Zugleich enthält es ein Waiſenſtift für deutſche Waiſenmädchen. Das war das erſte Reis, welches die Kaiſerswerther Taube, das Soymbol der Anſtalten, übers Meer führte und in einem anderen Erdtheile einpflanzte. Auffallenderweiſe haben ſich daſelbſt bis jetzt noch keine Amerikanerinnen, ſondern nur deutſche Jungfrauen dem Diakoniſſendienſte mit aller Aufopferung gewidmet. Von hier zurück⸗ gekehrt, zog es ihn nach dem heiligen Lande, wo durch Stiftung des evangeliſchen Bisthums die evangeliſche Kirche ihren Fuß mitten in die heilige Stadt geſetzt hatte. Hierhin brachte er im Jahre 1851 die erſten Diakoniſſen, welche auf dem Berge Zion, gegenwärtig 6 an der Zahl, in einem Hospitale, womit eine Erziehungsanſtalt verbunden i*ſt, Chriſten jedes Bekenntniſſes im Orient, Juden und Mohamedaner verpflegt und ebenſo 48 Mädchen, unter welchen ebenfalls ſich Jü⸗ dinnen und Mohamedanerinnen befinden und ſchon 1860 mußte ein Anbau für 13,000 Thlr. beſchafft werden. Die Thätigkeit der Dia⸗ coniſſen auf dieſem Vorpoſten der evangeliſchen Kirche gilt mit Recht als eine für den Orient miſſionirende, zwar weniger durch Worte, aals vielmehr durch ihr ſtilles, geräuſchloſes Handeln und Wandeln. Die Gründung dieſer hoffnungsreichen Station zu Jeruſalem hat Fliedner in ſeiner Reiſebeſchreibung dahin ausführlich veröffentlicht.
Nach ſeiner Rückkehr ging er endlich an die Ausführung eines ſcchon längſt gehegten Planes, nämlich die Ausbildung der Diakoniſſen auf die Pflege von Gemüthskranken und Geiſtesgeſtörten auszudehnen. Abber wovor konnte Fliedner zagen, deſſen Muth mitten unter allen Ventgegenſtehenden Hinderniſſen eher zu erſtarken, als zu ermatten pflegte? Ein großartiges Gebäude mit 40 Zimmern, ausgeſtattet mmiit allem, was zur Pflege, Unterhaltung, Beſchäftigung und Heilung ſoolcher Unglücklichen dient, erhob ſich ſchnell und Fliedners Name zog aauch in kurzer Friſt mehrere dieſer Kranken nach Kaiſerswerth. Es war das Ganze ein gewagtes Unternehmen, indem es zweifelhaft war, wie weit die weiblichen Kräfte zur Pflege dieſer Kranken reichen und
dann, ob bei den vielfach entſtehenden Privat⸗Irren⸗Heilanſtalten
Fliedner mit denſelben in Konkurrenz werde treten können. Doch
der Verſuch gelang über Erwarten, trotzdem die Anſtalt anfangs
zwiſchen den verſchiedenen Syſtemen des Heilverfahrens ſchwankte.
