Jahrgang 
1865
Seite
295
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Neapolitaner?

Antwort. Doch würde man irren, wollte man glauben, es fehle dem rö⸗

miſchen Volk an ſüdlicher Lebendigkeit. Man ſtelle ſich nur einmal

Nein, Gott ſei Dank, ich bin Römer, war die

auf den Straßen bilden, in deſſen Mitte die Tarantella zum Tam⸗ bourin getanzt wird. Da gibt es Gelegenheit, wilde, bacchantiſche Bewegungen der Frauen zu ſehen. Oder man betrachte die Männer, wie ſie das althergebrachte Spiel alla morra jeder der beiden Mitſpielenden ſtreckt mit größter Schnelligkeit eine beſtimmte Anzahl von Fingern vor, die der andere ebenſo ſchnell rathen muß ſpielen und in der Leidenſchaft des Spieles ihr tre, quattro, cinque mit ſolcher Vehemenz ausrufen, daß man es Straßen weit hören kann. Aber auch im ruhigen Gang des Lebens findet der Nordländer hier, wie überhaupt in Italien, eine Lebhaftigkeit des Weſens, die ihm ſofort auffallen muß. Sie äußert ſich beſonders in der lebhaften Geberdenſprache. Denn es iſt dem Italiener Bedürfniß, das abſtraktere Wort mit ſinnlich ausdrucksvollen Zeichen zu begleiten. Kauft man ſich eine Frucht auf der Straße, ſo begnügt ſich der Verkäufer in der Regel nicht mit einer Angabe des Preiſes durch das Wort, ſondern er hebt zugleich ſoviel Finger ſeiner Hand in die Höhe, als die Waare Bajocchi koſtet. Dieſe Anlage des Volks iſt für die italieniſche Kunſt nicht ohne Bedeutung. Göthe macht in ſeinem Aufſatz über Leo⸗ nardos Abendmahl die feine Bemerkung, dies Bild habe nur ein Italiener malen können. Denn hier zeigt ſich die lebendigſte Beredtſamkeit der Geberden, jede Figur offenbart ihre Empfindun⸗ gen durch die ausdrucksvollſte Bewegung der Hände und Finger. Wie ganz anders ſieht in dieſer Beziehung ein Abendmahl von Dürer aus!

So legt ja überhaupt die Kunſt Zeugniß ab von der geiſtigen und natürlichen Art eines Volkes und innerhalb des Ganzen zeigen

wieder die einzelnen Kunſtſchulen die lokalen Beſonderheiten der Städte,

in denen ſie blühten. Herr von Rumohr, er ſei in ſeiner römiſchen Periode von den ſchlanken, zartern, umbriſchen und florentiniſchen Geſtalten, wie man ſie noch in der Disputa ſieht, allmälig übergegangen zu dem volleren, kräftigeren Typus der römiſchen Frauen. Und ſo findet man in jeder italieniſchen Stadt, ich nenne nur Venedig und Siena, in den Geſtalten und Ge⸗ ſichtern der Menſchen vielfache Berührungspunkte mit den eigenthüm⸗ lichen Typen der Malerſchule, die dort anſäſſig war. Denn an hei⸗

Von Raphael bemerkt ein feiner Kunſtkenner,

matlichen Geſichtern bildete ſich ja doch Auge und Gefühl des Künſtlers.

Solche Beobachtungen lehren die Eigenthümlichkeiten der verſchiedenen Malerſchulen beſſer verſtehen und in ihrer individuellen Lebenswahr⸗ heit nachempfinden.

Jetzt im Anfang des Decembers ſind alle Straßen Roms voll von den ſogenannten pifferari, d. i. Pfeifer. Es ſind Leute aus dem Gebirge, mit einer Art Tyrolerhut auf dem Kopf und maleriſch be⸗ kleidet mit einem Fell und mit den lebhafteren Farben, wie ſie hier, wo

auch die Natur in lebhaftern Farben malt, das Volk liebt. Sie kommen,

Vater und Sohn, oder auch einzeln, mit ihren Hirteninſtrumenten aus Rohrpfeifen und einem Schlauch zuſammengeſetzt, um die Weih⸗ nachtszeit nach Rom, um auf den Straßen für ein Almoſen zu muſi⸗ ciren. Den lieblichen Sinn dieſer Sitte fühlt man jetzt nicht mehr.

Denn es ſind die Hirten, die herabkommen vom Gebirge, um allem

Volk die Geburt des Herrn zu verkünden, den ſie zuerſt geſehen, vom Engel geleitet. Aber jetzt iſt die Sitte wie ein leeres Wort ohne

die Kinderpredigten. hin an einen jener Kreiſe, wie ſie ſich namentlich zur Carnevalszeit

Sinn, eine Curioſität, nichts weiter. Man lacht oder ſpottet über den monoton ſchnarrenden Klang ihrer Pfeifen.

