Jahrgang 
1865
Seite
298
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quier in New-Orleans mag dieſer Todesfall ihn bewogen haben, Louiſiana zu verlaſſen und nach dem Norden zurückzukehren.

Sealsfield liebte es, einzelne Blätter aus ſeinem Leben in ſeine literariſchen Schriften einzuweben und die Charaktere die weib⸗ lichen faſt ohne Ausnahme nach der Natur zu zeichnen. Dies und verſchiedene Andeutungen berechtigen den Verfaſſer dieſer Zeilen zu der Annahme, der Dichter habe in dasKajütenbuch eine Epiſode ſeines eigenen Lebens jedoch ohne den tragiſchen Schluß einge⸗ flochten und in Alexandrina das Bild ſeiner lieblichen Braut ge⸗ zeichnet.

Im Norden gewann ſpäter eine ſchöne Quäkerin Sealsfields Neigung. Die Verbindung ſcheiterte an der Erklärung der Eltern: die Tochter nur einem Anhänger ihrer Glaubensgemeinſchaft zu ver⸗ mählen. Ein Quäker zu werden, dazu konnte aber Sealsfield trotz ſeiner Liebe ſich nicht entſchließen. Und ſo kam es, daß er nach jahrelanger Abweſenheit Europas Boden als unverheiratheter Mann betrat. Ob ſein Herz an dieſen Erinnerungen vondrüben unver⸗ brüchlich feſtgehalten, ob es ſich noch einmal einer Schweizerin zuge⸗ wandt? iſt ein Geheimniß, das Sealsfield mit ins Grab genommen.

Theilte mein väterlicher Freund ſolche einzelne Züge aus ſeinem Mannesalter dem jungen, doch vertrauten Freunde mit, über Herkunft und Jugend ſchwieg er beharrlich. Demungeachtet ſteigerte er die geweckte Vermuthung, der Platz, wo ſeine Wiege geſtanden, ſei nur in Deutſchland und hier wieder nur in Oeſterreich zu ſuchen, zuweilen bis zur Gewißheit. Er ſprach gerne über geiſtige und politiſche Ent⸗ wickelung der Völker. Führte dabei die Unterhaltung auf Deutſch⸗ land und hier wieder ſpeciell auf Oeſterreich, dann kam er in eine eigenthümlich gereizte Stimmung hinein; ſeine Urtheile waren ſo ſcharf, beſtimmt, gründlich, alles umfaſſend, wie ſie nur aus eigener und nächſter Anſchauung möglich ſind. So konnte nie der geborene Amerikaner, ſo konnte nur der Oeſterreicher ſelbſt ſich äußern, dem das kleinſte Glied des ganzen Organismus kein unbekanntes und fremdes war. In dieſer Weiſe konnte nur der Sohn von dem Vaterlande ſprechen, das er einſt geliebt, das er noch liebte, auch wenn er ſich innerlich aufs tiefſte von ihm verletzt fühlte. So ſcharf, ſogar bitter über Oeſter⸗ reich und die deutſche Nation er zuweilen ſich ausließ die Liebe zu dieſer Nation, zu dieſem Lande brach immer hindurch. In dieſen Auslaſſungen that ſich der Aerger eines warmen Herzens kund, das ſeinen Liebling ſchilt, den es gern vollkommen wüßte und für deſſen Fehler und Schwächen es doch ein ſcharfes Auge hat aber voll⸗ kommen wird dieſer Liebling doch noch werden! Wir laſſen hier aus Sealsfields Briefen eine Stelle folgen, welches das oben geſagte beſtätigen mag.

16. Hornung 1860.Das deutſche Volk weiß mehr als irgend ein Volk, aber es verarbeitet ſein Wiſſen, ſeine Gelehrſamkeit nicht ihm zum Heile. Es liefert die beſten Lehrer, Erzieher, Profeſſoren, aber die ſchlechteſten Staatsmänner. Seit Friedrich dem Großen hat ganz Deutſchland keinen einzigen Staatsmann hervorgebracht, der ſich durch eine große ſtaatsmänniſche oder politiſche Genialität aus⸗ gezeichnet hätte dem einzigen Freiherrn von Stein, der ein großer Charakter, ein edles Herz war, haben ſie's ſauer genug gemacht.

