Jahrgang 
1865
Seite
288
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Die haben frieſiſch Blut. Sie ſind aus nach Dir. Doch ſag: gibt's brav Strandgut? Unſer Geniévre geht zu Ende, die Kaffeeſäcke ſind leer, der Fiſchfang gibt heuer nichts aus. Wahrlich ein ordentlicher Strandſegen thäte uns Noth.Mutter, was fällt Dir ein! Lebſt immer noch in der Zeit, wo unſer Herr Paſtor ſelig, ſeinGott ſegne den Strand wider⸗ willig ins Schlußgebet einſchalten mußte? Weißt Du nicht, daß's vorbei iſt mit dem Strandſegen? Aber etliche Hundert Bergelohn meinte der Vogt wird's diesmal austragen. Kommt auf Eins heraus. Wer Geld hat, braucht für die Waare nicht zu ſorgen. Ein Glas Steifen hab⸗ ich heut verdient, Mutter! Die Alte ſchüttelte den Kopf über die neue Ord⸗ nung; und ſprach ſtill vor ſich hin von der verkehrten Welt und der alten, guten Zeit und verkümmerten Rechten; aber ſie ging nach dem buntbemal⸗ ten Wandſchrank, goß aus einer großen, unförmlichen Kruke ein Glas drei- viertels voll Geniéèvre, und bereitete Janſſen den verdienten Labetrunk. Sieh, da kommen auch Geſine und Luth Konrad, ſagte ſie, mit der linken das Glas vor dem Sohne, der bemüht war, ſich von ſeiner unförmlichen Fußbekleidung zu befreien, hinſetzend, und mit der rechten Hand über den Augen zum Fenſter hinausſchauend nach der Vogeldüne. Dort erſchien das junge Weib, Luth Konrad an der Hand. So ſchnell, als es der heftige Sturm geſtattet, ſchritten die beiden auf die Hütte zu, während die Abend⸗ ſonne eben ihren letzten gelbunheimlichen Strahl auf die weiße Düne warf. Gottlob, daß Sie da ſind.'s gibt eine böſe Nacht. Ich mag dieſen gelben Abſchiedsgruß nicht. Gottlob, daß Ihr da ſeid, rief Janſſen dem eintretenden Paar entgegen.Wir danken Gott, daß Du da biſt, Janſſen! Noch einmal ſind ſie hinaus. Tiark Luths hat's durchgeſetzt; die Männer ſträubten ſich; der Vogt warnte. Aber die können nicht genug haben. Gut, daß Du mal nicht darunter biſt.Vor ſechs Jahren, Geſine! wär' ich der erſte geweſen. Damals war's nur um ein Leben Schade. Seit ſelig Vater Laars unſere Hände ineinander legte, bin ich zahm wie ein Lamm. Und dabei ſtreichelte der Fiſcher dem Jungen, der, ein ächtes Konterfei des Vaters, eine vollkommene Theerjacke, nach dem dampfenden Glas ſchielend, ſich an den Vater herandrängte, freundlich die von der Luft hoch⸗ gerötheten Wangen, ließ ihn von dem ſüßen, feurigen Tranke nippen und begann ein Examen mit ihm über die Geheimniſſe der Fiſcher und Schifferkunſt. Allmälig ward es finſter in der kleinen Behauſung.Geh, Luth Konrad! Sag' Mutter, ſie ſoll uns Licht bringen. Du mußt mir ſchön ſtricken helfen. Doch horch! das war ein Signal. Dacht ich's doch, daß heute die Stiefeln nicht lange Ruhe haben würden. Jung, die Stiefeln und den Südweſter her! Mutter, die Laterne und ein Stück Brot. Athemlos kam die junge Frau ins Zimmer.Ach Janſſen! heute nicht, heute nicht! Laß die anderen machen.'s ſind Jüngere dabei! Und dabei trat ſie an den rieſigen Mann heran, wie um ihm den Weg zur Thüre zu verſperren. Aber der ſtand ſchon gerüſtet.'s iſt frieſiſch Blut, Geſine! laß ab; hätte Vater Laars ſelig gezaudert? Da iſt Brot, da iſt die Laterne, Janſſen! Gott mit Euch! ſprach die Alte, hinzutretend, und dem Sohne das Gewünſchte reichend.Ja, ja, zahm wie ein Lamm, Janſſen! Aber Dein Weib und unſer Junge gelten Dir nichts. Bleib hier, bleib nur heute hier, ach und hier ſchreckte die Flehende zuſammen; ein zweiter Signalſchuß übertönte den heulenden Sturmwind. Und während der Schuß noch durch die Dünen der Inſel hindröhnte, ſchritt Janſſen feſt und raſch durch die Thür.Wir haben ein gutes Boot, Geſine! Wir elf Mann kennen uns wohl. Was hätteſt Du geſagt, wenn die Männer am Ofen hocken ge⸗ blieben wären, als es vor'm Jahre galt, Deinen Janſſen aus der See zu holen? So hatte er noch im Gehen geſagt, den Sinn ſchon mehr auf das gerichtet, was jetzt Noth that, als auf den trauten Kreis, den er ver⸗ ließ, vielleicht auf Nimmerwiederſehen verließ.

