eigenſten deutſchen Zuſtände abſpiegelten, daß in ihnen gleichſam zwei Welten in⸗ und durcheiuander floſſen. Wer war der Autor, in zwei Welttheilen zu Hauſe, jetzt ganz Amerikaner, nun wieder durch und durch Deutſcher? Welcher der zwei Nationen gehörte er an, er, der beiden ihre innerſten Bezüge, ihre tiefſtverborgenen Eigen⸗ thümlichkeiten abgelauſcht hatte? Jahre vergingen— niemand wußte es. Immer Publikum und immer höher ſtieg die Spannung nach Aufklärung der räthſelhaften Erſcheinung. Im Jahr 1833 war in Zürich der erſte dreibändige Roman erſchienen:„Der Legitime und die Republi⸗ kaner“. Noch im ſelben Jahre folgten zwei Bände:„Transatlan⸗ tiſche Reiſeſkizzen“. 1835 erſchien abermals ein dreibändiger Roman:„Der Virey und die iſeefreten oder Mexico im Jahre 1812“, und ſchon in den nächſten zwei Jahren ſuhn ünde⸗„Lebens⸗ bilder aus beiden Hemiſphären“, 1838„Sturm⸗, Land⸗ und See⸗ bilder“, 1840„das Kajütenbuch“ und endlich 1842 und 43„Süden und Norden“.
Soviel hatte man jetzt herausgebracht: der Herausgeber all dieſer zahlreichen literariſchen Produkte lebe in der Schweiz, nenne ſich Sealsfield und Bürger der vereinigten Staaten Nordamerikas. Wir betonen abſichtlich das Wort„Herausgeber“; denn daß dieſer zugleich der Verfaſſer ſei, wollten manche, die derdlergehen ſeine Bekanntſchaft gemacht, bezweifeln: der Mann ſprach ſo wenig, von ſeiner ſchriftſtelleriſchen Wirkſamkeit nie, und das Wenige was er ſprach deutete nicht auf den eminenten Geiſt, das ſchöpferiſche Talent und die Vielſeitigkeit des Wiſſens, was alles in jenen Werken ſo glänzend zu Tage trat. Es ließ ſich zuletzt an der Autorſchaft Seals⸗ fields nicht mehr zweifeln; daß er dagegen deutſcher Abkunft, ein Oeſterreicher und nach abſolvirten Univerſitätsſtudien ausgewandert ſei, ſeinen Namen Siegelfeld engliſirt habe— waren Vermuthungen, die jeder Begründung entbehrten. Sein amerikaniſcher Paß, die einzige Legitimationsſchrift, die er an ſeinem zeitweiligen Aufenthalt bei den Behörden deponirte, lautete auf einen gebornen Amerikaner. Er ſelber erzählte von ſeinem frühern Leben weiter nicht viel mehr, als daß er als junger Mann in Louiſiana Land angekauft, durch den Bankerott eines Banquiers der Mittel zum Erwerb von ein Paar Schwarzen zur Bebauung deſſelben verluſtig gegangen, hierauf in Newyork an der Redaktion eines politiſchen Journals„Courrier des Etats-Unis“ Theil genommen, wegen zerrütteter Geſundheit im Jahr 1828 nach Europa ſich eingeſchifft, einige Zeit in London und Paris gelebt, bis er endlich in der Schweiz ſich angeſiedelt habe.
Zweiunddreißig Jahre in der Schweiz verlebt, hatten den Schleier nicht weiter gelüftet. Der Mann war zum Greiſe gealtert — immer daſſelbe Incognito. Das im Leben ſo ſtolz verſchloſſne Herz erſchloß ſich auch nicht in der Nähe des Todes und nahm ſein Geheimniß mit ins Grab, welches am Fuße des Weißenſtein in der Nähe der Stadt Solothurn zu Ende Mai 1864 über ihm ſich wölbte. Die Ortsbehörde erſchien, den Nachlaß des Todten zu inventariſiren — kein Bogen Manuſcript, kein Dokument, keine Zeile von des Verſtorbenen Hand fand ſich vor, die Aufſchluß gegeben hätten. Das Teſtament wurde eröffnet: zu Haupterben war eine Familie Poſtl in Mähren eingeſetzt— aber wiederum nicht die leiſeſte Andeutung der Motive dieſes Vermächtniſſes.
