Jahrgang 
1865
Seite
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die Vorſehung, die mir in meinem Alter verhältnißmäßig ruhige Tage gibt; aber ich bin nicht heiter, ein drückendes Gefühl, eine Abſpannung hat ſich meiner bemeiſtert, auch fühle ich, daß meine Kräfte zu ſchwinden anfangen. Das iſt Naturgeſetz, werden Sie ſagen; allein eben dieſes Naturgeſetz ſich recht lebhaft einprägen und mit philoſophiſchem Gleichmuthe den Lebensfaden dünner und dünner werden ſehen und dabei mit heiterm Frohmuthe ſeinem endlichen Schickſale entgegen treten, das iſt nur ſehr großen Seelen gegeben. Zuweilen wandeln mich nun auch wirklich heitere Gedankenflüge an, aber dann kommen wieder Schatten. 3. Juli.Ich bin wirklich, wie Sie ſagen, zum Einſiedler geworden. Ich bin am liebſten allein. Im höheren Alter und ich habe dies nun ſeit! mehreren Jahren angetreten im Greiſenalter iſt es geziemend, ſich von der Welt zurückzuziehen, in die ſich der Jüngling ſtürzen muß, wenn er zum Manne reifen ſoll. Die Einſamkeit iſt da an ihrem Platze; es drängen ſich Fragen auf, die keine Bücher beantworten, die man ſich ſelbſt aber beantworten ſoll und muß. Sie ſehen, ich bin ganz ernſthaft ge⸗ worden, bin es auch in der That. Der letzte Winter hat mich älter gemacht als die zehn früheren. Nicht daß ich körperlich ſehr gealtert hätte aber ich fühle, daß meine Laufbahn keine lange mehr ſein wird und bin es ganz zufrieden. Ich würde es für kein Glück erachten, noch zehn Jahre zu leben, obgleich ich immer noch nicht die eigentlichen Altersſchwächen fühle. Der Geiſt iſt noch jung.

Ja, dieſer Geiſt war noch jung, blieb jung unter den ſchwerſten,

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faſt zwei Jahre hindurch fortdauernden körperlichen Leiden, blieb jung bis zum letzten Athemzuge. Und unter dem Drucke dieſer Leiden reifte auch die Seele heran zu jener Größe, wie ſie nur wenigen ge⸗ geben iſt im Leben und im Sterben. Einer ſeiner Freunde in Solo⸗ thurn, der den Kranken oft beſuchte, ſagte von ihm:Wer dieſen Mann in ſeinen geſunden Tagen nicht bewundern gelernt hätte, könnte ihm gewiß jetzt in ſeinen Leidenstagen die Bewunderung nicht ver⸗ ſagen. Mit heroiſchem Muthe trägt er ſein Schickſal und klagt nicht. Die Kraft zur geduldigen Ertragung ſeiner Leiden und die Löſung jener Fragen,die keine Bücher beantworten, die man aber ſich ſelbſt beantworten ſoll und muß, fand er im Buch der Bücher in ſeiner hochgeſchätzten Bibel. Dort wählte er aus dem 51. und 143. Pſalm zwei Verſe aus, um ſie dem Steine eingraben zu laſſen, der einſt die Stelle bezeichnen ſollte, wo ſeine irdiſche Hülle nach einem langen bewegten Wanderleben ihre Ruheſtätte finden würde. Dort, im Wort des Lebens, fand er auch das Leben: Char⸗ les Sealsfield ſtarb als Chriſt.

In den Geiſtesprodukten dieſes Mannes tritt uns der geniale Schriftſteller entgegen; in ſeinem Leben, namentlich in ſeinem Leiden, ſehen wir den großen Charakter und in ſeinen Briefen manifeſtirt ſich der edle Menſch: die deutſche Nation darf und wird ihn unter die Zahl jener Männer einreihen, die ihren edelſten Kern, ihren ſchönſten V Stolz ausmachen. U.

Der Hering und deſſen Fang.

Von Hermann Meier in Emden.

Noch immer heißt es in den geographiſchen Leitfäden und Lehr⸗ büchern bei der Erwähnung unſrer guten Vaterſtadt Emden: Herings⸗ fang, trotzdem in den letzten zehn Jahren kein Hering mehr von hier aus gefangen iſt und wie es ſcheint, auch für die Folge dieſer einſt für Emden ſo erträgliche Erwerbszweig wohl kaum wieder aufleben wird. Schon lange führte ſolcher nur noch ein Scheinleben, da machte eine großartige Feuersbrunſt, die faſt das ganze Inventar verzehrte, der Sache ein Ende. Die bisherigen Unternehmer hatten alle Luſt verloren, das Geſchäft fortzuſetzen, die letzten Fahrzeuge wurden theils verkauft, theils verfaulten ſie im Emder Hafen.

