Kus der ewigen Stadt.
Endlich bin ich in Rom, es war mir nicht möglich, vorher längere Stationen zu machen, ſelbſt Genua mit ſeiner ſchmeichelnden Luft, mit der Schönheit ſeiner Lage, die ein Spaziergang am Meer hin nach Seſtri am ſchönſten genießen läßt, mit ſeinen verfallenen Pa⸗ läſten, zu denen das bunte Gewühl am Hafen einen eigenthüm⸗ lichen Contraſt bildet, mit den maleriſchen Trachten ſeiner Frauen, wenigſtens der Frauen aus dem Mittelſtande, die noch un⸗ berührt von franzöſiſchen Moden, nach Art orientaliſcher Frauen einen weißen Schleier lang vom Hinterkopf herabhängend tragen, alles dies konnte mich nicht zu längerem Aufenthalt feſſeln, ich war froh, als ich am Bord des Dampfſchiffes anlangte. Leider fahren die franzöſiſchen Schiffe, denen man den Vorzug gibt vor allen übrigen, nur bei Nacht, um den Tag zu Handelsgeſchäften zu benutzen, aber auch die Nacht war ſchön, beſonders von Livorno nach Civitavecchia und entſchädigte mich reichlich für meine nicht beſonders anziehende Reiſegeſellſchaft. Denn das ganze Schiff war voll, namentlich von Engländern, die nach Italien reiſten, nicht um Kunſt und Natur, ſondern um Garibaldi zu ſehen, der damals in Neapel ſich aufhielt. Es war ſo voll, daß für mich nicht einmal eine Matratze übrig blieb, und ſo blieb ich denn auf dem Verdeck und freute mich an der italieni⸗ ſchen Nacht, wie der Mond im Meer glitzerte, das ruhig war wie ein Fluß und wie die Umriſſe der Berge am Ufer und auf den Inſeln, die wir paſſirten, deutlich hervortraten in dem hellen Mondenſchein. Hier fiel mir zuerſt auf, daß die Geſtirne viel voller und größer her⸗ ausleuchten aus dem dunkeln italieniſchen Himmel, als bei uns; ſeitdem habe ich auch hier ſchon in Rom mich entzückt an italieniſchen Mond⸗ nächten, auf dem römiſchen Forum, wo denn alle Monumente ſo geiſterhaft daſtehen! Früh am Morgen waren wir in Civitavecchia zugleich mit zwei großen Schiffen voll rothhoſiger Franzoſen, die als Verſtärkung der römiſchen Beſatzung abgeſchickt waren, es vergingen aber Stunden, ehe ich mich in Civitavecchia durch alle die Paß⸗ und Zollſchranken hindurchgearbeitet hatte bis zur Eiſenbahn. Aber mit der Sehnſucht der ewigen Stadt im Herzen, ganz geſpannt auf den erſten Anblick, auf den erſten Eindruck, verſchmerzt man ſolche Wider⸗ wärtigkeiten und alles iſt vergeſſen, wenn die Eiſenbahn ſich in Be⸗ wegung ſetzt. Es geht zuerſt eine Weile am Meer hin, aber bald wird's öde, ſchrecklich öde. Nirgends Anbau, nirgends freundliche Dörfer, nur hie und da eine Herde von Büffeln oder langgehörnten Ochſen und ſelten ein Paar Häuſer am Wege. Und doch, wer ſich hineingelebt hat in den Charakter Roms, der möchte nicht die groß⸗ artige Oede ſeiner Umgebungen vertauſchen gegen den reichſten und blühendſten Boden. Wohl mag man die Bewohner dieſer wüſten Strecken beklagen, aber zu dem Charakter einer Stadt, die mehr der Vergangenheit als der Gegenwart angehört, paßt nur eine ſolche Umgebung. Deun wenn nun Rom zuerſt ſichtbar vor dem Auge ſteht, als eine große, aſchgraue