Jahrgang 
1865
Seite
311
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ger InAer

werk geſchloſſen. Lange noch, bisweilen den ganzen Winter durch, fährt der Poſtwagen durch den Thalboden von Altdorf bis Amſtäg, da derſelbe den ganzen Winter bisweilen ſchneefrei(aber) bleibt. In Amſtäg oder jenſeit des Berges in Airolo harren die einſpänni⸗ gen, in neuerer Zeit zweiſitzigen Poſtſchlitten, je mit einem Pferde. Die Reiſenden werden in hieb⸗ und ſchußfeſte, dicke Büffelmäntel eingepackt und durch ein bis an die Bruſt hinaufreichendes Deckfell nach Möglichkeit ſorgfältig verwahrt. Sämmtliche Briefſäcke, Ge⸗ päcke, Koffer und Güter werden nun auf Schlitten verladen, wäh⸗ rend der große, feſte Eilwagen ſchutzlos und unbewacht ſeitwärts an der Straße ſtehen bleibt. In den erſten Schlitten ſetzt ſich der Poſtillon, in den zweiten der Kondukteur; ſie fahren dem Zuge voran, um ihn überwachen zu können. Die vertrauten und ſichern Pferde der übrigen Schlitten folgen ohne Leitung. Will ein Pferd ermatten, ſo pflegen es die Reiſenden durch einen Schneeballenwurf anzuſpor⸗ nen. Iſt ſtarker Schnee gefallen, ſo ſind die Rutner in dem mit 10 bis 12 ſtarken Ochſen hintereinander beſpannten Bahnſchlitten ſchon viele Stunden vor Ankunft der Poſt aufgebrochen, um auf Schlittenbreite den Weg zu öffnen. Die Arbeit der Rutner iſt eine ebenſo anſtrengende, als gefahrvolle, und wird in zwei große Hälften getheilt. Die erſte beſteht in wer ſogenanntenFürleite. Die⸗ ſelbe hat, ſo oft es ſtark ſchneit, den erſten Durchbruch in dem wüſten Schneedickicht zu verrichten. Zu dieſem Zwecke ſchreitet ein Dutzend feſter, ſtarker Zugochſen mit dem Bahnſchlitten langſam voran. Hin⸗ ter dieſem her ſchreiten 6 bis 8 handfeſte Rutner, kräftige, abgehär⸗ tete Geſtalten mit hohen Stiefeln oder feſten Ueberſtrümpfen, wolle⸗ nen Fauſthandſchuhen, und einer mit Ohrenlappen wohlverſehenen Pelzmütze. Sie ſind eifrig bemüht, die erſte Weganlage einigermaßen auszuſchaufeln. Ihnen folgt dann eine ganze Kompagnie derWe⸗ ger, denHauptweger an der Spitze, die den einigermaßen geöff⸗ neten Graben kunſtgerecht ausweiten und in einem fahrbaren Zu⸗ ſtande erhalten. Die Eidgenoſſenſchaft zahlt für das Offenhalten der Bergpäſſe jährlich die hübſche Summe von fünfzig bis ſechzigtauſend Franken. Die Rutner ſelbſt werden von der betreffenden Landes⸗ regierung angeſtellt, und die Teſſiner ſtehen unter der Leitung des Hoſpizdirektors oderSpittlers. Viele von ihnen wohnen in den Zufluchtshäuſern des Tremola⸗CThales oft wochenlang bei kärglicher Nahrung harten Brotes und geräucherten Fleiſches, gleichſam wie in der Verbannung Sibiriens unter den Schreckniſſen des Winters, und empfangen bei den großen Mühſalen und Gefahren ihres Be⸗ rufes einen verhältnißmäßig nur geringen Wochenlohn. Seltener als auf den Bergpäſſen von Graubünden ereignet ſich auf dem Gott⸗ hard der Fall, daß Rutner bei ihrem Berufe ums Leben kommen, doch ſind einige Fälle bekannt. Die unerſchrockenen Bergſteiger kennen nämlich die Beſchaffenheit des Gotthards ſo genau, wie daheim ihre Wohnſtube. Sie kennen alle Vorboten des Witterungswechſels und namentlich der gefürchteten Schneeſtürme aufs genauſte, und wiſſen mit einem ganz eigenthümlichen Ahnungsgefühle den Lawinen auszu⸗ weichen. Daher hören Poſtführer, Poſtillone, Fuhrleute und Säu⸗ mer ſtets auf die Meinung und Warnungen der Rutner, und gerade in den Fällen, wo dieſelben aus Leichtſinn oder Uebermuth mißachtet worden, hat ſich gewöhnlich ein Unglücksfall zugetragen. Hat die Poſt endlich die Höhe des Gotthardpaſſes erreicht und haben ſich Menſchen und Pferde im Poſthauſe geſtärkt, dann geht es, wie unſer Bild zeigt, mit blitzſchneller Geſchwindigkeit unter lautem Zuruf, Jubeln und Jauchzen, trotz der eiſig ſchneidenden Winterluft, den Berg hinunter, und zwar beſonders raſch bei den Straßenwindungen, um das Ausgleiten zu vermeiden, in wilder, kühner Jagd, daß manchem, ſolcher Fahrten nicht gewohnten Reiſenden vor Angſt faſt Sehen und Hören vergeht. Bisweilen bei feſtem Schnee ſchneidet wohl auch der ganze Zug ſchnurgerade die Straßenlinien ab. Unglücksfälle von um⸗ geworfenen Poſtſchlitten ſind ſelten, und haben häufig keine ſchlimmeren Folgen, als den Schrecken. Gefährlich ſind aber mitunter die Stellen, die an Abgründen vorüberführen. An denſelben baut nämlich der Schnee überhängende Vorſprünge an, welche wie gewaltige Dach⸗ traufen weit über das Fundament der Straße hinausreichen. Läßt ſich nun ein mit dem Berge nicht beſonders vertrauter Fuhr⸗ mann oder Pferdelenker der Poſt verleiten, den ſcheinbar bequemern, am äußerſten Rande hinführenden Pfad zu wählen, ohne Ahnung, daß er auf demſelben keinen Boden unter den Füßen hat, ſo kann ein geringfügiger Umſtand eine ſolche Schneelehne, die den ganzen Winter, wie aus Wetterkalk gemauert, gehalten hat, zum

