Jahrgang 
1865
Seite
326
Einzelbild herunterladen

Antlitz war für Augenblicke eine fliegende Röthe hingezogen, und ſeine Lippen zitterten leicht. Doch faßte er ſich wunderbar ſchuell, und ſein Geſicht zeigte ſchon nach wenigen Secunden die gewohnte ernſt⸗heitere Ruhe.

Man hat Dir ein Märlein aufgebunden, Thilo, entgegnete er mit tiefer, ſicherer Stimme,und Du kommſt nun daher und er⸗ ſchrecſt mir ohne Noth die Meinen. Es lebt in Pommerſchen Landen niemand, der ſich ſolcher Schandthat zu mir verſähe, und

ich glaub's gewiß auch niemand, der mir ſolchen Leumund bereiten möchte. Denn ob ich's gleich ſelbſt ſage, doch muß es wahr bleiben ich bin alſo bewehrt mit Redlichkeit und ſo makelloſen Rufes, daß die Pfeile der Verleumdung kraftlos von ihm abfallen, und dem Angreifer von vornherein jeglich Hoffen ſchwinden muß, mit ſolchen Erdichtungen Glauben zu erwecken.

Und doch verſucht man's, fiel Herr Thilo von Hurhol leiden⸗ ſchaftlich ein,und, was Du auch ſagen magſt, es bleibt davon haften! Es ſteht kein Menſch ſo rein und hoch da, daß gehäſſiger Muth nicht gern Fehler an ihm entdeckte, daß neidiſcher Sinn nicht gern das Schlimmſte von ihm glaubte. Du denkſt zu gut von den Menſchen, Bartelmes, viel zu gut! Jaſper von Appen⸗ borch*

Iſt mein Feind, fiel der edle Bruſchaver mit ernſter Miene ein,ich weiß es, aber kein unwürdiger, der zu verruchten Mitteln griffe, mich zu ſchädigen. Nein, nein, Thilo, Du nimmſt mir meinen Glauben und meine Ruhe nicht.

Frau Katharina wollte etwas entgegnen; aber ihr Eheherr legte ihr ſanft und ernſt die Hand auf den ausgeſtreckten Arm und ſprach: Nichts mehr davon, Käthchen! Rede und Widerrede, Ja und Nein nutzen hier nichts; bald werde ich wiſſen, ob Wahres an der Sache iſt. Schicke hinaus, daß die Roſſe geſattelt werden; wir wollen fort, ich denke, dieſer Tag klärt alles auf.

Frau Käthe ging; mit ihr ſchlich ſich Dietmar hinaus, in ge⸗ heimer Zwieſprache mit der Mutter ſein belaſtetes Herz auszuſchütten. Die Männer blieben allein.

Willſt Du mit dem Herzog von der Sache reden? fragte Herr Thilo nach einer Pauſe. Herr Bartelmes blickte erſtaunt auf. Wie! fragte er verwundert,ich hiervon reden? Von einem Hirn⸗ geſpinnſt, das nicht mehr Feſtigkeit hat, als der fliegende Sommer⸗ faden? Und warum? Etwa um mich zu reinigen, bevor ich an⸗ geklagt? Das ſei ferne von mir. Aber Thilo, fuhr er ge⸗ wichtiger fort, als er jenen den Kopf ſchütteln und unwillig blicken ſah,aber Thilo, und ſeine Hand lag ſchwer und eiſern auf des Schwagers Schulter,auf unſeren Wappenſchilden ſoll darum kein Flecken haften bleiben, des ſei heilig gewiß! Wohl geh' ich gern meine eigenen Wege, aber ſie führen zum Ziel, und ſo gewiß dort

- 6

im Oſten die Sonne aufgeht, ſo gewiß ſollſt Du und unſere ganze Sippe, wenn ſich's um unſere Ehre und Leumund handelt, mit mir zufrieden ſein! Doch da höre ich die Roſſe: ſo trink denn Deinen Becher aus, die Käthe hat's ob Deiner Schreckensbotſchaft gar ver⸗ geſſen, ihn Dir zu kredenzen, und dann laß uns aufſitzen.

Wohl, wohl, entgegnete Herr Thilo, indem er that, wie ihm geheißen, und das heiße Getränk in einem gewaltigen Zuge in die Kehle rinnen ließ.So, fertig, und nun bin ich bereit; doch bei der geſpaltenen Eiche am hohen Stein trennen ſich unſere Wege. Habe mir's einmal vorgenommen, die Buch, die Affenn und Rammin zur Stelle zu ſchaffen, und ſo thut Eile Noth.

Thue das, ſo Du's für gut erachteſt, entgegnete Herr Bartelmes ruhig und gleichmüthig, indem er ſich mit Gewand und Waffen zur Fahrt rüſtete; bald ſtanden beide vor der Hallenthür und nahmen Abſchied von Frau Katharina, in deren bleichen Zügen die durch des Bruders Nachricht verurſachte Aufregung noch fortarbeitete. Als der edle Bruſchaver die treue Gattin in ſeine Arme ſchloß, flüſterte ſie, feuchten Auges zu ihm aufſehend:Fahre wohl, Liebſter! ich laſſe Dich ungern ziehen; mir ahnt's im Herzen, Du kehrſt nicht ſo wieder, als Du ausgeritten.

