Jahrgang 
1865
Seite
328
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Wein ein luſtiger Geſelle, hier ſchaut er ſo ernſt drein, als wolle er eben mit Carriere ein religionsphiloſophiſches Problem überGott und ſein Reich(ſolch ein Buch hat er nämlich auch geſchrieben) ein⸗ gehend beſprechen. Aber Carriere, der uns gegenüber am oberen Ende des Tiſches ſitzt, verzieht die Lippen als ob er eben den Rhein⸗ wein prüfend koſtete, den er aus dem vor ihm ſtehenden Römer ge trunken, und in der That ſoll unſer Aeſthetiker auch auf dieſem Gebiet ein guter Geſchmacksprofeſſor ſein, ja die Gegner ſagen ihm nach, er verſtände mehr von altem Wein als von alten Bildern. Für uns iſt ſeine wiſſenſchaftliche Thätigkeit die Hauptſache: ſeine philoſophiſche Weltanſchauung der Reformationszeit, ſeine Aeſthetik, ſeine Kunſt im Zuſammenhange der Culturentwicklung; aber er gab

zu ſeinen religiöſen Reden auch ein Geſangbuch heraus, indem er

unter dem TitelGott, Gemüth und Welt ſeine eignen Gedichte mit alten und neuen Dichterworten aus Morgen⸗ und Abendland zuſammenſtellte, ſo daß er hier nicht blos als der gar zu gern lobende Richter, ſondern als Genoß unter den Poeten ſitzt. Der ſchnurr⸗ bärtige Mann mit der Brille neben Carriere iſt Steub, der hier etwas ſcharf dreinſieht, als wollte er, der vielgeſuchte Advokat, einen Gegner hart anlaſſen und in ſein Nichts zurückweiſen, oder als hätte er, der auch ein Sprachkenner iſt, mit einem der ſeltſamen Gelehrten zu thun, welche aus den Bayern, dieſen echten Deutſchen, ſo gern Kelten machen und damit das bayriſche Bier dem Germanenthum entfremden wollen. Dabei hat Steub ſeineDeutſchen Träume uns im humoriſtiſchen Roman mitgetheilt, und was die Schilderung unſrer Alpen, ihrer Natur und Bewohner betrifft, iſt er der Dritte im Bund mit den beiden, die vorn am Tiſche ſitzen. An Heyſes Rückſeite lehnt ſich nämlich der Mineraloge Franz von Kobell, der Jagdgenoß von König Max, der Erleger von hundert Gemſen, der Sänger vortrefflicher Gedichte in oberbayriſcher Mundart, die noch beſſer ſind als ſeine Pfälzer Geſchichten oder ſeine hochdeutſchen Verſe, womit wir dieſe gar nicht herabſetzen wollen, denn Kobell verſteht wie wenige bei jeder Gelegenheit ein Gedicht zu machen, das ſtets die Hörer erfreut und in der Regel in heitrer Geſellſchaft den Preis gewinnt. Ihm ſchräg gegenüber an der andern Tiſchecke ſitzt der wohlbeleibte Hermann Schmid, der es viele Jahre weder im Epos noch im Drama zu einem durchſchlagenden Erfolg brachte, bis endlich ihm ſeine oberbayriſchen Geſchichten in Nord und Süd die Herzen gewannen und nun auch größere hiſtoriſche Romane, wie ſein Kanzler in Tyrol, oderIm Morgenroth die verdiente Anerken⸗ nung fanden. Neben Schmid ſitzt, einen Hund zu ſeinen Füßen, Oskar von Redwitz, der mit ſeiner Amaranth ſo viele fromme Seelen ent⸗ zückte, wiewohl mir das nicht fromm und recht ſchien, daß Herr Walther am Comerſee ſeinen Arm um Ghismondas bräutlichen Nacken ſchlingt, während er im Herzen nach der Geliebten im Deutſchen Walde ſeufzt, aber die Poeſie des Waldes und der Minne war doch duftig zart, und Redwitz, beim Becher ein muntrer Zecher, der ge⸗ läufig Polniſch ſpricht, ohne ein Wort davon zu verſtehen, hat nach einigen Leſedramen auch ſeinen Weg auf die Bühne gefunden und namentlich mit ſeiner Philippina Welſerin in München und an vielen Orten rauſchenden Beifall geerntet; die Narbe auf der Wange zeugt noch von der Waffenluſt ſeiner Studentenzeit, und als Redner in der Kammer hat er dem Verfaſſer desſchwarzen Buchs einmal gebührend heimgeleuchtet, als dieſer den Sündenlohn für ſeine polizei⸗ lichen Verdächtigungeu ſo vieler Ehrenmänner begehrte.

