Jahrgang 
1865
Seite
287
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Begründer doch noch ein neues Feld dar, das zu bebauen er in ſeinen letzten Lebensjahren unternahm. Es war die troſtloſe Lage des die⸗ nenden Standes, der auf jedes Familienleben und darum auf unſere Volksbildung mehr als man gewöhnlich glaubt, einflußreichen Mägde, welche ſpäter ſelber wieder als Hausfrauen, als der Kern uuſerer Volkserziehung angeſehen werden müſſen. Ihn jammerte ihre hilf⸗ loſe und dem Laſter ſo leicht zugängliche Lage in größeren Städten. Zunächſt verſuchte er für ſie eine Mägdeherberge und Mägdebildungs⸗ ſchule in der Hauptſtadt des Landes, in Berlin, zu errichten. Die⸗ ſelbe liegt in der Schwedterſtraße, wurde durch die Munificenz Friedrich Wilhelm IV., ſowie durch Unterſtützung des Magiſtrats und einzelner Wohlthäter in 5 dafür mit 21,000 Thlrn. erkauften Häuſern gegründet. Sie hat ſeit 1854 an 3000 Mädchen, welche dienſtlos ankamen, theils beherbergt, theils zu allen häuslichen Arbeiten vorgebildet. Die Zahl der Herrſchaften, welche aus ihr Mägde be⸗ gehren, ſteht in gar keinem Verhältniß zu der Zahl der Mädchen, welche darin aufgenommen werden. Die Zahl der Betten iſt auf 95 erhöhet und mit der Anſtalt, welche den Namen Marthashof trägt, zugleich eine Kleinkinderſchule und eine dreiklaſſige Töchterſchule ver⸗ bunden. Durch dieſes Inſtitut wird einem großen Bedürfniß unſers häuslichen und ſocialen Lebens entgegengekommen und faſt begreift man nicht, wie der allgemeinen Klage über Verwahrloſung der die nenden Klaſſe dieſer Gedanke nicht ſchon längſt angeregt und ausge⸗ führt iſt. Doch es geht auch hier, wie mit dem Ei des Kolumbus, hat Jemand einmal die Bahn gebrochen, ſo glauben viele, die Sache verſtehe ſich von ſelber und haben keine Ahnung von den Schwierig⸗ keiten des erſten Anfangs. Dieſe Mägdeherbergen, als deren jüngſte die zu Derendorf bei Düſſeldorf durch Fliedner kaum vor Jahresfriſt geſtiftet iſt, dienen zugleich zum Aſyl und Elternhauſe aller daraus hervorgegangenen Mägde. Sie bleiben damit in ſteter Verbindung, haben in ihnen Freiſtunden, ſowie für ihre Anliegen daſelbſt ſtets freien Zutritt und ſie üben auf dieſe Weiſe eine heilſame ſittliche Controle über alle ihre Pfleglinge, zumal die Diakoniſſen bei den betreffenden Herrſchaften nach deren Führung ſich zu erkundigen nicht ermangeln.

Als ein beſonderes Verdienſt Fliedners auf dem Gebiete der inneren Miſſion muß ſchließlich noch erwähnt werden, daß nicht blos die erſte Anregung, ſondern auch die wirkliche Errichtung der Dia⸗ konen⸗Anſtalt zr Duisburg, deren geſegnete und umfangreiche Wirk⸗ ſamkeit hier nicht weiter geſchildert werden kann, von ihm ausgegangen iſt und er auch fpäter, als dieſes Inſtitut ſelbſtändig wurde, mit ihm in beſtändiger Verbindung blieb. Es gab kein Leiden und Gebrechen unſeres Volkes, das abſtellen und heilen zu wollen er nicht jederzeit bereit geweſen und hilfreiche Hand geboten hätte. Er war einer der helfenden Engel, welche ſtill und geräuſchlos über die Erde wandeln, aber auf jedem ihrer Tritte Thränen zu trocknen, Uebel zu heben, Schmerzen zu lindern und Wohlthaten zu ſpenden unabläſſig bemüht ſind. Selbſt arm, ſteht ihnen doch Gold und Silber zu Gebote, immerdar dienend herrſchen ſie über viele weithin. Ihr Name, einſt verkannt, glänzt ſpäter in der Geſchichte, als der großen Wohlthäter unſers Geſchlechts. Der Werth ihres Lebens läßt ſich nur darnach meſſen, was ſie für andere gethan haben. Erſt wenn ſie nicht mehr ſind, begreift die Welt, was ſie geweſen ſind.