Ebenſo verſchloſſen wie über Herkommen, Kindheit und Jüng⸗ lingsalter war Sealsfield über das konfeſſionelle Bekenntniß, dem er angehörte; vollſtändig gebrochen hatte er aber jedenfalls mit dem Katholicismus, während er den Proteſtantismus ſehr hoch hielt.

Wahre Religioſität achtete, er in jeder Form und nie durfte die naivſte kindliche Glaubensinnigkeit, wenn ſie in ſeiner Gegenwart zu Tage trat, befürchten, ein bemitleidendes Lächeln auf den feſtge⸗ ſchloſſenen Lippen des geiſtreichen Mannes hervorzurufen, der ſelber das Gebet kannte und übte und jedes Wort imVaterunſer eine unſchätzbare Perle nannte. Vom Weibe forderte er ein Glaubens⸗ leben:Der Mann kann Grundſätze haben und nach dieſen ſich be⸗ ſtreben zu handeln; das Weib ohne Glauben entbehrt dagegen jedes Haltes im Leben und iſt mir verächtlich. Er war ein großer Ver⸗ ehrer der Bibel.Die Bibel, ſagte er,hat die Union groß, ſtark und frei gemacht; auf ihr baſirt das ſittliche Leben eines Volkes, und eben in ſeiner Sittlichkeit liegt die Gewähr ſeiner ſociglen und po⸗ litiſchen Fortdauer. Die ſtrenge Feier des Sonntags in den Ver⸗ einigten Staaten, die durchaus keinerlei Art der Zerſtreuung nach außen geſtattet, ſogar dem Familienkreis nach innen manche Beſchränkung auferlegt die Muße, welche ſich dadurch dem während der Wochen⸗ tage raſtlos thätigen Farmer an dieſem Feiertag gleichſam aufnöthigt,

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nöthigt ihn auch zum Denken, dazu kommt, daß auf ſeiner Farm ſelten ein anderes Buch außer der Bibel zu finden iſt, zu dieſer greift er er lernt aus ihr nicht nur ſeine Religion, er lernt aus ihr auch ſeine Politik.

Schätzte der große, mit hiſtoriſchem Scharfblick begabte Schrift ſteller das Chriſtenthum nicht bloß der äußern Form, ſondern dem innerſten Kern nach ſehr hoch, ſo kann es nicht befremden, ihn als Gegner der deutſchen Philoſophie, wie ſie ſich unter einzelnen Epi⸗ gonen Hegels entwickelt hat und im Materialismus gipfelt, zu ſehen. Wir unterdrücken, was er darüber ſchreibt. Nur eines der Worte des Mannes mit dem tiefblickenden Geiſte, welcher die Geſetze ge⸗ ſunder Entwicklung des bürgerlichen und Staatslebens kannte wie wenige und deſſen Herz für wahres Volkswohl warm puſſirte, ſeigeſtattet, hier anzuführen:Solche Philoſophen wie... würden jede bürger⸗ liche Geſellſchaft, jeden Staat unmöglich machen durch ihre zerſetzende, zerfreſſende Philoſophie. Nicht minder ſcharf geißelte er jene Er⸗ zeugniſſe der deutſchen Literatur, welche es ſich zur Aufgabe machen, die Orakel materialiſtiſcher Weltweisheit in faßlicherer Form, als dieſe ſelbſt es in der Regel thut, dem Volke darzubieten.

