Jahrgang 
1865
Seite
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ſtrengen oder finſtern Geſichtszüge auf; da war er Freund, ſogar Spielgenoſſe der Jugend; da konnte er den kleinſten Liebling lieb⸗ koſend auf dem Arme wiegen und von deſſen ältern Geſchwiſtern die Erlebniſſe ihrer Puppen und Schooßkätzchen ſich erzählen laſſen. Wo ſind die Kinder? war da ſeine erſte Frage, wenn er ins Wohnzimmer trat und dieſe fehlten. Vereinigte ein ſolcher Fa⸗ milienkreis mit dem Gemüthlichen geiſtige Bildung, ſo konnte er zur Verwunderung von Freunden und Bekannnten jedes öffentliche Geſellſchaftsleben aufgeben, um alle Abende und dazwiſchen noch manche Tagesſtunde mit der Familie zuzubringen, abwechſelnd zwiſchen lebhaftem Ideenaustauſch über die höchſten Intereſſen des Welt⸗, Völker⸗ und Menſchenlebens und gemüthlichem Plaudern; ein immer gern geſehener Gaſt, ſowohl wegen der glänzenden Eigenſchaften ſeines Geiſtes, als wegen des feinen Zartgefühls, der edlen Sitten⸗ reinheit und der Strenge der Grundſätze, die ſeine Unterhaltungen charakteriſirte. An kirchlichen Feſten, Weihnachten, Oſtern u. a. lud er bei der Hausfrau ſich ſelbſt zu Gaſte:Ich ſpeiſe nicht gern allein auf meinem Zimmer, noch weniger mag ich in Geſſellſchaft gehen; mit der Familie verbracht, hat ein ſolcher Tag erſt die rechte Weihe für mich. Beiläuſig geſagt, es durfte die Hausmutter nicht erſchrecken, die Zahl ihrer Alltagsgäſte um dieſen Einen außergewöhn⸗ lichen vermehrt zu ſehen, ſie brauchte deswegen keine feinere Schüſſel auf den Mittagstiſch zu ſetzen. Sealsfields ganze Lebensweiſe war eine äußerſt geregelte, einfache und mäßige, und vom ſplendiden Souper oder Diner kam er eben ſo ruhig, eben ſo wenig erregt nach Hauſe, als er von da weggegangen.

Einer ſeiner Lieblingsgenüſſe war das Gehen in Flur und Wald, das er bei jeder Witterung, bei jeder Jahreszeit täglich Vor und Nachmittags Stundenlang betrieb, am liebſten allein, ſich dabei ſeinen Gedanken überlaſſend. Er wählte zu dieſem Behufe eine der weniger betretenen Landſtraßen ſeltener Fußwege auf dieſer ging er ruhigen, gleichmäßigen Schrittes 1 ½, auch 2 Stunden fort, gewöhnlich bis zum erſten Hauſe des ſo weit entlegenen Ortes, hier wieder zurückkehrend, ohne während des langen Wanderns etwas andres zu genießen als einen Trunk reinen Quellwaſſers, das er in einer kleinen Flaſche bei ſich trug. Einſt ſah ein Bauer, wie der vornehm ausſchauende Herr die kleine Flaſche mit dem durchſichtigen Inhalt an den Mund ſetzte und mit Behagen einige Züge daraus that. Der muß einen feinen Branntwein trinken, dachte der Bauer undſchmeckt's Ene? ſchmeckt's Ene? frug er.Ja wohl, wollt Ihr vielleicht auch einen Trunk?Jo fxili, wenn's erlaubt iſcht! Warum nicht? da nehmt! Und einen herzhaften Zug that der Bauer, wiederholte ihn aber nicht, er hatte am erſten genug. Kopf ſchüttelnd ſuchte er das Problem zu löſen, warum der Herr mit einem Getränke ſich behelfe, das er, der Bauer, wenigſtens ſo lange ver⸗ ſchmähte, als das Geld im Beutel ein Glas Wein geſtattete. Würde er gewußt haben, der Herr ſei in Betreff des Waſſers weit ſchwerer zu befriedigen als in der Auswahl der Weine; er gehe täglich eine Viertelſtunde weit, um eigenhändig aus einer Quelle zu ſchöpfen und verſchmähe das Naß, welches unmittelbar vor ſeiner Hausthür ein doppelter Röhrenbrunnen in reichlicher Fülle ergoß: zu welchen eigenthümlichen Vermuthungen hätte da wohl erſt die Verwunderung des ehrlichen Bauers ſich geſteigert.Wollen Sie ein Glas Wein? war die Frage, mit der Sealsfield einem Beſuche entgegen kam ich werde Ihnen ein Glas Waſſer vom... Brünneli herbringen, war ein Anerbieten, das er dem kranken Freunde machte und in dem ſich wärmere Theilnahme ausſprach, als wenn er dem Patienten alle in ſeinem Keller gelagerten Weinſorten zur Auswahl angeboten. Er war nicht nur Freund vom Waſſertrinken, auch von kalten Ab⸗ waſchungen und kalten Bädern, die er noch nahe dem Winter zu in einer Temperatur nahm, vor welcher andere zurückſchrecken würden. Bei völliger Geſundheit beſuchte er faſt alljährlich eine der zahl reichen Kaltwaſſerkuranſtalten der Schweiz.

