Jahrgang 
1865
Seite
306
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Die Hochſchule der Demuth.

Eine Geſchichte von W. H. Riehl. (Schluß.)

Allein manchmal kamen ihm auch wieder andere Gedanken, und er meinte, ein allzu zartes Gewiſſen könne eben ſo gut krank ſein, wie ein allzu grobes. Doch ließ er ſich gegen die junge Frau nichts davon merken, ſondern ertrug ihr nonnenhaft ängſtliches, ſelbſtquäleriſches Weſen in Geduld eingedenk des Spruches aus der Predigt:Selig ſind die Sanftmüthigen!

Inzwiſchen waltete Käthchen als eine recht wackere Ehefrau, fleißig, die ſtrenge Ordnung des Kloſters ins Haus übertragend, ihrem Manne überall in Liebe zugethan.

Nur an ſeinem Fuhrmannsberufe konnte ſie keinen Gefallen finden und quälte ihn oft mit der Bitte, er möge ihn doch ganz an Nagel hängen und blos als Bauer und Winzer leben. Das Fracht⸗ gewerbe brachte ſo viel Unruhe ins Haus, welche der ſeit Jahren an Kloſterſtille gewöhnten jungen Frau gar übel behagte. Vorab aber war ihr das Kaufmänniſche an dem Geſchäfte zuwider; der Fuhr⸗ mann diente dem Handel, bei den Klariſſinnen aber hatte ſie gelernt, im Handel nur den Wucher und die Förderung der Genußſucht und Eitelkeit zu ſehen. Dazu ſchauderte es ihr vor den rohen Fuhr⸗ knechten mit ihren von Landſtraßen und Herbergen heimgebrachten groben Sitten und gottloſen Flüchen und den gellenden Peitſchen⸗ hieben, welche ſie auf die unſchuldigen Pferde führten, wenn dieſelben mitunter lieber im Hofe ſtehen bleiben, als einen ſiebenzig Centner ſchweren Wagen hinausziehen wollten. Käthchen war ein gar zartes, weiches Gemüth. Sie konnte nicht einmal die vielen Fliegen tödten, welche durch die Nähe des leidigen Pferdeſtalles zu tauſenden ins Wohnzimmer gelockt wurden, ſondern jagte ſie höchſtens zum einen Fenſter hinaus, daß ſie zum andern wieder hereinflogen, außer es regnete, dann ließ ſie die Mücken ganz in der Stube, weil ſie draußen naß geworden wären. Denn ſie ſagte, die Oberin bei den Klariſſen habe ihr oft erklärt, wie das gräuliche Morden der ſchuldloſen Thiere recht eigentlich den Verluſt des Paradieſes anzeige, wo Menſch und Thier in Friede und Freundſchaft gelebt, und je ſelbſtloſer wir wieder Freundſchaft ſchlöſſen mit jedem Thiere, um ſo näher kämen wir auch zum paradieſiſchen Zuſtande zurück.

Der Fuhrmann half ihr zwar die Mücken möglichſt rückſichts⸗ voll in die freie Luft befördern, meinte aber doch, die Lehre ſei im all⸗ gemeinen zu fein, und er halte es mit dem h. Ulrich, welcher auch kein ſchlechter Heiliger geweſen, der habe nicht nur bei Lebzeiten die Ratten und Mäuſe vertilgt, ſondern rotte ſogar nach dem Tode noch durch die Kraft ſeiner Reliquien dieſes Ungeziefer aus, und wenn er Peter Rambold darum eine Bremſe an ſeinen Pferden ſitzen ſehe, ſo ſchlage er ſie todt; denn lieber ſolle doch das tückiſche Inſekt leiden als ſein ehrlicher Gaul.

Uebrigens würde ihn die Theilnahme Käthchens für das Schick⸗ ſal der Mücken wenig gegrämt haben, wenn ſie ihm nur den Fuhr⸗ mannsſtand nicht ſo tief herabgeſetzt hätte. Alle ſeine Vorfahren waren Fuhrleute geweſen und er ſelber war im Doppelſinne ein ge⸗ borener Fuhrmann, während der Pater Bonaventura doch nur im einfachen Sinne ein geborener Franziskaner war. Er fuhr ſeinen Wein redlich übern Hunsrück, ohne kleine Löchlein ins Faß zu bohren und etliche Flaſchen unterwegs mit Strohhalmen herauszuzapfen, und wenn der Verkäufer mit dem Weine gewuchert hatte oder der Käufer ſich daran betrank, war das ſeine Sünde?

In dieſer Zeit begegnete Peter wieder einmal dem Mönche, welchen er jetzt ſchon wohlwollenderen Auges anſah; denn er hatte gefunden, daß Pater Bonaventura doch kein ſchlechter Seelenarzt ge⸗ weſen, und jene Beklemmungen, die er ihm geklagt, wenn auch nicht gehoben, ſo doch gelindert habe. Darum, als ihn der Franziskaner fragte, wie es denn nunmehr im Eheſtand gehe, rühmte er recht herz⸗ lich ſeine gute Frau, klagte aber auch, daß ſie das Fuhrweſen ver⸗ achte und erzählte genau, wie ſie ſo gar feingebacken ſei, daß ſie nicht eine Mücke todtſchlagen könne. Der Pater rief:Welch unverdien⸗ ten Schatz von einem Weibe beſitzt Ihr doch! Zwar denkt ſie ſtrenge von Handel und Wandel, und ein frommer Fuhrmann kommt durch des h. Franziskus oder ſonſt eines ordentlichen Heiligen Fürbitte ge⸗ wiß ebenſogut in den Himmel wie ein anderer katholiſcher Chriſt.

