Jahrgang 
1865
Seite
312
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arm mit zerriſſenen Kleidern heimkam. Drei Jahre blieb er dann bei ſeiner Mutter, bei ſtrenger Arbeit, im Sommer als Wildheuer, im Winter als Schlittler. Des mühſeligen und gefahrvollen Lebens überdrüßig, entſchloß er ſich, kaum 16 Jahre alt, nach der Lombardei auszuwandern, und daſelbſt wo möglich ein Handwerk zu lernen. Wenige Centeſimi in ſeiner Taſche, wanderte er hinab bis Mailand und trat daſelbſt in die Lehre bei einem Schneidermeiſter, der für die franzöſiſchen Armeen arbeitete. Hier blieb er vier Jahre, und be⸗ nutzte ſeine Nebenſtunden mit eiſernem Fleiße, um ſich ſelber im Leſen und Schreiben zu unterrichten und zu üben. Da er kein Lehrgeld zahlen konnte, ſo mußte er daſſelbe ſpäter wieder durch Arbeit abver⸗ dienen. Nach vier Jahren kehrte er in ſeinen Heimatkanton Teſſin zurück und ſiedelte ſich in Bellenz an. Er wurde Poſtführer über den Gotthard, und ſpäter auf der Straße von Airolo bis Chiaſſo. Dieſen be⸗ ſchwerlichen Dienſt beſorgte er unverdroſſen zweiundzwanzig Jahre, zur vollen Zufriedenheit der Reiſenden, wie ſeiner Vorgeſetzten. Damals fuhr indeſſen die italieniſche Poſt nur zweimal wöchentlich über den Berg. In der Zwiſchenzeit war Lombardi als Schneidermeiſter thätig. Im Jahre 1828 errichtete er in Bellenz die erſte Bierbrauerei, und wurde im Jahre 1835 zum Mitgliede des Großen Rathes gewählt. Im Jahre 1839 bekleidete er das wichtige Amt eines Viceinſpektors über die Finanzen, und im Jahr darauf jenes eines Inſpektors über die Waarenfuhr auf der Gotthardſtraße. Ein Jahr darauf berief ihn die Re⸗ gierung ſeines Heimatkantons als Direktor des Gotthardhoſpizes, und hier war er denn recht in ſeinem Lebenselemente, in welchem er ſegens⸗ reich bis an ſein Ende, zweiundzwanzig volle Jahre, unermüdlich Sommer und Winter oben in den unwirthbaren Höhen, als ein Vater der Armen und Hilfsbedürftigen, mit eiſerner Willenskraft und Aus⸗ dauer gewirkt, und durch ſeine aufopfernde Menſchenliebe ſich in den Herzen von Hunderttauſenden ein Denkmal errichtet hat, das Mar⸗ mor und Erz überdauern wird. Unter ſeiner Leitung hob ſich das Hoſpiz in ſolcher Weiſe, daß es jetzt die zehnfache Zahl armer Reiſen⸗ den wie früher beherbergt. Der wohlwollende Blick aus den großen, glänzenden Augen des freundlichen Greiſes und ſein warmer Hände⸗ druck wird jedem Wanderer unvergeßlich bleiben, der hilfsbedürftig die gaſtliche Stätte des Hoſpizes betreten und daſelbſt Herberge und Stärkung zur Weiterreiſe gefunden hat. Lombardi hat den Berg in ſeinen Wetterlaunen und Eigenthümlichkeiten gekannt, wie vielleicht kein anderer, und auch die zweckmäßigſte Art und Weiſe, wie bei großer Kälte und Unwetter faſt beſinnungslos ankommende, halber⸗ frorene Reiſende zu behandeln ſind. Gleich bei ihrer Ankunft führte er ſie in einem kalten Zimmer auf und ab, und reichte ihnen etwas erwärmten Rothwein oder ſchwachen Grog. Dann wurden die erfro renen Körpertheile in Schneewaſſer getaucht, mit Schnee gerieben, und wenn dann der Blutumlauf wieder lebendiger geworden, ſo wurde der Leidende in ein erwärmtes Zimmer gebracht, mit Wollendecken tüchtig zugedeckt, und ihm die nöthige Speiſe gereicht. Dieſes bewährte Verfahren wird ſtets dort feſtgehalten. Gewöhnlich folgt hierauf ein tiefer Schlaf, der mitunter bis 24 Stunden andauert. Nach dem Erwachen ſind dann die Betroffenen meiſtens ſo hergeſtellt, daß ſie nach eingenommener Mahlzeit ihre Reiſe wieder weiter fortſetzen können..

