Jahrgang 
1865
Seite
318
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Das vorſtehende Gedicht iſt im Jahre 1853 geſchrieben und ſkizzirt im allgemeinen, wie die Gemsjagd von Maximilian II abge⸗ halten zu werden pflegte. Wenn dieſe Jagd an ſich ſchon reich an poetiſchen Vorkommniſſen iſt, ſo wurde ihr Reiz noch erhöht durch die Art der Ausführung, wie ſie dem Könige genehm war und wie es nur fürſtliche Mittel erlauben und in der That konnte, wenn ſonſt die Verhältniſſe mit Wind und Wetter, Schußplatz ꝛc. ſich glücklich ſtellten, kein anderes Waidwerk einem ſolchen verglichen werden.

Ein all dieſes günſtig vereinigender Tag war der 13. Oktober des Jahres 1859. Vom Linderhof im Graswangthal, etwa fünf Stunden von Hohenſchwangau, bewegte ſich an einem herrlichen Herbſtmorgen der Jagdzug zu Pferde nach dem Berge, welcher den Bogen, genanntdie Kiengräber mit demGamshoamatl(Heimat der Gemſen) einſchließt. Man ritt gegen eine Stunde lang im Thale fort, ehe der Platz erreicht wurde, wo die Jäger den König em⸗ pfingen. Hier war ein reges Leben und wurden die Träger vertheilt, welche Büchſen, Schießzeug und auch einen Morgenimbiß für ihren Herrn zu tragen hatten, andere führten die Pferde ab und leuchtete manch friſchem Buben die Freude aus den Augen, daß ihm ein ſchönes Roß zum Halten übergeben worden, die Anordnung der Jagd, Dauer des Treibens ec. wurde beſprochen und dann mit geſpannter Er⸗ wartung des Kommenden zum Anſteigen aufgebrochen. Ein ſchmaler Pfad wand ſich, zun Theil an ſteilen Laanen, hinauf nach den Stän⸗ den, welche längs eines großartigen Felsgrabens vertheilt waren, der von den höchſten Kuppen bis ins Thal herunter die Bergſeite unter⸗ brach. Der Graben konnte faſt von jedem der Schützen, deren mit dem König nur ſechs waren, überſehen werden, was den Genuß der Jagd noch erhöhte.

Der Stand des Königs war etwas gegen den Bogen zu vorge⸗ ſchoben, die übrigen Stände wurden unter die Schützen verlooſt. Dieſe waren: der General von der Tann, Graf Ricciardelli, Graf Seinsheim⸗Grünbach, Baron von Leonrod und meine Wenigkeit.

Es traf mich damals der höchſtgelegene Stand, wo ſich der Graben rechtwinklich bog und dann an einer hohen Felſenwand weiter die frühere Richtung nahm. Im Winkel der erſten Biegung war der Stand, im Rücken ein mit Laatſchen(Krummföhren) bewachſenes Gehänge, vorne der Felsgrund überall frei und weit hinunter überſehbar. Wer die Gemsjagd kennt, freut ſich eines ſolchen Grabens und ſieht ihn um ſo lieber, als er wilder und zerriſſener iſt, denn nicht nur, daß dadurch die Schönheit der Scenerie, wenn die Gemſen kommen, ungemein ge⸗ winnt, ſo ſind da auch die günſtigſten Verhältniſſe gegeben, einen guten Schuß anzubringen. Die Gemſen ſind nämlich ebenſo neugierig, als vorſichtig, und daher kommt es, daß ſie in ſcharfen Wänden nur dann in gewaltigen Sprüngen flüchtig gehen, wenn die Treiber ganz nahe, außerdem aber an jedem zu einem Beobachten und Ausſpähen des Platzes geeigneten Vorſprung ſtehen bleiben oder auf einen Pfiff oder kurzes Anrufen ſtille ſtehen(hoffen). Hat man dann eine gute Büchſe und rüttelt das ſogenannte Hirſchfieber nicht am Arme, ſo iſt die Beute gewonnen. Es möchte da mancher glauben, daß ſolches Schießen eben keine Kunſt ſei, wenn das Gems, wie häufig vorkommt, nur 70 bis 80 Schritte entfernt iſt, man hat aber daran zu denken, daß man nie weiß, wie lange das Gems ſtehen bleiben wird und daß alſo von einem gemächlichen Zielen, wie nach der Scheibe, nicht die Rede ſein kann, man muß möglichſt ſchnell mit dem Viſiren fertig werden und das iſt, wo es ein feines Schießen giltz nicht ſo gar leicht. Freilich kann das wegſpringende Gems noch wiederholt ſtehen bleiben, gleichwohl iſt der günſtige Augenblick zum Schuſſe vielleicht doch ver⸗ loren, da es durch einen Stein oder eine Laatſche gedeckt oder in einer Stellung ſein kann, welche einen guten Schuß hindert. Ein ſteil herabſpringendes Gems aber in der Flucht zu ſchießen, iſt ſehr ſchwer und ſind dergleichen gelingende Schüſſe meiſtens nur als Glücksſchüſſe anzuſehen.