Sturze bringen, und Roß und Mann tief unten im Abgrund begraben.

Mannigfach und tiefergreifend ſind die Freuden und Leiden einer Winterpoſtfahrt über den Gotthard. Zu den erſten zählen wir vor allem den zaubervollen Anblick unſerer Gebirgslandſchaft und namentlich des Hochthales von Urſern im Glanze eines hellen, klaren Wintertages oder einer Mondſcheinnacht. Berg und Thal ſind in das gleiche, weiße Leichentuch der erſtorbenen Natur gehüllt. Die Spitzen und Vorſprünge der Berge haben ihre ausgeprägten Formen verloren, und dagegen die allgemeinen, weichen und glatten Umriſſe des Winters angenommen. Das mitunter ſo gewaltige Brauſen und Rauſchen der rinnenden Gewäſſer iſt verſtummt; die Bäche ſind vereiſt und die Waſſerfälle, die im Sommer, zu Waſſerſtaub aufgelöſt, als Silberbänder über die ſchroffen Felſen herabgleiten, ſind zu ge⸗ waltigen Eisſäulen und Zapfen erſtarrt und hängen frei als blitzende Gewänder an der kalten Felswand herunter. Der dunkelgrüne, ge⸗ heimnißvolle Alpenſee liegt unter der überſchneiten Eisdecke, wie ein Todter unterm weißen Leichentuche. Aber dieſe allgemeine Schnee⸗ decke iſt in einer kalten Nacht nach einem warmen Tage hart und feſt, eisartig geworden, und erglänzt nun in den Strahlen der kurzen Winterſonne in Myriaden von blitzenden Kriſtallen. Das matte, flaumartige Gewand des friſch gefallenen Schnees der Berge iſt zum ſtrahlenden Stahlpanzer geworden, in welchem feierlich ernſt und in erhabener Majeſtät die ſchweigſamen Bergrieſen daſtehen, und gegen das wolkenloſe Blau des Himmels herrlich ſich abheben. Ueberall lautloſe Stille, nur von dem Peitſchenknall des Poſtpferde⸗ lenkers und den Schellen der Poſtpferde unterbrochen. Die lieblichen Alpenpflanzen liegen unter der Schneedecke geborgen. Das Murmel⸗ thier oder die Munke, wie es in Urſernthal heißt, ſchläft mit der ſel⸗ tenen Alpenſpitzmaus den langen Winterſchlaf. Am Ufer der Reuß oder im Vorholz des Bannwaldes pfeift noch hier und da die Waſſer⸗ amſel und der Schneefink, und ſingt der Zaunkönig ſein helles Lied oder hebt ſich im plumpen Fluge das aufgeſchreckte Birkhuhn empor. Alle dieſe gefiederten Vertreter des Thierlebens der Alpenwelt ver⸗

