Jahrgang 
1865
Seite
290
Einzelbild herunterladen

ö·

was man Kloſterarbeit nannte, wußte nichts von der Welt und ihrer Schlechtigkeit, und war zart und zierlich wie ein Fräulein, faſt zu zart für eine Fuhrmannsfrau.

Die Eltern hatten ſchon frühzeitig vorbeſtimmt, daß Käthchen einmal den Peter Rambold, ſeinenAndergeſchwiſterkindsvetter heirathen ſolle, und ſterbend dem künftigen Bunde ihren Segen hinterlaſſen. So war Käthchen ſchon Braut als ſie aus dem Kloſter kam, und es dünkte ihr damals faſt ſündlich eine Braut zu ſein; denn ſie konnte ſich ein gerechtes Leben nur denken innerhalb des zweiten Ordens des heiligen Franziskus und der heiligen Klara von Aſſiſi und geleitet von Conventualen des erſten Ordens jenes Heiligen, welche in dem Klariſſenkloſter die geiſtliche Oberaufſicht ge⸗ führt hatten. Daß ſie ſich ſtatt ſolcher Conventualen nun von einem Fuhrmann ſolle leiten laſſen, kam ihr anfangs ganz entſetzlich vor. Allein ſie war kaum einige Wochen wieder in Lorch, ſo wurden ihre blaſſen Wangen zuſehends wieder ſo roth wie bei den übrigen Lorcher Mädchen, und der bekannte friſche Wind, welcher dort von Wisper⸗ thale zum Rhein heraus bläſt, fegte ihr viele Kloſtergedanken aus dem Kopf, und da man ihr von allen Seiten Glück wünſchte, ſo kam es ihr zuletzt ganz natürlich vor, daß ſie ſich auf die Hochzeit freue wie andere Bräute.

Am 15. Oktober 1683 wurden die beiden in der Pfarrkirche zu Lorch vom Prieſter eingeſegnet. Jedermann pries das ſchöne, tugendſame Paar; die jungen Männer beneideten den Bräutigam und die Mädchen die Braut; Peter und Käthchen aber hätten heute den römiſchen Kaiſer ſelbſt nicht beneidet, geſchweige denn einen Menſchen aus Lorch oder der Umgegend.

Nach der Trauung ging der Zug der Gäſte aus der Kirche zum Wirthshauſe, wo das Hochzeitsmahl gerüſtet ward, nur die beiden Brautleute blieben nach einem ſchönen alten Brauche allein auf dem Kirchhofe zurück und ſchritten Arm in Arm hinter dem Chor der Kirche zu den Gräbern von Käthchens Eltern, die heute mit den ſchönſten Herbſtblumen friſch geſchmückt waren. Denn weil man die Verſtorbenen nicht zur Hochzeit laden kann, ſo beſucht das Kind die Eltern auf ſeinen Ehrentag am Grabe, und weil es ihnen an dieſem Tage ſonſt nichts Liebes und Gutes mehr zu erweiſen vermag, ſo betet es mit dem eben angetrauten Manne vereint etliche Vaterunſer, als eben ſo viele Tropfen kühlenden Waſſers, welche es den etwa noch im Fegefeuer dürſtenden armen Seelen hinabſendet.

