gelegentlich den Fiſchotter zu beſchnüffeln oder ſich einander anzu⸗ knurren, wenn eine Gunſtbezeugung des geliebten Herrn Eiferſucht und Mißgunſt wachruft. Wie Herr Bartolomäus zur Thür ein⸗ treten will, leidet es ſie ebenfalls nicht mehr draußen. Sie achten keiner Abmahnung; mit Schmeicheln und Gewalt drängen ſie ſich mit hinein und verkünden der am Kamin ſtehenden Hausfrau durch ihren fröhlichen Ungeſtüm die Ankunft des Herrn.
Lächelnd hatte dieſer ſie gewähren laſſen und die Jagdbeute auf den Boden werfend ging er der lieben Gattin mit ausgeſtreckter Hand entgegen.„Guten Morgen, Käthchen!“ rief er herzlich und wohl⸗ gemuth;„iſt Dein Frühmahl fertig? Ich hab's wohl verdient: da liegt der Räuber, der Deinen Fiſchteich plünderte und Dir manch ärgerlich Wort entlockt hat. So ſchlau er war, er mußte endlich doch daran glauben und macht Dir nun keinen Verdruß mehr.“
Die hohe ſchlanke Geſtalt der ſchönen Frau ſchmiegte ſich innig an ihn an, und die herzliche Umarmung der Ehegatten bezeugte, daß ſechszehn Jahre einer glücklichen Ehe die Liebe unter ihnen ſo friſch erhalten, wie ſie an jenem ſchönen Septembertage war, da Herr Bartolomäus die vielbewunderte und ſtürmiſch umworbene Katharina von Huxhol zum erſten Male unter ſein eigenes Dach führte und ſie zur Herrin auf Bruſenfelde einſetzte.
„Böſer Mann!“ drohte ſie unter ſeinem Kuſſe lächelnd,„ſich ſo heimlich wegzuſtehlen, wie ein Dieb, um in die kalte Winternacht hinauszuwandern! War das recht?— Wie erſchrak ich, da mich gegen Morgen Heinos Weinen weckte, Deine Lagerſtätte leer zu finden. Fürwahr, ich zürnte faſt, daß Du mir kein Wort gegönnt über Dein Vorhaben, Du Heimlichthuer Du!“
Bartolomäus(oder wie ihn ſeine Nachbarn und Dienſtleute abkürzend nannten: Bartelmes) lachte wohlbehaglich und zog die lieblich ſchmollende Gattin zu ſich auf die Bank neben dem hell— lodernden Kamin, auf die er ſich ermüdet niederließ.„So?“ entgegnete er dann, der Trauten innig ins feurige Auge ſehend,„alſo gezürnt hätteſt Du? Nun ich denke, der Anblick des eigentlichen Uebelthäters wird Deinen Zorn entwaffnet haben. Sieh ihn an!“ fuhr er fort, den daliegenden Fiſchotter mit der Fußſpitze umkehrend, daß der ſchöne kaſtanienbraune Balg ſich recht vortheilhaft präſentirte;—„ſieh, iſt's nicht ein ſtolzer Kerl? Gut ſeine 2 ½ Ellen lang, und welch ein Pelz! Das gibt einen ſchönen Kragen für kalte Kirchgangstage, wenn der Pfarrherr einmal gar zu lange predigt;— nicht wahr?“
„Freilich wohl,“ nickte Frau Katharina eifrig;„aber kann ich mich denn recht darüber freuen, wenn Du, trauter Mann, über der Jagd ſchier erſtarrt biſt? Deine Wangen und Hände ſind ſo kalt wie Eis.“
„Ja, es war bitterkalt,“ erwiederte Herr Bartelmes,„und zog ſcharf über das Feld herüber; doch war es nicht ſo ſchlimm, wie Du meinſt, und die Kälte läßt ſchon nach, als wollt' es thauen. Ueberdies bin ich's gewöhnt, wie Du weißt, und der Wolfspelz hält einem das Blut warm genug. Gib jetzt nur Dein Morgenſüppchen her, ſo iſt alles gut, und ich kann bald wieder aufbrechen.“
