Jahrgang 
1865
Seite
284
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waren die Anfänge des gegenwärtig ausgedehnten, mit hinreichenden Gebäuden für Wohnung, getrennten Schlafſtellen, Arbeits⸗ und Oekonomie⸗Räumen verſehenen Kaiſerswerther Aſyls und Magda⸗ lenenſtifts, in welchem ſchon an über 440 entlaſſenen oder gefallenen und verirrten weiblichen Pfleglingen unter großer Geduld und Auf⸗ opferung die Beſſerung zum großen Theil mit ſchönen Erfolgen ver⸗ ſucht worden iſt.

Doch das kleine Gartenhaus der Kaiſerswerther Pfarre, in welchem das Aſyl und Magdalenenſtift geboren worden, ſollte bald wieder die Wiege eines neuen und allgemein beifällig aufgenommenen Inſtituts werden. Im Herbſt 1835 wurde darin eine Strickſchule für arme Kinder errichtet, welche ſich ſchon 1836 zu einer Kleinkinder⸗ ſchule für alle Confeſſionen ausdehnte. Sie iſt unter allen von Fliedner ins Leben gerufenen Anſtalten in kürzeſter Zeit die Mutter zahlreicher Töchter in allen Gegenden der Chriſtenheit geworden. Von verſchiedenen Seiten kamen Geſuche um Kleinkinderlehrerinnen, mel⸗ deten ſich Jungfrauen und Wittwen zur Ausbildung für dieſes Amt. Ohne es beabſichtigt zu haben, wurde Fliedner gedrängt, ſeine Klein⸗ kinderſchule zu einer Bildungsſchule für derartige Lehrerinnen zu er⸗ weitern. Ein beſonderer Segen ruhte auf dieſem Unternehmen und räumte die Schwierigkeiten, welche ſich dem Erwerb der hierfür erfor⸗ derlichen Gebäulichkeiten entgegenſtellten, glücklich aus dem Wege. Dieſem anfangs ſo ſchwachen Unternehmen wurden jedoch auch dieſe Räume bald wieder zu enge, es wuchs und dehnte ſich aus zu einem Seminar für Lehrerinnen an Kleinkinderſchulen und für Bonnen. Aber auch dieſe Grenze überſchritt es wieder in kurzer Friſt und ge⸗ ſtaltete ſich zu einer Pflanzſtätte für den ganzen weiblichen Unterricht. Denn aus ihm erwuchs nun noch ein Seminar für Elementar- und Induſtrielehrerinnen, ſowie eine Bildungsanſtalt für Lehrerinnen an höheren Töchterſchulen und für Gouvernanten. Ueber tauſend Lehrerinnen ſind aus dieſem Inſtitute bis jetzt hervorgegangen, welche in den verſchiedenſten Weltgegenden mit großem Erfolg arbeiten. Ein⸗ zelne wirken als ſolche oder als Miſſionar⸗Frauen ſogar in ferner Heidenwelt. Im letzten Jahre wurden nicht weniger als 60 Ele⸗ mentar⸗ und höhere Töchterſchullehrerinnen und 25 für Kleinkinder⸗ ſchulen ausgebildet. Mit der Einrichtung der Kaiſerswerther Klein⸗ kinderſchule hat Fliedner nicht nur ein neues und durchaus geeignetes Arbeitsfeld dem weiblichen Geſchlecht erobert, ſondern ſich auch um die häusliche Erziehung und Bildung der Kinder ein unſchätzbares Verdienſt beſonders in Fabrikgegenden erworben. Hierher gehört auch ein anderes Inſtitut, das zwar ſpäter und mehr im Anſchluß an das Diakoniſſen⸗Inſtitut entſtanden iſt, aber doch zu den Er⸗ ziehungs-Anſtalten gerechnet werden muß, das Waiſenhaus, in welchem verwaiſte Mädchen aus dem gebildeten Mittelſtande, beſon⸗ ders Töchter verſtorbener Pfarrer und Lehrer, erzogen und für weib⸗ liche Berufsthätigkeit, hauptſächlich für den Diakoniſſen⸗Beruf, aus⸗ gebildet werden. Dieſes Waiſenhaus iſt eigentlich eine Pflanzſtätte für die verſchiedenen Zweige der Kaiſerswerther Auſtalten und werden die Mädchen, je nachdem ſie ſich eignen, fürs Erziehungs⸗ oder Unter⸗ richtsfach, oder für Armen⸗ und Krankenpflege, oder für die Haus⸗ haltung angeleitet und erzogen. Es zählt gegenwärtig 42 Kinder in drei Familien vertheilt, welche theils unentgeltlich oder für einen geringen Pflegeſatz erzogen und ausgebildet werden.