Auf dem Stand angekommen, hat man Büchſen und Schießzeug zurecht zu richten, die Wechſel zu erforſchen, welche durch Wand und Graben gehen und den Sitz(denn man ſchießt faſt nur ſitzend) ſo zu wählen, daß kommendes Wild nirgends überſehen werden kann; ein weiteres Geſchäft beſteht darin, den Träger zu verſtecken. Dieſe Leute ſind meiſtens ebenſo leidenſchaftlich für die Jagd erregt als der Schütze ſelbſt und hat man einen ſolchen Geſellen neben ſich auf dem Stand, ſo läuft man immer Gefahr, daß er es nicht laſſen kann, zu flüſtern, wenn er etwas ſieht oder nach der Stelle zu deuten, ſich zum beſſeren Sehen zu erheben oder niederzuducken, kurz allerlei Zeug zu

treiben, welches nicht ſelten die Jagd verdirbt. So hatte ich einmal einen Stand auf einer Einſattlung zwiſchen zwei hohen Felswänden, gegen den Bogen zu ebenfalls eine Wand, nach rückwärts einen Hang mit Steingeröll. Um nun vor meinem Träger ſicher zu ſein, ließ ich ihn an dieſem rückwärts gelegenen Hang an der Wand ſich niederſetzen und gebot ihm, ſich ruhig zu verhalten, was auch immer geſchehen möge. Da hörte ich, noch ehe das Treiben begann, auf dieſem Hang Steine rollen und mich dahin wendend, ſah ich mit freu⸗ diger Ueberraſchung, wie zwei ſtarke Gemsböcke ganz vertraut gegen die Schneide, wo ich ſaß und über welche der Wechſel ging, herauf⸗ ſtiegen. Ich machte mich behutſam mit der Büchſe fertig und wollte eben den erſten aufs Korn nehmen, wenn er hinter einem vorliegen⸗ den Felsblock hervorkommen würde, als ich meinen Träger mit ver⸗ deckter Stimme rufen hörte:Achtgebn! Gambs komma! und die beiden Gemſen natürlich umkehrten und in größter Flucht wieder verſchwanden. Bei der Jagd, von welcher ich hier ſpreche, war mein Begleiter leicht unſchädlich zu machen und ſo konnte ich mit Ruhe dem Kommenden entgegenſehen.

