Jahrgang 
1865
Seite
315
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Auf inmal,

upfängt zruppen

en dender Drbeſter⸗ ſchaft,

In einer Gruppe ſtehen die meiſten Herrſcher Europas bei⸗ ſammen; außer Napoleon III, vornehmlich der Kaiſer und die Kaiſerin von Oeſterreich, Wilhelm III, König der Niederlande, ferner Viktor Emanuel, Pedro V, König von Portugal, Iſabella II von Spanien; linker Hand Abdul Medjid, der Sultan der Türkei, Omer Paſcha, Wilhelm I und Friedrich Wilhelm IV von Preußen, Alexander II von Rußland u. ſ. w.

Eine andere Gruppe Lerwint die königliche Familie von Eng⸗ land, Lord Palmerſton, Sir Charles Napier und einige andere hervorragende Männer Gaszuretehmnlns

Auch die Todten leben in dieſem Saale. Es durchrieſelt uns unwillkürlich etwas kalt, wenn wir den hiſtoriſchen Blaubart, jenen blutigen Heinrich VIII in prachtvoller Waffenrüſtung, umgeben von ſeinen ſechs Frauen, vor uns ſtehen ſehen. Die ſchöne Maria Stuart erregt unſer tiefſtes Mitleid, noch mehr freilich eine edle, deutſche Fürſtentochter, die unverdienter als jene litt, Maria Antoinette.

Du ſtehſt und gehſt ja wie ein Träumender! neckte mein Freund;nicht wahr, das iſt ein recht gewöhnliches Wachsfiguren⸗ cabinet!?

Nein, das ſage ich nicht mehr. Du hatteſt Recht, es iſt ein Kunſtgenuß; ja es iſt mir, als ob ich noch nie die Geſchichte recht verſtanden hätte, bevor ich dieſen Raum betrat.

Was die vollendetſte Geſchichtſchreibung nur annähernd vermag, das ſah ich vor mir und um mich lebensvoll geſtaltet: die großen Erſcheinungen unter den Völkern der Erde ſchienen hier auferſtanden zu ſein und zu leben. Der Geiſt der Reformation in ihrer national verſchiedenartigen Entwicklung ſtand in Luther, Calvin und Knox vor mir verkörpert da. Neben Königen und Kriegern gewahrte ich Dichter und Künſtler; neben Richard III und Johanna d'Arc, Shakeſpeare und Paganini; neben Männern der Vergangenheit, Größen des Tages; neben Washington und Franklin, Lincoln; neben William Penn, Garibaldi und Cavour; neben Voltaire und Walter Scott, den Grafen von Montalembert und Macaulay.

Es würde mich zu weit führen, alle Männer und Frauen auf⸗ zuzählen, die ſich hier zuſammengefunden. Mein Freund wurde überdem ungeduldig; wir müßten weiter, drängte er.

Wir kamen an dem Orcheſter vorbei. Es waren deutſche

Muſiker, wie ich bald vernahm, die freilich unſerer Kunſt nicht viel

Ehre machten.Spiel doch nicht ſo abſcheulich nachläſſig! raunte einer dem anderen zu.Ach was! hieß es zur Antwort;für die dummen Engländer iſt das gut genug, die verſtehen ja doch nichts von Muſik!

Ich war aus meinen Geſchichtsträumen in die proſaiſche Wirk⸗ lichkeit zurückverſetzt.

Ich theilte Edward mit, was ich ſo eben gehört, und fügte hinzu:Das war etwas grob, aber höflich ſind Deine Landsleute auch nicht. Sieh einmal den alten Herrn dort, der die hohen Poten⸗ taten ſo aufmerkſam betrachtet und ſeinen Kopf bald dem einen, bald dem andern zuwendet, er rührt ſich nicht, obgleich die Damen kaum an ihm vorüber können.

Willſt Du ihm nicht ſelbſt darüber eine Bemerkung machen? erwiederte Edward lächelnd;laß uns doch näher an ihn heran⸗ treten!

Wir thaten es; ich ſetzte mich neben den ſchlicht gekleideten Mann auf die gepolſterte Bank und ſtieß dabei an ſeinen Fuß. Unwillkürlich ſagte ich:I beg your pardon, Sir, als mein Freund hell auflachte und ich nun auch bei näherem Hinblicke erkannte, daß ich neben einer Wachsfigur ſaß, die durch einen unſichtbaren Mecha⸗ nismus den Kopf langſam hin und herbewegte. Sie ſtellte den großen Staatsmann William Cobbett dar, der von niedriger Herkunft ſich zu ſeiner hervorragenden Stellung als Parlamentsmitglied empor⸗ geſchwungen hatte und im Jahre 1835 ſtarb.

Ehe wir den Saal verließen, führte mich mein Freund noch zu zwei merkwürdigen Frauengeſtalten. Auf einem Lager ruht ein ſchönes, in ſchwarzen Atlas gekleidetes Weib, das zu ſchlafen ſcheint, man meint, ihre Athemzüge zu vernehmen, ihr Buſen hebt und ſenkt ſich, alles ſo wunderbar natürlich, daß man glaubt, die kleine ehr⸗ würdige Matrone, die zu ihren Häupten ſteht, wache über ihrem Schlummer. Die Ruhende iſt die unglückliche Nadame St. Amaranthe, die Wittwe eines Oberſtlieutenants der Leibgarde Ludwigs XVI., der bei dem Angriff auf die Tuilerien am 10. Auguſt 1792 getödtet

wurde. Sie ſelbſt fiel als ein Opfer der Rachſucht Robespierres, deſſen unreiner Luſt ſie keuſch widerſtanden hatte, im Alter von 22 Jahren, unter dem Fallbeil der Guillotine.

