322—
wendet, und zwar ſo, daß er jetzt einem Meiſter, wie Genelli, es möglich macht, große Entwürfe auszuführen, jetzt hochbegabten jüngern Kräften Aufträge gibt, durch die ſie ſich einen Namen machen. Aber Schack ſteht durch ſeine Geſchichte des ſpaniſchen Theaters und durch ſeine herrliche Ueberſetzung des herrlichen Firduſi, des perſiſchen Heldenſängers, ehrenvoll als Schriftſteller da, und
ſeine Beiträge im Münchner Dichterbuch ließen einen Blick in ſein
Herz werfen. Ueber ſeinen Stuhl lehnt ſich der Schweizer Leut⸗ hold, bis jetzt vornehmlich als Journaliſt und als Ueberſetzer thätig, wenigſtens verdankt er ſeinen Namen den fünf Büchern neufranzö⸗ ſicher Lyrik, die er mit Geibel herausgegeben, und die mit feinſter Kunſt in die Empfindung und den Styl von Beranger, Victor Hugo,
Brizeux und Andren eingehn und das Franzöſiſche formgetreu dem
Deutſchen aneignen. Man ſieht es ihm an, es macht ihm Spaß, recht ſaftige kritiſche Hiebe auszutheilen; aber unter den rauhen Stacheln liegt ein weiches Gefühl und blüht in holden Liedern her— vor. Zur Seite Schacks, am obern Ende des Tiſches, ſitzt Riehl und neben ihm Zeiſing. Beide verdanken ihren Namen mehr den wiſſenſchaftlichen, als den künſtleriſchen Werken; aber wenn Riehl auch ſeine culturhiſtoriſchen Novellen und die alten Geſchichten nicht geſchrieben hätte, ſo viele Kabinetſtücke in ſeiner Naturgeſchichte des Volks, z. B. der Philiſter, der Bauer guter Art, die kleinen Reſi⸗ denzen, würden ihn als einen Genremaler mit der Feder hochſtellen, ja man hat ſchon ſeiner Politik etwas weniger, ſeiner Poeſie etwas mehr Romantik und Phantaſie gewünſcht. Zeiſing hat das Propor⸗ tionsgeſetz für die Schönheit der Natur und der Kunſt gefunden und aufgezeigt; es heißt„der goldne Schnitt“, und wir nannten ihn darnach in Leipzig den goldenen Schneider. Aber er hat auch manches friſche Lied geſungen, Dramen und Romane geſchrieben, wie z. B. Hauſſe und Baiſſe, worin er unter franzöſiſchem Titel die Ebbe und Fluth, das Steigen und Fallen(warum wählte er nicht das zum Titel?) nicht blos in einem Kaufmannshauſe, ſondern in der Bildung und der Politik Deutſchlands geſpiegelt. In der Reiſe nach dem Lorbeer⸗ kranz behandelt er humoriſtiſch die Frage der Gegenwart nach der Zukunftsmuſik; Riehl macht auch Hausmuſik, und ſo ſcheinen ſie ſich darüber zu unterhalten.
An der andern Seite des Tiſches ſitzt(im Profil) Große, und das Bierglas in der Hand vorwärts gekehrt Lingg. Der Erſtere iſt dem Zeichner beſonders gut gerathen, ſein ſcharfgeſchnittenes Profil ſpricht für den Dichter, und er iſt es vornehmlich in der uner⸗ ſchöpflichen Fülle der Erfindun gskraft, für die das klare Maß zu finden ihm darum ſchwerer wird als andern; indeß in lyriſchen Gedichten und in poetiſchen Erzählungen, wie das Mädchen von Capri, hat er es gefunden. Lingg trat erſt als gereifter Mann in die Oeffentlichkeit, aber er erwarb ſich mit einem Schlag ſeinen Platz neben den beſten Zeitgenoſſen durch das tiefe Gefühl und die eigen⸗ thümliche Gewalt der Sprache vornehmlich ſeiner hiſtoriſchen Lyrik, indem er ſich in die Stimmungen ganzer Völker oder Weltalter ver⸗ tiefte und dieſe dann in angemeſſenen Melodieen ausſprach.
„Im heil'gen Teich zu Singapur
Da liegt ein altes Krokodil
Von äußerſt grämlicher Natur
Und kaut an einem Lotosſtiel.
Es iſt ganz alt und völlig blind,
Und wenn es einmal friert des Nachts, So weint es wie ein kleines Kind, Doch wenn ein ſchöner Tag iſt, lacht's.“
Dieſe ſeltſamen Verſe finden ſich auch in ſeinen Gedichten; und ich weiß nicht was ſie für einen abſonderlichen Zauber aus⸗ übten, aber ſie waren bald im Munde eines Kreiſes, der ſich unter den Münchner Poeten gebildet, und es fand ſich, daß auch Geibel ein Krokodilenlied verfaßt, das vielgeſungene Studentenlied:
„Ein luſt'ger Muſikante
Spazieret an dem Nil, o mores!
Da kroch aus dem Schilfe
Ein großes Krokodil, o mores!
Das wollt' ihn baß verſchlingen, wer weiß wie das geſchah,
O tempo-, tempo-, tempora,
Gelobet ſeiſt du jeder Zeit, Frau Muſika!“
Der Muſikant ſpielt, das Krokodil tanzt, tanzt drei alte Pyra⸗ miden um, die erſchlagen es, und der Muſikant geht ins Wirthshaus
und ſorgt für ſeinen Magen, denn eine Muſikantenkehle die iſt als wie ein Loch, und hat er noch nicht aufgehört, ſo trinkt er immer noch! Und wir mit ihm!