Frau Katharina war eilig aufgeſprungen, die Suppe vom Feuer zu nehmen; jetzt, bei den letzten Worten des Mannes drehte ſie ſich haſtig um, und ihren Eheherrn traf ein fragender Blick. „Wie?“ warf ſie betroffen ein,„Du willſt noch einmal fort?“
„Ja, Käthchen, ich muß Dich heute allein laſſen. Du weißt, daß morgen die große Wolfsjagd im Greifenhagener Revier ſein ſollte, wozu auch der Herzog, den derzeit Geſchäfte in Stettin feſthalten, zu kommen verſprochen. War auch alles auf dieſen Tag vorbereitet und wohl zugerichtet. Da hat nun plötzlich alles des Eiligſten umge— ändert werden müſſen. Wie ich eben mit dem Otter da an der Füllen⸗ koppel entlang ſchritt und den Feldweg kreuzte, überholte mich ein Reiter, der trotz der Glätte, wie einer, der's eilig hat, ſcharf drauf los ritt, und da er nahe kam, war's Jürgen Teßer, Deines Bruders alter Beſuchsknecht. Der brachte mir Botſchaft, daß Se. Fürſtl. Gnaden nun ſchon heute Morgen auf dem Rendez⸗vous⸗Platz ein⸗ treffen würden, dieweil es ſich mit der Zeit nicht anders habe ſchicken wollen, und ließ mich Dein Bruder mit Fleiß erſuchen, daß ich doch nicht fehlen möge, maßen man vernehme, wie die Appenborch, die Rameln, die Krakewitz, die Helpten, die Barvot und Melcheradt mit großer Sippſchaft und vielen Gefreundeten daſelbſt aufziehen würden, des Herzogen Ohr für mancherlei Pläne und Ränke zu gewinnen, da⸗ von er mir ein Weiteres ſagen werde, ſobald er gekommen, mich abzu⸗ holen. Ich würd' mittlerweile wiſſen, was zu meinem Frommen diene.“
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„Nun, und— ²“ fragte Frau Käthe geſpannt, die Suppe wie mechaniſch eingießend und ihrem Eheherrn vorſetzend;„was gedenkſt Du zu thun?“
„Ich ſagt's ja ſchon, Liebſte,— hinreiten!“ entgegnete Herr Bartelmes ruhig, ſich von der Morgenkoſt vorlegend.
„Freilich,“ fiel ſeine Gattin, wie ungeduldig ein, und ihre Augen belebten ſich mit einem unruhigen Feuer;—„aber was weiter? Was wollt Ihr da? Wozu dies Aufgebot der Sippen? Der Jagd allein wegen machen doch alle dieſe Männer den weiten Weg nicht. Was ſoll dort gebrauet und eingerührt werden?“
„Weiß ich's?“ erwiederte gleichmüthig der Hausherr.„Da müſſen wir Deines Bruders Ankunft erharren, der ja, wie immer, von allem wohl unterrichtet ſein wird und, wie es ſcheint, wieder voll Geheimniſſe und erſpäheter Pläne ſeiner Feinde ſteckt. Es iſt merkwürdig, welch ein unruhig Blut in Thilos Adern läuft!“
„Nun,“ entgegnete Frau Käthe mit allerliebſt aufgeworfener Oberlippe und funkelndem Blicke,— nun, die Huxrhols haben ſich niemalen zu Träumereien geneigt, vielmehr zu allen Zeiten ihrem Wappenbilde Ehre gemacht. Unſere„Eule“ wacht auch des Nachts und ſpähet ſorgſam umher; die Thaten und Anſchläge derer, die das verbergende Dunkel ſuchen, entgehen ihr nicht, und Krallen und Schnabel ſind zu Schutz und Trutz ſtets bereit.“.
