Daher zogen ehemals die Säumer mit verſtopften Schellen ihrer Saumpferde und ſchweigend durch die Straße des Schreckens oder durch die Schöllenen hinauf.
Manche Unglücksfälle von Sturz der Windſchilde und der Lawinen erzählen uns theils die Geſchichte, theils die mündliche Ueberlieferung der Rutner.
Im Bellenzerkriege 1478, als die Eidgenoſſen 10,000 Mann ſtark im Wintermonat über den Gotthard rückten, gingen die Züricher als Vorhut dem Heere voran. Sie hatten ſich in Waſen den welſchen Wein ſchmecken laſſen, und zogen dann, trotz der Warnung ihrer Führer, jauchzend und ſingend die wilde Schöllenen hinauf. Da riß oben in den Höhen eine Staublawine ſich los, ſtürzte herab auf die Straße und begrub, vor den Blicken der Nachrückenden, 60 Krieger rettungslos tief unten in der Reuß unter ihrer gewaltigen Wucht. Den 12. März 1848 wurden in den ſogenannten„Planggen“, oberhalb des Schirmhauſes am„Mätteli“, dreizehn Männer, welche die Poſt begleiteten, ſammt Pferd und Schlitten von einer ge⸗ waltigen Staublawine in die Reuß hinunter geſchleudert. Drei derſelben, Familienväter, fanden mit neun Pferden ihren Tod unter der Lawine; die andern konnten durch eiligſt herbei gerufene Hilfe noch gerettet werden.„Dagegen fand bei dieſer Rettungsthat einer der eifrigſten Helfer, Rathsherr Joſeph Müller von Hoſpenthal, auf höchſt ergreifende Weiſe einen ſchönen Heldentod. Auch er war hingeeilt, ſeinen Nachbaren beizuſtehn. Da wurde er in der Gegend, welche„im Harniſch“ heißt, mit noch zwei andern von einer neuen, ſtürzenden Lawine ergriffen und kam dabei ums Leben. Im gleichen Unglücksjahre, den 27. Oktober, wurde die von Airolo den Berg hinanfahrende Poſt beim Schirmhauſe Ponte Tremola von einer Lawine verſchüttet; ein Reiſender von Bergamo blieb dabei todt, die andern wurden gerettet. Den 2. November 1855 endlich wurden drei Männer von einem unerwartet herabſtürzenden Schneeſchilde weit in die Tiefe hinabgeſchleudert, konnten aber mit großer, ver⸗ einter Anſtrengung wieder gerettet werden.
Eine rührende Lebensrettung aus einer Lawine auf dem Gott⸗ hard erzählt uns die Geſchichte. Im Jahr 1628 ritt Landammann Kaſpar von Brandenberg von Zug als neugewählter Landvogt von Bellenz, von ſeinem Knechte und einem treuen Hunde begleitet, über den Gotthard, und wurde oben auf der Paßhöhe von einer Lawine, welche von Lucendro herabkam, mit ſammt dem Knecht verſchüttet. Einzig der Hund konnte ſich retten. Dieſer ſuchte zuerſt ſeinen Herrn auszuſcharren. Da er aber ſah, daß er nicht zum Ziele kam, ſo eilte er zum Hospiz zurück, und gab daſelbſt durch klägliches Heulen und Winſeln zu verſtehen, daß ein Unglück geſchehen ſei. Sogleich brachen der Spittler und ſeine Knechte mit Schaufeln und Hauen auf und folgten dem Hunde, welcher eiligſt vor ihnen herſprang. Bald gelangten ſie zu der Stelle, wo die Lawine gefallen war. Hier
hielt der treue Hund plötzlich ſtill, ſchnoberte im Schnee, und fing dann unter Bellen und Winſeln eifrig wieder zu ſcharren an. So⸗ gleich machten ſich nun die Retter an die Arbeit, und gruben endlich, nach langem, ſchwerem Werke, den Landammann und bald nachher ſeinen Knecht glücklich aus. Beide waren noch am Leben. 36 lange, bange Stunden hatten ſie unter den peinlichſten Gefühlen in dem kalten Schneegrab zugebracht. Sie hatten ganz deutlich das Heulen und Bellen des treuen Hundes gehört, dann ſein Verſchwinden be⸗ merkt, und nachher die Ankunft der Retter, ihr Sprechen und Arbeiten vernommen, ohne jedoch einen Laut von ſich geben, noch ſich regen zu können. Nach dem letzten Willen des geretteten Herrn mußte bei ſeinem Abſterben das Bild des treuen Hundes auf ſeinem Grabſteine zu ſeinen Füßen ausgemeißelt werden, und war zu Zug in der St. Oswaldskirche bis auf die Neuzeit zu ſehen.