Gegenwärtig finden in dieſer Anſtalt 30 gemüthskranke Frauen,
meiſt den höhern Ständen angehörig, aus verſchiedenen Ländern
Europas Pflege und Wartung, auch Heilung und Beſſerung unter
der aufopferndſten Arbeit von 18 Schweſtern, welche Fliedners
Schwiegerſohn, der Paſtor Diſſelhoff, mit ſeiner Gattin und ein hierfür
eigens angeſtellter Arzt leitet. Hiermit ſchien das Gebiet der Dia⸗
koniſſen⸗Arbeit, die ſich nun über Gefallene und Verirrte des weib⸗ lichen Geſchlechts erſtreckt, die Erziehung und den Unterricht von
Kindern und Waiſen, wie die höhere weibliche Bildung umfaßt, und Kranke jeder Form, von der einer zärtlich mütterlichen Pflege bedürf⸗ tigen Schwächlichkeit der Kinder bis zum gefährlichen Lazarethfieber, ja bis zur erſchreckenden Tobſucht in hingebendſter Weiſe wartet, voll⸗ kommen abgeſchloſſen zu ſein. Denn nun ging Fliedners Sorge doahin, den Schweſtern, welche in dieſer aufreibenden Arbeit matt oder invalide zu werden anfingen, eine Erholungsſtätte zu gründen und ihnen einen ruhigen Aufenthalt für ihren Feierabend zu bereiten. V Jene, die Erholungsſtätte, gründete er in der Nähe der Stadt Ra⸗ V tingen im Bergiſchen, ganz nahe an Kaiſerswerth, wo er ein größeres
Grundſtück erwarb und ein Haus mit Oekonomie errichtete, das mit ſeinem an ſchönem Abhang gelegenen Garten und Wäldchen den müden Arbeiterinnen, entfernt von jeder Unruhe des Tages, beſonders in der Sommerzeit Erholung und Stärkung gewährt. Es führt den Namen Salem und herbergt in ſeinen friedlichen Mauern ſtets eine Zahl erholungsbedürftiger Schweſtern, auch dient es ſeit 1859 dazu, eeiine Anzahl der Waiſenmädchen einen ordentlichen ökonomiſchen Lehr⸗ kurſus jeden Sommer durchmachen zu laſſen.
Obwohl ſeine eigene Geſundheit ſehr gelitten und ſein ſchwacher Körper durch mancherlei Krankheiten, beſonders durch die Blattern und durch eine öfter wiederkehrende Lungenentzündung äußerſt er⸗ mattet war, dennoch gönnte ſich Fliedner keine Ruhe. Er fühlte, daß ſeine Zeit kurz ſei und er darum wirken müſſe, weil es Tag ſei, daher kannte er keine Schonung. Verſchiedene Reiſen mußten wieder an⸗ ggetreten werden, z. B. nach Paris und England, zuletzt ſogar nach GEgypten und dem Orient. In dieſe Zeit fällt auch die Gründung eines Diakoniſſen⸗Lehrhauſes in Smyrna, wo in einem für 22,000 Thlr. gekauften Hauſe die Töchter der dort lebenden Europäer und vieler Grriechen, gegenwärtig etwa 200, Unterricht genießen. Dieſe Anſtalt
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verſpricht der Anfang einer deutſch⸗evangeliſchen Gemeinde zu werden und iſt ein wichtiger Vorpoſten des Evangeliums fürs Morgenland. Außer dem Unterrichte üben die daſelbſt ſtationirten Schweſtern auch eine heilſame Thätigkeit unter den Kranken und Armen der ganzen Einwohnerſchaft, zumal die Apothekerin unter ihnen die betreffenden Arzneien beſchafft und dispenſirt. Denn für ſolche Stationen, wie die im Orient, ſorgte Fliedner ſtets, daß den Pflegeſchweſtern auch eine, welche der Apothekerkunſt kundig und durch förmliches Examen dafür befähigt erklärt iſt, mitgegeben würde.
Hier müſſen wir auch das Diakoniſſen⸗Hospital zu Alexandrien erwähnen, das im Jahre 1857 von vier Diakoniſſen zunächſt auf Wunſch der Regierungen Preußens und Englands zur Pflege prote⸗ ſtantiſcher Kranker übernommen ward. Doch hat die ſtille Wirkſam⸗ keit der Schweſtern ſich das Vertrauen der Einwohner in dem Grade erworben, daß in den hierfür feſtgeſetzten 4 Tagen der Woche zahl⸗ reiche Araber ſich Rath und Hilfe erbitten und der Vicekönig in richtiger Schätzung dieſer ſeinen Unterthanen hierdurch gewährten Wohlthat jährlich 1500 Fr. zur Unterhaltung dieſer Anſtalt beiträgt. Das evangeliſche Hospital in Konſtantinopel, einſt durch den Krim⸗ krieg ins Leben gerufen, bietet gegenwärtig den hier zahlreich ankom⸗ menden Seefahrern aus allen Ländern Europas einen Friedensort. und eine reich geſegnete Zufluchtsſtätte. Dagegen hat die in Bu⸗ kareſt gegründete Anſtalt wegen Mangel an paſſenden Gebäulichkei⸗ ten wieder aufgegeben werden müſſen und wirken daſelbſt nur noch 4 Schweſtern an 2 Elementarſchulen der evangeliſchen Gemeinde.
