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für ein guter Fuhrmann und für ein guter Ehemann ſei, daß er ihr zu Liebe die Franziskaner, welche er nicht leiden konnte, nun gar ſelber in die Stadt fahre. Sie hatte ſich freudeſtrahlend am Thore aufge⸗ ſtellt und winkte dem Manne und den Mönchen den erſten Gruß ent⸗ gegen. Die Bürger, welche dem ſeltſamen Fuhrwerk begegneten, grüßten freilich in etwas anderer Art: ſie warfen dem Fuhrmann Schimpfworte an den Kopf und ſahen die Mönche ingrimmig an, ohne die Mütze zu rücken.——
Dieſe aber ließen ſich den kalten Empfang nicht anfechten, ſon⸗ dern liefen flugs zur Kloſterkirche und laſen dort eine Meſſe, wodurch ſie thatſächlich Beſitz vom Kloſter ergriffen zu haben behaupteten. Die Gemeinde bei dieſem merkwürdigen Gottesdienſte, welche die Meſſe zu einem juriſtiſchen Akte machte, war äußerſt klein 1 denn außer den Fuhrmannseheleuten war nur ein Häuflein Neugieriger den Franziskanern in die Kirche gefolgt.
Als die beiden Gatten aber wieder heraus auf die Straße kamen, wälzte ſich ihnen ein großer Menſchenſchwarm entgegen: gefolgt von der ganzen Bürgerſchaft kamen jetzt die Kapuziner. Gerufen von der Gemeinde und anerkaunt vom Landesherrn und vom Biſchofe waren dieſelben, im Vollbewußtſein ihres Rechtes, ganz gemächlich zu Fuß gen Bacharach gezogen und erfuhren jetzt mit Schrecken, daß ihnen die Franziskaner vorgefahren und bereits im Beſitze des Kloſters waren. Die Menge tobte vor Wuth. Peter und ſeine Frau wären ſchwerer Mißhandlung wohl kaum entgangen, wenn nicht ein alter Bekannter den Fuhrmann rechtzeitig aufgegriffen und ihn ſammt der Frau durch das Innere ſeines Hauſes in ein ſtilles Seitengäßchen gebracht hätte, von wo ſie auf großen Umwegen zu ihrer Wohnung ſchlichen.
Dort aber ſah es übel aus. Während ſie in der Kirche der Beſitzergreifung der Franziskaner beiwohnten, hatte eine Rotte großer und kleiner Gaſſenbuben von ihrem Hauſe Beſitz ergriffen, die Fenſter eingeſchlagen, viel Geräthe zertrümmert und auf die Straßen geworfen, und erſt nach hartem Prügelkampfe waren ſie ſelbſt dann wieder von des Fuhrmanns Knechten hinausgeworfen worden.
Käthchen, welche bis dahin wahren Mannesmuth gezeigt, brach bei dieſem Anblick in Thränen aus und ſetzte ſich ſprachlos, gebrochen, zitternd auf die Treppe ihres einſt ſo friedlichen Hauſes. Sie weinte nicht über den erlittenen Schaden, ſondern weil ſie jetzt erſt erkannte, daß ſie ihrem duldſamen Manne den Haß ſeiner ganzen Vaterſtadt auf den Hals gezogen. Der Mann aber blieb ſo gelaſſen wie immer und ſprach:„Die böſen Buben haben uns das Ausziehen erleichtert. Heute Abend hätten wir ohnedies das Haus und die Stadt verlaſſen; nun geht es etwas geſchwinder und thut uns auch nicht mehr halb ſo leid.“
Die Frau blickte ihn erſchrocken, fragend an. Er fuhr fort: „Ich habe das Haus an die Franziskaner vermiethet; denn da das Kloſter noch wüſte liegt, müſſen ſie doch vorerſt ein anderweites Obdach haben, bis ſie dort wieder eingerichtet ſind, und kein anderer Menſch in der Stadt würde ihnen jetzt Quartier geben. Alſo habe ich, da wir hereinfuhren, die Miethe bereits mit dem Pater Guardian ab⸗ geſchloſſen.“ 7
Händeringend flehte Käthchen, daß er die Miethe wieder rück⸗ gängig mache, ſie könne ja niemals wieder Frieden gewinnen, wenn ſie ihren Mann ſo von Haus und Hof vertrieben habe.
Der Mann aber entgegnete:„Die Miethe iſt feſt. Die Bacha⸗ racher Luft taugt für uns beide nicht mehr; bis hierher bin ich Dir gefolgt, jetzt folge Du mir: umgekehrt iſt auch gefahren! Wir ziehen nach Lorch in Deine Heimat und bauen dort den Wein, welchen Deine Väter getrunken; er iſt ohnedies beſſer als der Bacharacher.“
Da ſprach Käthchen:„Lieber Peter, es kann nicht ſein; in Lorch wäreſt Du kein Fuhrmann mehr, und ſiehe, ich werde nicht wieder glücklich, wenn Du nicht wieder ein Fuhrmann wirſt. Ich verſprach Dir ja heute Morgen, eine Stunde lang über das Fuhrweſen nachzu⸗ denken und habe es redlich gethan, und als Du ſo ſtolz zum Thore hereinfuhrſt, hätte ich Dir um den Hals fallen und ſagen mögen, Du ſolleſt doch Dein Lebenlang ein rechter Fuhrmann bleiben.“
Peter hob ſie lächelnd von der Treppe auf und rief:„Jetzt ſprichſt Du endlich geſcheidt, weil Du nicht mehr ſo gar grauſam ge⸗ ſcheidt ſprichſt wie vordem. Es wird ſich auch überm Rhein ſchon wieder machen mit dem Fuhrwerk, und hier hätten mir die Kaufleute doch kein Faß Wein mehr zu fahren gegeben, ſeit ich die Franziskauer gefahren.“ Und er küßte ſie, und ſie waren friedevoller mit einander in dem verwüſteten Hauſe, als je zuvor, da noch ſo klöſterlicher Friede auf demſelben geruhet.