Die Lehne des Stuhls hat Bodenſtedt in der Hand; iſt er hier aufgeſtanden, oder kommt er vom andern Tiſch, um ſich hier nie⸗ derzuſetzen? Er wird willkommen ſein, denn er iſt ein eben ſo behag⸗ licher als glänzender Erzähler, und was er in 1001 Tag aus dem

Orient oder nach ſeinen ruſſiſchen Erlebniſſen in ſeinen Novellen hat

drucken laſſen, das hat lange aus ſeinem Munde die Hörer ergötzt, ehe er es niederſchrieb, und thut ſeine beſte Wirkung, wenn man es von ihm ſelber wie eine Improviſation vernimmt. Bodenſtedt iſt ein vorzüglicher Ueberſetzer; wir ſchlagen es noch höher an, daß er Shakſpeares Sonette bei uns eingebürgert, als daß er uns mit den ruſſiſchen Dichtern Puſchkin und Lermontoff bekannt machte. Dabei ſpielt er ſelbſt eine Doppelrolle in der Lyrik, indem er ſeine Gedichte theils unter eignem Namen, theils unter dem des Mirza Schaffy von Tiflis herausgibt, und durch dieſe letzteren iſt er gerade am be⸗ rühmteſten und beliebteſten geworden. Zwiſchen Bodenſtedt und Steub, zu dieſem hingewendet, gewahren wir Felix Dahn, der in neueſter Zeit Profeſſor der Rechte in Würzburg geworden und ein gelehrtes Werk über die Könige der Germanen geſchrieben, als Student und Privatdocent aber unter den Münchner Poeten viel⸗ fach ſeine Kraft erprobte, und am liebſten Stoffe aus der vater⸗ ländiſchen Sage und Geſchichte in wohlgefällig abgerundeten Verſen ausbildete; ſein Harald und Theano, ſeine Gedichte geben Zeugniß davon. Hinter Redwitz ſtehn noch zwei Dichter, die vornehmlich auf religiöſem Gebiet ſich geltend gemacht, der bebrillte Gymnaſiallehrer Friedrich Beck, und der katholiſche Geiſtliche Johannes Schrott. Wir haben von Beck conſervativ-liberale politiſche Gedichte und andre die ein gemüthliches Stillleben darſtellen, am bedeutendſten aber iſt ſeine Theophanie, eine Dichtung, die das Walten Gottes in der Natur und Geſchichte, ſeine Erſcheinung auf Erden in Chriſtus und ſein Fortwirken im Reich des Geiſtes ſchildert, eine Aufgabe, die zu vollgenügender Löſung allerdings einen Dante unſrer Zeit erfordert hätte; Beck hat ein ſinniges Talent an ihr eutfaltet. Schrott hat in ſeinen religiöſen Meditationen, in ſeinen Sprüchen den Ton Walthers von der Vogelweide oder von Freidanks Be⸗ ſcheidenheit angeſchlagen, die ſittliche Geſinnung und das menſchliche Herz in ihrer Richtung aufs Ewige und Unendliche bilden den Grundton ſeiner Dichtungen, die von confeſſionellem Hader fern bei dem verweilen, was allen Chriſten gemeinſam iſt. Der Graf Pocci endlich iſt ſicherlich nur deswegen nicht hier, weil er auf dem Bilde der Maler ſeine Stelle gefunden;*) aber den wackern Friedrich Güll hätte der Zeichner nicht vergeſſen ſollen, der als Lehrer der proteſtan⸗ tiſchen Mädchenſchule ſein werktägliches Brot im Schweiße ſeines Angeſichts ißt, Sonntags aber in ſeinerKinderheimath einkehrt, wie er denn mit Pocci dafür geſorgt hat, daß die Kinderliteratur in Lied und Bild ſo viel beſſer geworden iſt. DasDaheim kann das Verſehen wieder gut machen, wenn es dieſer Sache einen be⸗ ſondern Artikel widmet und dabei das Bildniß Gülls ſeinen kleinen und großen Freunden und Freundinnen vor Augen führt, wobei dieſer dann vielleicht noch beſſer wegkommt, als die andern, die hier in kleinem Maßſtab, der es ſchwer macht, die Aehnlichkeit unverletzt im Holzſchnitt zu bewahren, in bunter Reihe zuſammengeſtellt worden ſind. 2

*) Siehe Daheim Nr. 9.

Die Jeder Caeſars.

Fragment aus den Papieren eines Diplomaten.

Der ſo berühmte Code Napoléon, welchen man als Modell der Jurisprudenz aufzuſtellen pflegt, leidet dennoch, wie jegliche andere.

Geſetzſammlung, an Unvollkommenheiten und Lücken, welchen wir müſſen der franzöſiſchen Regierung dieſe Gerechtigkeit widerfahren laſſen man täglich abzuhelfen ſucht, die aber ſchon manchmal der Grund vieler und eigenthümlicher Unannehmlichkeiten geworden ſind. Eine ſolche Lücke befindet ſich in dem Contumazverfahren, welches dem für ein einfaches Vergehen(simple délit) Verurtheilten, nach fünf Jahren, eine Verjährung ſeiner Strafe zugeſteht.

Ein eigenthümlicher Fall, der einen meiner Jugeudfreunde, mit

Von A. Mels.

dem ich das Gymnaſium in R. und ſpäter die Univerſität beſucht hatte, betraf, machte mich mit dieſem Abſchnitte des Code Napoléon bekannt und gab mir Gelegenheit, eine der merkwürdigſten Perſönlich⸗ keiten des zweiten Kaiſerreichs, welche einen wenig ſichtbaren, aber vielleicht deſto ſtärkeren Einfluß auf die Weltereigniſſe der letzten Jahre ausgeübt hat, kennen zu lernen ich meine den jüngſt ver⸗ ſtorbenen Senator Mocquard, Geheimſecretär des Kaiſers Napo⸗ leon III oder wie die imperialiſtiſchen Lyriker ihn nannten:la plume de César.

Mein Freund hatte im Jahre 1853 einige Zeit Paris bewohnt,