Jahrgang 
1865
Seite
282
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Es war ein äußerſt intereſſanter Moment, die drei Perſonen, die Zeugen einer gewaltigen, bewegten Zeit, neben einander zu ſehen. Sie hatten inmitten der Verwüſtung, des Aufruhrs, unter Blut, Thränen und Jammer geſtanden gelitten. Welche Ereigniſſe waren an ihnen vorübergezogen? wie mußte jeder Baum, jeder Stein, jeder Weg in der Umgegend von Le Mans großartige und zum Nach⸗ ſinnen auffordernde Erinnerungen in ihnen wecken.

Nur ungern verließen wir das Gaſthaus und deſſen Wirthin.

Als wir durch die Straße Dorée in Le Mans fuhren, durch

jene Straße, in welcher einſt das furchtbarſte Gemetzel des 13. De⸗ cembers wüthete, kam uns ein langer Zug entgegen; feſtlich geſchmückte Kinder, Knaben und Mädchen ſaßen auf reich mit Blumen beſteckten Garben von Weizenähren; dieſer Segen der Felder ruhte auf einem großen Wagen, den ſechs feiſte, mit Kränzen gezierte Stiere zogen. Das Geſpann umtanzte eine jubelnde Menge. Muſik, Jauchzen und Jubel überall, fröhliche Geſichter, heitre Scherze. Der Erntewagen zog in Begleitung der Schnitter durch die Straße Dorée.

Fliedner von Kaiſerswerth. Ein Lebensbild.

Am 4. Oktober 1864 ſtarb zu Kaiſerswerth am Rhein Dr. Fliedner. nicht nur die von ihm immer wieder neu aufgeſchloſſenen Gebiete,

Wer das geweſen, wird der nicht fragen, welcher in den letzten Decennien den heilſamen Beſtrebungen, die chriſtliche Bruderliebe unter uns zur That und Wahrheit zu machen, der innern Miſſion ſeine Aufmerkſamkeit nicht entzogen hat. Tauſende kleiner Kinder vermögen uns in vier Erdtheilen etwas von den Wohlthaten zu er⸗ zählen, welche der Menſchheit von Kaiſerswerth aus durch Fliedner zu Theil geworden ſind. Eine unzählbare Schar jedes Alters, jedes Geſchlechts und Standes weiß zu rühmen den barmherzigen Sama⸗ riterdienſt ſeiner Diakoniſſen, deſſen ſich Kranke, Verwundete, Ver⸗ wahrloſete und Sterbende in öffentlichen Hospitälern, auf Schlacht⸗ feldern und im eignen Hauſe erfreuen durften.

häuſer geben Zeugniß von dem Lebensſtrom, der von dieſem einen

Manne angeregt ſich über die alte und die neue Welt unaufhaltſam

verbreitet. Wo irgend eine Noth ſich zeigte, ein öffentliches Leiden auftrat, ein Uebel nach Abhilfe verlangte, eine Gelegenheit zur Ab⸗ ſtellung ſittlicher und ſocialer Gebrechen ſich kund gab, da ſehen wir auch Fliedner rathend und helfend eintreten. Dem weiblicheu Geſchlechte von der zarteſten Dame bis zur niedrigſten Magd, ſorg ſamen Müttern, wie unbeſchäftigten Jungfrauen hat er theils eine ebenſo neue, als ehrenvolle Thätigkeit in der evangeliſchen Chriſten⸗ heit gegeben, theils ihre hohe göttliche Lebensaufgabe wieder neu erſchloſſen. 5

Mit einer raſtloſen Thätigkeit, welche weder vor den größten Strapazen zurückſchreckte, noch den ununterbrochen jede menſchliche Kraft aufreibenden Anläufen ſich entzog, hat dieſer Mann von zartem Körperbau und ſchwacher Conſtitution Tag und Nacht gearbeitet. Auf Reiſen ſah man ihn oft des Nachts im Bette ſeine weitver⸗ zweigte Correſpondenz beſorgen. Wenn je, ſo darf von ihm geſagt werden:Er hat gethan, was er konnte. Mit eiſerner Energie und doch wieder mit einer unbegreiflich elaſtiſchen Schmiegſamkeit ver⸗ folgte er den einmal erfaßten Plan, kein Hinderniß konnte ihn von der Ausführung abſchrecken, kein Geldmangel ihn von koſtbaren An⸗ käufen und Anlagen abhalten, kein Spott und Hohn der Widerſacher und Böswilligen ihn einſchüchtern, kein Kopfſchütteln und Zweifeln der Freunde am Gelingen eines Unternehmens ihn ſtören. Hatte er eine Sache als gut und heilſam, als ihm von Gott zugewieſen erkannt, da wuchs unter allen ſich dagegen erhebenden Schwierigkeiten nur ſeine Freudig⸗ keit und ſeine Siegesgewißheit. Er war ein Mann des Glaubens, wel⸗ cher, ſobald er ein Wort des Herrn für ſein Thun hatte, auch von dem Gelingen deſſen, was er anfaßte, feſt überzeugt war. Ohne Geld und Beſitz hat er über Summen verfügt, die aufzubringen ſelbſt der Reichthum Bedenken tragen würde, und Beſitzungen in vier Erd⸗ theilen erworben, welche die Kräfte eines Privaten überſteigen möchten. Täglich erwarteten von dieſem Manne, der irdiſche Güter nie beſaß, aber reich in Gott war, in letzterer Zeit über 1100 Menſchen in verſchiedenen Ländern, im Orient wie Occident, ihren täglichen Unterhalt an Nahrung, Kleidung und Obdach. Welche Sorgen, Bekümmerniſſe und Gebete mußten da in ſeiner Seele auf und niederſteigen! Den Glaubensmuth und die Gebetskraft eines Auguſt Hermann Franke ſehen wir in ihm wieder aufgelebt, aber ſein Wirken und Schaffen übertraf an Umfang das dieſes Gottes⸗ mannes bei weitem. Und alles was er unternahm und ausrichtete, von keinem Menſchen war es ihm etwa vorgezeichnet oder vorgethan, aus ſeinem eignen Herzen und Geiſte gingen ſeine Unternehmungen hervor, ſie müſſen meiſt ſeine eignen Schöpfungen genannt werden. Die Liebe zeigte ſich in ihm immer erfinderiſcher. Davon zeugen

