Jahrgang 
1865
Seite
307
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Und wenn ſie ſelber gar ſo rührend ihn dann bat, er ſolle doch nicht mehr auf die Trinkſtube gehen, und es ihm daheim zum Erſatz ſo ſchön und freundlich machte, konnte er da widerſtehen? Dennoch ſprach er dann wieder zu ſich: ein Fuhrmann gehört auch ins Wirths⸗ haus, ſchon von Geſchäftswegen. Und ſeine alten Zechfreunde zürnten ihm doppelt, daß er ſie gerade jetzt mied, wo es beim Weinglaſe ſo viel Wichtiges zu rathen und zu reden gab wegen der neuen Zeit und des neuen Kurfürſten. Freute er ſich dann des Sieges, den er über ſich ſelbſt gewonnen, indem er ſeiner Frau gefolgt, ſo ſchämte er ſich hinterdrein wieder vor den Genoſſen, daß ihn die Frau beſiegt habe; und doch wollte er's durchſetzen und durch Sanftmuth und Nachgiebigkeit ihr beweiſen, daß ſie gerade in ihrem unbezweifelten Rechte am meiſten Unrecht habe, und alles verderbe, weil ſie es gar zu gut mache.

In dieſer Zeit kam Bruder Bonaventura öfters zum Beſuch; er durfte ſich jetzt wieder ungeſcheut ins Städtchen wagen, würde aber in anderen Häuſern nicht beſonders gaſtlich empfangen worden ſein. Käthchen wünſchte ſeine Beſuche nicht, wehrte ſie aber auch nicht; Peter war dem Mönche ſo artig, als ſei es ſein beſter Freund. Er forſchte dann öfters im Geſichte ſeiner Frau, ob ſo viel Vertrauen und Milde ihr Herz nicht bewege; allein ſie nahm das alles hin, als ob ſich's ganz von ſelbſt verſtehe.

Der Mönch ahnte ſeinerſeits nicht im mindeſten, wie es dem Peter jetzt in ſeiner Nähe zu Muthe war, noch wie es dem Käthchen früher zu Muthe geweſen, er kam überhaupt weder als neuer Haus⸗ freund des Mannes noch als alter Jugendfreund der Frau, ſondern ſchlechthin als Mönch, das heißt im Intereſſe ſeines Ordens.

Kaum hatten nämlich die Bacharacher Katholiken ihre volle Re⸗ ligionsfreiheit wieder erhalten, ſo ſpalteten ſie ſich als ächte Deutſche ſofort in zwei Parteien. Das alte Kloſter ſollte wieder hergeſtellt werden, und die ganze katholiſche Gemeinde war einig in dem Wunſche, daß es recht bald geſchehe; denn die Winzer meinten, wenn im vergangenen Sommer auch nur ein ganz kleines Klöſterchen in der Stadt beſtanden hätte, ſo würde der Hagel die Weinberge gewiß nicht ſo grauſam zerſchlagen haben. Allein ob Mönche mit oder ohne

Kutten das Kloſter beziehen ſollten, das war die ſchwere Streitfrage.

Die große Mehrheit des Volkes begehrte Kapuziner; nur wenige waren im ſtillen den Franziskanern zugeneigt.