Ueber Herrn Bartelmes Züge flog ein ruhiges Lächeln.Um einen Tag älter kehre ich heim, Käthchen, entgegnete er, ſonſt derſelbe. Lebe wohl und küß mir den Heino! Nun, Dietmar, zu Roß!

Was! rief Herr Thilo, der eben ſeiner Schweſter die Hand drückte und ihre Aufregung beſchwichtigte,ſoll Dietmar mit? Gott grüß Dich, mein Junge, wo warſt Du denn?

Dietmar begrüßte den Ohm herzlich, doch mit ernſter Miene. Der Vater hat mir's verſprochen, daß ich das Jagen mitmachen darf, Ohm Thilo, ſprach er ruhig,ſo vergönnt mir's, daß ich in Eurer Geſellſchaft reite.

Herr Thilo ſah den Neffen faſt betroffen an; es war etwas Fremdes, Ungewohntes an ihm; doch erwiederte er, ohne weiter zu fragen:Mit tauſend Freuden, mein Junge! und dann, als Diet⸗ mar ſich ſo raſch und ritterlich in den Sattel ſchwang und das ungeduldige Roß mit feſter Hand zur Ruhe zwang, ſetzte er mit einem befriedigten Blick auf den jungen Reiter hinzu:Weiß Gott, Du wirſt einmal ein tüchtiger Waidmann werden und ein rechter Edelmann! Du arteſt gut.

Das hoff' ich, Ohm, entgegnete Dietmar beſcheiden aber feſt. Noch ein Winken hüben und drüben, zufliegende Worte, grüßende Blicke, und die drei Reiter trabten den Hof hinab und entſchwanden am Thor den Blicken der nachſchauenden Hausfrau. Traurig und ahnungsvoll kehrte ſie in die Halle zurück.

(Fortſetzung folgt.)

Kus der Münchner Dichterwelt.

(Mit Abbildung.)

Es war das Schillerfeſt, das die Poeten an der Iſar alle ver⸗ einte, wie der Maler hier ſie gezeichnet hat. Unter der Büſte des Gefeierten ſitzen wie zwei Dioskuren Geibel und Heyſe; der ältere lehnt den Arm auf die Schulter des jüngeren Freundes, ſoll er doch ſchon vor Jahren allzubeſcheiden ſich als einen untergehenden Stern, Heyſe als eine aufgehende Sonne bezeichnet haben. Geibels Züge tragen einen ſchneidigen Ausdruck, der denen überraſchend ſein wird, die bei ihm ſtets nur die minniglich zarten Jugendlieder im Sinne haben. Dieſe machten ihn berühmt, aber er mußte das Glück der fünfzig Auflagen auch damit theuer erkaufen, daß die öffentliche Mei⸗ nung ſtets zuerſt an ſeine Erſtlinge denkt, ja wie denn ein Julian Schmidt in ſeiner Literaturgeſchichte nichts anderes von ihm zu ſagen wußte, als daß er unſterblich ſein werde bei den Backſiſchen. Dagegen ſingt der Dichter:

Mit unſrer Tagskritik verdarb ich's leider, Da ich ſie nie nach ihrer Weisheit frug; Sie klopft noch ſtets die abgelegten Kleider, Die ich mit ſechzehn Jahren trug.

Aber er hat auch die patriotiſchen Juniuslieder gedichtet, er hat neuerdings geſchichtliche Ereigniſſe und Helden nach ihren Stim⸗

mungen und ihrer idealen Bedeutung lyriſch dargeſtellt, er hat eine Nibelungentragödie geſchaffen, und die preußiſche Armee ſingt ſein Lied vom Sturm auf die Düppeler Schanzen. Heyſe läßt uns im Profil ſeine anmuthigen Züge, ſeine ſchlanke Geſtalt erkennen; der Sinn für formale Schönheit war ſeiner Seele ſchon eigen, als ſie ſeinen Leib bildete, was Wunder daß derſelbe das Hauptſächliche in ſeinem Dichten iſt, daß intereſſante Figuren in beſonderen Gemüths⸗ lagen und Verhältniſſen zu ſchildern das Lieblingsthema ſeiner Novellen ward, in denen auch das ſinnlich Reizende ſich ſalonfähig und wohlanſtändig einführt, und alles zierlich ſich abrundet. Seine Novellen in Verſen zeigen den über dem Stoffe freiſchwebenden Dichtergeiſt, der immer noch größer iſt als ſeine Werke, der in den Dramen jetzt ein claſſiſches Studium und jetzt ein bühnenwirkſames Stück gibt, und der bei der Menge am wenigſten lauten Beifall ge⸗ funden hat, wo er ſich am liebevollſten in den Gegenſtand verſenkt und am tiefſten ſich ausgeſprochen, wir meinen in der Thekla, dieſem chriſtlichen idylliſchen Epos, einem Nachklang von Goethes Herrmann und Dorothea.

An Geibels andrer Seite ſitzt Schack, den die Münchner Blät⸗ ter gewöhnlichKunſtmäcen betiteln, weil er die reichen Einkünfte ſeiner mecklenburgiſchen Güter zu Ankäufen von Oelgemälden ver⸗

4