Jahrgang 
1865
Seite
321
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1865.

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Ein deutſches Familienblatt mit Illuſtrationen.

Erſcheint wöchentlich und iſt durch alle Buchhandlungen und Poſtämter vierteljährlich für 15 Sgr. zu beziehen.

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Kann im Wege des Buchhandels auch in Monatsheften bezogen werden.

Iusgegeben im März 1865. Der Jahrgang läuft vom October 186 3 bis dahin 1865.

Barkolomaeus von Bruſchaver.

Hiſtoriſche Novelle von Ludwig Ziemßen.

Erſtes Kapitel.

Der Winter des Jahres 1477 war ungewöhnlich ſtreng und anhaltend. Schon früh im Herbſt hatte ſich, von allerlei bedeutungs⸗ vollen Zeichen angekündigt, eine heftige Kälte eingeſtellt, die von Woche zu Woche wuchs, um die Weihnachtszeit eine ſeit Menſchen⸗ gedenken unerhörte Höhe erreichte, auf der ſie ſich mehrere Wochen behauptete, und erſt gegen Mariä Lichtmeß hin allmählig abzunehmen begann.

Aber noch lag auch an dieſem Tage, der ſonſt wohl dann und wann ſchon mit einem wärmeren Sonnenſtrahl den Bären aus ſeiner Höhle gelockt und der Lerche einige frühe Töne abgewonnen hatte, alles weit und breit, in Wald und Feld in den Banden des grimmen Winters; eine harte Schneedecke war rings über die Lande ausgebreitet, eine feſte Eisrinde über Flüſſe und Seen. Vergebens trat Hoch⸗, Reh⸗ und Dammwild in die geſchützteſten Thäler und Wieſen hinaus, um die dort gewohnte gute Aeſung zu finden; ver⸗ gebens ſuchten Wildgänſe und Enten offene Waſſerſtellen, wo ſie deren ſonſt immer angetroffen hatten: die Natur ſchien ihren Ge⸗ ſchöpfen in dieſem Winter alle Mittel zur Unterhaltung grauſam ver⸗ ſagen zu wollen. Mit welcher Gier durchſtrich das befiederte Raubgeſindel, vom Adler bis zur Elſter herab, die Lüfte und um⸗ kreiſte die Wohnungen der Menſchen, auf Abfall jeder Art beharrlich lauernd; mit welcher Wuth trabten die Wölfe, vor Hunger wie raſend, durch Dickicht, Moor und Bruch, um die Dörfer und Weiler, rückſichtslos jede Gefahr mißachtend. Schneidend pfiff der Fiſchotter durch die Winternacht und wanderte meilenweit über Land, von einem Waſſer zum andern, ſeine Spur mit Fuchs und Marder kreuzend. Ueberall Noth und Entbehrung. Die Vegetation ruhte gänzlich; winterliche Stille lag über dem Lande und nur aus dem Hochwalde erſcholl dann und wann an freundlicheren Tagen der Klang der Axt⸗ ſchläge auf dem Gehau.

Der frühe Morgen eines eiſigen Februartages dämmert kalt und düſter herein. Vor uns liegt, dem rechten Ufer des viel⸗

verzweigten Oderfluſſes nahe, vom feſten Städtchen Garz kaum eine

Meeille weit entfernt, der ſtattliche Herrenhof Bruſenfelde, ſeit Jahr⸗ hunderten der Sitz eines alten tüchtigen Pommerſchen Adelsgeſchlechtes, derer von Bruſchaver, jetzt bewohnt von Herrn Bartolomäus Bru⸗ ſchaver, ſeiner ſchönen, hochſinnigen Gattin, Frau Katharina, und ſeinen beiden Söhnen, deren einer ſchon ſtattlich mit der Armbruſt auf der Schulter neben dem Vater herſchritt, wenn's aufs Waidwerk ging(zählte er doch ſchon 15 Jahr und war ungewöhnlich ſtark und groß von Körper), während das ſpät geborene Brüderlein noch auf dem Fußboden der Halle umherkroch und mit dem luſtigen Dachshunde des Vaters ſein Spiel trieb.

Aus dem altersgrauen Herrenhauſe ſteigt trotz der frühen Stunde ſchon eine ſtattliche Rauchſäule in den winterlichen Himmel empor, ein Beweis, daß die thätige Hausfrau bereits am Herde ſtehe und das Frühmahl zurichte, und über den noch ſtillen Hof, auf dem kaum ein anderer Laut, als das gelegentliche Stampfen der Pferde in den Ställen vernommen wird, ſchreitet ſchon der Hausherr rüſtigen Schrittes daher, von nächtlichem Anſtand nach Hauſe zurück⸗ kehrend. Es iſt eine große, kräftige, edle Geſtalt mit dem Ausdruck von Güte und Milde im offnen Blick; das lauge braune Haar, in dem der Reif der Nacht hängt, iſt mit einer flachen, vorn und hinten

aufgeſchlagenen, pelzverbrämten Mütze bedeckt, ſein ſtarker, kurz

gehaltener Bart ſtarrt von Eis, und ſeine Glieder würden es nicht minder vor Kälte thun, denn er war lange draußen und harrte ſeines ſchlauen Wildes weun er nicht über das enge, dunkelgrüne, an den Seiten geſchlitzte Camiſol einen weiten, bis über die Kniee fallenden, dicken Pelzüberwurf gezogen hätte, zu dem ein Paar mächtige Wölfe unlängſt hatten Haare und Haut laſſen müſſen. Ueber die Schulter hängt eine ſtattliche Armbruſt nebſt dem Spanner, an der Seite eine Taſche mit Bolzen, in der Linken aber trägt er, an der Ruthe herab hangend, einen ungewöhnlich großen Fiſchotter, die Beute einer be⸗ ſchwerlichen und kalten Nacht. 1 Wie er ſich dem Hauſe nähert, ſpringen ihm zwei gewallige Wolfshunde in großen Sätzen entgegen, umwedeln ihn liebkoſend, erheben ſich dann und wann im Uebermaß ihrer Gefühle auf den Hinterfüßen und winſeln vor Freude, kaum daß ſie Zeit finden,

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