Aber das merkwürdigſte der römiſchen Weihnachtszeit ſind wohl In einer der älteſten Kirchen Roms, der Kirche traceli auf der höchſten Spitze des capitoliniſchen Hügels, werden täglich zwiſchen Weihnachten und Neujahr von Kindern Predigten gehalten über das Weihnachtsfeſt. Ich habe an einem Nachmittag eine Stunde lang zugehört, länger konnte ich's nicht aus⸗ halten. Vier Mädchen waren's, die ich hörte, ſämmtlich zwiſchen acht und elf Jahren. Der Vorgang iſt dieſer: Die Kinder, fein aufgeputzt, werden auf eine zu dieſem Zweck hergerichtete Erhöhung geſtellt, und ehe ſie zu ſprechen anfangen, verbeugen ſie ſich nach allen Seiten gegen die dicht gedrängte Meuge, die in heiterſter Stimmung ſie umgibt und je nach Befinden bald lacht, bald Bravo ruft u. dgl. Nun beginnt das Kind ſeine Rede und ſpricht mit hoher Rhetorik über die Weiſſagungen des Jeſaias und das erfolgte Wunder der Menſchwerdung. In folgendem Stil:O Wunder aller Wunder (wörtlich O prodigio, o portento, o meraviglia), Gott iſt Menſch geworden, iſt eingegangen in den Schooß einer Jungfrau! Hört es, ihr Vögel, und was dann mehr noch von Geſchöpfen citirt wurde. Zum Schluß des Vortrags, der mit der lebhafteſten Geſtikulation begleitet wird, knieet das Kind nieder auf ſeiner Kanzel, betet, Gott möge ihr Herz erwärmen u. ſ. w. und wird unter dem Beifall der Menge herabgehoben. Natürlich iſt in dem ganzen Vortrag kein wahres und empfundenes Wort. Aber wäre das auch, wie iſt es möglich, kleine Kinder ſo in ihrer Wahrheit und Natur zu zerſtören und zugleich mit dem Heiligen Spott zu treiben! Ein Kind ſchloß ſeine Rede mit den Worten:Meine Herren, mit Erlaubniß, wer Katholik iſt, iſt nicht Piemonteſe! Und merkwürdig, ich habe an keinem Kinde auch nur die geringſte Spur von Verlegenheit bemerkt. Gottlob, da hätten ſich unſere deutſchen Kinder anders benommen!

Gegenüber der Kinderkanzel war die Ausſtellung des Bambino, des Jeſukindleins, wie in allen benutzten Kirchen Roms zur Weih⸗ nachtszeit, doch hier beſonders prächtig. Eine Seitenkapelle der Kirche war zu einer Bühne hergerichtet. Im Hintergrunde eine Landſchaft mit allerhand Thieren, vorn das Kind in der Krippe, doch war alles ärmliche Ausſehen ſorgfältigſt vermieden, das Kind glänzte von goldnem und ſilbernem Flitter, ſo wie auch die neben ihm ſtehende Mutter. Dahinter Joſeph und an den Seiten die anbetenden Weiſen und Hirten, über der Darſtellung wie auf herabreichenden Wolken gemalt Gott Vater im Engelchor. Es iſt ein vollſtändiges Puppen⸗ ſpiel mit aller Illuſion der Beleuchtung, ganz wie auf dem Theater.

Ein Seitenſtück, zu den Kinderpredigten ſind die Kinder⸗ theater, die man auch in Rom ſehen kann. Ich wohnte einer Kinderoper bei, ganz von Kindern ausgeführt. Ein etwa zehn⸗ jähriges Mädchen war die prima donna, ein eben ſo alter Knabe ihr Liebhaber, den ſie gegen den Willen des Vaters durchaus heirathen will. Wäre es nicht ſo abſcheulich, die Kindernatur in ſolcher Weiſe zu zerſtören, man hätte das kleine Volk bewundern können. Denn ſie ſpielten vortrefflich. Die Italiener ſind nun einmal geborene Schauſpieler, auch auf der Kanzel entſinne ich mich nicht, je einen ſteifen Prediger geſehen zu haben, wie ſie ja in Deutſchland nicht ſelten ſind. Ein italieniſcher Prediger läuft nach ſeiner angeborenen Art nicht leicht Gefahr, trocken und hölzern und unbehilflich zu er⸗ ſcheinen, er geräth aber leicht in das andere Extrem, in übertriebene, ſchauſpielerhafte Action. C. Friederichs.

Der Dichter beider Hemiſphären.

In den Gebieten der ſichtbaren Welt gibt es Ereigniſſe, Er⸗ ſcheinungen, Phänomene, die außerhalb der gewöhnlichen Naturge⸗ ſetze zu ſtehen ſcheinen, die wohlthätig oder zerſtörend, belebend oder vernichtend, immer aber mächtig und überraſchend hereinbrechen. Eine ſolche Erſcheinung auf geiſtigem Gebiete tritt uns in der deut⸗ ſchen Literatur entgegen; eine Erſcheinung ſo eigenthümlicher Art, wie ſie wohl keine zweite Nation aufzuweiſen hat. Im Jahr 1833 bis zum Jahr 1843 erſchienen eine Anzahl Romane, die ſich mit keinem Faden an etwas ſchon Vorhandenes oder Dageweſenes an⸗ knüpfen ließen. Inhalt, Form, Sprache, alles war neu, der Schau⸗

platz der Handlungen faſt ohne alle Ausnahme Amerika und hier neben den verſchiedenſten Theilen im Süden und Norden der Uuion noch Mexico. Der Autor war nicht bloß Dichter, er war eben ſo ſehr Pſycholog, Politiker und Hiſtoriker. Die politiſche und ſociale Entwickelung des Landes von Onkel Sam bildete den großartigen Hintergrund ſeiner Gemälde; Sitten, Gebräuche, mit den glühend⸗ ſten Farben gemalt, lieferten die Mittelpartien und im Vordergrunde gruppirten ſich eine Anzahl Geſtalten mit der größten pſycholo⸗ giſchen Wahrheit gezeichnet. Das Eigenthümlichſte in dieſen Ge⸗ mälden war aber, daß ſie neben dem ſpeeiſiſch Amerikaniſchen unſre