Wir können nicht ſchließen, ohne noch der letzten Stunden Fliedners zu erwähnen. Denn gerade das Sterben lehrt uns die Größe und Trefflichkeit eines Mannes am beſten verſtehen. Noch am 12. Septbr. wohnte er dem Jahresfeſte der Diakoniſſen-Anſtalt bei, und obwohl er den Jahresbericht ſeinem Schwiegerſohne übertrug, ließ er ſich die Einführung und Einſegnung von 19 Probeſchweſtern

freude. Andern Tages leitete er ſogar noch die an das Feſt ſich ſchließende Konferenz mit den Lehrerinnen, erfriſchte und belebte die einzelnen für ihren Beruf von neuem durch ſeine treffende und kräf⸗ tige Zuſprache. Nach den Feſttagen ſuchte er in Salem, ſeinem Patmos, ſich von den gehabten Anſtrengungen zu erholen. Hier ver⸗ weilte er viel im Garten, ließ ſich von einer eben aus den Feldlaza⸗ rethen Schleswigs zurückgekehrten Schweſter ihre Erlebniſſe erzählen und gab zweien ſeiner Söhne, welche am 25. Septbr. konfirmirt werden ſollten, noch eine Religionsſtunde. Seine Beſchwerden nahmen jedoch nicht ab, ſondern ſteigerten ſich täglich, daß er ſchon in den Frühſtunden des 18. Septbr. ſich eilig nach Kaiſerswerth zurückbringen ließ. Der herbeigerufene Arzt fand ſeinen Zuſtand bedenklicher denn je und befürchtete eine Lungenlähmung.

Von jetzt ab nahm ſeine Schwäche ſichtlich zu. äglich ging er nur auf kurze Zeit aus dem Schlafzimmer in ſein anſtoßendes Arbeitszimmer, wurde immer ſtiller und zeigte ſich für jede Hilfe⸗ leiſtung außerordentlich dankbar. Am 3. Oktober mußten drei ſeiner Söhne zum Gymnaſium nach Gütersloh wieder abreiſen. Schon früh 8 Uhr erſchien er auf ſeiner Studirſtube, um von ihnen, ja von allen Abſchied zu nehmen.

Nach einem von ſeiner Gattin geſprochenenVater Unſer legte er auf das Haupt jedes einzelnen ſeinen Friedensgruß und ſank dann todesmatt in ſeinen Seſſel zurück. Die Trennung für dieſes Leben fühlte er durch und durch. Aber deßungeachtet ging er Mittags gegen 1 Uhr ſelber die Treppe hinunter, um noch einmal den ſchönen Sonnenſchein im Garten zu genießen. Hier ſprach er über die abge⸗ reiſten drei Söhne, ordnete den Lehrplan für den Unterricht der jüng⸗ ſten Kinder beim Hauslehrer und erinnerte an die nöthigen Anſtalts⸗ Arbeiten. Das war ſein letzter Aufenthalt im Freien. Die Be⸗ ängſtigungen traten ſtärker ein, nöthigten ihn, das Bett mit dem Seſſel zu vertauſchen. Abends wünſchte er die Kinder ſämmtlich zum Abend⸗ eſſen bei ſich, der Puls war ſo ſchwach geworden, daß der Arzt glaubte, er werde nicht die Nacht überleben. Dennoch genoß er einen Teller Suppe, von der ihm gereichten Kartoffel jedoch nur die Hälfte und legte die andere Hälfte mit den Worten auf den Tiſch:Ich werde nichts mehr eſſen. Es war auch ſeine letzte irdiſche Speiſe. Gegen 7 Uhr Morgens ſprang er aus dem Bette mit den Worten:Es iſt Zeit, ich will fort! ſank aber ſofort wieder zurück, gewann ſein volles Bewußt⸗ ſein, daß er ſich ſogar ſelber ankleiden half und auf ſeinen Seſſel ſetzte. Hier ſeufzte er:O ich bin ſo müde! und ſchlummerte gegen 9 Uhr lächelnden Antlitzes ein; ſein Schlummer ward immer todtenähnlicher und ſo entſchlief er unter den Gebeten der Seinigen gegen 2 Uhr Nachmittags. Die Bitterkeit des Todes hat er nicht gekoſtet. Sein Sterbezimmer dünkte ein Vorhof des Himmels zu ſein.

