Jahrgang 
1865
Seite
283
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band und feſſelte die eigne freie Liebe in trefflichſter Harmonie an⸗ einander. Wen nicht eine höhere Liebe in ſeinen Diakoniſſen⸗Ver⸗ ein führte, der konnte ſich dort nie wohl fühlen. Wer aber ein Tröpf⸗ lein ſolcher Liebe in ſich trug, der fand in dieſem Vereine eine neue Heimat und in dieſem Wirken ſeine von Gott ihm geſtellte Lebens aufgabe, ſein Element, in welchem alle Kräfte ſich harmoniſch entfalte⸗ ten. Solchen Seelen erſchien Fliedner, wie ein Vater, ihre Anliegen und Bedürfniſſe anzuhören, und darauf einzugehen konnte er nicht müde werden. Doch er ſelber ſuchte nie einen Ruhm in dem, was er gethan, kein Menſch, welcher ihn gekannt, wird ſich erinnern, daß er jemals nur irgendwie damit hätte imponiren wollen, ſondern er hielt ſich bis zum letzten Augenblick nur für das unzureichende Werk⸗ zeug einer höhern Macht. In den Fußtapfen Deſſen zu wandeln, welcher einſt in Sanftmuth und Demuth, in Reinheit und Liebe unter großer Geduld Segen ſpendend auf Erden wandelte, das war ſein Sehnen, ſein unabläſſiges Ringen. Darin verharrte er, und daran änderte er nichts, auch als Kaiſerswerth um ſeinetwegen einem Wallfahrtsort glich, wohin ſowohl die Allerhöchſten Herrſchaften, wie Gelehrte und Touriſten aus allen Weltgegenden im Sommer ſcharenweis ſtrömten. Und darin, ſagen wir nach ſeinem Heim⸗ gange, iſt ſeine eigentliche Größe zu ſuchen.

Verweilen wir bei dieſem thatkräftigen Leben, wie es nun ab geſchloſſen vor uns liegt, noch einen Augenblick und achten auf ſeinen Entwicklungsgang, wie er ſich von den erſten Anfängen entfaltet hat. Zwar müſſen wir von einer Biographie abſehen und ſolche einer mehr kundigen Feder überlaſſen, doch hoffen wir, daß nachſtehende Skizze auch in ihrer gedrängten Kürze das Bild des Entſchlafnen einiger⸗ maßen wiedergeben und den Leſer Fliedners welthiſtoriſche Bedeu⸗ tung ahnen laſſen wird.

Georg Heinrich Theodor Fliedner war geboren zu Epſtein im Herzogthum Naſſau, den 21. Januar 1800, wo ſein Vater, Chriſtoph Jakob Ludwig Fliedner, Prediger war. Die Mutter, auch eine Pfarrerstochter aus dem Elſaß, hieß Caroline Heinold. Er ſtammte alſo väterlicher- und mütterlicherſeits aus dem geiſtlichen Stande, welcher, wie kaum ein andrer Stand, der Welt Männer ge⸗ geben hat, die in den verſchiedenartigſten Stellungen ſich ausge zeichnet haben. Außer unſerm Theodor erblühten im Epſteiner Pfarrhauſe noch andere elf Kinder. Ihrem Unterrichte widmete der Vater gewiſſenhaft ſeine Freiſtunden. Doch ſollten die Kinder ſich dieſer Wohlthat nicht lange erfreuen. Denn ſchon im Jahre 1813 ward der Vater ein Opfer ſeines Berufes, indem er am Kranken⸗ bette von der damals graſſirenden Kriegsſeuche ergriffen aus dem Leben abgerufen ward. Verwandte und Freunde nahmen ſich der verwaiſeten Kinder hilfreich an, vertheilten ſie unter ſich und ſorgten für ihre Fortbildung. So wurde es dem jungen Fliedner möglich gemacht, das Gymnaſium zu Idſtein bis zum Jahr 1817 zu be ſuchen und ſich dann auf den Univerſitäten Gießen und Göttingen fünf Semeſter hindurch dem Studium der Theologie zu widmen. Das ſechste Semeſter abſolvirte er auf dem Prediger⸗Seminar ſeines Vaterlandes zu Herborn und machte daſelbſt auch ſein theologiſches Examen. Wir werden nicht irren, wenn wir in dieſem Lebensgange, auf welchem Fliedner die liebreiche Hand göttlicher Providenz ſo ſicht⸗ bar erfuhr, ſich durch manche Bedrängniſſe hindurcharbeiten und zu vielfachen Entſagungen verſtehen mußte, ſchon eine Vorſtufe zu ſeinem ſpätern Wirken und glaubensſtarken Ausharren erkennen.

