Jahrgang 
1865
Seite
289
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Ein deutſches Familienblatt mit Illuſtrationen.

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1865.

Ausgegeben im Februnr 1865. Der Jahrgang läuft vom October 186 3 bis duhin 1865.

N. 21.

Die Hochſchule der Demuth.

Eine Geſchichte von W. H. Riehl.

Im Jahre 1683 zog ein junger Franziskaner, der Bruder

Randeren beſiegen und durch Liebe und Milde des anderen Sünden

Bonaventura, terminirend durch die ſogenannte Pfaffengaſſe, das richten: Beati mites, quoniam ipsi hacreditabunt terram, ſelig ſind

kurmainziſche und kurtrieriſche Rheinthal, und predigte dabei ſehr er baulich unter ungeheuerem Volkszulauf. Seine Reden waren kurz, friſch, derb, voll Mutterwitz und handgreiflicher Lebensklugheit. Die berühmteſte derſelben, eine Eheſtandspredigt, gefiel ihm und ſeinen Zuhörern ſo gut, daß er ſie gar nicht oft genug wiederholen konnte. Er zeigte in dieſer Predigt klar, wie Ehegatten durch Milde und Demuth einander tragen und beſſern müßten und erzählte dann zum Schluſſe allemal eine altbekannte Geſchichte, welche doch immer wieder aufs neue rührte und ergriff.

Ein leichtſinniger Maurermeiſter, ein Trunkenbold, ſo etwa ſprach er,hatte ein frommes, junges Weib; ſie konnte ihn aber nicht vom Trunke bekehren, und böſe Geſellen riſſen ihn immer tiefer hinab in den Schlamm der wüſteſten Schlemmerei. Einſtmals hatte der Meiſter bis Mitternacht im Adler gezecht, und als ihn dann der Adlerwirth vor die Thüre geworfen, zog er mit all den trunkenen Genoſſen in ſein Haus und befahl der Frau, die ihn ſchon lange in Gram und Kummer erwartete, daß ſie Wein heraufhole und die Gläſer fülle und wieder fülle als die flinkſte Kellnerin, und wehe ihr, wenn je ein Glas leer bleibe. Der Frau wollte das Herz brechen; dennoch that ſie wie der Mann befohlen, holte den Wein, füllte die Gläſer und verbiß die Thränen, ſo daß nicht ein Tropfen in das Glas fiel, welches ſie zitternd dem Manne darreichte. Als dieſer aber ſah, wie die Frau pünktlich that, was er geboten, und nicht einmal in einer Miene die Höllenqual ſolchen Dienſtes ſich merken ließ, da erwachte er und erkannte in ihrem demüthigen Gehor⸗ ſam ihre Liebe und den Adel ihrer Seele, und zugleich ergriff ihn der tiefſte Abſcheu vor ſeiner eigenen Gemeinheit, und die Frau mit dem Weinkruge und dem kummervollen ſanften Auge erſchien ihm wie ein Engel des Gerichtes. Er ward plötzlich ſtille, trauk nicht mehr und bot den ſtaunenden Genoſſen einen kalten, faſt groben Abſchied. Als ſie gegangen, fiel er der Frau um den Hals, bat ſie um Verzeihung und gelobte ein neues Leben. So geſchah es auch; er ward von Stund' an ein beſſerer Mann. Durch Demuth ſoll ein Gatte den

die Sanftmüthigen, denn ſie werden das Erdreich ererben. Nach dieſen Worten hielt der Franziskaner jedesmal einen

Augenblick ſtille, ſchaute ſich im Kreiſe ſeiner Hörer um und fuhr

dann fort:Ich habe Euch dieſe Geſchichte ſchon oft erzählt, und Ihr fraget wohl, warum ich ſie immer wieder erzähle? Einfach deßhalb, weil ich keine beſſere weiß. Erlebt Einer von Euch aber ſelber eine beſſere Geſchichte, daß ein Ehegatte noch Härteres beim andern in Liebe getragen und durch Demuth beſiegt habe, ſo erzählet ſie mir: ich werde Euch dann mit der neuen Geſchichte erbauen ſtatt mit dieſer alten. Amen.

Es kam aber keine beſſere, und der Franziskaner blieb immer bei der alten Geſchichte.

I.

Als der Franziskaner wieder einmal in Lorch am Rhein ſeine Eheſtandspredigt hielt und die bekannte Geſchichte vortrug, hörte ihm der Fuhrmann Peter Rambold aus Bacharach beſonders achtſam zu; denn er wollte nächſter Tage Hochzeit halten in Lorch mit der acht zehnjährigen Käthchen Rehm,des verſtorbenen Bürgers und Schult⸗ heißen Johannes Evangeliſt Rehm ehelich lediger Tochter, wie es im Aufgebote hieß. Für dieſe Ehe hätte es aber eigentlich gar keiner Predigt bedurft, ſo zwei erleſene Leute fanden ſich hier zuſammen.

Rambold war ein gottesfürchtiger, gutgearteter Mann, rührig und treu in ſeinem Geſchäft, daß ihm die Kaufherren tauſend Gulden ſo ſorglos anvertrauten wie einen Heller, dazu wohlhabend; er nannte ein Haus mit ſchönen Weinbergen und zwölf Pferden ſein freies Eigenthum. Käthchen Rehm war noch viel reicherer Leute einziges Kind, und da ihre Eltern frühe ſtarben, ſo hatte man ſie in einem benachbarten Klariſſinnen⸗Kloſter erzogen; denn die Lorcher Bürger ließen ihre Kinder nicht nach Bauernart unter Schweinen und Gänſen aufwachſen. Im Kloſter war ſie gar fein und fromm geworden, konnte leſen, ſchreiben und ſticken wie eine Nonne, auch allerlei bunte Spielereien von Pappendeckel und Goldpapier machen,