Am Nachmittage des 7. Oktbr. wurde ſeine ſterbliche Hülle, ein Samenkorn der Ewigkeit, feierlich zur Erde beſtattet. Die Spitzen der geiſtlichen und bürgerlichen Behörden der Provinz, viele Geiſtliche, Freunde und Verehrer des Entſchlafenen von nahe und ferne wohnten dieſer Feier bei.

Das war die Leichenfeier des Mannes, welcher vor 42 Jahren in Kaiſerswerth unbekannt und ſchüchtern einzog, um die kleine hirten⸗ loſe Gemeinde daſelbſt zu ſammeln, jetzt aber nicht nur dieſe für alle Zukunft befeſtigt, ſondern noch eine zweite zahlreichere Anſtaltsgemeinde, welche aus verſchiedenen Ländern geſammelt, in verſchiedenen Erd⸗ theilen wieder miſſionirend wirkt, gegründet hat. Sein Tod wird weit hinaus als ein Verluſt ſchmerzlich empfunden. Zahlreiche Schreiben aus Königspaläſten und Fürſtenhäuſern, von bürgerlichen und kirchlichen Behörden, von Anſtalts⸗Vorſtänden, Freunden und

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Mitearbeitern, in deutſcher, franzöſiſcher und engliſcher Sprache zeigen

den Hinterbliebenen, wie viele Herzen in der Heimat und in fernen Landen mit ihnen trauern und klagen. Möge es der trauernden Wittwe, deren mütterlichen Händen ſchon in der letzten Zeit alle An ſtaltsarbeit oblag, verſtattet ſein, in Gemeinſchaft mit ihren Kindern das große Werk, das Vermächtniß ihres geliebten Mannes, in ſeinem Sinne fortzuführen und zu erhalten. W.

in ihr Amt nicht nehmen. Aber ſeine Worte waren ſchon wie die

eines, welcher zum letzten Male redet. Es war die letzte Einſegnung ſeiner geiſtlichen Töchter, erſchöpft wankte er aus ſeiner lieben Anſtalts⸗ irche, um ſie nie wieder zu betreten. Doch bald zeigte er ſich wieder den Feiernden in der Feſthalle, begrüßte einzelne Gäſte und erhöhte durch ſeine Geſpräche und die ihm eigenthümliche Heiterkeit aller Feſt⸗

Am FJamilientiſche.

Oeljacke und rieſigen Seeſtiefeln, langſam die Thür öffnend, mit ſchwerem Nun, hat der Strand endlich mal Segen gebracht, Janſſen? frug

41 i Wheen Schritt in die niedrige, cajütenartige Wohnſtube ſeiner Fiſcherhütte eintrat. ein bejahrtes, aber kräftiges und gerade aufgerichtetes Weib von unver⸗Wo iſt Geſine, Mutter? Wo iſt Luth Konrad? frug Janſſen Harms da⸗ ceennbar frieſiſchem Habitus, einen blonden hochaufgeſchoſſenen, jungen

Noch einmal das Rettungsboot.

gegen, auf die Frage der Mutter nicht achtend.Es gibt eine Seüruſ . n.,.. 7 Se 9 rae en! eiten Mann, der, den Südweſter auf dem Kopf, angethan mit der ungefügen wie Du und ich ſie noch nicht erlebt haben.Sei ohne Sorgen, Janſſen