Im Herbſt des Jahres 1853 bewogen Sealsfield verſchiedene Gründe, für einige Zeit aus der Schweiz nach ſeinem Adoptivvater⸗ lande ſeinem geliebten Amerika, wie er's nannte hinüber zu gehen. Nach fünfjährigem Aufenthalte dort, während deſſen ſeine Briefe aus den verſchiedenſten Theilen der Union, aus Süden und Norden datiren, kehrte er nach der Schweiz zurück und erwarb ſich in der Nähe von Solothurn mit einem eigenen kleinen Beſitzthum einen dauernden Wohnſitz. Allein, war es der Zug des Wanderns, war es die Sehnſucht, die letzten Lebenstage nicht im einſamen Hauſe, nicht ein Fremdling unter Fremden hinzubringen Sealsfield trug ſich mit dem Gedanken, ſein Landhaus zu veräußern und ſeinen Wohnſitz im Hauſe einer ihm befreundeten Familie im Oſten der Schweiz aufzuſchlagen. Würde er mit der Ausführung dieſes Wun⸗ ſches nicht ſo lange gezögert haben, bis die Fortſchritte der Krankheit, welcher er erlegen, dies zur Unmöglichkeit machten, ſo wäre die deutſche Literatur um einige Werke, darunter ſeine Memoiren, die jetzt un⸗ vollendet in den Flammen aufgegangen reicher. Er ſelber war durch Krankheit und Schwäche der Augen zu geiſtiger Arbeit nur fähig mit Hilfe eines Dritten, der ihm Auge und Hand geweſen; dieſe Perſönlichkeit, wußte er, würde er in einem Mitglied jener Familie finden. Ein Werk Oſten und Weſten lag ſchon zu drei Bänden vollendet da. Der Dichter hatte mit ſeinem Sekretär in spe den Plan des Werkes ſchon vor Jahren beſprochen. Es ſollte dieſer Roman diedeutſch⸗amerikaniſchen Wahlverwandtſchaften zum Abſchluß bringen und zugleich dem leſenden Publikum Aufſchluß geben über manches Unklare, Unvermittelte, nicht Ausgeführte oder blos Angedeutete in einigen ſeiner früheren Geiſtesprodukte. So u. a. Herkunft und ſpätere Lebensſchickſale von Roſa und dem jungen Sohn Albions imLegitimen und die Republikaner; ferner die Schilderung eines imVirey nur leiſe angedeuteten tragiſchen Ereigniſſes, das in Bezug auf den mexikaniſchen Grafen ſteht, als deſſen Tochter beiläufig bemerkt ſchließlich Roſa erkannt wird.

Einen reichen Schatz neuen Stoffes hatte Sealsfield von ſeinem letzten Aufenthalt in Amerika nach der Schweiz gebracht. Auch davon war ein Theil bereits gehoben; aber ihn ganz zu heben, dazu mangelte der Hand die Kraft und dem Auge das Licht und fern war jene Hand und jenes Auge, welche die eigenen erſetzt hätten. Welchen unter ſeinen Verehrern bewegt es nicht, wenn der kranke Dichter ſchreibt:Es kam mir noch immer vor, als ob Sie ſchließlich noch einmal der Vermittler zwiſchen mir und dem Publikum werden ſollten aber es geht, ſo wie es iſt, nicht an und werde ich wohl den Gedanken an abermalige ſchriftſtelleriſche Wirkſamkeit aufgeben müſſen.

Da, nachdem dieſe Befürchtung zur Gewißheit geworden, beſchloß er und führte die Vernichtung aller vorhandenen mehr oder min⸗ der vollendeten Manuſcripte aus. Aber wohl nicht ohne ein Gefühl der Wehmuth und Trauer ſah der ſeiner eigenen nahen phyſiſchen Auflöſung ſich bewußte Dichter auf das Häuflein Aſche, das allein von ſeinen jüngſten Geiſteskindern übrig blieb.

Wir können es uns nicht verſagen, hier einige Stellen aus Sealsfields Briefen vom Jahr 1862 anzufügen, wo er, noch vollkommen geſund, mit Beſtimmtheit die Ahnung ausſpricht, ſeine Laufbahn ſei nur noch eine kurz zugemeſſene. 8. Mai:Ich bin vielleicht undankbar gegen

die I güt hat