Obwohl er nicht daran dachte, ſein Vaterland zu verlaſſen und ein Amt in einer anderen Landeskirche zu übernehmen, fügte es ſich jedoch, daß der kaum zwanzigjährige Jüngling eine ihm in Köln am Rhein angetragene Hauslehrerſtelle in einem großen Kaufhauſe nicht abzulehnen wagte. Er zieht dorthin mit dem feſten Entſchluſſe, ſich nicht in die Reihe der Rheiniſchen Candidaten aufnehmen zu laſſen. Und doch ſollte er am Rhein wider Erwarten und Wollen eine neue Heimat und die Stätte zur Löſung der Aufgabe, für welche er be⸗ rufen war, finden. Kaum ein Jahr ſpäter ſah er ſich in mildeſter Form und freundlichſter Weiſe von einem Mitgliede des Kölner Confiſto⸗ riums für den Eintritt in die preußiſche Landeskirche gewonnen. Und ſchon am 27. Januar 1822 wurde er in die zu Kaiſerswerth erledigte Pfarrſtelle eingeführt.

Die evangeliſche Gemeinde zu Kaiſerswerth zählte kaum 200 Seelen und war erſt ſeit 1778 in Folge der Ueberſiedelung einer großen Sammetfabrik, welcher mehrere Arbeiterfamilien aus dem vor⸗ herrſchend evangeliſchen Crefeld gefolgt waren, gegründet. Der

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nachher unerwartete Untergang dieſer Fabrik drohte die kaum geſam⸗ melte kleine Gemeinde wieder zu zerſtreuen, denn es ſchien unmöglich, daß die wenigen und noch dazu brotlos gewordenen Familien ihren Kirchen⸗ und Schulverband hätten aufrecht erhalten und die Aus⸗ gaben dafür aufbringen können. Aber gerade dieſe Gemeindenoth weckte des jungen Pfarrers ganze Thatkraft. Anfangs ſuchte er durch freiwilliges Collektiren in größeren Nachbargemeinden das De⸗ ficit ſeiner Kirchkaſſe zu decken. Da ihm ſolches gelang, wurde er kühner und ging darauf aus, für ſeine Gemeinde einen Fond zu ſammeln, deſſen Zinſen zur Beſtreitung ihrer Kirchen⸗, Schul⸗ und Armenbedürfniſſe hinreichten. Getroſten Muthes begab er ſich zu dieſem Zwecke auf eine größere Collektenreiſe nach Holland und Eng⸗ land. Ueber alles Hoffen fand er für ſeine Bitte offene Herzen und Hände. Doch nicht das Geld allein, welches er reichlich bekommen, war die ſchöne Frucht dieſer Reiſe, welche er ſelber ausführlich be ſchrieben hat, ſondern zum erſten Male trat ihm bei näherer Kenntniß⸗ nahme der trefflichen Wohlthätigkeitsanſtalten, an welchen jene Länder in jeder Beziehung ſo reich ſind, die Macht des chriſtlichen Glaubens recht lebendig vor die Seele. Einen unauslöſchlichen Eindruck brachte er von der großen Wirkſamkeit der britiſchen und ausländiſchen Bibelge⸗

