde ich mir in meinen eigenen Augen doch etwas mehr werth ſein aber hören Sie, wie es geht! Nehmen wir z. B. die Denkſchrift Ihres Freundes, des Barons St.t ich erhielt, öffnete und las ſie; am andern Morgen legte ich ſie Seiner Majeſtät vor, und einige Tage ſpäter erhielt ich ſie wieder zurück mit der Randbemerkung:Meinung des Juſtizminiſters? Da ſandte ich ſie an den Staatsminiſter, welcher ſie dem Juſtizminiſter überbringen ließ, und nach ungefähr einer Woche bekam ich ſie auf demſelben Wege wieder zurück und legte ſie von neuem mit der moti⸗ virten Meinung des Juſtizminiſters dem Kaiſer vor. Vor einigen

Tagen ließ er mich rufen, und indem er mir die Denkſchrift zeigte, ſagte er:Haben Sie irgend eine neue Anſchauungsweiſe über dieſe Sache? und als ich verneinte, ſprach er von andren Dingen. Wahr⸗ ſcheinlich werde ich in nächſter Woche die Denkſchrift mit der Ent⸗ ſcheidung des Kaiſers wieder zurückerhalten und ſie dem Abſender zurückſchicken! Und das iſt alles, was ich in dieſer Sache gethan habe und hätte thun können!

Aber die ſo meiſterhaft geſchriebenen Briefe des Kaiſers? meinte ich.

Ja! Das iſt etwas andres! antwortete er.Sie ſollen ſehen, wie ſehr ich an der kaiſerlichen Correſpondenz betheiligt bin. Hören Sie! Wenn der Kaiſer irgend einen Brief beantwortet oder direct an irgend eine Perſon ſchreibt, ſo bekomme ich auf einem Bogen Papier folgende Befehle:Schreiben Sie an Hrn. X., daß u. ſ. w. u. ſ. w. Wiſſen Sie, was ich dann zu thun habe? die Ueber⸗ ſchrift und die Begrüßungsphraſe am Ende des Briefes zu verfertigen und die einzelnen Phraſen zuſammenzuſetzen auch die Inter⸗ punktion muß ich beſorgen, denn der Kaiſer iſt ein geſchworner Feind aller Kommas!

Aber die Reden! jene meiſterhaften Reden, die, abgeſehen von ihrem Inhalt, einen wirklichen literariſchen Werth haben?

Bei denen, mein Herr, habe ich eine noch weit untergeordnetere Stellung da bin ich ein bloßer Copiſt einer oft ſehr unleſerlichen Handſchrift!

Ich kann mir das nicht denken, Herr Mocquard, ſagte ich, daß Sie Ihre Individualität ſo ganz verleugnen können

Ich will Ihnen das in zwei Worten erklären, mein Herr, antwortete er mirich verehre den Kaiſer, denn ſein hoher Geiſt beherrſcht mich ganz und gar und ich liebe den Kaiſer, denn ich weiß, wie ſehr er mir zugethan iſt und mit den beiden Gefühlen koſten die Opfer der Eigenliebe ſehr wenig!

Eine letzte Frage, Herr Mocquard, und Sie haben mich be⸗ ſiegt: Man ſagt, der Kaiſer ſei der Verfaſſer einer Lebensgeſchichte Julius Cäſars, welche erſt nach ſeinem Tode publicirt werden ſoll. Hier wenigſtens können Sie Ihre Mithilfe doch nicht leugnen? Sie, deſſen Ueberſetzung des Tacitus als die beſte gerühmt wird, Sie, die Sie mit Ihrem Romane Jeſſie ein unläugbares Schriftſtellertalent bewieſen haben!

Auch hierin täuſchen Sie ſich, mein Herr, antwortete mir der Secretär des Kaiſers.Ich weiß nicht, ob dieſes Werk erſt nach dem Tode des Kaiſers veröffentlicht werden ſoll oder nicht, glaube aber, daß er ſich bewegen laſſen wird, es bald, vielleicht früher, als man es glaubt, zu publiciren! Auf jeden Fall wird es etwas Außergewöhnliches ſein, denn der Styl des Kaiſers iſt Ihnen bekannt, und die Mittel, über die er verfügt, machen es ihm leicht, ein Werk zu liefern, welches als einziges ſeiner Art daſtehen wird. Ein Beiſpiel möge Ihnen eine Idee von dieſem Buche geben. Seit drei Jahren läßt der Kaiſer Ausgrabungen machen, um den beſtimmten Ort der von Vercingetorix vertheidigten Feſtung Aleſia zu finden, und um dem Leſer einen Plan dieſes Ortes geben zu können eine Commiſſion iſt nach Afrika und Aſien gegangen, um die Localitäten zu ſtudiren, und ſeit vielen Jahren arbeitet der Kaiſer an dieſem Werke, und es werden Jahre vergehen, ehe er es vollendet hat! Was meine Mitwirkung betrifft, ſo beſchränkt ſie ſich auf einige intime Plaudereien mit Seiner Majeſtät über dieſen Gegenſtand; ich habe einige Kapitel des Manuſcripts geleſen, und da mich bis jetzt der Kaiſer noch nicht über meine Meinung gefragt hat, ſo habe ich es noch nicht gewagt, ſie ihm gegenüber zu äußern!

Wir ſtanden auf und Herr Mocquard begleitete mich bis zum Gitter ſeiner Villa; ich empfahl ihm noch einmal die Angelegenheit meines Freundes und dankte ihm herzlich für ſeine freundliche Auf⸗ nahme. Er reichte mir beim Abſchiede die Hand und ſagte:Jedes⸗ mal wenn ich die Gelegenheit finde, meinen ſo verläumdeten Gebieter, einem Ehrenmann gegenüber, zu rechtfertigen, ſage ich wie Titus: Dieſer Tag iſt kein verlorner in meinem Leben!

Am ſelben Nachmittage erzählte ich meinem Geſandten von dem Beſuch, den ich bei Herrn Mocquard gemacht hatte und wie ich meine Erwartungen getäuſcht geſehen hätte, indem ich in der ſogenannten Feder Cäſars nur einen ſeinem Gebieter ganz ergebenen, ſehr intelligenten Mann gefunden hätte, der aber allem dem, was ich über ihn gehört, nicht im geringſten entſprach. Der Graf lächelte fein.

Mein lieber Freund, ſagte er,ich glaube, der frühere Ge⸗