V ſungsbotſchaft. Im Grunde hatte Käthchen ganz recht gethan. Aber
warum mußte ſie dieſe alte Geſchichte nun eben dem Franziskaner Verzählen, und zwar diesmal nicht aus Gewiſſenhaftigkeit für ſich, ſſondern aus Gewiſſenhaftigkeit für ihn! Denn nicht ſie, ſondern er (hatte ja gelogen. Und warum mußte ſie gerade jetzt ihm wieder
blicke, wo er für die Franziskaner ihr zu Lieb ins Feuer gehen ſollte! Doch ſchalt Peter ſeine Frau nicht, daß ſie ſo meiſterhaft die Kunſt ver⸗
ſchwer zu machen.
Käthchen ging in ihrem kochenden Eifer jetzt fleißig unter die Leute und warb für die Franziskaner. Hatte man ſie früher getadelt, daß ſie daheim geblieben, ſo tadelte man ſie jetzt, daß ſie ſo umgangs⸗ bedürftig geworden war. Denn man merkte bald die Abſicht. Nur eine Ueberrheinerin konnte ſo gut von den Franziskanern ſprechen. Man warf einen bitteren Haß auf den Fuhrmann, der in Bacharach wohl auch ein beſſeres Mädchen hätte finden können, als dieſe durch und durch Fremde aus Lorch.
Peter war froh, daß ihn ſein Geſchäft auf mehrere Wochen an b den Niederrhein führte. Er dachte wohl auch oft nach Hauſe zurück,
treibe, ihm aus Frömmigkeit das Fuhrweſen und die Kapuziner ver⸗ welche man nicht ſieht und nicht faſſen kann und die doch den Körper
anpacken und heilen.
Von ſolchen Gedanken gemartert, zog der Fuhrmann im No⸗ vember 1685 wieder rheinaufwärts nach Hauſe. Auf der letzten Strecke war er die Nacht hindurch gefahren und je heller der Morgen aufdämmerte und je näher die Heimat rückte, um ſo größere unerklär⸗ liche Angſt befiel ihn, als ob irgend ein großer Jammer ihn zu Hauſe erwarte. Als er darum hinter Oberweſel gegen die pfälziſche Grenze kam, wo eine Kapelle mit einem wunderthätigen Marienbilde ſtand, dachte er, es thue wohl Noth, daß die Muttergottes, die hier ſchon ſo manchem geholfen, auch ihn erleichtere und erleuchte. An der Thür V der Kapelle ſah man aber mancherlei beſchriebene Zettel angeklebt von Berdrängten, welche ſich zu Gebeten in dem Kirchlein verlobt hatten und die Vorübergehenden baten, ſie durch Beiſteuer eines Vaterunſers in ihrem Verlöbniß zu unterſtützen. Der Fuhrmann, welcher als frommer Katholik jedesmal im Vorbeifahren ein ſolches Vaterunſer u ſpenden pflegte, je nach Auswahl, bald für einen gichtbrüchigen Alten, bald für eine Wöchnerin, oder für ein krankes Kind, wohl auch
voollen Zettel gefeſſelt. Derſelbe lautete, mit ſichtbar verſtellter Hand geſchrieben:„Eine gewiſſe Perſon, welche in einer gewiſſen Angelegen⸗
Cohriſten, daß er für ihre Erleuchtung ein Vaterunſer bete.“ „Solch einen Zettel könnte ich auch für mich ſchreiben,“ dachte Peter,„und da ich ſelber ſo ſehnlich in meinen Zweifeln erleuchtet
für die unbekannten Zweifel des Unbekannten und fuhr getröſteter zur Vaterſtadt. V Schon vor dem Hauſe kam ihm die Frau entgegen, als ob ſie ihn gar nicht habe erwarten können und begrüßte ihn freudig aufge⸗ Veegt, faſt verklärten Geſichtes. Dem Mann war dieſe Verklärung eetwas unheimlich; er fürchtete, da möge wieder ein recht erbauliches Unheil heranziehen. Käthchen aber ließ ihn gar nicht ins Haus treten, ſondern ſagte, er ſolle flugs vier friſche Pferde vor den leichten Leiterwagen ſpannen, er müſſe auf der Stelle gegen Oberweſel zurück⸗ fahren. Peter entgegnete, da komme er eben her und bevor er nicht tüchtig gefrühſtückt und dann einen langen Schlaf gethan, ſpanne er um keinen Preis wieder ein. Allein die Frau nahm ihn bei Seite und ſprach:„In Bacharach brennt's in allen Köpfen: heute entſcheidet ſich's, ob wir die Kapuziner kriegen oder die Franziskaner!