Wie Fliedner bei jenem gräßlichen Gemetzel der Druſen in Syrien den bedrängten und entronnenen Chriſten Hilfe und Rettung zu bringen eilte und nicht blos die augenblickliche Noth abzuſtellen, ſondern eine bleibende Wohlthat der dortigen Bevölkerung zu ge⸗ währen, iſt, da ſeine Bemühungen damals in den Tageblättern all⸗ gemein anerkannt und gerühmt wurden, in noch zu friſchem Andenken, als daß es hier einer ausführlichen Darſtellung bedürfte. Es ſei nur erwähnt, wie ſein damals erlaſſener Aufruf innerhalb Jahresfriſt, außer zahlreichen Naturalgaben eine Summe von 104,037 Thlr. zu ſeiner Verfügung einbrachte. Dadurch ward es ihm möglich, der augenblicklichen Noth der Waiſen, Wittwen, Arbeitsloſen und Kranken kräftig entgegen zu wirken und in Beirut, ſowie in Sidon feſte Stationen zu gründen, die unter den heftigſten Anfeindungen V ihre reichgeſegnete Wirkſamkeit nach allen Seiten hin entfalten. Gegen⸗ wärtig wird in Beirut ein Waiſenhaus von 130 Kindern beſetzt, unter denen ſich ſogar 4 Druſenkinder und 1 Beduinenmädchen be⸗ V
finden, und ein Penſionat, von Griechen⸗, Juden⸗ und Araberkindern beſucht, unter großen Schwierigkeiten erhalten. Ebenſo ſeine Be⸗ mühungen für die Typhuswaiſen in Schleſien, als deren Frucht noch jetzt das jährlich etwa 70 arme Mädchen verpflegende Waiſenhaus zu Altdorf in Segen beſteht. Zu den neueſten auswärtigen Stif⸗ tungen gehört das 1860 zu Florenz gegründete Diakoniſſen⸗Lehrhaus, wo 3 Lehr⸗ und 1 Pflegeſchweſter wirken und das Vertrauen der Bevölkerung in erfreulichſter Weiſe genießen.
Endlich muß noch die letzte Schöpfung Fliedners, das Diako⸗ niſſenhaus zu Hilden, wenig Stunden von Kaiſerswerth entfernt, genannt werden. Daſſelbe umfaßt ein Penſionat für Töchter aus gebildeten Ständen und eine höhere Töchterſchule, und kann wegen ſeiner Lage aufs ſorgfältigſte von Kaiſerswerth aus geleitet werden. Penſionärinnen fanden ſich bald, ſo daß die vorhandenen Lokale ſich un⸗ zureichend erwieſen und gegenwärtig ein Areal von 17 Morgen ge⸗ kauft iſt, auf welchem ein ſtattliches Gebäude aufgeführt wird, welches Raum bietet, daß die Penſionärinnen nicht kaſernirt wohnen, ſondern in einzelne Familien gruppirt, unter ſpeciellſter Aufſicht beſtändig leben. Nach ſeinen Dimenſionen, 69 F. Breite und 88 F. Länge, wird es 70 Penſionärinnen bequem herbergen. Leider wurde ſein Gründer mitten im Bau abgerufen. Doch ſollte er noch die Freude haben, die dankbare Anerkennung der Dienſte, welche ſeine Diakoniſſen auf dem Kriegsſchauplatze in 12 Lazarethen an den tapfern verwun⸗ deten Kriegern übten, von Aerzten und Soldaten, von Freund und Feind, von Dänen, Preußen und Oeſterreichern, deren ritterlicher Kaiſer durch ſeinen Generaladjutanten ihm ſeinen wärmſten Dauk ausdrücken ließ, zu vernehmen und ſich ſo von neuem von der Wich⸗ tigkeit und Bedeutſamkeit des Diakoniſſen⸗Inſtituts auch in Kriegs⸗ zeiten zu überzeugen.
Obwohl nun die Thätigkeit der Diakoniſſen nach allen Seiten hin ihre Grenzen erreicht zu haben ſchien, bot ſich ihrem unermüdlichen
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