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zuwider ſei, er will aber nichts hören— er fährt in ſeinem traurigen eingeſtehen, daß jedesmal, wenn ein Geſetz dem geſunden Menſchen⸗
Syſteme ſort, und der Tag wird kommen, wo ihm die Eier, die natür⸗ lichſte Nahrung des Menſchen, durch ſeinen unnatürlichen Zuſatz ver⸗ leidet werden!— Ich geb' Ihnen mein Wort’, nur wie ich ſie eſſe, ißt man die Eier ſich nie zum Ekel.“
Ich glaubte zu träumen.— Das war der Mann, von dem man ſagte, er habe einen ſo außer ordentlichen Einfluß auf den Kaiſer. Unmöglich!— Der alte Schwätzer, wie konnte der wohl an Welt⸗ angelegenheiten denken?
„Ich hoffe, Herr Mocquard,“ ſagte ich,„daß Sie in anderen Fragen nicht ſo uneins mit dem Kaiſer ſind?“
Er ſah mich einen Augenblick flüchtig an.
„Nun!“ ſagte er—„ich habe oft Streitigkeiten mit ihm— à propos— was halten Sie von der Cigarre, die Sie rauchen?“
„Ich möchte verurtheilt werden, mein ganzes Leben lang keine andre Sorte zu rauchen,“ antwortete ich.
„Nun ſehen Sie!“ rief er, indem er eine Hammelcotelette her⸗ beirückte—„da haben Sie einen anderen Streit zwiſchen dem Kaiſer und mir— Seine Majeſtät behauptet, ſie wäre zu ſchnell getrocknet
— und da ich weit entfernt bin, alle Meinungen meines kaiſerlichen Herrn gut zu heißen, ſo habe ich ihm offen und frei geſagt, daß ich die Cigarre für gut halte. Wiſſen Sie, was er mir darauf geant⸗ wortet hat?— Nun dann ſolle ich ſie nur rauchen! und hat mir 5000 derſelben geſchickt!! Ja, mein Herr,“ ſetzte er ſeufzend mit vollem Munde hinzu,„der Fürſtendienſt iſt nicht ſo leicht, wie es ſcheint!“
Das war zu viel. Das Maß war übervoll und lief über. Ich begriff, daß Herr Mocquard ſich über mich moquirte— aber weshalb er es that, war mir unbegreiflich. Meine diplomatiſche Ehre jedoch ſtand auf dem Spiele und ich mußte ſie zu retten ſuchen.
„Ich begreife nur nicht,“ ſagte ich,„daß bei ſolcher Meinungs⸗ verſchiedenheit mit dem Kaiſer und beſonders bei ſo wichtigen Gegen⸗ ſtänden, wie Eier und Cigarren, es Ihnen möglich iſt, Ihre Stellung zu behaupten. Sie müſſen eine außergewöhnliche Geſchicklichkeit be⸗ ſitzen, Herr Mocquard.“— Er ſah von ſeinem Teller auf und blickte mich ziemlich ſpöttiſch an.
„So ziemlich, Herr Geſandſchaftsſecretär,“ ſagte er, indem er meinen Titel mit einem beſonderen Ausdrucke betonte.
Ich ſchwieg und dachte nach.— Eine alte Geſchichte war mir plötzlich ins Gedächtniß gekommen und ich glaubte den Schlüſſel des Räthſels gefunden zu haben. Der Graf B. nämlich hatte vor eini⸗ ger Zeit geglaubt, daß in einer Miſſion, die ihm beim Kaiſer zu miß⸗ lingen ſchien, es geeignet wäre, ſeinen Secretär zu Hrn. Mocquard zu ſchicken, um auf einem nicht geraden— ich meine auf einem diplomatiſchen Wege— zu ſeinem Ziele zu gelangen. Herr Mocquard hatte bei Zeiten eingeſehen, welch eine Rolle man ihm zutheilte und hatte dem armen Grafen arg mitgeſpielt.
