Täuſchung iſt vollkommen, man vergißt die Zeit in der wir leben, die große Stadt in der wir uns befinden, man glaubt wirklich in St. Helena zu ſein und den großenzMann, kurz nacheſeinem Tode, zu erblicken.
Zur Verſtärkung dieſes Eindruckes tragen die übrigen Reliquien noch bei. Wir können ſie nicht alle aufzählen. Da iſt der Krönungs⸗ ornat Napoleons, da iſt der unglücklichen Joſephine Robe, die ſie bei der Krönung trug, da iſt die Wiege des Königs von Rom u. ſ. w. u. ſ. w. Für ein Trinkgeld dürfen wir auch in Napoleons Feld⸗ und Reiſekutſche ſteigen, in welcher er den ruſſiſchen Feldzug machte, und die am Abend der Schlacht von Waterloo erbeutet wurde; ebenſo iſt hier der Wagen, den er ſechs Jahre in St. Helena benützte. Natürlich fehlt es an kleineren Reliquien, Ringen, Uhren, Meſſern, Zahnbürſten, Taſchentüchern u. dgl. nicht.
Endlich enthalten dieſe Zimmer noch andere Raritäten, z. B. den Hauptſchlüſſel der Baſtille, einen Stein deſſelben Gebäudes, einen Rock, den Lord Nelſon in der Nilſchlacht getragen u. dgl. mehr.
„Das Merkwürdigſte bleibt noch übrig,“ ſagte Edward, als wir, ermüdet durch das viele Sehen, uns auf irgend einem hiſtoriſchen Stuhle ausruhten. 4
„Was iſt das?“
„Es iſt die Chamber of horrors, die Schreckenskammer, zu der die ſeltene Frau ihre erſten Studien in Paris gemacht hat, wie ich Dir vorhin erzählt habe. Sie enthält in getreueſter Darſtellung einige der größten Verbrecher und Mörder, die je gelebt haben und wird noch immer erweitert und vermehrt.“
„Laß uns hineingehen.“
Niemals werde ich den Eindruck vergeſſen, den ich erhielt, als ich das Schreckensgemach betrat. Durch das bisher Geſehene war meine Phantaſie ſchon erregt und der Wirklichkeit faſt entrückt— nun trat ich in eine Geſellſchaft der Elendeſten und Niedrigſten, auf denen die Stille des Todes ruhte, die aber doch ſchauerlich lebendig mich anſtarrten.
Ein unheimlich düſteres Licht erhellte kärglich dieſes längliche Gemach, in dem nahe an 40 Verworfene vereinigt ſind, und in dem ſich mehrere der Werkzeuge befinden, mit welchen ſie ihre Greuelthaten verübten. Theils ſtehen ſie frei da, theils hinter Gerichtsſchranken, aber alle in Lebensgröße. Eine grauenvolle Geſellſchaft, mit Aus⸗ nahme einer Frau(Marie Manning, die mit ihrem Manne, George Manning, Mr. OConnor ermordete) nur aus Männern zu⸗ ſammengeſetzt.
Es überrieſelte mich kalt; allmählig gewöhnte ich mich an den grauſenvollen Anblick und betrachtete ruhig eine Geſtalt nach der anderen. Hier hätte ein Phrenolog und ein Phyſiognomiker Studien machen können; das weiteſte Feld eröffnete ſich aber dem Pſychologen und dem Geſchichtsforſcher.
Mit richtigem weiblichen Takte hat Madame Tüſſaud die Haupt⸗ helden der Revolution in die Verbrecherwelt eingereiht. Robespierres, Carriers, Tinvilles, Herberts Köpfe, ebenſo wie Marat, alle von ihr, auf Befehl der Nationalverſammlung, unmittelbar nach der Hinrichtung modellirt, grinſen uns hier an. Auch das Original⸗
fallbeil, das 22,000 Perſonen in jener gräßlichen Zeit enthauptete,
unter dem Ludwig XVI, Marie Antoinette, Madame Eliſabeth, auch Robespierre fiel, und ein getreues Modell der nach ihrem Erfinder, Guillotin, einem franzöſiſchen Arzte benannten Gutillotine iſt hier zu ſehen. Wie oft iſt unſchuldiges Blut unter dieſem Werkzeuge der Tyrannei gefloſſen, wie ſelten hat es gerechte Strafe geübt!
Wenn man von dieſen Erinnerungszeichen einer hiſtoriſchen Verbrecherwelt kommt, iſt man faſt geneigt, die übrigen Elenden milder zu betrachten, welche die neuere Zeit(mit Ausnahme Ra⸗ vaillacs, des Mörders Heinrichs IV) in dieſes Schreckensgemach geliefert hat. Und doch— welche geheimnißvollen Untiefen unſerer modernen, ſo civiliſirt fein erſcheinenden Geſellſchaft offenbaren ſich hier unſerem Blicke!
Da ſteht jener verruchte Arzt, William Palmer, der ſein ernſtes Segensamt in frevelhafter Weiſe mißbrauchte und dem Strychnin zuerſt eine traurige Berühmtheit verlieh. Neben ihm ſein Nach⸗ ahmer Bacon, der ſeine Mutter ermordete, um ihr Geld zu er⸗ erben und ſpäter noch ſeine zwei Kinder.
