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fand ſich doch ein Verräther. Tiſon mußte ſeine Schützlinge nach Le Mans ausliefern. Der edle Menſch führte ſie ſelbſt dahin, um ſogleich an ihrer Rettung zu arbeiten. Wieder war es eine große, geräumige Kirche, welche dreihundert Gefangene aufnahm. Ohne Unterſchied des Alters, Geſchlechtes oder Ranges lagen die Unglücklichen bunt durcheinander. Alle Tage verminderte ſich die Zahl, denn man erſchoß jeden Morgen einige der Gefangenen. Dabei waren die Damen der rohen Behand⸗ lung ihrer Wächter ausgeſetzt und litten entſetzlich durch Hunger und Durſt.
„Eines Abends erſchien Tiſon bleich und verſtört vor den beiden. Es war entſchieden. Am kommenden Morgen ſollten ſie erſchoſſen werden. Man feuerte mit Kartätſchen unter die zum Tode beſtimmten, denn die Guillotine arbeitete zu langſam.„Heute Nacht, meine Damen, müſſen Sie noch entfliehen,“ flüſterte Tiſon,„ſonſt iſt alles verloren.“ Tiſon hatte einen Soldaten entdeckt, den die Sapinauds bei Mortagne gerettet hatten. Er verſprach, um ein Geld von 10,000 Francs die beiden zu retten. Als die verabredete Stunde herannaht— wird der Soldat abgelöſt.— Neue Todesangſt. Der verzweifelnde Tiſon eilt in die Stadt zurück. Er findet einen ehe⸗ maligen Diener der Sapinauds, einen ſeltnen Mann voll Muth und Treue. Als dieſer hört, daß ein Kind ſeiner Herrſchaft noch am Leben iſt, verſpricht er alles aufzubieten, um es aus der grauenvollen Haft zu befreien. Die beiden Damen wiſſen von nichts, und da ſie keine Hilfe nahen ſehen, bereiten ſie ſich zum Tode, denn mit dem aufdämmernden Morgen ſollen ſie gerichtet werden. Da kommt in der Nacht, durch die Gruppen der halbſchlummernden Gefangenen ſchlei chend, Tiſon. Er berichtet, wie die Rettung vor ſich gehen ſoll. Dicht hinter der Kirche befand ſich ein See, die beiden Damen ſollten durch die Sacriſteithüre hinausgelaſſen und dann durch das Waſſer, in deſſen Nähe kein Poſten ſtand, getragen werden.— Die Nacht vergeht.— Kein Zeichen erſchallt, keine befreundete Geſtalt läßt ſich erblicken. Der Morgen dämmert herauf und ſchon öffnet ſich die Hauptthüre, der Ausrufer erſcheint und ſucht die dem Tode Geweihten heraus, indem er ihre Namen von einem Zettel ablieſt. Jede Secunde er⸗ warten die Damen, ſich nennen zu hören— nein— der Henker ver⸗ läßt die Kirche, ſie ſind wieder beſtimmt, einen Tag länger zu leben. Um Mitternacht tönt das verabredete Zeichen. Die Thür öffnet ſich, die Damen ſchlüpfen hinaus, ſtarke Arme umſchlingen ſie, ſie fühlen ſich emporgehoben, dann rauſcht das eiskalte Waſſer um ihre Füße, immer tiefer hinein geht es in die ſchneidende Fluth, ſie fühlen, wie der Boden unter ihren Trägern weicht, ſchon ſteigen die Wellen bis an den Hals und Fräulein von Sapinaud will um Hilfe rufen. „Keinen Laut oder Sie ſind verloren,“ flüſtert der Mann im Waſſer. Endlich iſt wieder der Boden feſt, man ſteigt ans Land und die beiden ſind gerettet.„Wer da?“ ruft es vom andern Ufer herüber. Die Flüchtlinge kauern ſich zwiſchen dem blätterloſen Röhricht und einer alten, halbfaulen Barke, die am Strande liegt, nieder.„Wer da?“ ruft es zum zweiten Male.„Feuer,“ commandirt eine andre Stimme. Ein Schuß kracht und die Entronnenen hören das Pfeifen der Kugel. Doch kamen ſie glücklich davon. Nach 8 Tagen Herumirrens ge⸗ langten ſie, von Tiſon mit Kleidern verſehen, nach Chartres. Die Damen hatten einen Paß erhalten, laut deſſen ſie als Schweſtern, Annette und Madeleine Tardet reiſten. Sie ſtiegen bei einer Madame Jarlan ab. Dieſe Frau, eine Paſtetenbäckerin, war eine glühende Verehrerin Robespierres. Jeden Tag mußten die armen Damen die Vorleſung der Liſten der Hingerichteten mit anhören. Sie er warben ſich ihren Unterhalt