Das gab dann Gelegenheit, daß die Geſellſchaft, die allwöchent⸗ lich einmal Abends zuſammenkommt, ſich die Krokodile nannte, und das Bild des Krokodils ſteht auch zwiſchen Geibel und Lingg auf dem Tiſch; von den„Krokodilen“ ward das„Münchner Dichter⸗ buch“ herausgegeben.
Zapfend vor dem Faß knieet W. Hertz, ein Schwabe, aber Docent des Altdeutſchen an der Münchner Univerſität, ſo daß er Bier und Wein gleichmäßig liebt, wenn er auch mehr die Reben als den Hopfen beſingt. Er hat altfranzöſiſche Gedichte überſetzt, und mehrere Stoffe der Heldenſage, die uns in keiner oder in ungenügen⸗ der poetiſcher Form überliefert ſind, wie Lanzelot und Ginevra, Hugdietrichs Brautfahrt, vortrefflich in wohlklingenden leichtfließen⸗ den Verſen erzählt. Seine kraftſtrotzende Jugend leidet noch etwas an ſinnlicher Ueberfülle, wenn man anders das ein Leiden nennen will; ich gedachte wenigſtens, als ich das tadeln wollte, meiner grauen Haare und ſeufzte mit Goethe:„O Traum der Jugend, o goldner Stern!“ Hinter dem Faß, Große zunächſt, ſitzt May, der Stadtgerichtsrath May, der einen Maitag des Schönen im Gemüthe trägt und neben der Themis auch den Muſen huldigt; wandelt er auch nicht täglich„Morgens zur Kanzlei mit Acten, Abends auf den Helikon“, ſo hat doch die Morgenſtunde manchmal für ihn poetiſches Gold im Munde, und einige Dramen von ihm werden in München gern geſehn. Ihm zur Seite ſitzt Hopfen, der zwiſchen Wien und München hin und her pendelt. In ſeinem Roman Peregretta hat ſich die Kritik mit dem herben Ausgang nicht befreundet, aber die vortreffliche Darſtellung, die kryſtallklare beneidenswerthe Proſa ge⸗ prieſen; das Münchner Dichterbuch ließ ihn ſich der Oeffentlichkeit zuerſt in Verſen produciren, die uns von Thaten der Vorzeit und von Herzensgeſchichten der Gegenwart Bericht gaben; er iſt noch jung und vielverſprechend, und wir nehmen an, daß andre Poeten, die ſich noch keinen Namen gemacht, aber darnach ſtreben, weiter hinaus, uns nicht mehr ſichtbar, an ſeiner Seite ſitzen. Aber hinter ihm zeigt ſich noch ein Offizier, der Artilleriehauptmann Reder, ein tüchtiger Soldat und dabei ein Maler, der in ſeinen Landſchaften ſich über das Dilettantenthum erhebt nnd ſeine Seele in ihnen ſpiegelt; als Dichter gelingen ihm kleine Stimmungsbilder der Natur und Geſchichte vorzüglich. Wir zweifeln nicht, daß es ſeiner Tapferkeit gelingen wird, ſich die Theilnahme weiterer Kreiſe zu erobern. Zwiſchen ihm und Leuthold, hinter Riehl und unter der Goetheſtatuette, ſtehn noch zwei Poeten, Becker und Trautmann; ſein Profil zeigt uns Becker, mit Schandein und Roquette ein Claſſiker von Cottas Gnaden, indem ſein„Jung Friedel“ ſtets neben den Miniaturausgaben von Homer, Schiller, Uhland ꝛc. dem Publikum in der Buchhändleranzeige empfohlen wird; es ſind friſche muntre Lieder, liebenswürdig im Volkston, und wir würden es bedauern, wenn Becker im proſaiſchen Journalismus einer Vertiefung ſeines Talents entzogen bliebe. Trautmann iſt der Poet des Münchner Kindels, wie ſie den Mönch im Stadtwappen(oder auf dem Bier⸗ glas zwiſchen Kobell und Schmid auf unſerm Bilde) nennen, er weiß alle alten Geſchichten, die ſich an die hieſigen Localitäten knüpfen und erzählt ſie am liebſten in alterthümlich treuherzigem Chroniken⸗ ſtyl, der ihm ſo zur Manier geworden iſt, daß er auch die Erinne⸗ rungen an den Bildhauer Schwanthaler, ſeinen Freund, ſo abfaßte, als wenn ein Zeitgenoſſe Dürers oder Peter Viſchers über dieſe berichtete.
Zwiſchen den beiden Tiſchen, unter der Schillerbüſte, ſteht Dr. Meyr, der zum Glück zur Unterſcheidung von Ameyer, Bemeyer bis Wehmeyer den Vornamen eines der heiligen drei Könige führt, Melchior, und es verdient, weil auch er wie die Weiſen aus Morgen land gern huldigend ſein Beſtes dem Höchſten weiht. Das große Publikum kennt ihn vornehmlich durch ſeine Erzählungen aus dem Ries, und ſtellt ihn zwiſchen Auerbach und Jeremias Gotthelf; ſeine Romane(Vier Deutſche, ewige Liebe) behandeln die tiefſten Fragen der Welt und der Seele, und verdienten die bildende Wirkung, deren ſie fähig ſind, und die ſie auf Einzelne üben, auf tauſende zu er ſtrecken. Seine Tragödie von Agnes Bernauer und Herzog Albrecht hat auf vierzig Bühnen gar manche Thräne entlockt, und iſt im Druck erſchienen; die Leſerinnen werden ſie nicht ohne edle Rührung aus der Hand legen und wiederholt darnach greifen. Er iſt beim