Häuſermaſſe, da glaubt man eine Stadt der Todten, nicht der Lebenden vor ſich zu ſehen. Da iſt kein rothes Dach, das ſo freundlich lebendiges Treiben ankündigt, alles ſieht ſo grau und fahl und ruinenhaft aus. Und die Stilie in den Straßen, die den Lärm induſtriellen und kaufmänniſchen Verkehrs noch nicht kennen, die nur am Nachmittag ſich beleben, wenn die vor⸗ nehme Welt ihre Spazierfahrt macht, dann die weiten, öden Paläſte und die unſauber und ungepflegt ausſehenden Häuſer, endlich auch der Schmutz der Bewohner, die wie ſie ihr Haus verkommen laſſen, auch den eignen Körper vernachläſſigen, ſtimmt dies alles nicht zu dem Eindruck zuſammen, daß die alte müde Stadt der Gegenwart abgeſtorben ſei, daß ſie nur der Vergangenheit angehöre, an die man durch Ruinen auf Schritt und Tritt erinnert wird? Eine ſolche Stadt fordert die öde Campagna als ihren natürlichen Boden, ſie fordert eine Umgebung, die alle Gedanken an ein neues, fröhliches Leben zurückdrängt, die nur belebt durch Trümmer des alten, durch die Ruinen von Gräbern und Waſſerleitungen zum Eindruck der Stadt harmoniſch ſtimmt. Man fühlt jetzt noch ſo rein und unge⸗ miſcht dieſen Eindruck von der Stätte vergangenen Lebens, und des⸗ halb iſt auch keine Stadt ſo einladend zu einem ernſt contemplativen Leben, ganz ungeſtört von der zerſtreuenden Unruhe der Gegenwart, aber wird es auch ſo bleiben, wenn Rom die Hauptſtadt des jungen Italiens wird? Wird dann dieſer Zuſtand des Verfalls, dieſer groß⸗ artig ruinenhafte Charakter der ganzen Stadt fortdauern? Oder
wird nicht alles ein etwas glatteres, reinlicheres, eleganteres, modi⸗ ſcheres Ausſehen annehmen und ſomit ein neues kleinliches Weſen ſtörend ſich einmiſchen in die ernſte Größe verfallender Ruinen? Wie ſchwer iſt's doch, den Blick auf Rom gerichtet, gerecht zu ſein gegen den Fortſchritt der Kultur!—
Es iſt ungemein intereſſant, mit Gedanken an das Alterthum das jetzige Rom zu durchwandern und das Volk in ſeinem Leben, in ſeinen Verhältniſſen zu beobachten. Denn wie vieles, Großes und Kleines, hat ſich nicht bis jetzt ganz ſo erhalten, wie es vor alter Zeit war! Der Ackerwagen iſt noch ganz derſelbe, wie man ihn auf rö⸗ miſchen Reliefs dargeſtellt ſieht, die Wage in Kram- und Fleiſchläden i*ſt die gewöhnliche des Alterthums mit einer Schale, nur die Ge⸗ wichte, die das Alterthum nach ſeinem ſchönen Princip, auch dem geringſten Geräth des Lebens bildlichen Schmuck hinzuzufügen und es ſomit aus der Sphäre des bloßen Nutzens herauszuheben, oft in Form von Köpfen, Eicheln u. ſ. w. bildete, ſind jetzt ausnahmslos, ſoweit ich geſehen, formloſe Maſſen. Darin liegt ja überhaupt ein ſo tiefer Unterſchied zwiſchen dem Leben aller alten Völker, der Aegypter und Orientalen ſowohl, als der Griechen, Römer und Etrusker von dem Leben der Neuzeit, daß jene in allen zum Leben nöthigen Geräthen nicht zufrieden mit dem, was der praktiſche Zweck erfordert, jedem Dinge auch eine eigenthümliche Kunſtform zu geben ſuchten, während wir uns mit dem kahlen Nutzen begnügen, oder