Die kleine Waſſerflaſche gab in unſerm Hauſe noch einmal Ver⸗ anlaſſung zum Scherz. Jeden Abend 6 Uhr nahm Sealsſield ein einfaches Abendeſſen auf ſeinem Zimmer ein. Eine Faaſche Roth⸗ wein in der Hand, die Waſſerflaſche in der Taſche ſeines Hausrockes, ſtieg er hierauf eine Treppe hinunter, in unſerm Familienzimmer ſeinen Wein gemächlich auszuſchlürfen. Neben das Weinglas kam die Waſſerflaſche zu ſtehen, aus der er fleißig nachfüllte. Eine unſrer jungen Freundinnen, welche dies bei jedem ihrer häufigen Abend⸗ beſuche mit anſah, und ebenfalls nichts weniger denn ſolch harmloſen

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Inhalt in dem Kryſtallgefäße vermuthete, gab endlich ihrem bis dahin ſtummen Erſtaunen in ſehr naiver Weiſe Ausdruck und dadurch Ge legenheit, ſie ſelber längere Zeit zu necken. Der außer dem Hauſe ſo ernſte und wortkarge Mann war mit uns ſtets geſprächig und heiter und Freund eines geiſtreich ſcherzenden Wortgefechtes. Uns junge Familienglieder neckte er jedes mit einem kleinen Spitznamen, der in Bezug auf deſſen charakteriſtiſche oder intellectuelle Eigen⸗ thümlichkeiten ſtand.Was macht mein kleiner Herkules?Wo haben Sie den Sturmvogel? u. ſ. w. Dagegen klang es von unſrer Seite, wenn ſich ſein Schritt noch kaum der Zimmerthür näherte:Kommen Sie, Sie müſſen mir etwas erklären!Sehen Sie, was ich hier habe! u. a., oder:Ich habe Ihr Buch ausgeleſen, ſoll ich Ihnen erzählen, was drin ſteht? Ich bemerke hier bei⸗ läufig, daß Sealsfield ſich nie vorleſen ließ, auch ſehr wenig ſelber las, ſo lange er in unſerm Hauſe wohnte, dagegen literariſche Pro⸗ dukte, die ſein Intereſſe erregten, uns brachte, die von uns dann ge leſen und deren Inhalt in den Abendſtunden durchgeſprochen wurde. Noch von Solothurn überſandte er mir wiederholt ganze Packete Bücher und Broſchüren die er meiſt von den Verfaſſern zugeſchickt bekommen über deren Inhalt er in ähnlicher Weiſe wie ehemals mündlich, ſchriftliche Mittheilung und Kritik verlangte. Dagegen machte er mich auch wieder mit dem Eindrucke, den eine Lektüre auf ihn gemacht, bekannt. Auf dieſe Weiſe kam ich in den Beſitz nicht nur einer Anzahl geiſtreicher Kritiken der neueſten beliebteſten Er⸗ zeugniſſe im Gebiete ſchöngeiſtiger Literatur, ſondern auch der Charak⸗ teriſtik ihrer Verfaſſer; denn mein Freund beſaß ein ganz beſonderes Talent, aus dem Geiſtesprodukt den Charakter des Verfaſſers mit zutreffender Wahrheit herauszuſchälen. Er hatte ſich ſo ſehr an dieſen Ideenaustauſch in dem er ſich vollkommen frei gehen laſſen konnte gewöhnt, daß er ein fleißiger Briefſchreiber wurde. Höch⸗ ſtens 14 Tage ließ er auf Antwort warten, wie er denn überhaupt viel von der