Jahrgang 
1865
Seite
329
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von wo er im Anfange des folgenden Jahres eine Reiſe nach Oſtin⸗ dien unternahm; dort blieb er ſechs Jahre und nachdem er der engli⸗ ſchen Regierung die weſentlichſten Dienſte geleiſtet, war er aus Ge⸗ ſundheitsrückſichten nach Europa zurückgekehrt. Er beſuchte mich; ich fand in ihm das jugendliche Fener, welches in Heidelberg vor langen Jahren in unſeren zwanzigjährigen Köpfen tobte, in ſeinem abenteuer⸗ lichen Geiſte faſt unerloſchen, während ich? doch ich bin Diplomat! Der Chef meiner Geſandtſchaft nahm ihn auf meine Empfehlung mit vieler Freundlichkeit auf und verſchaffte ihm Eintritt in die höchſten Geſellſchaften der kaiſerlichen Hauptſtadt.

Eines Morgens läßt mich der Geſandte, während ich eine De⸗ peſche an unſeren Generalconſul in H. expedire, bitten, mich zu ihm zu bemühen und zeigt mir bei meinem Eintritt in ſein Cabinet ein Billet, welches er ſo eben erhalten. Man möge ſich mein Erſtaunen vorſtellen, als ich folgende Zeilen las:Ich halte es für meine Pflicht, Ew. Excellenz zu benachrichtigen, daß der Baron v. St.et, welcher unter Ihren Auſpicien in die Geſellſchaft eingeführt worden iſt, im Jahre 1853 von der 6. Kammer der Zuchthauspolizei zu einem Jahr Gefängniß und 500 Frs. Strafe wegen Betrug in Contumaz verurtheilt worden iſt, daß dieſe Strafe jedoch, dem Geſetze gemäß, ſeit dem 31. December des vergangnen Jahres verjährt iſt. Ew. Excellenz werden wiſſen, daß die Regierung es bisher für gerathen gehalten hat, alle verurtheilten Fremden aus Frankreich zu verweiſen; bevor ich jedoch irgend eine Maßregel gegen den Hrn. Baron v. St.t treffe, wollte ich Ew. Excellenz davon in Kenntniß ſetzen.

Ew. Excellenz gehorſamſter Diener Der Polizeiprafect Boitelle.

Ich bitte den Geſandten, vor allen Dingen mich mit dem Baron ſprechen zu laſſen er gewährt mir meine Bitte, ich fahre eiligſt zu meinem Freunde, erzähle ihm das Vorgefallene und ſehe ihn nach einem Augenblicke des Verblüfftſeins in das tollſte Gelächter ausbrechen.

Zufälliger Weiſe war es der erſte April und ich bedurfte einer ganzen halben Stunde, um den Baron zu überzeugen, daß ich ihn nicht in den April zu ſchicken gedachte, und daß die Geſchichte äußerſt ernſt ſei. Wir fahren auf die Polizeipräfectur, wo in meiner Qua⸗ lität als Geſandtſchaftsſecretär man mir bereitwillig den Namen des Barouns im Fremdenregiſter aufſchlägt und wir beide die Ueberzeugung gewinnen, daß auf Anklage des Hrn. Alb. T., Kaufmann, rue Vivienne 170, der Baron von St.t am 29. Januar 1854 zu der obenge⸗ nannten Strafe wegen Betruges verurtheilt worden ſei. Ohne uns aufzuhalten, fahren wir direct zu dem Hrn. T., verlangen ihn en particulier zu ſprechen, und nachdem er einige Augenblicke nachge⸗ dacht, erzählt er uns folgende Geſchichte, die auch ganz mit den Erin⸗ nerungen des Barons übereinſtimmt.