Janſſen Harms war Vormann der Rettungsſtation.So recht jag was du jagen kannſt; das Anſpannen dauert auch noch eine Weile! rief er dem Knecht zu, der mit zwei rüſtigen, angeſchirrten Pferden über den loſen, aufſtäubenden Sand hin an ihm vorüberritt. Faſt zu gleicher Zeit mit dem Reiter ſtand er vor dem Schoppen des Rettungsbootes. Binnen wenigen Minuten waren auch die anderen zehn am Platz. Janſſen ſchloß eilig das Thor des Schoppens auf, in welchem das Rettungsboot auf dem Karren lag. Das ganze Inventar war ſchon am Tage gemuſtert worden, was Janſſen nie verſäumte, wenn ſchlimmes Wetter im Anzuge war. Flugs ward angeſpannt, beim Scheine der Laternen noch einmal nachgeſehen, ob im Boote alles in Ordnung und vorwärts ging's mit dem wunderlichen Fuhrwerk dem Strande zu. Dort ward der Karren raſch gekippt, und, von wuchtigen Männerarmen bald geſchoben, bald gehalten, glitt das Rettungsboot ſanft auf den Boden. T

mit einem ſo winzigen Fahrzeug welch ein Wageſtück! Fünfmal hatten ſie den Kampf mit dem wüthenden Element aufgenommen; fünfmal waren ſie zurückgeſchleudert worden. Die Kraft ſchien zu verſagen.Noch einmal vorwärts, ihr Leute! rief Janſſen,jetzt werden wir Herr. Und wirklich diesmal unterlag das Element ſechszehn, zum letzten Angriff rieſig angeſtrengten Männerarmen. Der Tag graute, als die erſte ſchwere Arbeit überwunden war. Zwar noch galt's, eine gute Strecke gegen Wind und See zu rudern. Aber das ſchlimmſte Stück war doch vollbracht. Und wozu das gut war, konnte ein Auge, wie das Janſſens, nun in der Morgendämmerung deutlicher und deutlicher gewahren.Ein großes Schiff! der große Maſt über Bord, ſagte er zu ſeinem Nebenmann.Leute im Takelwerk.'s iſt höchſte Zeit. Das Schiff ſtößt. Werden vor dem Winde um's Wrack ſteuern müſſen und dann wieder in dem Wind langſam zurück.Gehen ſonſt zum erwiederte Renken.Haſt recht, Hinrich. Scheint ein Franzos zu ſein. Wart arme Jungens. Kommen ſchon hin zu Euch! Sieh Hinrich! Einer winkt noch, feſtgebunden, wie's ſcheint, in den Wanttauen. Vorwärts, Leute, vorwärts!

Und ſo ſchoß denn das Rettung bringende Boot, von kühnen Männern getrieben, von ſicherer Seemannshand geleitet, durch die hochgehende, wüthende See. Das Anlegen Janſſen und der Bugmann waren Meiſter darin gelang. Hätten die Armen, die da mühſam mit letzter krampfhafter Kraft in der Takelage ſich feſtklammerten, noch einen Ton von ſich geben können welch' ein aus tiefſter Seele dringender Jubel⸗ ruf hätte die Retter begrüßt! Aber auf dem Wrack, obwohl es noch ſieben halblebende Menſchen trug, war alles rein ausgeſtorben. Es war ein ungeheures Stück Arbeit, dieſe halberſtarrten Leute aus der Takelage, wo ſich einige feſtgebunden, die anderen wie im Todeskrampfe ſich feſtge⸗ klammert hatten, ins Boot zu bringen. Der Himmel ſelbſt unterſtützte das Werk. Die See fing an ruhiger zu gehen; die Wuth des Sturmes war gebrochen. Alle ſieben Leute kamen ſicher ins Boot, und wurden da ſo warm es gehen wollte, unter die Wämſer der Retter gebettet. Die Rückfahrt ging langſam aber glücklich von Statten. Zwölf Stunden nachdem es abgegangen war, nach zwölfſtündiger Arbeit und welcher Arbeit! langte das Boot wieder an der Inſel an.