Nachdem Fliedner aus dieſen Verſuchen hinlänglich erkannt hatte, welche Kräfte im weiblichen Geſchlecht verborgen liegen und welcher Hingabe daſſelbe, ſobald dieſe Kräfte geweckt würden, fähig ſei, beſchäftigte ihn das traurige Loos der Kranken aufs lebhafteſte. Er hatte ſowohl auf Reiſen, als auch in ſeinem Amte ſich vielfach überzeugt, wie es ſelbſt in den prachtvollſten Hoſpitälern um die leib⸗ liche Pflege der Kranken gar übel beſtellt ſei, wie faſt durchgehends ein fühlbarer Mangel an öffentlichen Krankenhäuſern ſchmerzlich ver⸗ ſpürt werde und wie verlaſſen die Armen auf ihrem Lager im eigenen Hauſe wären. Täglich tönte das Wort des Erlöſers:Ich bin krank geweſen und Ihr habt mich nicht beſucht! wie ein ſchneidender Vor⸗ wurf in ſein Ohr. Gedachte er dabei an die hochherzige Aufopferung einzelner Frauen in den Lazarethen während der Freiheitskriege und wie die apoſtoliſche Kirche ſchon Frauen zur Pflege ihrer leidenden Glieder unter dem Namen Diakoniſſen angeſtellt habe, ſo geſtaltete ſich bei ihm der Gedanke, daß die Pflege der Kranken in weibliche Hände wieder zurückgegeben werden und durch ſie eine Neugeburt aller Krankenpflege erzielt werden müſſe, immer mehr zu einer von Gott gebotenen Aufgabe. Vergeblich ſuchte er hier und dort Freunde für

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den Plan, das früher kirchliche Diakoniſſenamt wieder herzuſtellen. Jeder billigte zwar denſelben, aber keiner wollte an die Ausführung Hand legen. Doch der einmal entzündete Gedanke ließ ihm keine Ruhe, und Freunde, mit welchen er darüber ſprach, drangen in ihn, dies große Werk allein in die Hand zu nehmen, denn er hätte darin die meiſte Erfahrung und ſein Organiſationstalent könne dabei gar nicht entbehrt werden.

Zwar war das richtig geſprochen, aber nicht Fliedners Sorge damit erleichtert. Nach langem Bedenken entſchloß er ſich mit ſeiner ihm gleichgeſinnten Gattin, auch dieſe Bürde auf ſich zu nehmen. Vergeblich ſpähten beide nach Erwerb eines für dieſes Unternehmen paſſenden Hauſes. Plötzlich wird das ſchönſte und größte Haus mitten in der Stadt, das Stammhaus eines der Begründer der evan⸗ geliſchen Gemeinde zu Kaiſerswerth, käuflich. Die für den Plan ihres Mannes begeiſterte Pfarrfrau, damals gerade eine erſt drei⸗ tägige Wöchnerin, treibt zu Kauf deſſelben um jeden Preis. Es koſtete 2300 Thlr., eine ſcheinbar geringe, aber für Fliedner, der nichts hatte, unerſchwingliche Summe. Das geſchah am 20. April 1836. Um die im Herbſt fällige Kaufſumme aufzutreiben, mußten viele vergebliche Gänge und Verſuche gemacht werden. Endlich leiht ihm eine Freundin 1800 Thlr., während die noch fehlenden 500 Thlr. auf zweite Hypothek lange auf ſich warten ließen. Sofort wurden nun die Statuten zu dem zu errichtenden Rheiniſch⸗weſtfäliſchen Diakoniſſen⸗Verein entworfen, deſſen Präſident der Graf Stolberg wurde und zu deſſen Vorſtande, um den Verein im innigſten Anſchluß an die Kirche zu erhalten, ſtets die Präſides der beiden Provinzial⸗ Synoden von Rheinland und Weſtfalen gehören ſollten.

