Line deutſche Schiffswerft.
Von Burghard von Cramm.
Eins der bedeutendſten Schiffsbauetabliſſements auf dem Conti⸗ nente, in ſeiner Anlage jedenfalls wohl das großartigſte— iſt die Werft des Herrn R. C. Rickmers in Geeſtemünde, gegründet in den Jahren 1855— 57.
Rickmers, der als junger Mann ohne Vermögen von Helgoland bald nach Gründung von Bremerhaven dorthin gekommen war, hat ſich durch ſeine Energie, ſeine Thätigkeit und ſeinen Unternehmungs⸗ geiſt zu einem der erſten Schiffsbaumeiſter und einem der bedeutend⸗ ſten Rheder von Bremen emporgeſchwungen. Seine Schiffe befahren alle Meere des Erdkreiſes, und tragen weit umher den Ruhm deut⸗ ſcher Arbeit, deutſcher Induſtrie.
Bereits ehe er die Werft in Geeſtemünde gründete, über die ich den geneigten Leſer mir zu folgen bitte, betrieb er die Schiffsbauerei in Bremerhaven mit ungemein günſtigem Erfolge. Der Platz aber war zu eng für großartige Unternehmungen und da kein Raum vor⸗ handen war, denſelben auszudehnen, erwarb Rickmers im Jahre 1855 ein Terrain von nahezu 32 Morgen, zu dem neuentſtehenden Hafen⸗ orte Geeſtemünde gehörend, durch eine Krümmung der Geeſte an zwei Seiten vom Waſſer umfloſſen.
Da wurde es bald lebendig auf der grünen Wieſe; hunderte von Maurern und Zimmerleuten ſchafften von früh bis ſpät— ein neues Feld wurde dem Gewerbbetrieb eröffnet und der Landwirth⸗ ſchaft entriſſen; wo bislang Jahr für Jahr Kühe und Pferde ge⸗ weidet, wo das Heu in großen Fudern zu den naheliegenden Orten gefahren war, ſollten bald die Schornſteine der Fabriken dampfen, die Räder der Maſchinen ſich drehen und Hammer, Beile und Sägen in den Händen der fleißigen Arbeiter mit betäubendem Geräuſche Kunde geben von dem Siege der Induſtrie.
1857 ſind die erſten Schiffe auf der neugegründeten Werft vom Stapel gelaſſen, zu einer Zeit, die großen Handels⸗ und indu⸗ ſtriellen Unternehmungen ſehr ungünſtig war und deshalb auch ſchwer auf den Schiffsbau drückte.
Die Anlage war urſprünglich darauf berechnet, monatlich ein großes Seeſchiff von 500 Laſt, alſo im Jahre 6000 Laſt fertig zu liefern, allein da ſeit der Gründung die Mißverhältniſſe in der Handelswelt fortgedauert haben— iſt ſie noch nicht in dem vollen Betriebe geweſen.
Durch ein großes Thor, über welchem die Hannoverſche Flagge weht, treten wir auf den weiten Platz an drei Seiten von Gebäuden, die aus rothen Backſteinen aufgeführt ſind, hufeiſenförmig um⸗ ſchloſſen. Uns zur Linken haben wir unter einem Dache eine Reihe von 90 Familienwohnungen für Arbeiter, deren Ausgänge aber nicht nach dem Platze zu gehen, eine Schule für 80 Kinder— und in Mitten freundlicher, geſchmackvoller Gartenanlagen die elegante Villa des Beſitzers. Zur Rechten liegen die eigentlich zur Werft gehören⸗ den Gebäude und gerade vor uns die Helgen, auf denen die Schiffe erbaut werden.
Zunächſt dem Thore finden ſich die hellen, geräumigen Bureaus und Comptoirs, darüber die ſogenannten Zeichnen⸗ oder Modell⸗ zimmer. Hier werden über die zu bauenden Schiffe Zeichnungen entworfen und die Modelle ausgeführt, die nach vollendetem Gebrauch als Wandzierde dienen.
In der nächſten Abtheilung des Gebäudes kommen wir an den großen Eßſaal für die Schiffszimmerleute, und die Küche mit ihren gewaltigen Keſſeln. Eine bequeme, breite Treppe führt in zwei über⸗ einander liegende Stockwerke, zur Wohnung für 200 unverheirathete Arbeiter oder ſolche, die ihre Familie auswärts haben, eingerichtet. Es ſind große Säle mit Kojen zum Schlafen, Behältern für Kleider, langen Tiſchen und Bänken.
Das Wohnen hier iſt unentgeltlich und die dort Einquartierten führen eine gemeinſame Wirthſchaft. Jeder ſchießt in die Kaſſe wöchentlich einen Thaler, wofür Mehl, Hülſenfrüchte und Gemüſe angeſchafft werden. Für Brot, Fleiſch und Speck hat jeder allein zu ſorgen. Zuweilen kaufen mehrere gemeinſam ein größeres Stück Fleiſch, welches dann in dem großen Gemüſekeſſel gekocht und ſo auch denen zum Nutzen wird, die ihr Mittagsmahl weniger luxuriös einrichten.