Unter den Freuden einer Winterpoſtfahrt über den Gotthard iſt endlich diejenige nicht die letzte, welche in unbeſchreiblicher, wohliger Behaglichkeit das Herz des Reiſenden erfüllt, wenn er nach Gefahren und Mühſalen aller Art und nach der beängſtigenden, wilden Jagd den Berg hinab endlich unten im Thale ankömmt, und mit freudigem Gefühle die menſchlichen Wohnungen des erſten Dorfes wieder be grüßt. Ebenſo groß und zahlreich wie die Freuden, ſind die Leiden und Gefahren der Winterpoſtfahrt über den Gotthard. Unter ihnen ſteht der furchtbare Schneeſturm oder dieGuxeten der deutſchen und dieTormenta der welſchen Schweizer obenan. Dieſe ſchreckenvolle Naturerſcheinung in unſerer Hochalpenwelt hat die größte Aehnlichkeit, nur in ganz entgegengeſetzter Weiſe, mit dem fürch⸗ terlichem Samum der Wüſte. Wie dieſer mit raſender Geſchwindigkeit daher brauſende Wüſtenwind plötzlich Myriaden glühendheißer Sand⸗ körner emporhebt, und durch die Luft fortträgt, hier tiefe Mulden aus⸗ gräbt und dort haushohe Hügel aufthürmt; ſo erfüllt der Schneeſturm auf große Entfernungen hin mit dicken, alles verfinſternden Wolken kleiner, feiner, ſpitziger Eiskriſtalle, welche mit eiſiger Kälte ſelbſt die dichteſten Kleider durchdringen und zerfetzen, und mit der Luft eine völlig geſchmolzene Maſſe zu bilden ſcheinen. Wie ſchon angedeutet, iſt

der Hochgebirgsſchnee ſowohl in Form und Geſtalt, als in Dichtigkeit und ſpezifiſcher Schwere ſehr verſchieden von dem Schnee des Hügellan⸗ des und der Niederungen mit ſeiner ſternförmigen Flockenform. Er iſt nämlich ganz mehlig, ſandförmig, trocken und darum ſehr beweglich. Unter dem Mikroſkope bildet er bald prismenförmige Nadeln, bald unendlich kleine, keilförmige, ſechskantige Pyramiden, bald keilförmige Körper, von denen wie bei einem Morgenſtern, kleine Spitzen nach allen Seiten ausgehen, und die, vom Winde getrieben, mit der größ⸗ ten Geſchwindigkeit die Luft durchſchneiden. Mit dieſem feinen Eis⸗ ſtaube des Hochgebirgſchnees treibt nun der Wind in den Einſattlun⸗ gen unſerer Hochalpen, auf den ſogenannten Paßhöhen, und ganz beſonders auch auf dem Gotthard ſein übermüthiges Spiel.

Plötzlich erfaßt er nämlich daſelbſt einige hunderttauſend Kubik⸗ klafter deſſelben und wirbelt ihn hoch in die Luft empor, es ſodann der dort herrſchenden Windrichtung überlaſſend, ihn in der Form des dichteſten Schneefalles, oder auch mehr zerſtreut als glitzernden Eis⸗ nadelregen, wo es ihm beliebt, wieder niederfallen zu laſſen. Biswei⸗ len fegt der Wind eine ganze Ladung des trockenen Eisſtaubes hin⸗ weg, und ſchleudert ſie unverſehens in ein tiefer liegendes Bergbecken, beſonders auf die Uebergangspunkte der Paßhöhe, in wenig Augen⸗ blicken den mühſam ausgeſchöpften Hohlweg der Straße ſpurlos aus⸗ füllend, den zu öffnen vorher eine ganze Compagnie Rutner ſich tage⸗ lang abgemüht hatte. Alle dieſe Erſcheinungen ſind den Staublawinen unſerer Alpen ähnlich, aber können nicht als der eigentliche Schnee⸗ ſturm, die Tormenta oder die Schneeguxeten betrachtet werden. Dieſer iſt unvergleichlich heftiger, elementarer, und ſeinem Ungeſtüme ſind auf dem Gotthard ſchon hunderte und hunderte von Menſchenleben als Opfer verfallen. Es ſind dieſes meiſtens fremde Reiſende, welche die Vorboten eines Schneeſturmes nicht kennen, oder im übermüthigen Vertrauen auf ihre Kraft wohlgemeinten Warnun⸗ gen nicht Folge geleiſtet und ihren Weg fortgeſetzt haben.