ſellſchaft, ſowie von der dortigen Gefängnißgeſellſchaft, in die Heimat

zurück. Die collektirten Gelder reichten nicht blos hin, die Kaiſerswer⸗ ther Gemeinde ſowohl durch Kapitalien, als auch durch Grundbeſitz hin⸗ reichend zu fundiren und ſo ihr Beſtehen für die Zukunft zu ſichern, ſondern gewährten noch einigen Ueberſchuß. Aber weniger das noch übrige Geld, als vielmehr der Gedanke, daß hier in Deutſchland ſo wenig für Verwahrloſte und Gefangene geſchehe, während in Eng⸗ land ſogar Frauen in ſolchem Liebesdienſt uns weit übertreffen, ließ ihm keine Ruhe. Das traurige Loos der Gefangenen drängte ihn, zumal ſeine kleine Gemeinde ihm manche Freiſtunde gewährte, für ſie etwas zu thun. Nach wiederholten Anträgen wurde ihm im Herbſt 1825 verſtattet, alle vierzehn Tage im Arreſthauſe zu Düſſeldorf einen Sonntag-Nachmittagsgottesdienſt zu halten. Das war der erſte Schritt zu ſeinen ſpäter ſo verſchiedene Zweige der innern Miſſion umfaſſenden Unternehmungen. Und merkwürdig, gerade der katholiſche Oberprokurator mußte den evangeliſchen Pfarrer darin am meiſten unterſtützen, wie derſelbe auch bereitwilligſt ſeine Hand zur Gründung einer Bibelgeſellſchaft bot. Denn durch den nun eingerichteten evangeliſchen Gottesdienſt im Arreſthauſe fand derſelbe eine Veranlaſſung, den katholiſchen Gefangenen eine gleiche Wohlthat zuzuführen. Nach vielen vergeblichen Verſuchen, das Licht chriſtlicher Liebe durch eine Gefängniß⸗Geſellſchaft in die damals noch ſehr ver⸗ nachläſſigten Gefängniſſe einzuführen, zu welchem Zweck Fliedner ſämmtliche größere Gefängniſſe der Rheinprovinz bereiſte, gelang es ihm endlich, durch Allerhöchſte Genehmigung im Jahre 1827 auch die Unterſuchungs⸗Gefangenen in den Bereich der Wirkſamkeit freier Vereine zu ziehen und eine Gefängniß-Geſellſchaft zu gründen. Hätte Fliedner kein anderes Verdienſt, als den Anſtoß gegeben zu haben, daß die Gefängniſſe einer humaneren und ſittlich-religiöſen Pflege zugänglich geworden ſind, wir müßten ſchon deshalb ſeinen Namen als den eines Wohlthäters der Geſellſchaft rühmen. Doch ſeine Thätigkeit ging viel weiter. Nachdem er im Sommer 1827 aber⸗ mals eine Reiſe nach Holland, Brabant und Friesland und im Jahre 1832 eine andere nach England und Schottland unternommen, um das Gefängnißweſen beider Länder weiter zu erforſchen, bei welcher Gelegenheit er auch die großherzige Eliſabeth Fry perſönlich kennen lernte, ſuchte er die hier geſammelten Erfahrungen ſofort in ſeiner Umgebung anzuwenden.

Zunächſt lag ihm die Gründung eines Aſyls für entlaſſene weibliche Gefangene am Herzen, um ſo dieſelben ſittlich zu beſſern und ſie der Geſellſchaft als ehrbare und brauchbare Mitglieder wieder zurück zu geben. Aber woher die Mittel, woher ein Haus hierfür erlangen? Seine ihm bei Gelegenheit der Düſſeldorfer Gefangen⸗ Pflege im Jahre 1828 zugeführte Gattin Friederike Münſter aus Braunfels, welche er im Jahre 1842 ſchon wieder von ſich ſcheiden ſehen mußte, unterſtützte ihn hierin aufs eifrigſte. Nach mancherlei Kämpfen und Ringen wurde endlich eine Aſylsvorſteherin gefunden und im Herbſte 1833 ſtellte ſich auch ein Aſylspflegling, aus dem Zuchthauſe in Werden entlaſſen, ein. In Ermangelung jeden Unter⸗ kommens räumte die über dieſen erſten Anfang hocherfreute Paſtoren⸗ familie ihr eigenes Gartenhaus zum Aſylhauſe ein. Alle mögliche Pflege und Sorgfalt ward ihrem erſten Schützling gewidmet. Das