wo wir Ornamente gebrauchen, leicht ins Willkürliche verfallen. Man ver⸗ gleiche unſere Schmuckſachen mit denen des Alterthums. Kann man etwas Sinnvolleres finden, als die Verwendung kleiner, geflügelter Figuren, Amor, Viktoria u. ſ. w. zu Ohrgeſchmeiden? Wie äſthetiſch nothwendig iſt für dieſen Zweck die frei ſchwebende Figur! Oder Armringe und Fingerringe findet man ſchlangenförmig geſtaltet, denn wo es darauf ankommt, ein Glied ringelartig zu umſpannen, da war kein paſſenderes Motiv zu finden, als die Schlange. Und wie ver⸗ ſchieden iſt das Verfahren der Alten in dem ganzen Reich der Gefäße! Der Schöpflöffel, der beſtimmt iſt, in tiefe Krüge hinabzureichen, und darum einen langen Hals nöthig hat, läuft in einem ſchön gefchwun⸗ genen Schwanenhals aus, denn gerade am Schwan iſt der lange Hals charakteriſtiſch; wo es auf den Begriff des Ausgießens ankommt, da ſetzen die Alten den geöffneten Mund eines Thieres oder Menſchen, uns genügt eine einfache Oeffnung; der Begriff der Stütze wird durch einen menſchlichen oder thieriſchen Fuß, der Begriff des Anfaſſens, an Griffen ec. durch eine hingeſtreckte Hand oder durch einen ge⸗ krümmten, gleichſam zum Einhaken einladenden Finger dargeſtellt, wo wir uns eines nichtsſagenden Knopfes bedienen. An Kohlenſchaufeln findet man unter den antiken Geräthen ſtatt der Schaufel, wie bei uns, eine gekrümmte Hand, die den Geſtus des Aufnehmens macht. Das ganze Leben der Alten war ungleich weniger abſtrakt, als das der Jetztzeit. Die Leute aus dem Volk tragen ihre Mäntel noch ganz, wie es im Alterthum Sitte war, ſo daß die Zipfel über die linke Schulter geworfen werden. In ihrem Gang, beſonders in dem der Frauen, liegt etwas Würdevolles, Stolzes, das charakteriſtiſch iſt für die Nachkommen der alten Römer. In Rom hat ſelbſt eine Dienſtmagd einen Gang, als wäre ſie eine Königin. Dieſer ſtolze, würdevolle Gang ſtimmt ſchön zuſammen mit den vollen, üppigen Formen der römiſchen Frauen. Man könnte ſich auch auf der Stätte des alten, ſtolzen Herrſchervolkes keine zartere, ſchlankere Geſtalten denken. Freilich darf ein nordiſcher Menſch ſeine Begriffe von weib⸗ licher Zartheit und Verſchämtheit hier nicht anlegen, vor den Thüren ſitzen die Frauen, an offener Bruſt ihre Kinder ſäugend, ohne Scheu vor den Vorübergehenden.
Die Römer ſind aber auch ſtolz darauf, Römer zu ſein, ſie be⸗ trachten ſich als die Patrizier von ganz Italien. Hiervon kann ich ein Paar charakteriſtiſche Erlebniſſe mittheilen. In einem Kaffeehauſe entſpann ſich ein Wortwechſel zwiſchen einem der Gäſte und dem Kellner. Der Streit wurde immer lebhafter, beide Parteien erhitzten ſich ſehr, bis ſchließlich der Kelluer gleichſam als letzten, ſtärkſten Trumpf, den er auszuſpielen hatte, ausrief:„Ihr ſeid Italiener, aber ich bin Römer.“ Und damit ging er fort. Etwas Aehnliches erfuhr ich in Neapel. Ich trat bei einem Bildhauer ein, um ſeine Arbeiten zu beſehen, und da ich einen vom Neapolitaniſchen abweichenden Dialekt von ihm zu hören glaubte, ſo ſagte ich, er wäre wohl kein