ſtummen, der ſchneeweiße Alpenhaſe bleibt regungslos wie todt im

Schnee liegen, wenn der ſtolze Steinadler oder der gewaltige Lämmer⸗ geier hoch oben in den klaren, kalten Winterlüften ſeine Kreiſe zieht, oder ruhig ſchwebend über den höchſten Gipfeln der Berge ſich wiegt. Nachts kläfft dann der hungrige Fuchs im Gebüſch, und wandert mit dem Marder, dem ſchneeweißen Wieſel, ja mitunter mit dem blut⸗ dürſtigen Luchs über die feſtgewordene Schneedecke oft auf weite Strecken auf den Raubmord aus. Wenn nun der Poſtſchlitten zwiſchen 10 bis 15 Fuß hoch aufgethürmten Schneemauern durch dieſe fun⸗ kelnde und ſtrahlende Winterlandſchaft hinfährt, wirbelt oft ein ſcharfer Windzug von der Schneedecke des Thales oder oben von den Gipfeln der Berge Millionen von feinen Eiskriſtallen und Schneekörnchen in die klare Luft, und überſtreut damit oft weite Flächen. Fegt aber ein ſolcher Windzug den Schneeſtaub von den höchſten Bergfirſten, ſo bilden ſie ſehr oft ganze Wolken, und dann pflegen unſere Bergbe⸗ wohner zu ſagen:die Berge rauchen. Ein Theil dieſes auf⸗ gewirbelten Schneeſtaubes qualmt denn auch wirklich in diamantenen Wölklein glitzernd auf, während dagegen die ſchweren Maſſen deſſelben, vom Winde gepeitſcht, in hundert wirbelnden Schneefällen an den Felſenwänden der Bergkronen herabflattern, und endlich als lange, lange Nebelſtreifen ſich in die Tiefe ſenken. Zu den unvergeßlichen Freuden einer Winterpoſtfahrt über den Gotthard gehört die endliche Ankunft auf der Paßhöhe beim Hoſpiz, wenn ein ſchneidend kalter Wind die Luft beſtändig mit ſpitzen, feinen Schnee⸗ und Eiskriſtallen erfüllt, und von ihren Stichen die Haut prickeln macht. Noch mehr iſt dieſes der Fall nach überſtandenen Gefahren und Leiden einer Winterfahrt, wie wir ſie kennen lernen werden. Eine hohe Freude war früher für den gemüthlichen Reiſenden beim Empfang der warme Händedruck des greiſen, biedern Spittlers Lombardi, der vor zwei Jahren ſeine verdienſtvolle, irdiſche Laufbahn vollendet hat. Das ge⸗ drängte Lebensbild des trefflichen Mannes darf in einem Naturge mälde des Gotthards nicht fehlen.

Felix Lombardi war armer Leute Kind und den 12. Juli 1791 zu Valle bei Airolo im Livinerthal geboren. Im ſiebenten Jahre verlor er ſeinen Vater und zwei Jahre nachher mußte 85 ſchon als Hirtenknabe in die weite Welt hinaus. Er kam nach Bergamo zu einem Bauern, bei dem er trotz ſpärlicher Koſt und ärmlicher Kleidung drei volle Jahre aushielt, und dann geiſtig und körperlich