Käthchen betete ungewöhnlich lange und ſtand, nachdem ſie ge⸗ endet, noch eine Weile in tiefen Gedanken, deren Kampf man leiſe durch ihre lieblichen Züge zucken ſah. Dann ward ſie, bis dahin leichenblaß, plötzlich von glühendem Roth übergoſſen, faßte den Peter bei der Hand und ſprach:Ich kann in dieſer Stunde nicht vom Grabe meiner Eltern gehn, ohne Dir ein Geſtändniß zu machen. Der Wunſch meines Vaters ſelig iſt nun erfüllt: ich habe Dich ge⸗ heirathet, und das war auch mein Wunſch, nämlich ſofern ich niemals gedacht habe, daß ich einen andern heirathen könne als Dich, und habe Dich auch immer lieb gehabt, wie man ſeinen vom Vater vor⸗ beſtimmten Bräutigam lieb haben ſoll und muß. Allein was eigentlich heirathen heißt, das iſt mir doch erſt heute am Hochzeit⸗ morgen ganz klar geworden, und indem mir's drinnen am Altar und hier am Grabe immer ſchwerer aufs Herz fiel, wie kettenfeſt das Sakrament der heiligen Ehe bindet, entdeckte ich auch, daß ich Dich bis daher doch nicht ſo ausſchließend lieb gehabt habe, als es von Gottes und Rechtswegen ſein ſoll. Ich trage da etwas ganz Be⸗ ſonderes im Herzen und habe mich geſchämt, Dir's zu geſtehen, weil mir's zu einfältig, und aber auch gefürchtet, weil mir's zu ernſthaft dünkte. Jetzt muß es heraus. Während ich Dich immer liebte als meinen künftigen Mann, hatte ich noch einen Anderen gern, in ſelt⸗ ſam anderer Art: das war der junge Chriſtoph Keller, welcher Fran⸗ ziskaner geworden iſt und jetzt Pater Bonaventura heißt und ſo ſchön vom Eheſtand predigt. Schon als Kind da Chriſtoph noch weltlich war, ſah ich ihn mit ausnehmender Freude, und da er ins Kloſter ging, wurde dieſe Freude an ihm zwar etwas ſchwermüthiger, aber um ſo tiefer. Dich hatte ich lieb weil ich Dich einmal heirathen ſollte und wollte, und weil Du es wußteſt, daß ich Dich liebte und mich auch wieder liebteſt; ihn aber hatte ich lieb, ohne je ans Hei⸗ rathen zu denken; und weil er gar niemals merkte, wie gut ich ihm war und alſo auch nichts erwiderte, ſo kam mir meine Liebe zu ihm erſt recht beſonders rein und heilig vor. Es war ganz zweierlei Art, und iſt eine Sünde dabei geweſen, ſo habe ich's ſelber nicht gewußt,

und die Nonnen haben mich auch niemals aufgeklärt über den Unterſchied einer Liebe mit Heirathsgedanken und ohne Heirathsgedanken.

Der Fuhrmann war etwas überraſcht von dieſer Beichte, die er zwanzig Minuten nach der Trauung gerade nicht erwartet hatte. Allein zwanzig Minuten nach der Trauung iſt man auch hoffnungs⸗ kühner und leichtmüthiger als zu anderen Zeiten, und alſo dachte Peter, jetzt habe er ſein Käthchen einmal feſt und werde ſie auch feſt halten und ihr in Jahr und Tag ſchon gründlich lehren, was eigent⸗ lich Liebe mit Heirathsgedanken ſei, trotz allen Franziskanern der rheiniſchen Kirchenprovinz. Auch rührte die Unſchuld des guten Kindes ſein feſtes Fuhrmannsherz, und er beſchwichtigte ihre Ge⸗ wiſſenszweifel und meinte, da ſie ja den Bruder Bonaventura nichts habe merken laſſen und im neuen Haushalte mit zwei Mägden und drei Fuhrknechten ohne Zweifel weniger Zeit habe an eine Liebe ohne Heirathsgedanken zu denken, wie im Klariſſenkloſter, ſo werde ſich die Sache ſchon geben.

Dieſe milde Auffaſſung hielt aber bei Peter nicht lange Stich. Schon während des Hochzeitſchmauſes verſank er in ein trübes Brü⸗ ten und Sinnen, und in den nächſten Wochen nagte es ihm oft recht ſcharf am Herzen, daß Käthchen den Chriſtoph im Grunde doch lieber gehabt als ihn und überhaupt nur geheirathet, weil ſie geſollt, nicht weil ſie gewollt habe. Doch ließ er die junge Frau nicht das Mindeſte von ſeinem Kummer merken, und ſie war auch ihrerſeits die reine Liebe und Güte gegen ihn.