Einige Wochen vor Weihnachten des Jahres 1854 kamen der Herr Baron mit einer Dame in mein Magazin einer Dame, die ich ſeit längerer Zeit als eine in der Künſtlerwelt ſehr beliebte Größe kannte die ich ſchätzte und bewunderte, der ich jedoch meinen Principien gemäß keinen Centime Credit gegeben hätte. einen Cachemir im Preiſe von 1500 Franken und der Herr Baron gaben mir ſeine Karte mit Ordre, ihm die Rechnung nach ſeinem Hotel zu ſchicken. Am ſelben Tage brach Feuer in meinem Geſchäfte aus und einige Wochen lang dachten weder ich noch meine Commis an etwas anderes, als daran, den von dieſem Unfalle uns zugefügten Schaden zu erſetzen. Als endlich wieder ein wenig Ordnung in den Lauf unſerer Geſchäfte kam ſandte ich die Rechnung jedoch der Herr Baron waren verſchwunden die Dame aber nach England gereiſt. Ich conſultirte einen Advokaten, der mir rieth, eine Klage bei der Staats⸗ anwaltſchaft gegen Sie einzureichen, was ich auch that, und die Folge davon war der beſagte Prozeß und die Verurtheilung in Contumaz!

Und Sie ſind nicht bezahlt worden? fragte der Baron. Nie, war die Antwort des Kaufmanns.

Wir verließen den Laden und ich muß es geſtehen ich war ziemlich verſtimmt und ſprach faſt kein Wort mit dem Baron, der dem Kutſcher die Adreſſe eines Banquiers in der Rue Hauteville gab. Ohne den Grund dieſes Beſuches zu wiſſen, ließ ich mich einführen und bereute es einige Minuten ſpäter nicht. Auf Verlangen des Barons zeigte uns der Banquier ſeine Correſpondenz aus jener Zeit und glücklicherweiſe fand ſich darunter der Brief, der den Baron rechtfer⸗ tigte mit dem Poſtzeichen aus Marſeille und dem Datum, 5 Tage nach ſeiner Abreiſe. Die beſagten Fall betreffende Stelle lautete

I. 23.

wörtlich folgendermaßen:Ich habe neulich für Frl. B. einen Cache⸗ mir gekauft und der Verkäufer hat vor meiner Abreiſe ſein Geld nicht holen laſſen. Es iſt mir ganz unmöglich, Ihnen zu ſagen, wie dieſer Mann heißt, noch welches die Firma ſeines Geſchäftes iſt; damit er aber, ſobald er ſich präſentirt, bezahlt werde, ſchicken Sie 1500 Fran⸗ ken an Frl. B. und bitten Sie ſie, es ſelbſt zu thun. Darauf zeigte mir der Banquier ſeine Bücher und auch einen Empfangſchein über 1500 Franken des Frl. B.

Wir conſultirten einen Advokaten und dieſer brachte uns bald auf den rechten Weg, das Mißverſtändniß zu erklären. Der Ban⸗ quier hatte dem Frl. B. nicht ſagen laſſen, daß die 1500 Fr. dazu dienen ſollten, den Cachemir zu bezahlen, ſondern hatte ſie ihr nur im Namen des Barons geſandt und da die Dame in ſehr intimer Beziehung zu dem Baron geſtanden hatte, hatte ſie geglaubt, es wäre ein neues und letztes Zeichen ſeiner Generoſität. Der Geſandte gab uns den Rath, uns an den damaligen General⸗Staatsanwalt Chaix⸗ d'Eſt⸗Auge zu wenden und dieſer, nachdem er die ganzen Acten durch⸗ geleſen, den Kaufmann, den Banquier, ſo wie den Baron vernom⸗ men, ſchickte uns die Antwort, daß nichts zu thun wäre, da das Geſetz ausdrücklich die Verjährung beſtimme und obgleich die deutlich⸗ ſten Beweiſe der vollſtändigſten Unſchuld des Barons vorlägen, ſo könne doch gar nichts auf gerichtlichem Wege zu ſeinen Gunſten ge⸗ ſchehen; dem Buchſtaben des Geſetzes nach wäre und bliebe er ein in Contumaz Betrugshalber Verurtheilter! Zum Schluß jedoch gab uns der Herr General⸗Staatsanwalt den Rath, eine Denkſchrift an den Kaiſer über dieſen Vorfall zu überſenden. Es war der berühmte Advokat Lachaud, der dieſelbe verfertigte und wir erwarteten ſeit