Wir mochten etwa drei Viertelſtunden auf dem Stand geweſen ſein, als die fernen Signalſchüſſe der Jäger das Beginnen der Jagd ankündigten, und von Zeit zu Zeit wiederholte ſich dieſes Schießen und kam allmählich näher. Die Jäger, welche das Treiben leiten, machen theils Blindſchüſſe, theils ſchießen ſie auch mit der Kugel, um Gemſen aus einer ganz unzugänglichen Wand herauszujagen. Es geſchieht bei dieſen Jagden ſehr oft, daß die Gemſen in ſolche Wände einſteigen und unter einem Vorſprung ruhig ſtehen bleiben, ob auch ringsherum die Treiber alles aufbieten, ſie zu ſchrecken. Sie wiſſen ſo gut, daß ſie da ſicher ſind, daß ſelbſt ein Steinregen, der von oben die Wand herunter losgelaſſen wird, ſie nicht beküämmert und wenn auch die Steine unmittelbar vor ihnen niederſauſen; es bleibt dann nichts übrig, als mit der Kugel in ihre Nähe an die Wand zu ſchießen, wo ſie das Einſchlagen der Kugel und die wegſtaubenden Steinſplitter zu weiterer Flucht treiben. Iſt aber die Stelle mit der Büchſe nicht zu erreichen, ſo bleiben ſie ſtundenlang unbeweglich auf dem ſicheren Platz und verlaſſen ihn erſt, wenn es überall ruhig geworden.

Es heißt in einem Jägerliede:

Und wenn im Wald die Hunde luſtig jagen, So iſt's die ſchönſte Melodie,

Ja ſelbſt in meinen allerletzten Tagen, Niemals, niemals vergeß' ich ſie.

Mancher Jäger wird ſo denken, dem harrenden Gemsjäger iſt aber das Abfallen der Steine, welches das Nahen des edlen Krickel⸗ wildes verkündet, eine noch liebere Muſik, als dasGeläute jagender Hunde. Und dieſes Steinrollen und Sauſen ließ ſich denn auch nach einiger Zeit vernehmen und lugte bald da, bald dort ein ſchwarzes Gems in den Graben und ſprangen ſie einzeln oder auch in Rudeln herein, oft zugleich auf allen Ständen, ſo daß nun das ganze Thal von den Schüſſen widerhallte und das Echo weithin ihren Donner vervielfältigte. Man erkannte leicht das Schießen auf dem Königs⸗ ſtande, da der König immer wenigſtens ſechs Doppelbüchſen zur Diſpo⸗ ſition hatte und die Wechſel überſchoß, welche die Rudel am liebſten annehmen. Es fiel dort alſo Schuß auf Schuß in kurzer Zeit, wäh⸗ rend auf den übrigen Ständen die Schüſſe meiſt nur einzeln fielen. Die ſtarken Böcke kommen gern allein und ward mir das Glück zu Theil, daß mehrere ganz denſelben zum Schuſſe günſtigen Wechſel nahmen und in ſolchen Zwiſchenräumen, daß ich immer ſchußfertig war. Die Art der Gemſen, zu ſteigen und zu ſpringen und über⸗ haupt ihr Benehmen bei einer Jagd, kann man am beſten ſtudiren, wenn eine Kitzgais mit dem Kitz kommt, denn bei einem Bock(durch die ſtärkeren und mehr an den Hacken eingebogenen Krickeln kennbar) ſchaut man nicht lange zu, ſondern ſchießt im erſten, günſtigen Augen⸗ blick. Eine Kitzgais aber wird meiſtens geſchont und iſt ein herr⸗ liches Bild, zu ſehen, wie behutſam ſie vorangeht, während das Kitz ganz unbeſorgt folgt. Es denkt an keine Gefahr und ſelbſt wenn es den Schützen ſieht und erkennt, nachdem die alte Gais an ihm vorüber, zeigt ſich am Kitz nur der Ausdruck von Neugier oder Verwunderung über das fremde Weſen, aber keine Furcht. Die meiſten Gemſen kamen, da der Wind ausgezeichnet gut war, auf allen Ständen ver⸗ traut und mancher Bock ſtürzte nach dem Schuſſe, zuletzt unter dem jauchzenden Ruf der Treiber, welche in den Graben ſehen konnten. In dieſem Augenblick war auch die Spannung am höchſten, das Lärmen und Geſchrei der allmählich überall ſichtbar werdenden Trei⸗