„Gottes Blut,“— lachte Herr Bartelmes—„das war gut geſagt; wahrhaftig, wenn Du ſo aufbegehrſt und in Feuer geräthſt, ſiehſt Du ganz aus wie Deine Ahnfrau tapferen Angedenkens, Frau Candida von Huxhol, und ich mein', wenn's Noth wär, ſchnallteſt Du, wie jene, den Krebs an und fielſt an der Spitze Deiner Mannen über die Zugbrücke aus, die Feinde von den Mauern zu treiben. Käthchen, Käthchen, ſchaff Dir ein ruhiger Blut.“
Die ſchöne Frau lachte und war etwas beſchämt.„Mit der Zeit wird ſich auch das finden,“ meinte ſie.„Doch,“ fuhr ſie fort, „mag nun Thilo Wichtiges oder Unwichtiges bringen: ich ſäh es lieber, Du bliebeſt heute daheim. Ich hatt' heut Nacht einen gar ſchweren Traum, der wühlt mir noch jetzt in Herz und Sinn und bedeutet ſicherlich nichts Gutes. Ich würd' Dich mit Bangen reiten ſehn.“
„Poſſen, Liebſte,“ erwiederte Herr Bartolomäus ernſt und abwei⸗ ſend;—„fürwahr es thäte Noth, wir ſchafften uns Tagewähler und Traumdeuter, wie die Heiden. Nein, laß mich immerhin reiten, Traute; es verlangt mich, den Herzog einmal wieder zu ſehen. Ich hab' eine rechte Lieb' zu dem alten Manne, ſeit ich vor nunmehr drei Jahren, da ich zu Wolgaſt bei unſeren Freunden einige Wochen verweilte, des öfteren zu Hofe ging und ſein Weſen und Thun fleißig wahrnahm. Ver⸗ diente je ein Fürſt den löblichen und feinen Namen eines Vaters ſeines Volkes, ſo ſteht ſolcher wahrlich Wartislav zu. Einen rüſtigeren Beſchirmer der Seinen und eifrigeren Verfolger aller Räuber, Uebel⸗ thäter und Schnapphähne hat es ſchier kaum je gegeben. Hält er doch ſein Land Wolgaſt ſo rein davon, daß er damals mit gutem Fug zu den Bauern ſagen konnt', ſie ſollten ihre Pferd' und Küh' nur vor den Wölfen hüten; vor den Räubern wolle er ſie wohl ſchirmen.— Immer wann ich von ihm rede, muß ich der Geſchichte mit dem Eſeborn gedenken, ſo ſich dazumal vor meinen Augen zutrug; die zeigt wohl recht des Herzogen Sinn und Gemüthsart. Erzählt ich's Dir ſchon einmal?“
„Nein,“ entgegnete Frau Käthe, ſich ihrem Eheherrn gegenüber an den Tiſch ſetzend und nachdenklich vor ſich hin ſehend,„wie war's damit?“
„Nun in den unruhigen Zeiten vor nunmehr zehn Jahren, da der König von Dänemark des öfteren mit den Seeſtädten kriegte, ſchlug ſich ein Freibeuter mit Namen Eſeborn, aus der Pommerſchen Stadt Barth gebürtig, auf ſeine Seite, machte ſich ans Land und brandſchatzte die Bauern und auch des Herzogen Ackerhof um Vieh, Speck und Brot, ſein Schiff damit zu beſpeiſen. Damit zog er ab. Solches ergrimmte den Herzog, daß er die Seinen nicht habe ſchützen können, und trug den Kummer noch mit ſich herum, da allbereits niemand mehr deſſen gedachte; achtete auch keines Zuredens und ließ unabläſſig nach dem Einlieger fahnden. So waren ſieben volle Jahre verfloſſen; da begab es ſich, als ich mit dem Herzoge und deſſen ſtattlichem Comitat zum Waidwerk hinausritt, daß wir bei Pruchten unvermuthet auf den Eſeborn ſtießen, der wohl meinen mocht, die Sach' ſei längſt vergeſſen und vertragen, und ſich friedlich im Lande niedergelaſſen hatte. Wie ein Blitz ſprengte Herzog Wartislav, der ihn zuerſt erſchaute, auf den Erſchreckten los und rief mit donnernder