einem Monate ſchon irgend eine Entſcheidung, als ich zufälligerweiſe

Sie wählte

den Herrn Chaix⸗d'Eſt⸗Auge in einer Soirée beim X'ſchen Geſandten traf. Er fragte mich, ob etwas Neues in der bewußten Angelegen⸗ heit vorgefallen wäre und auf meine verneinende Antwort ſagte er: Wenn ich Ihnen einen guten Rath geben ſoll, ſo ſprechen Sie mit Herrn Mocquard, dem Secretar Seiner Majeſtät; er iſt einer

unſerer erſten Legiſten und ſein Einfluß auf das Schickſal Ihrer

Denkſchrift iſt unbeſtreitbar.

Ich befolgte den mir gegebenen Rath und einige Tage ſpäter begab ich mich früh Morgens nach St. Cloud, wo Herr Mocquard in einer eleganten Villa die wenigen Stunden, die ihm der Dienſt ſeines hohen Herrn frei ließ, verbrachte. Herr Mocquard konnte hoch in den Sechzigern ſein, zeigte aber ein noch ungewöhnlich rüſtiges Aeußere. Seine Geſichtszüge hatten einen eigenthümlichen Ausdruck von Feinheit, der aber dermaßen mit einer ihm angeboren ſcheinenden Gutmüthigkeit, ſo zu ſagen, rivaliſirte, daß ſie ſich jedem unvergeßlich einprägten.

Ich wurde gleich bei ihm eingeführt und traf ihn beim Frühſtück.

Ich bitte Sie nicht um Entſchuldigung, ſagte er,denn wenn Sie den Secretär des Kaiſers hätten ſprechen wollen, wären Sie zu ihm in die Tuilerien gekommen, ſo aber ſcheint es mir, daß Sie den Herrn Mocquard beſuchen, und der gibt bei ſich ſeinen Gäſten die vollkommenſte Freiheit, unter der Bedingung jedoch, daß ſie mit ihm ein Gleiches thun. Erlauben Sie mir deshalb fortzu⸗

frühſtücken und wenn Sie mich ſehr verbinden wollen, nehmen

Sie aus jener Kiſte dort eine Cigarre und ſagen Sie mir Ihre Meinung, ob es eine wirklich gute Qualität derVuelta de abaso iſt. Der Kaiſer behauptet, ſie taugen nichts ich finde ſie äußerſt wohlſchmeckend.

Dieſer freundliche, leutſelige Empfang des alten Herrn brachte mich, ſo zu ſagen, aus meiner diplomatiſchen Faſſung, ich hatte ge⸗ glaubt, daß meine Eigenſchaft als Geſandtſchaftsſecretär mir vieles erleichtern würde, aber nie hatte ich daran gedacht, auf einem faſt freundſchaftlichen Fuße von dieſer hohen Perſönlichkeit empfangen zu werden. Ich nahm eine Cigarre und ſetzte mich auf den, von einem Diener mir angebotenen Armſtuhl.

Ich komme, Herr Mocquard, ſagte ich,um Sie zu bitten

O, ich beſchwöre Sie, mein Herr, unterbrach er micher lauben Sie mir zu frühſtücken, ich wäre nicht fähig, Ihnen beim Eſſen eine vernünftige Antwort zu geben laſſen Sie mich meine geſotte⸗ nen Eier in Frieden ausſchlürfen denken Sie ſich, es ſind Hühner meines Hofes, die ſie gelegt haben, und ich bilde mir ein, ein reicher Grundbeſitzer zu ſein, indem ich ſie verzehre. Auch mache ich beim Eiereſſen dem Kaiſer eine energiſche Oppoſition! Er ißt ſie init Pfeffer, Salz und friſcher Butter haben Sie je ſo etwas gehört?

Ich erklärte es ihm neulich ſchon, daß dies ganz den Naturgeſetzen