Und wer iſt das liebe, alte Mütterchen? Wie freundlich und wohlwollend, und dabei wie klug ſie ausſieht!

Es iſt Madame Tüſſaud, die Schöpferin dieſes herrlichen Inſtitutes. Laß Dir von ihr erzählen, ehe wir weitergehen. Marie Großholtz ſo hieß ſie als Mädchen wurde 1760 in Bern geboren. Ein Onkel mütterlicherſeits, Namens Curtius, der ſchon längere Zeit in Paris als Wachsbildner lebte, nahm ſie in ihrem ſechſten Lebensjahre zu ſich in die große Weltſtadt. Bald zeigte ſich ihr Talent für die Kunſt ihres Onkels täglich machte ſie, unter ſeiner Leitung, darin Fortſchritte, endlich that ſie es ihm gleich. Mit den bedeutendſten Männern der Revolution, Benjamin Franklin, Rouſſeau, Mirabeau, Lafayette u. a. wurde ſie in ſeinem Hauſe be⸗ kannt. Aber auch dem Hofe kam ſie nahe. Der Prinz von Conti, der Curtius nach Paris gezogen hatte, machte den König auf die beiden Künſtler aufmerkſam. Madame Eliſabeth, Ludwig XVI Schweſter, kam in ihr Atelier, konnte nicht genug bewundern und äußerte zuletzt den Wunſch, das Modelliren in Wachs ſelbſt zu lernen. Die junge Schweizerin zog in den Palaſt, wo ſie bis 1789 verweilte. Welchen Wechſel fand ſie, bei ihrer Rückkehr, in ihres Onkels Hauſe! Statt der Gelehrten, Künſtler, Profeſſoren, die früher ſeine Gäſte geweſen, fand ſie fanatiſche Politiker, aufgeregte Redner die Revolution war nahe. Unter den bald folgenden Stürmen der wildbewegten Zeit reifte Mariens Genie zur Vollendung. Die ihr geſtellte dluſhele war entſetzlich! Während der ganzen Schreckens⸗ herrſchaft hatte ſie Modelle der bedeutendſten Köpfe in Wachs zu bilden, nachdem die Guillotine dieſelben vom Rumpfe getrennt; Marat, nach ſeiner Ermordung, Robespierre, nach ſeiner Hinrichtung, kamen unter ihre Hände. Aber bebte auch oft ihr Herz, ihre Hand zitterte nicht, denn ihr Geiſt wurde geläutert und geſtärkt durch die Zeit der Noth und ſie lernte die Dienſte erkennen, welche ſie der Wiſſenſchaft und der Kunſt durch die ihr aufgenöthigte Arbeit leiſten konnte. Im Jahre 1802 verließ ſie als Frau des Kammerdieners Tüſſaud Frankreich und ſtellte ihre Sammlung in den Hauptſtädten Groß⸗ britanniens aus, 20 Jahre lang in Lond on, davon die letzten 18 in denſelben Lokale, in dem wir uns jetzt befinden. Sie erreichte ein hohes Alter, hörte aber nie auf, Ti Voll endung in ihrer Kunſt und nach immer größerer hiſtoriſcher Treue in der Ausſtattung aller Gebilde ihres Muſeums zu trachten. Am 15. April 1850 iſt ſie, 90 Jahre alt, geſtorben. Dort aber ſteht ſie noch, einfach dunkel gekleidet, wie im Leben voll Liebe über den Schöpfungen ihrer Kunſt wachend. Ihre zwei Söhne ſetzen ihr Werk fort.

Doch wir müſſen weiter; wir haben noch viel zu ſehen!

Der folgende Raum heißt dieKönigshalle. Lebens⸗ große Oelgemälde der Königin Viktoria, des Prinzen Albert und der früheren engliſchen Könige bis auf William III herab, bedecken die Wände; die Decke iſt von Sir James Thornhills Künſtlerhand geziert. Dieſe Halle iſt beſtimmt, ſämmtliche Herrſcher Großbritanniens, in Wachs gebildet, aufzunehmen. Ein ſchöner Anfang iſt gemacht von Wilhelm dem Croberer bis auf Heinrich VII iſt die Reihe ziem⸗ lich vollſtändig aufgeſtellt. Keine Koſten und keine Mühen ſind geſcheut, jede Figur mit der ſorgfältigſten, geſchichtlichen Treue herzuſtellen die Anzüge, Waffenrüſtungen, Kopfbekleidungen u. ſ. w. ſind ent⸗ weder, unter Aufſicht wiſſenſchaftlicher Autoritäten, nachgebildet, oder durch die Liberalität des engliſchen Hofes und einzelner Privaten Sedinellüde wie das Krönungsgewand Georgs IV u

Wir gelangen ſodann in eine Reihe Zimmer, die uns in die Zeit zurückverſetzen, welche MNadame Tüſſaud beſonders genau gekannt und ſtudirt hat. Ein wahrer Schatz von ſeltenen Reliquien iſt in den Napoleonszimmern aufgehäuft. An 13,000 Pf. St. haben die hier geſammelten Raritäten den Beſitzern gekoſtet; durch unwiderlegliche Zeugniße ſind alle als authentiſch beglaubigt.

Auf ſeinem Feldlager, auf dem er ſieben Jahre lang in St. Helena geruht, auf den Matratzen und Kiſſen, auf denen er ſtarb, liegt vor uns Napoleon, gelleidet in ſeine Chaſſeuruniform und bedeckt mit dem Mantel, den er in Marengo trug. Sein Geſicht iſt dem Originalmodell Automarchis, ſeines Arztes, treu aelildät Eine feierliche Stille herrſcht in dieſem Gemache, matbes Licht erhöht die ernſten Eindrücke, die jeder hier empfängt, die Beincher treten leiſe auf und ſprechen nur flüſternd miteinander. Die