Oft verurſacht der Sturz einer angebrochenen Lawine durch die Lufterſchütterung eine Menge anderer nachfolgender Lawinen, ſo daß in dieſem Falle ein lange andauernder Lawinenfall erfolgt. So war es im Frühjahr 1854 der Fall, wo auf der Schattſeite des Realper⸗ thales auf einer Ausdehnung von mehr als einer Stunde Länge eine Schneemaſſe nach der andern durch den Luftdruck der vorher gefallenen Lawine wieder in Bewegung geſetzt wurde, ſo daß der Donner derſelben Stunden lang faſt ohne Unterbrechung fortdauerte, und alle Stege und Wege 25 bis 30 Fuß hoch mit gewaltigen Schneemaſſen aus⸗ gefüllt waren, ſo daß man Gänge durch dieſelben graben mußte, um den nothwendigen Verkehr wieder herzuſtellen. Die Lawinen waren an Stellen herabgekommen, wo ſie ſonſt ſeit Menſchengedenken nie gefallen waren. Sonſt aber kommen die Grundlawinen im Frühling meiſt in ihren gewohnten„Zügen“ hinab ins Thal. Iſt ihre Maſſe ungewöhnlich groß, und ſperrt ſie die Straße, ſo graben die Rutner ebenfalls durch dieſelben hindurch unterirdiſche Gänge, durch welche dann oft lange Zeit die Poſtſchlitten hindurch fahren. Iſt die Poſtſtraße in ſolcher Weiſe durch einen Lawinenſturz geſperrt, oder auch durch Schneeſtürme und ungewohnt ſtarken Schneefall ſtrecken⸗ weiſe unbedingt verweht und ausgefüllt, ſo muß die Poſt oft einen ganzen Tag, bisweilen auch noch länger ihren Lauf einſtellen, bis die Straße wieder zur Weiterfahrt geöffnet iſt. So mußten Weihnachten 1859 vier Poſtführer vier Tage lang auf dem Gotthard⸗Hoſpiz warten, bis das Tremola-Thal endlich wieder geöffnet war. Noch länger blieb der Poſtverkehr über den Gotthard nach dem unerhörten Schnee⸗ fall Anfangs Januar 1863 verſchloſſen, wo der Schnee in den Teſſiniſchen Berghöhen, fünf volle Tage, 3 bis 4 Ellen hoch lag, und das erſte Stockwerk der Häuſer, ja mitunter ganze Hütten unter demſelben begraben lagen. Damals ſind 93 Menſchen ums Leben gekommen, 41 Häuſer und viele Ställe zerſtört, und 17 Stück Rind⸗ vieh und 140 Ziegen und Schafe getödtet worden. So hauſet der Winter mit Schrecken längs der Gotthardſtraße.
Die Geſchichte in Wachsgebilden.
„Du biſt noch nicht bei Madame Tüſſaud geweſen?“ ſagte mein Freund Edward eines Abends zu mir, als wir zuſammenſaßen und beriethen, was wohl noch von Merkwürdigkeiten in London für mich zu ſehen übrig bliebe.
„Madame Tüſſaud!“ entgegnete ich etwas verächtlich;„Du meinſt das Wachsfigurencabinet? Ach, lieber Edward, ſolche Ge⸗ ſchichten habe ich ſchon ſo oft geſehen.“—
„So etwas haſt Du aber noch nicht geſehen, das verſichere ich Dir; Madame Tüſſauds Ausſtellung iſt ein Kunſtmuſeum, wie es in der ganzen Welt kein zweites gibt.“
„Nun meinetwegen; laß uns hinfahren.“
Wir nahmen einen Hanſom und fuhren nach Bakerſtreet, Portman⸗Square in die berühmte hiſtoriſche Galerie der Madame Tüſſaud und Söhne.
Das erſte Zimmer, in welches wir eintraten, war dem Herven⸗ cultus, wie Carlyle es nennt, geweiht. Unter einem prachtvollen Baldachin ruht auf ſeinem Zeltlager Englands großer Held der Neuzeit, der Herzog von Wellington, bedeckt mit dem Mantel des Hoſenbandordens, daneben liegen alle die zahlreichen Orden, die er in
ſeinem Leben erhalten, und die Uniformen, die er getragen.
Auf einem Gemälde Sir G. Hayters ſehen wir den Marſchall noch einmal, wie er die Ueberreſte Napoleons beſucht.
Wir gehen weiter. Ein großer, mächtiger Saal empfängt uns. 122 Männer und Frauen bilden hier, in verſchiedene Gruppen vertheilt, eine großartige, unvergleichliche Verſammlung. Blendender Lichterglanz umſtrömt uns, aus einem Seitengemache ertönt Orcheſter⸗ muſik, der hochragende Raum ſcheint der fürſtlichen Geſellſchaft,
unter welche ſich hie und da einige bürgerliche Herren und Damen
miſchen, in hohem Grade würdig zu ſein.
„Darf ich Dich Sr. Majeſtät, dem Kaiſer Napoleon III vor⸗
ſtellen, oder willſt Du zuerſt dem Könige von Preußen Deine Aufwar⸗ tung machen?“ flüſterte Edward mir zu, der ſich ſichtlich an meinem verblüfften Starren beluſtigte. Wir traten an die beiden Fürſten heran. War es meine Kurz⸗ ſichtigkeit, die mich täuſchte? ich glaubte vor lebenden Menſchen zu ſtehen— ſo treu ſind die Züge von Künſtlerhand dem Leben nach⸗
gebildet, ſo vollendet ſind die Figuren und ſo echt die Uniformen,
Orden, alle Einzelnheiten des Anzuges.