Nachdem nun die Erben ausgemittelt ſind, lichtet ſich das ge⸗ heimnißvolle Dunkel, was der„Unbekannte“ auf Kuſten der ſchön⸗ ſten Genüſſe des Menſchenherzens mit ſpartaniſcher Charakterfeſtig⸗ keit über ſeine Herkunft gezogen.
Karl Poſtl⸗ ſo iſt der wahre Name Charles Seals⸗ fields— geboren den 23. März 1793 zu Poppitz bei Znaim in Mähren, war der älteſte Sohn des Oekonomiebeſitzers Anton Poſtl und ſeiner Ehefrau Juliane geb. Ravel. Er kam frühzeitig aus dem väterlichen Hauſe auf das Gymnaſium nach Znaim. Auf den Wunſch ſeiner Mutter ging er aus demſelben als Convent-Student des ritterlichen Kreuzherrn⸗ Ordens vom rothen Stern nach Prag und ſtudirte dort Philoſophie.
Als abſolvirter Philoſ oph kam Karl nach Hauſe in die Ferien. Eines Tages fragte er die Mutter, die eben in der Küche beſchäftigt war:„ Fran Mutter, was ſoll ich denn werden?“ Worauf ſie er⸗ widerte:„Wenn ich hätte je glauben können, daß Du dieſe Frage an mich richten würdeſt, würde ich all die Opfer nicht gebracht haben, was anders als Geiſtlicher?“ Auf dieſe Aeußerung der Mutter erwiderte Karl:„Nun in Gottes Namen, Ihr Wille geſchehe,“ und
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alsbald reiſte er nach Prag, ließ ſich im Kreuzherrn⸗Orden auf⸗ nehmen und ſtudirte Theologie. Nur zu bald entwickelte ſich in ſeinem Innern der Conflikt zwiſchen ſeiner innerſten Natur, deren Trieb und Neigung und dem ihm auferlegten Beruf, der ihn im höchſten Grade unglücklich machte und zuletzt den Entſchluß der Flucht aus dem Kloſter zur Reife und Ausführung brachte. Er war nach abſolvirter Theologie noch viel zu jung, um die Prieſterweihe zu empfangen. Er mußte noch einige Jahre warten, die er vorzüg— lich zum Studium des Franzöſiſchen und Engliſchen verwandte. Er wurde vom damaligen General⸗Großmeiſter des Kreuzherrn⸗ Ordens, Joſef Kohler, zum Sekretariats⸗Adjunkten, ſpäter zum wirk⸗ lichen Sekretär ernannt, was er bis zu ſeiner Flucht, die in den letzten Tagen des April 1822 erfolgte, blieb. Unter dem Vorwand in Karlsbad die Bäder zu gebrauchen, reiſte er dorthin ab, ging aber von dort bald nach Wien, wo er zu hochgeſtellten Perſönlichkeiten in freundſchaftlichen Bezügen ſtand, die ihm Ausſicht auf eine Stelle als Hofkaplan gemacht hatten; als er nach Wien kam, war aber die Stelle ſchon vergeben. In Wien blieb Karl Poſtl noch mehrere Tage unbeläſtigt, obgleich vom Ordens⸗General bereits Schritte ge⸗ ſchehen waren, ihn aufzuhalten und zurückzubringen. Von Wien entkam er über Insbruck in die Schweiz. Seine Spur ließ ſich bis St. Gallen verfolgen; hier verſchwand ſie und mit ihr jede weitere Kunde über Leben und Schickſale des Flüchtlings, den ſeine Familie von da ab als einen Todten beweinte.