V genoſſen zu helfen. Alſo betete er nicht ein, ſondern viele Vaterunſer
V wirbt für dieſe falſchen Mönche, und die Bürgerſchaft hat einen De⸗
beichten, was ſie dem Franziskaner gebeichtet habe, in dem Augen⸗ Meaenſchen ſind wir doch alle, auch die Fuhrleute und Franziskaner.
ſtehe, ihrem Mann aus lauter Liebe und Unſchuld das Leben ſo
und es ging ihm heiß durch den Kopf, daß ſeine gute Frau ihn ſo elend mache, daß ſie ihn aus lauter Gewiſſeuhaftigkeit zur Eiferſucht
leide, ihn mit den Mitbürgern entzweie und durch alle Milde doch nicht zu beſſern ſei. Ihre Tugend war wie eine ſchleichende Krankheit,
aufreibt. Wenn ſie nur einmal ein rechtes Unrecht thäte, ſtatt immer unrecht das Rechte zu thun, dann wollte Peter das Uebel wohl kräftig
ffr eine kranke Kuh, wurde heute durch einen beſonders geheimniß⸗ heit von ſchweren Zweifeln gequält iſt, bittet jeden vorbeiziehenden
ſein möchte, ſo ſteht es mir wohl an, dieſem unbekannten Leidens⸗
Leider iſt der Anhang der Kapuziner von Tag zu Tag größer geworden, denn ſogar der reformirte Pfarrer
V putirten an den Kurfürſten geſandt, daß er uns doch um Gotteswillen die Kapuziner zukommen laſſe. Es ſtünde ſchlecht mit unſern Freunden,
wenn ſie nicht klüger und flinker wären als ihre Gegner, und wenn
wir ihnen nicht Hilfe brächten.“
Peter fuhr ſpöttiſch dazwiſchen:„Sollen wir beide etwa gegen den Kurfürſten und den Erzbiſchof und die ganze Gemeinde die Fran⸗
Ziskaner in Bacharach einſetzen und die Kapuziner vertreiben?“
„Ja das ſollen und können wir beide,“ entgegnete Käthchen feſt und gelaſſen. Dann erzählte ſie, daß Bruder Bonaventura in den letzten Wochen öfters herübergekommen ſei und ſie beſchworen
habe, den Franziskanern zu helfen und daß ſie keine Gefahr, Spott V oder Ungemach ſcheuen ſolle an dem entſcheidenden Tage. Der Plan, wie die Söhne des heiligen Franziskus ihr rechtmäßiges altes Beſitz⸗ thum wiedergewinnen wollten, ſei noch tiefes Geheimniß. So der Pater. Sie habe ſich ſchwer geängſtigt über derlei Reden und nicht gewußt, was ſie dazu denken und ſagen ſolle, und ſei, Erleuchtung ſuchend, zur Marienkapelle gewallfahrtet und habe dort auch einen Zettel um Fürbitte angeſchlagen. Nach unendlicher Seelenpein ſei es ihr aber heute in⸗ früheſter Morgenſtunde urplötzlich ganz leicht geworden, und ſie habe erkannt, daß ſie um jeden Preis den Fran⸗ ziskanern helfen müſſe. Nun aber ſei ſie ganz glückſelig, ſeit ihr die Eingebung dieſes Entſchluſſes geworden.
Peter unterbrach ſie mit der Frage, um wie viel Uhr denn das geweſen ſei, und als nun die Frau im Verfolg dieſer Frage gar er⸗ fuhr, daß ihr Mann zur ſelben Stunde und ohne es zu wiſſen für ſie gebetet habe, da war ſie gar nicht mehr zu halten und behauptete, nun ſei ein offenbares Zeichen gegeben, daß ſie beide die Franziskaner nach Bacharach bringen müßten. Vergebens ſtellte ihr Peter vor, daß er ja ihr Anliegen gar nicht gekannt und gegentheils Troſt in dem Gedanken gefunden, ſich von nun an dieſen Verwickelungen zu ent⸗ reißen und als ein fleißiger Fuhrmann, unbekümmert um alle Mönchs⸗ händel, ein ehrſames Leben in der Welt und mit der Welt zu führen. Das half nichts. Er hatte nun einmal ſeine Frau noch tiefer in ihre Meinung hineingebetet, obgleich er gern jetzt barfuß nach Trier ge⸗ wallfahrtet wäre, um ſie wieder herauszubeten. So mußte ihm alles, was er dachte und that, bei dieſer unſeligen guten Frau ins Gegentheil umſchlagen.
Doch die Zeit drängte. Alſo fuhr Käthchen föort:„Kaum war ich zu dem feſten Entſchluſſe gelangt, ſo kam ein Brief des Paters, folgenden Inhaltes:,„Die Kapuziner werden heute noch nach Bacha⸗
rach ziehen; es gilt, ihnen zuvorzukommen. Sendet darum einen V Wagen mit vier Pferden um acht Uhr früh an die Pfälziſche Grenze.
Wir haben kein Fuhrwerk, das verführte Volk dieſer Gegend wird uns keines geben, und gewinnt die Schnelligkeit Eurer Pferde nicht den Sieg, ſo iſt das unglückliche Bacharach für immer in den Händen der Kapuziner.““
Käthchen beſchwor ihren Mann, dem Briefe Folge zu leiſten; es ging auf acht Uhr, noch war es Zeit, aber höchſte Zeit. Peter widerſtrebte. Endlich drehte er ſich raſch auf dem Abſatze um und rief dem Knecht, daß er die vier Pferde einſpanne und ſagte zur Frau: „Ich fahre an die Grenze; vorher aber mußt Du mir ein heiliges Verſprechen geben.“ Käthchen erſchrak und zögerte. Peter aber ſprach:„Du läſſeſt zwar die Leute beten für ein Anliegen, welches ſie nicht kennen; dennoch ſollſt Du mir nichts verſprechen, was Du nicht vorher genau kennſt. Alſo begehre ich nur, daß Du, während ich fortfahre, an nichts anderes denkeſt, als wie ich jetzt, gleich als brenne es, im Sturm mit meinen vier Füchſen zur Grenze jage und dann einen ganzen Wagen voll Franziskaner im Galopp heim⸗ fahre, und wie ich als ein rechter Fuhrmann auf dem Sattelpferd ſitze und mit der Peitſche knalle, daß es rechts und links zehnfach von den Felſen widerhallt, und daß ein Fuhrmann doch kein ganz gottloſes Geſchäft treibe, denn er kann nicht bloß ein Faß Wein fahren, ſdudern auch ein ganzes Franziskanerkloſter, namentlich ſeiner Frau zu Liebe. Das ſollſt Du bedenken und nichts anderes, bis wir zum Thore herein ſind, und ſollſt ſelber mir ans Thor entgegen gehen, daß Du ſieheſt, wie ſtolz ich die Roſſe führe und alle die Mönche ſammt den Laien⸗ brüdern.“
Käthchen hatte viel Härteres erwartet und verſprach ihm darum alles leicht und freudig in die Hand.
Beide hielten ihr Wort. Schlag neun Uhr jagte der Fuhrmann mit den Franziskanern durchs Thor, und Käthchen hatte während der ganzen Stunde an nichts anderes gedacht, als was ihr Peter doch
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