In dieſer Zeit geſchah es, daß Peter Rambold in Oberweſel einmal unverſehens mit dem Pater Bonaventura zuſammen traf. Es koſtete ihm einige Mühe, ſeine Faſſung zu behaupten; denn ob⸗ gleich er vordem des Paters Predigt ſo achtſam angehört, ſo hatte es ihn als einen Bacharacher doch damals ſchon geärgert, daß ein Franziskaner ſo ſchön predigen könne; die Bacharacher waren nämlich den Franziskanern todtfeind und hielten es mit deren bitterſten Wider⸗ ſachern, mit den Kapuzinern, aus Gründen, die ich nachher genauer berichten will. Dann aber wurmte es ihn, daß gerade ein ſolcher Franziskaner vor Zeiten Chriſtoph Keller geheißen und ſeinem Käthchen ſo ganz beſonders gefallen habe. Doch that er dem Mönche ſehr freundlich und kam, da dieſer ihn gar treuherzig anſprach, auf den erleuchteten Einfall, in verſteckter Weiſe den Pater ſelber zu be⸗ fragen über Käthchens Geſtändniß und ihn dabei auf die Probe zu ſtellen, ob er denn wirklich von der geheimen Neigung ſeiner Frau niemals etwas gemerkt habe.

Alſo berichtete er im Laufe des Geſprächs ſo pfiffig, wie es nur dem biederſten Fuhrmann möglich iſt, daß ſein Käthchen, die der Mönch ja als Nachbarstochter recht genau kenne, ihn in ſeltſame Be⸗ klemmung verſetze, und daß er und ſie ſchon lange einen geiſtlichen Gewiſſensrath darüber hätten hören mögen. Er erzählte dann ge⸗ nau, was ihm Käthchen geſtanden, nur mit dem einzigen Unterſchiede, daß er ſtatt des leibhaftig vor ihm ſtehenden Franziskaners von einem Verſtorbeuen redete, welchem eine ſo unerhörte Liebe ohne Hei⸗ rathsgedanken neben dem Bräutigam gegolten habe. Der Pater, mit Leib und Seele ein geborener Mönch, lauſchte ſtaunend, doch ohne ſonſt eine Miene zu verziehen; dann rief er:Ihr habt ein rechtes Juwel von einer Frau und ſolltet jubeln, daß ſie Euch ſo beunruhigt. Spricht nicht das zarteſte Gewiſſen daraus, daß ſie ihre Seelenangſt Euch offenbarte, eben in dem Augenblicke, da dieſelbe in ihr erwacht war, unbekümmert zwar, ob ſie Euch dadurch den Hochzeittag trübe, aber auch unbekümmert, ob ſie auf ſich ſelbſt einen Schatten werfe in einer Stunde, wo jede Frau dem Manne nur im ſchönſten Lichte leuchten will? Andere hätten geſchwiegen bis zu gelegener Zeit oder für immer. Euer Käthchen aber machte ſich zur Sünderin aus lauter Herzensreinheit. Eine Brant, die im Brautkleide an ihre Sünden denkt, iſt ſchon gar ſelten, aber vollends eine Braut, die zwiſchen dem Altar und der Hochzeitstafel dem Bräutigam ihre Sünden beichtet, iſt glaube ich in ganz Lorch noch nicht dageweſen, ſeit der Ort beſteht. Daß ſie Euch ſo grauſam gequält, das war die beſte Gabe, die ſie Euch überhaupt am Hochzeitstage ſchenken konnte; übrigens iſt es immerhin gut, daß jener Freund bereits geſtorben iſt.

Peter ging etwas beſchämt, aber auch beruhigter hinweg; nur verkehrte er, als er ſich die Worte des Mönchs wiederholte, den letzten Satz und ſprach:Daß jener Freund ein Franziskaner ge⸗ worden, iſt das Allerbeſte; übrigens iſt es wirklich gut, daß Käthchen mich ſo tief bekümmert hat.

(Schluß folgt.)

/q

'õnyeon