Nun ſind zwar Kapuziner und Franziskaner ſo zu ſagen leibliche Brüder; denn ſie nennen ſich gleicherweiſe Söhne des h. Franz von Aſſiſi; allein ſie waren von lange her feindliche Brüder, und die ſtreiten bekanntlich am bitterſten. Der giftige Haß aber, in welchem ſich Franziskaner und Kapuziner ſchon ſo oft befehdeten, ſchien dies⸗ mal auch auf die beiden Parteien ihrer Anhänger in Bacharach über⸗ gegangen zu ſein. Es hatte der Handel für dieſe Stadt allerdings ein ganz beſonderes Geſicht. Die Kapuziner waren 1621 nach Bacharach gekommen und hatten ſich in den Nothjahren des Krieges bei den Bürgern ſehr beliebt gemacht. Später mußten ſie aber den Franziskanern weichen, welche von einem in der Stadt kommandiren⸗ den General begünſtigt wurden. Auf Beſchwerde der Bürgerſchaft brachte dann der Kurfürſt und Erzbiſchof von Trier die Kapuziner wieder zurück und empfahl ſie als buccinatores S. spiritus, als die wahren Trompeter des heiligen Geiſtes, bis dieſe Trompeter auf Andringen des Kardinal⸗Infanten in Brüſſel abermals den Franzis⸗ kanern das Feld räumen mußten. Zuletzt kam dann der reformirte Kurfürſt Karl Ludwig von der Pfalz und trieb die Franziskaner ſammt den Kapuzinern zum Lande hinaus. Die Kapuziner aber waren hier wie anderwärts volksbeliebt geweſen, die Erkorenen der Bürgerſchaft; die vornehmeren Franziskauer dagegen galten als Auf⸗ gedrungene, als die Günſtlinge fremder, vornehmer Herren. Nun wollten aber beide Orden wieder nach Bacharach zurück, beide ſtützten ſich auf alte Beſitzanſprüche, und war doch nur ein Kloſter vorhanden.

Bruder Bonaventura unterſuchte den Boden für die Franziskaner, und dies war der wahre Grund, weßhalb er ſo fleißig bei den Fuhr⸗ mannsleuten einſprach. Er forderte ſie auf, unter Freunden für das gute Recht der Franziskaner zu wirken. Der Fuhrmann ſchwieg, die Frau verhieß ihr eifrigſtes Fürwort.

Als der Pater hinweggegangen, ſagte Peter zu der Frau mit leiſem Spotte:Wir beide werden den ehrwürdigen Vätern kaum zu ihrem Kloſter verhelfen können, da wir nach deinem Wunſche ſelber bereits wie im Kloſter leben. Ginge ich noch auf die Trinkſtube, ſo könnte ich reden und werben.

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Käthchen erwiderte mit glühender Heftigkeit, wie man ſie noch gar nicht an ihr erlebt hatte:Für mein Heil und unſer Glück floh ich die Welt, wenn es aber das Heil und Glück der Gemeinde gilt, ſo entſage ich dem Frieden dieſes Hauſes und gehe wieder unter die Leute, und ſollte ich ſie Abends am Marktbrunnen aufſuchen.

Ich bin ein langſamer Fuhrmann, ſprach Peter gelaſſen, und kann ſo geſchwind den Wagen nicht wenden. Du magſt thun was Dir recht dünkt. Aber warum muß denn gerade von den Fran⸗ ziskanern Glück und Heil für die Stadt kommen? Die Kapuziner ſind doch auch ein guter Orden, ja von Kindesbeinen an habe ich ſie ſtets als den allerbeſten preiſen hören. Woher willſt Du denn, klüger als ganz Bacharach und der Erzbiſchof von Trier, wiſſen, daß die Franziskaner mehr werth ſind?