Kaum gelangt die Kunde von dieſem Unternehmen in die Oeffent⸗ lichkeit, da erhebt ſich auch ein allgemeines Geſchrei dagegen. Be ſonders in Kaiſerswerth überbietet ſich Unverſtand und Fanatismus, Fliedners Abſichten zu vereiteln. Durch die Anlage eines Kranken⸗ hauſes mitten in der Stadt ſchien die Wohlfahrt derſelben gefährdet, der Magiſtrat wird gedrängt, zu wachen, daß für die Bürgerſchaft keine Gefahr erwachſe und das öffentliche Wohl nicht leide. Der für das Haus engagirte katholiſche Arzt wird eingeſchüchtert, die bisherigen Einwohner des gekauften Hauſes fordern für Räumung deſſelben enorme Entſchädigung, andere verdächtigen das ganze Unternehmen als eine liſtig verſteckte Proſelytenmacherei, während wieder andere ihren Spott damit trieben und dem Ganzen einen baldigen Untergang ſchadenfroh prophezeihten. Es ging durch böſe und gute Gerüchte. Obwohl auf Widerſpruch gefaßt, hatte Fliedner keinen derartigen Sturm erwartet. Dabei noch die quälende Sorge, woher Geld nehmen, die erforderlichen Einrichtungskoſten zu beſtreiten? Was nützte das Haus, wo kein Bett, kein Stuhl, kein Tiſch, keine Vorräthe an Nahrung, Kleidung und Leinwand zu finden waren? Doch bald ſollten ſich auch in dieſem Düſter tröſtliche Lichtblicke zeigen, welche ſeine und ſeiner Gattin bekümmerte Seele erheiterten und als dämmerndes Morgenroth auf das Ende dieſes nächtlichen Dunkels hoffen ließen. Wider Vermuthen erhält er bei einem Miſſionsfeſt zu Gladbach das erſte Scherflein frommer Liebe in die Hand gedrückt. Es waren 30 Thaler. Auch meldet ſich eine Jungfrau, welche in der Kranken⸗ pflege wohlerfahren war, zur Aufnahme als Diakoniſſin, werden die erſten Stoffe zur inneren Einrichtung von außen zugeſchickt. Aufge⸗ muntert durch ſolche Proben gibt ſich Fliedner wieder ans Collektiren und zwar im Wupperthale. Obwohl es auch hier nicht ohne bittere Vorwürfe, ob er ſich nicht ſchäme, auch in unſerer evangeliſchen Kirche Nonnenklöſter zu errichten, abging, hielt er doch eine für die vor⸗ läufige Einrichtung ergiebige Ernte und wurde in ſeinem Kleinmuthe oft beſchämt. In wahrhaft dürftiger Weiſe geſchah die erſte Ein⸗ richtung, es war, als ſollte der Anfang des Diakoniſſen⸗Inſtituts recht in ärmlicher Geſtalt erſcheinen. Die Hausgeräthe, alte, ver⸗ brauchte und wurmſtichige Möbel, meiſt geſchenkt, verriethen wenig von dem, was aus dieſen ſchwachen Anfängen bald hervorgehen werde. Am 13. Oktober 1836 wurde das Diakoniſſen⸗Krankenhaus zu Kai⸗ ſerswerth ohne eine Diakoniſſin(die angemeldete Pflegerin konnte erſt ſpäter erſcheinen), ohne einen Kranken zu haben, eröffnet. Aber ſchon am 16. deſſelben Monats bittet eine arme, merkwürdiger Weiſe dazu katholiſche Magd aus der Stadt, als erſte Krauke um Aufnahme. Eine ſchöne Vorbedeutung, wie dieſe ſonſt kirchliche Anſtalt doch wieder über den Confeſſionen ſtehen werde.

Dieſe erſte Kranke gab die Veranlaſſung, daß die durch ihren Eintritt in das Haus bisher ſo widerſpenſtigen Einwohner erſchreckt,