Ein Sohn gütiger, vortrefflicher Eltern war jener Dove, der im Alter von 28 Jahren ſein Weib vergiftete. Sein Name(der „Taube“ bedeutet), wie ſeine Geſichtszüge ſcheinen ſeinen Thaten zu widerſprechen.
Die Feder ſträubt ſich, alle die Namen niederzuſchreiben und die Unthaten zu melden, welche ſich weiter in dieſem Raume durch ihre Urheber mit erſchreckender Treue— ſogar die Anzüge ſind meiſt diejenigen, welche die Verbrecher einſt getragen— repräſentirt finden! Welch ein Ungeheuer war jener James Bloomfield Rush, der außer unzähligen, kleineren Verbrechen, ſein Weib, ſeine Mutter und ſeinen Schwiegervater und mehrere andere Perſonen ermordete! Wie tief geſunken waren Daniel Good, der Jane Jones ermordete, ihren Leib zerſchnitt und verbrannte, und James Greenacre, der die Stücke der von ihm ermordeten und verſtümmelten Hannah Brown in ver⸗ ſchiedene Theile Londons zerſtreute. Das Meſſer, mit dem er ſeine Unthat verübte, liegt ihm zur Seite. Welch eine gemeine Habſucht prägt ſich auf dem Geſichte des Mannes aus, der noch dazu herausfordernd daſteht, als wollte er mit ſeinen Frevelthaten ſich brüſten! Es iſt William Godfrey Youngman, der ſeine Ge⸗ liebte, ſeine Mutter und zwei Brüder ermordete, um ſich in den Beſitz von 100 Pfund zu ſetzen. Und wie abſcheuerregend ſehen jene zwei rohe Burſche, Burke und Hare aus, welche lange Zeit die von ihnen auserleſenen Opfer in ihre Wohnung lockten und ſie dort um⸗ brachten, um ihre Leichname für anatomiſche Zwecke an gewiſſenloſe Aerzte zu verkaufen!
Zwei Unglückliche, John Francis und Edward Oxford, die ein Attentat auf die Königin machten und jetzt in einer Londoner Irrenanſtalt leben, befinden ſich hier mitten unter den größeren Verbrechern.
Auch an Ausländern fehlt es nicht. Da iſt ein Schweizer, Courvoiſier, der den 72jährigen Lord William Ruſſell ermordete und am 6. Juli 1840 hingerichtet ward. Wir ſehen ferner den unheimlichen Fieschi, in dem Augenblicke dargeſtellt, wo er die Lunte an die Höllenmaſchine legt, nebſt einem Modell derſelben. Um einen Tiſch vereinigt ſtehen drei ſchöne Männer, Italiener von Geburt, Orſini, Pierri und Pianori, welche Napoleons III Leben durch ihre Attentate bedrohten. Dümollard, jener Franzoſe, der ſo viele unglückliche Dienſtmädchen unter dem Vorwande, ihnen einen guten Dienſt zu verſchaffen, an ſich lockte und ſie dann umbrachte, zeigt hier ſein ungewöhnlich widerwärtiges und gemeines Geſicht. Endlich Nena Saib, der Schlächter unzähliger unſchuldiger Weiber und Kinder, den endlich die ſtrafende Gerechtigkeit Gottes dahinraffte, bietet ſich hier in ſeiner Nationaltracht unſeren Blicken dar. Dazu wird in kurzer Zeit auch unſer unglücklicher Landsmann, Franz Müller, hinzukommen.
Ich wollte ermüdet und aufgeregt von allen den Schreckens⸗ bildern, aufbrechen. Edward hielt mich zurück.
„Noch einen Blick wirf durch dieſe eiſerne Gitterthür!“
Ein dunkler Gefängnißraum— eine mattleuchtende Lampe— ein von Alter und Kummer gebeugter Greis auf elender Lagerſtätte in Ketten, neben ihm eine auf und ab raſchelnde Maus, das erblickte ich durch das Gitter.—
Ich ſchauderte— ich glaubte, einen noch Lebenden zu erblicken. „Wer iſt das?“ fragte ich haſtig.
„Es war der unglückliche Comte de Lorge, deſſen Freilaſſung aus der Baſtille Madame Tüſſaud am 14. Juli 1789 beiwohnte. Der Unglückliche wurde in das Haus ihres Onkels gebracht; er war frei geworden, aber doch für die menſchliche Geſellſchaft verloren; dreißig Jahre Gefangenſchaft hatten ihn für dieſe Welt unbrauchbar gemacht. Seine Verwandten und Freunde lebten nicht mehr— mit Thränen bat er, ihn doch lieber in ſeinen Kerker zurückzuführen. Sechs Wochen nach ſeiner Befreiung verſchied er.“
„Genug, genug,“ rief ich aus;„komm, Edward, hinaus in das Leben und die Wirklichkeit.“
Wir verließen den Ort des Grauſens, durchſchritten noch ein Mal die friedlicheren Kunſträume und ſaßen bald in einem Omnibus, der uns in das Gewühl des Londoner Lebens, das mir zum erſten Male wohlthat, zurückführte. R. K.
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