durch Nähen und zwar beſtand ihre Arbeit in der Verfertigung von leinenen Beinkleidern und Hemden für die republikaniſche Armee. Frau Jarlan behandelte ſie übrigens gut, nur mußten ſie allerlei entſetzliche Dinge ſehen und hören. Bald wollte die Jarlan beide Damen in den Jakobinerclub führen, dann lud ſie ihre Freundinnen ein, ſie auf den Marktplatz zu begleiten, um einigen Hinrichtungen von Ariſtokraten beizuwohnen, und endlich wollte ein republikaniſcher Officier durchaus das Fräulein de Lezar⸗ dière heirathen. So unter fortwährenden fieberhaften Aufregungen ſchlug ihre Befreiungsſtunde. Eines Tages erſchien Frau Jarlan mit einer großen, bedeutſamen Neuigkeit. Sie erzählte: das Un⸗ glaubliche ſei geſchehen und man habe ihren lieben, trefflichen Robes⸗ pierre guillotinirt.“ Die beiden Damen fühlten, daß dieſe Nachricht die Loſung zur Freiheit für ſie ſei, doch bemeiſterten ſie ſich und Fräulein von Sapinaud fragte ganz ernſt:„Aber wie war es möglich? was
hatte er denn verbrochen?“„Wenn er leben geblieben wäre,“ ſagte
Madame Jarlan ganz unbefangen,„dann hätte er die ganze Nation hinrichten laſſen. Sollte man das glauben? ein ſo herrlicher Bürger.“
„Frei und ungehindert gingen die Damen bald in ihre Heimat zurück. Jetzt erſt vernahmen ſie die Schickſale der Angehörigen. Getrennt von Sophie waren der Vater und die beiden Schweſtern in die Hände der Feinde gefallen. Die zarten Mädchen waren Zeugin⸗ nen des Todes ihres Vaters, er ward vor ihren Augen erſchoſſen. Sie ſahen ihn fallen und hörten, wie er im Todeskampfe dumpfe Worte ausſtieß. Was geſchah mit ihnen? die ſchönen, edlen Mädchen wurden begnadigt zur Deportation. Iſt es denkbar, daß man ſie in die Kleider der Galeerenſträflinge ſteckte? daß man ſie zwang, unter dem Auswurfe der Menſchheit in Lorient zu bleiben? Sie trugen die rothe Mütze mit dem grünen Schilde und der gelben Nummer, ſolche Nummer, wie Sie dort eine ſehen, die Nummer vertritt die Stelle des Namens, denn für die Sträflinge gibt es keine Namen mehr, es ſind Zahlen, welche die Wärter daran erinnern, daß noch ein Geſchöpf in Ketten über den Erdboden ſchreitet. Auch dieſe beiden Opfer befreite der Tod Robespierres. Sie kamen, krank an Leib und Seele, in die Heimat zurück. Die Nummer 34 iſt eine Reliquie ge⸗ worden für alle Anhänger der großen, edlen Familie, und jeder von uns hat eine getreue Nachahmung als Andenken der unglücklichen aber doch großartigen Zeit erhalten. Still und friedlich leben nun alle Mitglieder des Hauſes Sapinaud hier in der Vendée auf ihren Gütern. Die Damen Aimée und Charlotte ſind ſehr ernſt. Sie haben zu viel Entſetzliches in Lorient vernommen und ſelten nur ſieht man ſie lächeln. Sophie de Sapinaud, welche den Baron de Joannis hei⸗ rathete, iſt dagegen heiter und geſprächig. Ihr größter Kummer iſt der Tod ihres Vaters und der ihres Bruders geweſen, auch malt ſich eine tiefe Trauer auf ihrem Geſichte, wenn von Tiſon die Rede iſt, von deſſen Schickſal ſie nie wieder etwas erfahren hat und der jeden⸗ falls das Opfer ſeiner edlen, menſchenfreundlichen Beſtrebungen ge⸗ worden iſt.“
Damit hatte die Alte ihre Erzählung beendet. Als ſie ſich erhob, raſſelte ein eleganter Wagen, ganz aus Korbgeflecht zuſammengeſetzt, wie ihn die Beſitzer großer Landgüter zu haben pflegen, die Straße herab und hielt vor dem Wirthshauſe.
„Frau von Joannis und der Herr Biſchof Jagault,“ rief die Wirthin durch das Fenſter blickend. Sie eilte durch den Hausflur auf die Straße an den Wagen. Schon umſtanden eine Menge Be⸗ wohner jedes Alters und Geſchlechtes das Gefährte.
Ein Diener war herabgeſprungen und ſchlug den Wagentritt nieder. Im Wagen ſelbſt ſaßen: ein ſchöner, ſilberhaariger Greis und eine reichgekleidete Matrone. