Jahrgang 
1865
Seite
303
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Sonntags gar elegant. Es iſt ein Stolz der Zimmerleute, in feiner zwölfhundert Arbeiter zu beſchäftigen, allein bei dem zeitherigen Be⸗ weißer Wäſche, theurem ſchwarzen Tuchrocke und einer prächtigen

Atlasweſte paradiren zu können. Die Miütze wird keck auf das eine Ohr geſchoben, die Cigarre oder die kleine weiße Thonpfeife dampft

luſtig und wenn uns ſo ein junger Burſch begegnet, iſt es ein Bild

von Wohlbehagen und Selbſtbewußtſein.

Die Lohnverhältniſſe der Schiffszimmerleute ſind ſehr günſtig. Durchſchnittlich kann man einen täglichen Verdienſt von 25 Ngr. annehmen, doch verdient ein beſonders tüchtiger Arbeiter mehr. Viele Arbeit wird in Accord gegeben. So kommt's, daß ſich die Zimmer⸗ leute jung verheirathen und es gehört nicht zu den Seltenheiten, daß in den Militäraushebungsterminen eine Reihe von Ehemännern und Vätern erſcheint.

Die Rickmersſche Werft war darauf berechnet, tauſend bis

triebe ſind wohl nicht über 300 Arbeiter auf dem Platze geweſen.

Das Etabliſſement hat aber bei ſeiner vorzüglich großartigen und praktiſchen Anlage eine Zukunft und da der Eigenthümer in der glücklichen Lage iſt, einige Zeit der Zinſen ſeines Anlagekapitals ent⸗ behren zu können, ſo wird ohne Frage ſeine Schöpfung zu neuer und dauernder Blüthe kommen, ſobald eine friedliche Weltlage Handels⸗ unternehmungen und damit der Schifffahrt und dem Schiffsbau wieder günſtiger wird.

Noch hat die Werft keinen Namen bekommen. Erſt in beſſern Zeiten ſoll ſie feierlich getauft werden. So mag denn bald der Tag heranrücken, an dem einer Unternehmung der Namen gegeben wird, die ihrem Schöpfer wie der deutſchen Induſtrie zum Ruhme und vielen andern zum Segen dient und dienen wird.

Am Fanilientiſche.

Reclamenſchwindel der engliſchen illuſtrirten Blätter.

Die engliſche Unterhaltungspreſſe iſt keineswegs ſo rein ſittlich und gediegen, als man ſich das oft bei uns vorſtellt. Neben einer Reihe ſehr tüchtiger Blätter gibt es eine ganze Anzahl ſo jämmerlicher, ja geradezu unſittlicher Journale, wie wir ſie in Deutſchland, Gottlob, noch gar nicht kennen. Die ſtatiſtiſchen Angaben, nach denen im Jahre 1851 noch etwa 29 Millionen Exemplare unſittlicher und atheiſtiſcher Schriften jährlich er⸗ ſchienen, halte ich für übertrieben. Thatſache aber iſt es, daß vor einigen Jahren eine secular sect von Herrn Holyoake gegründet wurde, deren aus⸗ geſprochener Zweck es war, die Menſchen zu veranlaſſen, alle Gedanken an

Publikum, der einzelne Blätter drei volle Spalten widmen.

Die Hauptreclame geſchieht aber durch die Correſpondenz mit dem Zum Theil enthält ſie Antworten auf allerlei wiſſenſchaftliche u. dgl. Fragen, Be⸗ urtheilungen eingeſandter Handſchriften, dann folgen erbetene Rathſchläge

Haller Art, über die Cultur des Bartes, der Hände u. ſ. w., vor allem

Unſterblichkeit und an ein zukünftiges Leben aufzugeben und ihre Anſtrengungen

und Hoffnungen lediglich darauf zu beſchränken, hienieden ſo vergnügt und angenehm als möglich zu leben. Journalen, hielt öffentliche Verſammlungen und beſaß 21 Lokale oder Central⸗ punkte ihrer Wirkſamkeit in den Hauptſtädten Großbritanniens. Sekte und ihrer literariſchen Thätigkeit habe ich ſelbſt noch in London ge⸗ funden, ohne ermitteln zu können, wie weit ſie ſich jetzt noch ausdehnt.

Viel gefährlicher, als derartige Blätter, ſind diejenigen, welche in der leichtfertigſten Weiſe ihre Leſer durch Knalleffekte und unſittliche Bilder und Erzählungen zu locken verſtehen.

Nur im Vorbeigehen ſei des bekannten Schwindels erwähnt, den einige Blätter, wie die Weekly IIlustrated News, treiben, welche irgendbeliebige Bilder von ganz anderen Schauplätzen und Scenen bringen und ihre Leſer betrügeriſch verſichern, das ſtelle irgend ein neues Ereigniß, durch ihren Spezialzeichner aufgenommen, dar, wie z. B. ein Bild, das unverkennbar den

Einzug des Königs Wilhelm von Preußen in Berlin nach ſeiner Rückkehr von Königsberg darſtellte, benutzt wurde, um die Abreiſe der Prinzeſſin Alexandra

von Dänemark aus Copenhagen zu illuſtriren. Ein gröberes Mittel ſind die ſinnlich lockenden Bilder, welche die erſte Seite ſolcher Blätter meiſt enthält im Penny Illustrated Paper ſah ich eine leidenſchaftlich erregte Frau, die mit

einer Reitpeitſche auf einen Mann loshaut, in einem anderen eine rohe Scene in einer Branntweinkneipe, häufig Mordſcenen und Liebesſcenen der ge⸗

meinſten Art.

Dazu kommen die in dieſen Blättern zahlreich vertretenen Erzählungen. In einem Blatt, Bow Bells, habe ich wöchentlich ſechs davon gefunden, theils vollſtändig, theils in Fortſetzungen; ein anderes, The London Reader, har es bis auf zehn verſchiedene Erzählungen auf zweiunddreißig Seiten von je 3 Spalten gebracht. Und was ſind das für Erzählungen? Schon die Titel ſind charakteriſtiſch. Der bekannte Senſationsroman: Lady Audley's Secret, der im London Journal zuerſt erſchien, hat noch einen matten Titel. Andere heißen: Der graue Mann; von dem Verfaſſer der ſchwarzen Frau. Das Baſiliskenauge. Der verjagte Schurke, oder einer Mutter Rache, von dem Verfaſſer des ermordeten Weibes. Des Geiſtes Geheimniß, eine Schreckensgeſchichte. Das ermordete Eheweib oder der Geiſt der alten Ruine, u. ſ. w.

Mit ſolchen Mitteln würde aber noch nicht die genügende Anzahl von Leſern gewonnen werden. Es müſſen noch andere hinzukommen. Die Reclame iſt darin wahrhaft erfinderiſch. Die geringſte iſt eine prahleriſche Anzeige. So kündigte ſich ein neues Blatt, St. Pauls, folgendermaßen an:

Ein Zweifler fragt vielleicht: wodurch werden wir unſern Erfolg ſichern? Stolz antworten wir, dadurch, daß wir ein Wunder in der periodiſchen Literatur ſchaffen, ſo daß uns nichts an Würde, Anmuth, Qualität, Quantität und Preis gleichkommen ſoll. Wir beabſichtigen, den größten Vorrath von Unterhaltungsſtoff zu liefern, der jemals gedruckt worden iſt, auf dem größten literariſchen Bogen, der jemals wöchentlich herausgekommen iſt, hier oder anderswo, für den Preis eines Penny.

Eines Tages ſah ich einen großen viereckigen Kaſten langſam durch die Straßen fahren. Als ich näher hinzutrat, gewahrte ich, daß es die Anzeige eines neuen illuſtrirten Blattes war. Auf drei Seiten waren Proben der Bilder in ſchreienden Farben, draſtiſche Kraftſcenen, darüber der Titel und Preis; auf der vierten, offenen Seite gewahrte man den Verkäufer, der einzelne Nummern ausbot.

Selbſt die beſten Blätter verſchmähen dieſes Reclamemittel nicht. So kündigte ſich das Blatt: Good words vor 1 ½ Jahren in rieſigen Maueranſchlägen an, auf denen der Titel des Blattes in 1 Fuß hohen, die Namen des Redakteurs, Rev. Dr. Norman Macleod, eines hochgeachteten ſchottiſchen Geiſtlichen und Caplans der Königin und der Mitarbeiter in ſechs Zoll hohen Buchſtaben an, und niemand ſtieß ſich daran.

Dieſe Sekte veröffentlichte eine Reihe von

Reſte dieſer

in Liebesangelegenheiten. Viele Blätter widmen ihre Correſpondenz den letzteren ausſchließlich. Ich laſſe einige Proben folgen, wie ich ſie aus einer Unmaſſe mir vorliegender gerade herausgreife:

(Reynold's Miscellany). Richard M. Die junge Dame kümmert ſich augenſcheinlich jetzt mehr um ihre neue Bekanntſchaft als um Sie. Es iſt das vielleicht eine vorübergehende Laune, es kann aber auch der Anfang einer dauernden Neigung ſein. Sie würden gut thun, ſich auf das Schlimmſte gefaßt zu machen, dann würden Sie es nicht ſo ſchwer zu ertragen finden.

(Home Magazine). Eugenie. Es würde für einen jungen Mann unpaſſend ſein, einer jungen Dame, der er niemals vorgeſtellt wurde, ſeine

Aufwartung zu machen und ſie zu bitten, ihn nach einem Vergnügungslokal zu begleiten.

(Cottage Journal). Margaretha. Im allgemeinen iſt es richtig, daß eine Tochter ihren Eltern gehorchen ſoll, aber es könnte ein Fall ein⸗ treten und ſolche Fälle treten oft ein in dem ſie völlig berechtigt ſein würde, von ihnen im Denken und Handeln abzuweichen.

(Guide to literature etc.) Oberſt Gardiner. Wir glauben nicht an die Theorie, daß ein Mann oder eine Frau nicht zum zweiten Male lieben könne. Die wahre Liebe iſt ein Gefühl, daß durch die Umſtände ge leitet wird, und kann ebenſo rein und glühend beim zweiten als beim erſten Male ſein.

Die Hauptcorreſpondenz betrifft aber geradezu Heirathsver⸗ mittlungen.

Im London Reader heißt es:

Eily O'Connor glaubt, daß Alfred Carl Stuart ihr vortrefflich zuſagen wird, da ſie nur jemand begehrt, der ſie liebt und ſie vollkommen glücklich macht. Wenn Alfred Carl Stuart wirklich glaubt, daß auch ſie für ihn paßt, ſo wird es ihr großes Vergnügen machen, mehr von ihm zu hören.

Im London Journal(einem der älteſten illuſtrirten Blätter, ſchon im zwanzigſten Jahre):

Beſſie Lewis möchte entweder einen Landoffizier oder einen Juriſten heirathen. Sie iſt ſiebzehn Jahre alt, hat dunkles Haar und dunkle Augen und iſt ſehr hübſch(wie ihr Spiegel und ihre Freunde ſie verſichern). Der Mann ihrer Wahl muß entweder ein Engländer oder ein Irländer ſein

das letztere würde ſie vorziehen.

(Thewelcome guest.)

Beſſund Nelly zwei Schweſtern haben zuſammen 50 Pf. St. jährlich für ihr ganzes Leben; Beſſ iſt fünfundzwanzig Jahre alt, hat ſchwarze Haare und Augen, iſt groß, Nelly, braunes Haar, blaue Augen, einundzwanzig Jahre alt. Sie würden Herren vorziehen, die älter als ſie ſelbſt ſind. Adr. N. Y. Poſtamt Bath.

William Ruſſel bedarf einer Lebensgefährtin, iſt 54 8 ½ groß, dunkel, ſieht ſtattlich aus, zweiundzwanzig Jahr alt, nimmt 150 Pf. St. jährlich ein. Er möchte gerne eine ſchöne, guterzogene junge Dame zur Frau haben. Auf Vermögen kommt es nicht an. Adreſſe mit Viſitenkarte, W. R. Poſtamt Dorking, Surrey.

(Half-penny Miscellany.)

Adelaide und Conſtanze wünſchen Männer zu haben. Adelaide iſt neunzehn Jahre alt, 5 5 groß, hat einen hellen Teint, blondes Haar, blaue Augen und ein liebenswürdiges Temperament u. ſ. w.

Eine große Anzahl der Londoner illuſtrirten Blätter lebt faſt nur von dieſer Correſpondenz. Es iſt mir von wohlunterrichteten Leuten verſichert worden, daß tauſende ſie nur dieſes Reizmittels wegen halten, daß hunderte von Ehen auf dieſem Wege geſchloſſen werden, wobei die Herausgeber noch ihren beſonderen Profit machen, Ehen, von deren weiterem Verlaufe dann meiſtens die unendlich zahlreichen Scheidungsproceſſe und die Eheverbre

chergeſchichten zeugen. R. K. Raſche Entſchloſſenheit. 1 Der Winter von 1502 auf 1503 bedrohte die Stadt Emden mit einem großen Unglücke, aber die Geiſtesgegenwart und Entſchloſſenheit eines Bürgers, deſſen Name leider nicht erhalten geblieben iſt, wendete ſolches von ihr ab. Erſt im Januar 1503 erſchien der langerſehnte Froſt. Eines ſchönen Sonntags eilten die Bewohner in großer Anzahl auf die Ems, die