Pünktlichkeit des Geſchäftsmannes hatte, der das, was vor ihm liegt, raſch abzuthun ſich gewöhnt hat. Das Hängen⸗ oder Gehenlaſſen irgend einer, wenn auch unbedeutenden Sache war ihm unausſtehlich. Bei dieſem Vorwärtsdrängen konnte es ihm freilich begegnen, daß er die Berechnung der Entfernung und jedes etwa ein⸗ treffenden Zwiſchenfalles vergaß, und wenn z. B. auf ſeine Briefe aus Amerika nicht innerhalb der von ihm anberaumten Friſt die Antwort eintraf, er ſchnell den zweiten Brief ausſandte, der regel⸗ mäßig anhob:Warum ſchreiben Sie denn nicht? und der ſich dann faſt ebenſo regelmäßig mit der Antwort auf den erſten Brief kreuzte. Von Solothurn überſandte er mir einmal ein Packet Bücher, die ich zu leſen, den Inhalt mitzutheilen und zu kritiſiren hatte alles innerhalb drei Tagen, die Her- und Hinſendung mit einbe⸗ griffen; denn bis dorthin erwartete er den Herrn Verfaſſer auf einen Beſuch, mit dem er über die ihm zugeſchickten Schriften, die er noch nicht Zeit gefunden zu leſen, ſich vorausſichtlich unterhalten ſollte. So fleißig aber immer auch der Briefwechſel geführt wurde, er war eben doch nur ein ſchwaches Aequivalent für jene Abendſtunden, die mit der ernſten, geiſtigen Unterhaltung alles Anmuthende des Fami⸗ liencirkels verbanden und in denen der ſonſt ſo Unnahbare in der ge⸗ müthlichen Rolle eines Oheims ſich gefiel.

Warum mußte nun dieſes für die Freuden des häuslichen und des Familienlebens ſo empfängliche Gemüth einſam, warum mußte Seals⸗ field ein ruheloſer Wanderer bleiben? Daß er einſt einem geiſtlichen Orden oder dem Kloſter angehört, konnte in den Vereinigten Staaten von Nordamerika, nachdem er dort Bürger und Grundbeſitzer ge⸗ worden und dem Proteſtantismus ſich angeſchloſſen, ihn nicht hindern, eine rechtmäßige Ehe einzugehen. Zweimal hegte er dieſe Abſicht aufs beſtimmteſte. Das erſte Mal, während ſeines Aufenthaltes in Louiſiana, war er wirklich verlobt mit einer jungen Dame. Ein Cederſplitter, der ihr in den Fuß gedrungen, war in dieſem heißen, jeder Verwundung gefährlichen Klima die Veranlaſſung eines ſchnellen Todes, der erfolgte, ehe der Bote, welcher den Verlobten zur ſterbenden Braut abzuholen kam, bei dieſem eintraf.Es gibt der Dinge viel zwiſchen Himmel und Erde, von denen Eure Philoſophie ſich nichts

träumen läßt, dieſe Worte des größten engliſchen Dichters ſcheinen

ſich beſtätigt zu haben in dem Augenblicke, wo der Tod zwei nahver⸗ wandte, durch die Liebe eng verbundene Seeleu trennte. Bei dem Eintreffen des Boten mit der Nachricht hoffnungsloſer Ertvankung wußte Sealsfield bereits, ſeine Verlobte gehöre nicht mehr den Lebenden an. Wohl mehr als der Verluſt ſeines Vermögens bei dem Ban⸗