Weun dieſe wenigen Züge faſt das Einzige ſind, was ſich mit Gewißheit von Sealsfields äußerm Lebensgang ermitteln läßt— da er mit der Vernichtung aller ſeiner Manuſcripte, worunter ſeine Memeiren, zugleich jede Möglichkeit genauerer Forſchung zerſtörte
ſo iſt ſein inneres Leben, ſein Charakter faſt ebenſo unerforſcht geblieben. Auch hier war es das Incognito, was er durchführen wollte und durchführte. Daher kam es, daß er dem vorübergehen⸗ den Beobachter als eine Chamäleonsnatur erſchien, während der Tiefereindringende eiſerne Feſtigkeit, Willenskraft und Selbſtbeherr⸗ ſchung fand, auf welchen Grundzügen ſeines Charakters ſogar die etwaigen Gegenſätze ſeiner Lebensweiſe beruhten. Es iſt vielleicht am richtigſten ausgedrückt: Sealsfield zeigte ſich nie anders als mas⸗ kirt. Hie und da geſiel es ihm aber doch die Maske ein wenig zu lüften, und Züge, die ſich alsdann dem Beſchauer enthüllten, wollen wir nun hier wiedergeben.
Charles Sealsfield war kein junger Mann mehr, als ich ihn kennen lernte, nachdem er in dem Hauſe meiner Eltern eine Woh⸗ nung bezogen. Aber wenn ſchon einzelne graue Haare unter ſeine dunkelbraunen ſich miſchten, trugen ſeine wie aus Granit gemeißelten Geſichtszüge, deren Ernſt häufig durch ein wohlwollendes oder humo⸗ riſtiſches Lächeln gemildert wurde, noch keine Spur von der Er⸗ ſchl affung des Greiſenalters und glänzte ſein tiefblaues Auge noch im vollen Feuer der Jugend, wie denn ſeine ganze Erſcheinung wohl weniger durch die hohe, ſtolz aufgerichtete Haltung als durch die Ruhe und das Maßvolle aller Bewegungen, die zugleich natürlich und ungezwungen waren, den Eindruck von einer Perſönlichkeit gab, welche nicht unter die gewöhnlichen gehören. Dieſe Perſönlichkeit galt im allgemeinen für ſtolz, kalt, unzugänglich, verſchloſſen. Und es iſt wahr, kalt, ſtolz abweiſend, unzugänglich war Sealsfield immer gegenüber zudringlicher Neugier, mochte ſie nun verhüllt unter den feinen Formen des Reichen und Vornehmen, oder offen mit der Derb⸗ heit des Kleinſtädters und Bauern ihm entgegen treten. Stolz ab⸗ weiſend war er nie im Umgang mit dem offnen, edlen Charakter; verſchloſſen in Bezug auf ſeine Jugend, zurückhaltend über ſein Mannesalter war er ohne Ausnahme gegen Fremde, Bekannte und Freunde. Wir wiſſen nun, daß er ein Geheimniß zu bewahren hatte— beſſer geſagt, ſein Geheimniß bewahren wollte— dies und ein Wanderleben erklären manche ſeiner Eigenth ümlichkeiten. Dazu kam, er hatte Fonds genug in ſich und einen Reichthum an Erirneuungen, um ſich ſel lbſt genügen zu können; in den verſchie— denen Schweizerſtädten, in welchen er von Anfang der dreißiger Jahre nach einander ſeinen Wohnſitz aufgeſchlagen, ließ er daher weit mehr ſich aufſuchen, als daß er andere aufgeſucht hätte.
Häufi ger noch die Stadt als den Ort wechſelte Sealsfield das
Domicil in denſelben, bis ihn etwa der Zufall als Hausgenoſſe in eine Familie führte, die ſenen Weſen zuſagte. Da ließ er ſich mit wahrhaft hausväterlichem Behagen nieder, da verſchwand alles Ab⸗ ſtoßende, Kalte, Schroffe, Eckige; da hellten ſich die ernſten, zuweilen
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