Wir nennen die Inſel nicht, wo Janſſen Harms wohnt; wir nennen die Zeit nicht, in welcher das eben Erzählte ſich ereignet hat, nicht den Namen des Schiffes, welches damals auf dem Rothſand ſtrandete, noch die Namen und Herkunft der Geretteten. Das alles thut nichts zur Sache.

Geſchichten dieſer Art war man ſonſt nur gewohnt, aus engliſchen Küſtengegenden zu hören. Aber unſere Geſchichte iſt eine deutſche. Endlich, nachdem in England ſchon ſeit vierzig Jahren das Rettungswefen eine große Ausdehnung gewonnen hat in den Jahren von 1824 bis 1863 ſind dort durch Stationen der Royal-life-boat-Institution 13,568 Menſchenleben vom ſicheren Tode gerettet worden endlich wachen auch auf deutſchen Küſten an ſtürmiſchen Tagen und Nächten kühne Seemannsaugen über der wild⸗ wogenden See und den auf dieſer Waſſerwüſte etwa Verirrten, werden auch auf deutſchen Küſten jene kunſtreichen und werthvollen Fahrzeuge bereit ge⸗ halten, mit denen eine geübte Mannſchaft ſelbſt bei unſeren überaus gefähr⸗ lichen Strandbildungen kein Unwetter zu fürchten braucht, wenn es gilt, zu kühnem Rettungswerk hinauszueilen.

Seit dem März des Jahres 1861 bis jetzt ſind an der deutſchen Nordſee⸗ küſte zwiſchen Ems und Elbe von drei Privatvereinen zwölf Rettungsſtatio⸗ nen errichtet worden, und durch einzelne dieſer Stationen wurden in dieſer Zeit gegen 70 Menſchenleben aus jäher Todesgefahr errettet. Schmucklos und ohne ſonderliches Rühmens davon zu machen, werden dieſe Rettungsge⸗ ſchichten in dem oder jenem Blatte mitgetheilt; wir, die wir der See nahe wohnen, nehmen allenfalls Notiz davon; bis ins Inland dringen ſie kaum. Und doch ſind es meiſt Heldenthaten ſonder Gleichen, vollbracht von einfachen, ſchlichten, ſtillen Fiſchern, nicht um der Ehre und des Ruhmes, oder um des kärglichen Lohnes willen, ſondern aus Menſchenliebe nnd zur Ehre Gottes und zur Ehre des deutſchen Namens!

Der Schreiber dieſer Zeilen hat geglaubt, es ſei trotz der meiſterhaften Schilderung Werners in Nr. 18, wohl der Mühe werth, noch eine von vielen ſolchen Geſchichten, die er gehört und erlebt, dem großen Leſerkreiſe des Daheim wiederzuerzählen. Und er wagt es zu hoffen, daß der und jene aus unſerm Leſerkreiſe, wenn er daheim in ſüßer behaglicher Ruhe von den kühnen Thaten vernimmt, welche von den Mannſchaften deutſcher Rettungs⸗ ſtationen vollbracht werden, anfangen werde, ſich einigermaßen für das deutſche Rettungsweſen zu intereſſiren, daß er, wenn eine Aufforderung an das ganze Vaterland ergeht, dieſe trefflichen und ſegensreichen Inſtitute zu unterſtützen,*) an die obige einfache Erzählung denken und ſeine milde Hand zu reichlichen Spenden öffnen werde.

Denn noch iſt bei uns erſt ein kleiner Anfang mit dem Rettungsweſen gemacht. Deutſchland hat zwölf und braucht wenigſtens 50 bis 60 Statio⸗ nen. Zur Einrichtung der Stationen, die noch zu beſchaffen ſind, werden gegen 100,000 Thlr. nöthig ſein, zur jährlichen Erhaltung aber gegen 10,000 Thlr. Das iſt eine Kleinigkeit für das deutſche Volk; aber es iſt ein wenig viel für die keineswegs überall mit Glücksgütern geſegnete und auch noch zu mancher anderen, dem ganzen Vaterlande zu Gute kommenden Leiſtung ver⸗ bundene Küſtenbevölkerung.

Ueber die Geſchichte und Einrichtung der deutſchen Rettungsvereine findet vielleicht demnächſt noch ein Wort ſeine gute Statt imDaheim.

Bielefeld, herausgegeben von Dr. Ro

n Leipzig.

Verlag der Daheim-Expedition von Velhagen 2 Klaſing in Gielefeld und Berlin. Druck von Fiſcher* Wittig in Leipzig.