Erfahrungsgemäß ſind die Schneeſtürme auf dem Gotthard gerade auf der Paßhöhe und weiter unten auf der Südſeite im Tre⸗ mola⸗Thale am häufigſten und bösartigſten, und zwar höchſt ſonder⸗ barerweiſe auf der Südſeite bei herrſchendem Nord⸗, auf der Nord⸗ ſeite aber bei herrſchendem Südwinde. Die Rutner, Fuhrleute und die Bewohner des Hoſpizes auf dem Gotthard kennen die Zeichen ganz genau, welche den gefürchteten Schneeſturm verkünden. Als ſolche gelten ihnen die gelblichweiße gleichförmige Färbung des Hori⸗ zontes, der trüber und trüber werdende Schleier, der ſich um die ent⸗ fernten Gebirgszüge legt, und ſie nachgerade unſichtbar macht. Da⸗ bei iſt die Luft eiſigkalt, trocken und hart. Lautloſe Stille, ähnlich jener vor dem Losbrechen eines furchtbaren Gewitters im Sommer, ſchwebt über der öden Berggegend. Tief athmet der Menſch mit ſchwerer Bruſt, und unruhig ſchnaubt das Pferd neben ihm, während der getretene Schnee kniſternd unter den Füßen ächzt. Rückt der drohliche Sturm näher, dann hüllen ſich auch die nähern Bergſpitzen in graue Wolken ein, welche für die Ewigkeit auf ihnen laſten zu wollen ſcheinen. Immer bleibt es jetzt noch Zeit, wenn die Ent⸗ fernung nicht zu groß iſt, das ſchützende Hoſpiz oder das nächſte Zufluchtshaus Cantoniera zu erreichen. Immer dunkler wird es, als hätte der Abend den Mittag mit einem Mal überholt. Plötzlich erſchreckt den überraſchten Wanderer ein ſcharfer Windſtoß, der ihm eine Handvoll des aufgewirbelten Eisſtaubes ins Geſicht ſchleudert. Wieder wird es ruhig, ſtill wie vorher. Mehreremal wiederholt ſich dieſe Erſcheinung von Zeit zu Zeit, doch in immer kürzern Zwiſchenräumen. Es iſt dieſes die letzte Mahnung zur ſchleunigſten Flucht. Jetzt erhebt ſich ein höchſt ſeltſames, unheim⸗ liches Tönen in den Felſenſchluchten, erſt leiſe und ſeufzend und von der entgegengeſetzten Seite wiederkommend, dann immer vernehmlicher und ſtärker, aber raſch in ferne Berggegenden weiter klingend, als wenn fern verwehte Stimmen um Hilfe riefen. Die durch die Luft hinſtreichenden Klagen dringen nun aus einer zweiten, dritten, vierten Ecke hervor, einförmig, hohl, ganz anders als unten im Thale der Wind. Das Roß vor dem Schlitten ſchnaubt höchſt unwillig vor ſich hin, haut mit ſeinen Hufen ſtärker in den unſichern, lockern Schnee, und ſtrengt ſich ungeheißen doppelt an, vor Ausbruch des Sturmes die nächſte Zufluchtsſtätte zu erreichen. Zu den winſelnden Klage⸗ tönen geſellt ſich bald ein tiefer Grundton; die Windſtöße mehren ſich und ein immer wilderes Getöſe durchheult die Luft. Nach wenigen Augenblicken entladen ſich die dichten Schneewolken, die rings den erſchrockenen Wanderer umhüllen, ihres übervollen Inhaltes, und