Käthchen, in welcher jetzt alle die Eindrücke, welche ſie in dem Franziskaner⸗Nonnenkloſter der Klariſſinnen empfangen, wie ein helles Feuer wieder aufloderten, war ganz verändert, ſie glühte und bebte, ſie war nicht mehr die ſtille, leidenſchaftsloſe Frau.Wollte Gott, rief ſie,der Chriſtoph Keller wäre ein Kapuziner geworden und kein Franziskaner, daß du nicht meineſt, ich vertheidige die Fran⸗ ziskaner, weil Chriſtoph ihren Rock trägt. Aber Recht muß doch Recht bleiben! Und nun ſchilderte ſie mit all der genauen Kenntniß, welche ſie bei den Klariſſinnen gewonnen, die unvergleichlichen Vor⸗ züge der Franziskaner.Sie ſind der große Stammorden, verzweigt in ſo viele ächte Aeſte der Cöleſtiner, Spiritualen, Clareniner, Socco⸗ laner, Coletaner, Amadeiſten, Capreolaner, Reformaten, Recollecten und wie ſie alle heißen, daß ſelbſt die Aebtiſſin von St. Clara ſie nicht in einem Athem herzuſagen vermocht; die Kapuziner aber ſind ein einziger falſcher, dürrer Zweig, abgefallene Franziskaner und nichts weiter. Der h. Franziskus hat niemals eine Kaputze getragen, höchſtens ein ganz kleines Kapützchen wie die Kapuciolaner, die auch ächt ſind, aber keinen ellenlangen Sack wie die Kapuziner. Solch eine ſpitze Kaputze paßt dem Teufel über ſeine Hörner aber keinem Heiligen über ſeinen runden Kopf. Hat der Erzbiſchof von Trier die Kapuziner Trompeter des heiligen Geiſtes genannt, ſo beſagt das gar nichts, wenn man erwägt, daß die Franziskaner von einem Papſte die ſeraphiſchen Brüder genannt worden ſind; denn ein Papſt iſt mehr als ein Erzbiſchof und ein Seraph mehr als ein Trompeter, auch wenn er die heiligſten Noten bläſt. Ohne Zweifel aber ſind die Franziskaner der nützlichſte Orden; denn die Kapuziner mögen viele gute Werke thun, die Franziskaner aber ſind ihnen und allen andern überlegen in der Kraft der Sündenvergebung; ſie beſitzen den ſtärkſten Ablaß, den Portiunkel⸗Ablaß, der wäſcht alle Sünden am reinſten hinweg. Ja der Bruder Bonaventura hat mir einmal ge⸗ ſagt, eine Ehefrau könne den Portiunkelablaß nicht bloß für ſich ge winnen, ſondern durch ihr gläubiges Reu' und Leid zugleich ſogar mit für ihren Mann: ſo durchdringend wirkt dieſer Ablaß und ſo untrennbar eins achten die Franziskaner zwei durch das Sacrament der h. Ehe verbundene Gatten.

Eine ſolche Rede hatte der Fuhrmann von ſeiner Frau noch nie gehört. Er ſtutzte, beſann ſich eine Weile und ſprach:Dein letzter Grund war der beſte, und ich habe wirklich gefunden, daß unſer Franziskaner nicht blos im Worte ſondern auch in der That Reſpekt hat vor der Ehe. Thue Du alſo bei dieſem Mönchshandel was Dir gut dünkt.

Dieſe milden Worte wirkten tief bewegend auf die Frau; Thränen traten ihr ins Auge und ſie ſagte:Lieber Mann, ich habe unrecht an Dir gehandelt! Dann ſchwieg ſie wieder. Dem Manne lauteten dieſe Worte wie eine Erlöſungsbotſchaft.ZJetzt endlich, dachte er,habe ich ſie durch meine Güte beſiegt, jetzt endlich wird ſie erkennen, daß ihr Kloſtergeiſt für mein Haus nicht paßt, daß ſie et⸗ was minder gut werden muß und doch nicht ſchlechter.

Käthchen fuhr fort:Lieber Peter, Du haſt den Bruder Bona⸗ ventura belogen, Du haſt ihm erzählt, ich habe einen verſtorbenen Freund vordem gerade ſo lieb gehabt wie Dich, da er ſelber doch dieſer Freund war und noch ſehr lebendig iſt. Er fragte mich nach jenem Verſtorbenen, ich aber konnte die Lüge nicht auf Dir und mir haften laſſen und ſagte ihm alles der Wahrheit gemäß. Da ſtrafte er mich hart und legte mir ſchwere Bußen auf und ſpricht mich ſeitdem nie mehr, außer in deiner Gegenwart. Ich aber war ſo ſchwach, Dir die ganze Unterredung bis heute zu verſchweigen..

Dem Fuhrmann rann bei dieſen Worten ein ganzer Eimer kalten Waſſers über den Rücken: das klang noch nicht nach Erlö⸗