Aus dieſen Räumen kommt man in eine Abtheilung des Ge⸗ bäudes, die im Erdgeſchoß Lagerräume für Kupfer, Eiſen, Werg ent⸗ hält, anch theilweiſe zur Anfertigung von Maſten und Raaen dient. Hierüber befinden ſich zwei ſogenannte Rißböden, je 180 Fuß lang und 40 Fuß breit. Da werden die einzelnen Theile der Schiffe in natürlicher Größe aufgezeichnet.
Ein Labyrinth von Strichen beweiſt, daß trotz der ſchlechten Zeiten der Eigenthümer der Werft nicht müßig war. Der folgende Raum wird von einer Werkſtätte eingenommen, in der Schaluppen und Böte verfertigt werden daneben iſt ein Gemach mit einer Maſchine zur Herſtellung von Holznägeln, zu denen ein amerikaniſches Akazienholz verwendet wird. Die Maſchine wird durch Dampf in Bewegung geſetzt, kann aber auch ohne dieſen gehandhabt werden.
Hunderttauſende von Nägeln liegen aufgehäuft an den Wänden
umher. Durch die helle, geräumige Tiſchlerwerkſtatt geht's in das eigent⸗
liche Maſchinenhaus, in dem eine-Hochdruckdampfmaſchine von
100 Pferdekraft arbeitet und die verſchiedenartigſten Maſchinen zur Anfertigung aller möglichen erforderlichen Schiffsſtücke in Be— wegung ſetzt.
Hier hobelt eine Maſchine in raſender Geſchwindigkeit täglich gegen 20,000 Fuß Bretter und Bohlen, dort zerſchneiden Vertikal⸗ und Cirkelſägen die ſtärkſten Stämme; hier ſtößt die Peeking⸗Maſchine Löcher durch dicke Eiſenplatten wie durch Papier, dort ſchneidet eine andere Maſchine Stangeneiſen wie Schwefelhölzer, hier ſcheuert und ſummt es in der Werkſtatt der Drechsler und Blockmacher, dort hammert's und klopft es vor den Eſſen der Schmiede.
Große Räume für Eiſen und ſonſtige Metalle in Mengen, Platten von allen Formen und Längen— für Ketten, Anker, für Steuerruder, Blöcke, Takelage ꝛc. nehmen das übrige Gebäude ein.
Ueber dem rieſigen Schornſteine bemerkt man einen langen Behälter, in dem die Planken gekocht und dadurch biegſam gemacht werden, die zu den Schiffen gebraucht werden ſollen.
Wenn wir ſo die gewaltigen Räume durchſchritten haben und wieder ins Freie treten, kommen wir an die eigentliche Werft, den Platz, wo auf den Helgen oder Hellingen die zu erbauenden Schiffe in Speeken oder Rippen horizontal nach dem Ufer ſchräg zu auf der Erde liegen.
Da iſt denn ein buntes Leben auf und in den Schiffen, deren Größe man ſpäter, wenn ſie erſt ihrem erſten Elemente übergeben ſind, ohne Sachkenner zu ſein, nur ſchwer taxiren kann.
Hier iſt ein großer Dreimaſter bereits ſeiner Vollendung nahe; der eleganten Kajüte wird von Tiſchlern, Tapezierern und Malern der letzte Schmuck gegeben; oben auf dem Verdecke werden mit dampfen⸗ den Pech die Fugen ausgegoſſen; draußen am Schiffe ſitzen auf den Gerüſten in mehreren Reihen über einander die Arbeiter, die den Werg in die Spalten klopfen; dort werden zu einem andern Schiffe erſt die Rippen auf den Kiel geſetzt und kaum vermag man ſchon die Form des Schiffes zu erkennen. An den Krähnen werden die Stämme emporgewunden und munter tönt dazu, wie bei allen Ar⸗ beiten, bei welchen mehrere zugleich beſchäftigt ſind, der Geſang der Zimmerleute.
Von allen Seiten fahren auf den Schienen die Wagen mit Holz herzu— von rechts und links läuft's und rennt's mit Tauen, Stricken und Ketten— überall Leben und Arbeit.
Da aber tönt der helle Klang einer Glocke; es iſt die Zeit zum Frühſtück und wie mit einem Zauberſchlage wird's ſtill rings her. Eine endloſe Reihe von kräftigen, breitſchulterigen Geſtalten kommt aus den Thüren des Fabrikgebäudes, aus dem Innern, von den Ver⸗ decken und von der Außenſeite des Schiffes. Nun geht'’s in den großen Saal, oder in einen der Schuppen und ein derber Imbiß hebt die ermatteten Kräfte.
Die Zimmerleute zeichnen ſich durch ihre Kleidung vortheilhaft vor den übrigen Arbeitern und Handwerkern aus. Nie fehlt das kleidſame dunkelblaue wollene Hemd, über welchem im Sommer nichts getragen wird, im Winter aber eine Jacke von dickem blauen Flanell; der ganze Anzug iſt faſt immer ſehr ſauber und ordentlich gehalten,