Sollte er vielleicht glauben, daß ich in derſelben Abſicht zu ihm gekommen wäre? dachte ich.
„Würden Sie es glauben, Herr Mocquard,“ ſagte ich,„wenn man Ihnen erzählen würde, daß ich zu Ihnen gekommen ſei, um Ihnen im Namen der Geſetze Frankreichs Vorwürfe zu machen.“
„Von einem es ſchen Diplomaten glaube ich alles,“ erwiederte er lächelnd.— Ich fühlte den Stich, doch ich fuhr, ohne darauf zu achten, fort:
„Vor einem Monate ſchon erhielten Sie eine von Herrn Lachaud angefertigte D Denkſchrift, meinen Freund, den Baron v. St.at be⸗ treffend und wir erwarten immer noch die Entſcheidung Seiner Ma⸗ jeſtät in einer ſo delikaten Angelegenheit!“
Herr Mocquard legte die Serviette fort— ſah mich einen Augenblick feſt an und ſtand auf.
„Ich bitte Sie um Verzeihung, Sie ſo lange aufgehalten zu haben,“ ſagte er in einem Tone, der vollkommen von dem frühe⸗ ren abwich.„Bitte kommen Sie in mein Kabinet, wir wollen über dieſe Angelegenheit ein ernſtes Wort ſprechen!“
Ich folgte ihm und wir betraten ein vollſtändig mit Büchern und Papieren überfülltes Arbeitszimmer, in dem kaum ein ziemlich kleines Bureau und unſere zwei Stühle Platz hatten. Hier ſprachen wir ein Langes und Breites über die betreffende Denkſchrift, und Herr Mocquard bewies mir klar und deutlich, den Code Napoléon in der Hand, wie es ſchon die Herren Chaix-d'Eſt⸗Auge und Lachaud ge⸗ than hatten, daß hier nichts zu thun wäre, als den Baron zu bedauern.
„Aber es iſt ja ein Unſinn!“ rief ich,„und Sie werden mir
ſchreibt mir einen Einfluß
verſtand entgegen iſt, das Geſetz nicht befolgt werden kann!“ „Das könnte ich auch beſtreiten,“ erwiederte er,„doch ich bin
gleichfalls von dieſem Staudpunkte ausgegangen, als ich Seiner Ma⸗
jeſtät den ganzen Vorfall mittheilte.“
„Und was haben Seine Majeſtät beſchloſſen?“ fragte ich.
„Sehen Sie, mein Herr— ich wette, daß in dieſem Fall die ganze Geſchicklichkeit des Kaiſers ſich entwickeln wird. Drei Juriſten, Chaix, Lachaud und ich, und— ich ſage es Ihnen im Vertrauen— ſogar der Juſtizminiſter haben keinen Ausweg gefunden— aber ich gebe Ihnen die Verſicherung, der Kaiſer wird ein Mittel ſinden, das uns alle in Erſtaunen ſetzen wird, um Ihrem Freunde Gerechtigkeit gegen die Geſetze widerfahren zu laſſen.“ 5
„So überzeugt ſind Sie?“ fragte ich ungläubig.
„Ich kenne den Kaiſer,“ antwortete er kurz,„und ich gebe Ihnen keine acht Tage, um die Ueberzeugung zu gewinnen, daß weder Sie, noch ich, noch irgend jemand fähig geweſen wäre, dieſe unangenehme Frage auf ſolche würdige Weiſe zu löſen.“
„Ich bin begierig,“ erwiederte ich,„es zu ſehen, und glauben Sie es mir— perſönlich werde ich Ihnen ſehr verpflichtet ſein, wenn Sie die verſprochene Entſcheidung ſo viel wie möglich beſchleunigen!“
Wir kehrten in den Salon zurück, wo Herr Mocquard mich bat, eine Taſſe Kaffee mit ihm zu trinken. Wir unterhielten uns mehr denn zwei Stunden und ich gewann die Ueberzeugung, daß ich es mit einer der freundlichſten, offenherzigſten Perſönlichkeiten des Kaiſer⸗ reichs zu thun hatte, und ich zwang ihn, mir zu geſtehen, daß ſein erſter Gedanke, als ich mich bei ihm anmelden ließ, der war, daß ich in Geſandſchaftsangelegenheiten und nicht in Privatſachen käme.