Höhere und niedere Schulen, Gefängniſſe und Strafanſtalten, Verſorgungs⸗ und Waiſen⸗

über welche ſich die durch ihn angefachte Menſchenliebe verbreitete, ſondern auch die ſeltene Weisheit, mit welcher er alle dieſe Thätig⸗ keiten in einander zu gliedern und zu organiſiren verſtand. Er be⸗ ſaß ein ausgezeichnet organiſatoriſches Talent.

Bei aller ihn überbürdenden Arbeit von außen, widmete er eine nicht geringe Zeit ſchriftſtelleriſchen Arbeiten. Immer wußte er darin für ſeine Anſtalten neues Intereſſe zu erregen, oder die Noth⸗ wendigkeit chriſtlicher Liebesthätigkeit jedem Leſer neu an das Herz zu legen, daher ihn ſowohl in Anbetracht ſeiner literariſchen, als ſeiner praktiſchen Wirkſamkeit, die theologiſche Fakultät zu Bonn zum Doktor der Theologie ernannte.

Die Zahl der im Verlage der Diakoniſſen⸗Anſtalt erſchienenen Schriften iſt nicht gering, auch iſt ihre Verbreitung nicht auf blos kleinere Kreiſe beſchränkt, wie der in 76,000 Exemplaren verbreitete Kalen⸗ der und die neue Ausgabe ſeines Märtyrer⸗Buches zeigt. Daß bei einer ſolchen Liebe und bei ſo ausharrendem Eifer für Menſchenwohl auch große Beredtſamkeit gefunden werden mußte, bedarf kaum einer Erwähnung. Denn iſt die Beredtſamkeit eine Tugend, ſo konnte Fliedner, da aus ihm nicht eine angelernte Wohlredenheit, ſondern die feſte Ueberzeugung und der glühendſte Eifer für die Sache ſprach, nicht anders als wieder gewinnend und ergreifend in ſeinen Reden und Geſprächen ſein. Niemand vermochte von ihm zu gehen, ohne für ſein Wirken ſich tief ergriffen zu fühlen.

Ohne jemals ſich früher mit Bauten beſchäftigt zu haben, hat er doch alle die zahlreichen Bauten ſeiner Anſtalten ſelber entworfen, an⸗ gegeben und ausgeführt. Es gab Jahre, wo man ihn faſt täglich mit dem Zollſtabe in der Hand auf Gerüſten oder angefangenen Ge⸗ bäuden nachmeſſen und alles anordnend treffen konnte. Sein durch und durch praktiſcher Sinn wußte auch hier das Richtige ſtets zu finden und jede überflüſſige Zuthat zu vermeiden, ohne der einfachen Schönheit Abbruch zu thun. Dabei beſaß er den ſichern Blick, die Menſchen zu durchſchauen. Selten hat er ſich in ſeinem Urtheile ge⸗ täuſcht. Daß er wie jeder andere Menſch auch hintergangen, durch Augendienerei oft in ſeinem Urtheile wieder ſchwankend und zweifel⸗ haft gemacht worden iſt, das war nicht zu vermeiden. Jede Halbheit war ihm zuwider, jede Heuchelei ein Greuel, jedes Anſehn der Perſon lag ihm ferne. Oft hat man ihn wegen der Strenge, womit er ſeine Gehilfen, Lehrer und Diakoniſſen beurtheilte und be⸗ handelte, tadeln wollen, aber ohne eine ſcharfe Zucht, nach welcher jedes Vergehen unnachſichtlich geahndet und nichts todt geſchwiegen wurde, würde er nie das Große, was er vollbracht, erreicht haben. Wie er ſelbſt keine Schonung ſeiner Kräfte kannte, eine kaum glaub⸗ liche Bedürfnißloſigkeit in allen Stücken, ſei es Kleidung, Nahrung oder Obdach zeigte, ſich allenthalben und allezeit mit dem Geringſten genügen ließ, in ſteter Selbſtverleugnung unabläſſig wirkte, ſeine eigne ſittliche Vervollkommnung, ſeine Heiligung mit allem Ernſt anſtrebte, ſo drang er auch bei allen andern darauf. Dieſe ſtrenge Zucht, welche ſich über alle Zweige ſeiner Wirkſamkeit erſtreckt, muß gerade als die Seele, der göttliche Kern ſeines Schaffens ange⸗ ſehn und gerühmt werden. Ohne dieſen königlichen Willen, welcher eben, weil er ſich ſelber wieder einem höhern Willen demüthig unter⸗ ordnet, nicht als Eigenſinn und Starrheit ſchmerzlich gefühlt, ſondern als heilige ſittliche Macht anerkannt und geliebt wird, wäre das Gute, was Fliedner vollbracht, weder entſtanden, noch hätte es bis heute beſtanden. Denn ihm ſtand weder die ſtarre Regel eines Ordens zur Seite, noch die von oben gebietende Autorität eines ſeine Anſtalten überwachenden Kirchenfürſten, ſondern alle ſammelte, ver⸗