Seit der Mitte des 16. Jahrhunderts ging man mit einigen Unterbrechungen hier dieſem Erwerbe nach, den man in Holland

ſchon längſt als einen der ergiebigſten hatte kennen lernen, wie denn

Hollands Ruhm und Wohlfahrt, Glück und Fortſchreiten größten⸗

theils auf Heringsgräten gebaut iſt. Ums Jahr 1552 ſandten

mehrere Kaufleute Emdens etliche Kauffahrer in die Oſtſee auf den

Heringsfang, denn damals ging noch ein bedeutender Zug durch den Sund zwiſchen Schonen und Seeland her. Der Erfolg krönte das Unternehmen und ermuthigte, daſſelbe in größerem Maße fortzuſetzen. Nach Art der holländiſchen Heringsbuiſen, die zum Fangen und Ver⸗ arbeiten der Fiſche beſonders eingerichtet ſind, erbaute man auch hier

ſolche Fahrzeuge und bereits 1655 liefen 19 Emder Buiſen aus,

um von der norwegiſchen Küſte reiche Beute zu holen.

Als die Heringe gegen das Ende des 16. Jahrhunderts in der Oſtſee ausblieben, wandten ſich Emder wie Holländer nach der ſchot⸗ tiſchen Küſte. Der Nutzen, den die Stadt von dieſem Erwerbszweige zog, war ein ganz enormer; aber während derſelbe in Holland immer mehr emporblühte, ſo daß 1672 allein die Provinz Holland 1600 Buiſen beſaß, fing ſolcher hier theils durch eigene, theils durch andre

Schuld zu kränkeln an und war bald nur noch ein Schatten ſeiner

früheren Größe.

Friedrich II. von Preußen, eifrig beſorgt, den Handel Emdens zu heben, und überzeugt, daß keine Ausrüſtung für ſeine neu erwor⸗ bene Provinz nutzbringender ſein könne, als der Heringsfang, forderte die Kaufmannſchaft auf, eine Compagnie zu errichten und verſprach von vorn herein Sicherung des Abſatzes in ſeinen Staaten, ſowie bedeutende Vorrechte. Abermals ſchickte Emden ſeine Buiſen aus, dasSeeobſt, wie ein holländiſcher Dichter den Hering nennt, zu pflücken. Die Compagnie erhielt Freiheit von allen Zöllen, voll⸗ ſtändige Selbſtverwaltung in Friedens⸗ und Kriegszeiten, die Zu⸗

ſicherung, daß die Einfuhr holländiſcher Heringe zum Beſten der Compagnie beſteuert werden und ſobald die Compagnie die Bedürf⸗ niſſe des Landes befriedigen könne, für alle preußiſchen Staaten ver⸗ boten werden ſolle. Sogar die freie Einfuhr des erforderlichen fremden Salzes wurde geſtattet.

Als die Holländer merkten, daß es in Emden Ernſt mit der Sache ſei, verbot die Regierung ihren Unterthanen jeglichen Dienſt in Emden und unterſagte die Ausfuhr alles Materials. Dagegen ſteigerte ſich in Emden der Eifer immer mehr, je mehr Hinderniſſe man ihnen in den Weg legte. Bereits 1770, im zweiten Jahre des neuen Unternehmens, waren die Erfolge ſo günſtig, daß in Oſtfriesland die Einfuhr fremder Heringe unterſagt wurde. Im folgenden Jahre wurden 10 Buiſen, jede mit 14 Mann Beſatzung, ausgerüſtet und außerdem beſchäftigten die Ausrüſtungsgegenſtände, Netze, Taue, Fäſſer ꝛc. gegen 300 Menſchen.

Abermals rührten ſich die Herren Holländer gegen ihre Rivalen. Friedrich II. aber beſteuerte in ſeinem ganzen Staate die holländiſchen Heringe und zahlte aus dem Ertrage der Emder Compagnie bedeutende Unterſtützungen, ſo daß von Jahr zu Jahr ſich die Anzahl der Buiſen mehrte und 1785 bereits 45, 1799 ſogar 58 Schiffe auf den Herings⸗ fang ausliefen. Die Zahl derer, die dem kleinen Heringe ihr Wohl und Wehe, ihren ganzen Lebensunterhalt verdankte, mußte jetzt nach tauſenden gezählt werden. Aber bald kam nun die Zeit der Fremd⸗ herrſchaft, die bedeutend ſchwer auf Oſtfriesland laſtete, eine bedeu⸗ tende Anzahl Buiſen ging mit ihrem Eigenthümer nach Holland, die Bevorzugungen von Seiten der Regierung hörten auf, der Eifer er⸗ lahmte und ohne Prophet zu ſein, konnte man dem einſt ſo blühenden Unternehmen mit Gewißheit einen baldigen Tod vorherſagen. Die Flamme machte dem Siechthum ein Ende.

Es war ein Freuden⸗ und Feſttag, wenn früher Anfang Juni die Buiſen ausliefen. Wer damals zum erſten Male an den Emder Hafen gekommen iſt, wird ſich kaum die Aufregung, die Haſt, die freudige Stimmung, die hier ihren Sitz aufgeſchlagen zu haben ſchien, haben deuten können. Und nicht bloß am Hafen, ſondern in der ganzen Stadt fand man ſolche Theilnahme. In der Woche vorher wurde eine eigene Buiſenpredigt gehalten, von Gott Segen für einen er⸗ giebigen Fang, Schutz für die Seeleute zu erflehen.

Die Buiſen gehen aus! rief der Nachbar dem Nachbar zu und alle eilten hinaus, die wenig hübſchen Schiffe im vollen Segel⸗ und Flaggenſchmuck, eins hinter dem andern hinausfahren zu ſehen,