„Meine Stellung iſt eine äußerſt ſchwierige,“ ſagte er,„man zu, den ich ganz gewiß nicht beſitze. O! wenn Sie den Kaiſer kennten, Sie würden begreifen, daß ich factiſch nichts mehr als ſein erſter Secretär bin, und daß, wenn ich manch⸗ mal meine Meinung ihm gegenüber äußere, dies nur in Eigenſchaft eines langjährig bewährten Freundes geſchieht.“
„Wie lange kennen Sie den Kaiſer ſchon?“ fragte ich.
„Seit länger als 40 Jahren,“ antwortete Mocquard lachend, „der Kaiſer war 9 Jahre alt, als ich ihn zum erſten Male im Schloſſe Aremberg, wohin mich das Gefühl von Verehrung, welches ich ſeit meiner früheſten Jugend für die Familie Bonaparte empfunden habe, zog. Die Königin Hortenſe bewohnte, wie Sie wiſſen, mit ihren zwei Kindern, dem jetzigen Kaiſer und ſeinem älteren Bruder, das Schloß. Es war im Jahre 1817, als ich auf einer Vergnügungs⸗ reiſe durch Deutſchland mich dorthin begab. Ich hatte keinen andern Zweck, als die hohen Verbannten meiner aufrichtigſten Hochachtung zu verſichern— und doch hat dieſe Reiſe meinem ganzen Leben eine andere Wendung gegeben.“
„Welch Stellung hatten Sie denn damals?“ fragte ich.
„Eine Stellung, mein Herr,“ antwortete Mocquard mit vielem Feuer,„die ich jeder andern vorziehe, ſelbſt der des Secretärs des Kaiſers— ich war Advokat!— und es heißt, daß ich der franzöſi⸗ ſchen Advokatur, die Leute wie Berryer und Dupin damals ſchon in ihren Reihen zählte, Ehre machte!— ſo behauptete wenigſtens Lord Brougham, welcher eine meiner Vertheidigungsreden in dem berühmten politiſchen Prozeſſe der„ſchwarzen Stecknadel,“ mit Lord Lyndhurſt und Lord Ellenborough mitanhörte. Merkwürdige Leute, dieſe Engländer!— Beinahe 30 Jahre lang haben dieſe drei be⸗ deutenden Redner und Staatsmänner mir ein aufrichtiges Wohlwollen bewahrt und mir manch einen Beweis davon gegeben— und warum? — weil eine meiner Reden ihnen gefallen!!“
„Warum verließen Sie aber dieſe Carrière, die Ihnen ſo zu gefallen ſchien, und die Sie gewiß in Frankreich bis zu den höchſten Stufen des Staatsdienſtes hätte führen können,“ fragte ich.
„Es war ſo beſtimmt!“ erwiederte Herr Mocquard ſeufzend, „noch heute bedaure ich es— aber es ging nicht anders! Ich hatte mir eine leichte Halsentzündung in dem ſtrengen Winter von 1822 zugezogen und ſie nicht beachtet— ich hatte ungeheuer viel Prozeſſe vor mir, arbeitete faſt ununterbrochen alle Nächte und plaidirte bei Tage.— Da erwache ich eines Morgens heiſer, und um 12 Uhr ſchon war ich unfähig, einen Laut hervorzubringen. Drei Monate, lieber Herr, litt ich, und als ich endlich nach unendlichen Schmerzen wieder geheilt wurde, erklärten mir die Aerzte, daß ich nicht mehr plaidiren dürfte, und Jahre lang nachher konnte ich auch wirklich keine