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Inſoferne quält Euch Eure liebe Frau ohne Noth. Aber würde ſie Euch quälen, wenn ſie nicht geſcheidter, bedenkſamer, ſtrenger und reiner wäre als alle die andern Frauen ringsum? Blos weil ſie gar ſo tief ſinnet, verwirrt ſie Euch den Kopf, und Ihr ſolltet ſtolz ſein auf eine Frau, die Euch aus lauter Verſtand und lauter Herzensgüte ganz dumm und toll macht, und die beim Fuhrweſen gleich an den Weg zur Hölle denkt und bei den Mücken ans Paradies!

Der Fuhrmann fand, daß der Mönch wiederum recht habe, obgleich es freilich beſſer wäre, wenn ſeinem Käthchen umgekehrt das Fuhrweſen etwas paradieſiſcher vorkäme und die Mücken etwas hölliſcher. Er beſchloß aber wiederum geduldig zu ſein und den inneren Widerſtreit ganz ſtille zu verſchlucken und durch lauter De⸗ muth und Milde das Herz der guten böſen Frau dergeſtalt zu rühren, daß ſie zuletzt doch noch den Fuhrmann ebenſo hoch über den Bauer ſetze wie den Peter über den Pater.

& II.

Der Zwieſpalt in Natur und Art unſerer beiden Eheleute hatte ſich bisher nur auf ihr perſönliches, häusliches Zuſammenleben be⸗ zogen. Aber bitterer noch ſollte der Fuhrmann denſelben nachgehends empfinden im Verkehr mit ſeinen Mitbürgern.

Bacharach war eine weit vorgeſchobene Gränzſtadt der Kurpfalz; das Jahr 1685 aber brachte dem Pfälzer Land eine ganz neue Ord⸗ nung der Dinge. Am 16. Mai ſtarb Kurfürſt Karl; mit ihm er⸗ loſch die reformirte Simmeriſche Linie und es kamen mit dem neuen Kurfürſten Philipp Wilhelm die katholiſchen Neuburger ans Regi⸗ ment. Die Pfälzer Proteſtanten blickten beſorgt in die Zukunft, die Katholiken athmeten auf: durch ein Dekret von 11. Oktober 1685 wurde ihnen freie Religionsübung zugeſagt, und die Mönche, welche bisher nur ſo an den Gränzen ein wenig ins Land hinein geſchaut, rüſteten ſich zum Wiedereinzug in die ſeit vierzig Jahren verlaſſenen Klöſter. Waren nun ſchon überall im Lande die Gemüther erregt durch dieſe neuen Thatſachen, um wie viel mehr in einem Städtchen wie Bacharach, welches im Süden und Norden von ſtreng katholiſchem, mainziſchem und trieriſchem Gebiete ganz nahe eingeſchloſſen lag, und wo ſich alſo die Katholiken bisher mehr als anderswo beengt gefühlt und darum doppelt ſtrenge an katholiſcher Art und Sitte gehangen hatten.

Käthchen hielt ſich in dieſen aufgeregten Tagen gerade ſo ſtille wie vorher. Sie wirthſchaftete rührig und klug, allein die häusliche Arbeit freute ſie doch nur, indem ſie ſich ihr Haus wie ein kleines Kloſter dachte. Zwar ſchrie ſeit einem halben Jahre ein geſunder kleiner Bube äußerſt kräftig in der Wiege, was nicht gerade klöſterlich klang; allein die Seligkeit der Mutter blieb es doch nach wie vor, mit dem Manne, dem Kinde und ſich ſelbſt allein in ihren vier Wän⸗ den abgeſchloſſen zu leben.

Das wurde ihr in ganz Bacharach übel vermerkt. Vor dem 16. Mai 1685 ſagten die Reformirten: da ſieht man die kreuzka⸗ tholiſche mainziſche Rheingauerin, die ſich in ihrem Hauſe ein Stück Kloſter über den Rhein getragen hat, weil ſie in Bacharach keines findet; und ſeit dem 16. Mai ſagten die Katholiken: die ganze katholiſche Gemeinde, Mann und Weib, ſteht jetzt zuſammen und rührt ſich, nur die Ramboldin bleibt in ihren Mauern und hält auch ihren Mann daheim, ſie iſt eben eine Fremde, eine Hergelaufene vom Ueberrhein und hat keinen Bacharacher Gemeinſinn..

Peter ärgerte ſich ſchwer darüber, allein er ſchwieg. Ein ächtes Kind ſeiner Vaterſtadt, war er überall bekannt und vordem auch gerne geſehen. Er hätte mit der ſchönen, geſcheidten, braven, reichen Frau ſo rechten Staat machen mögen, ſie hätte ſich vor allen hervorthun, ihr Lob hätte in aller Munde ſein ſollen. Nun aber lobte gar nie⸗ mand ſeine Frau, ausgenommen den einzigen Unglücksmenſchen, den Franziskaner. Und doch war Käthchen ſo traulich, ſo friedſam und tüchtig im Hauſe, das anmuthigſte Frauenbild, welches er je geſehen, erfüllt von einer ſtillen Liebe, der ſelbſt eines Fuhrmanns Herz nicht widerſtehen konnte. Er wußte manchmal nicht, ob er vor Rührung weinen möge oder vor Zorn.