Am Abende zog der Fuhrmann aus und die Franziskaner zogen ein. Ihre Feinde, die Kapuziner, hatten vorläufig das Volk be⸗ ſchwichtigt, denn ſie waren ſo klug, der Gewaltthat nicht Gewalt ent⸗ gegenzuſetzen, ſondern ließen die Franziskauer gewähren, ſchickten aber Eilboten nach Heidelberg zum Kurfürſten und nach Trier zum Erz⸗ biſchof, daß man ihnen zu ihrem Rechte verhelfe. So ließen die Bürger denn auch den Fuhrmann mit den Seinigen ungehindert abziehen.
Als Peter Rambold nach einiger Zeit mit einem Nachen von Lorch herübergekommen war, um den Reſt ſeiner Habe abzuholen, fand er im Bacharacher Hafen ein Schiff mit den ſämmtlichen Franzis⸗ kanern befrachtet, zum Abſtoßen bereit. Er rief den Pater Bona⸗ ventura an und fragte, wohin denn die Reiſe gehe? Etwas nieder⸗ geſchlagen antwortete dieſer:„Rheinabwärts! Gott weiß wohiu. Der Kurfürſt hat uns verrathen und der Biſchof hat uns ver⸗ laſſen.“
Der Fuhrmann wünſchte Glück auf den Weg, legte aber ein wenig bei neben den Mönchen und ſagte dem Pater ganz heimlich: „Wenn Ihr wieder einmal die Eheſtandspredigt haltet, ſo dürft Ihr fortan jene alte Geſchichte nicht mehr erzählen von der Frau, die durch ſo große Demuth und Gehorſam ihren trunkenen Mann bekehrte, denn ich weiß eine beſſere, die ich ſelbſt erlebt habe, und Ihr wiſſet ſie auch. Seht, einen recht groben Sünder durch Demuth zu bekehren, das iſt in der Ehe nicht ſo gar ſchwer, aber eine halbe Heilige, die aus lauter Liebe und Güte und Tugend alles verſchraubt und verderbt, in Demuth und Gehorſam zur Umkehr zu bringen, daß ſie ſchlecht und gerecht lebt wie andere Menſchenkinder und nicht wie eine verheirathete Nonne, das iſt das Allerſchwerſte. Es wäre mir armen Sünder auch gar nicht gelungen, wenn nicht unſer Herrgott ein Einſehen gehabt und mir Euch Franziskaner zur Hilfe geſchickt hätte. Denn wäret Ihr nicht vierſpännig in Euer Unglück gefahren, ſo ſäße ich heute nicht ſo ſelig in meinem Glücke.“
Pater Bonaventura kam ſpäter in ein Kloſter auf dem Weſter⸗ walde und ſoll in dortiger Gegend ſeine berühmte Eheſtandspredigt den Bauern noch öfters gehalten haben. Nur mit etwas verändertem Schluſſe. Er ſprach nämlich jetzt nach der alten Geſchichte vom be⸗ kehrten Säufer:„Ich habe Euch dieſe Geſchichte ſchon oft erzählt, und Ihr fraget wohl, warum ich ſie immer wieder erzähle? Einfach deshalb, weil ich keine beſſere für Euch weiß. Ich habe zwar ein⸗ mal erlebt, daß ein Fuhrmann durch noch viel ſchwerere Dulderproben ſeine Frau bekehrte, aber die Geſchichte erzähle ich Euch nicht: ſie iſt zu ſubtil, denn ſie hat ſich droben am Rhein bei den feinen Pfälzern zugetragen, und Ihr groben Weſterwälder würdet ſie doch nicht verſtehen.“
Der Öt. Golthard und die italieniſche Voſt im Winter.
Von Auguſt Feierabend. (Mit Abbildung.)
in felſiger Rücken under römen, die Deinem Scheitel entſtürzen; Auf Dir hauſet Entſetzen und Grauen in Wolken gehüllet, Deinen Pfad beſucht der bleiche, ſtarrende hwindel. Fr. Stolberg. Schon Mitte September nimmt das bunte, bewegte Leben raſch ab, welches während der wenigen Sommermonate auf der Gotthard⸗
ſtraße ſich entfaltet. Mitte Oktober fallen dann die erſten Schnee⸗ ladungen oben auf der Paßhöhe auf den hartgefrornen Boden, und legen den erſten Grund zur nachherigen, hochgethürmten Schlitten⸗ bahn. So oft es nun im Thale regnet, ſchneit es oben auf den Höhen. Allmählich rückt das weiße Leichentuch des Winters weiter und weiter ins Thal hinab, und der Paß wird für das Räder⸗
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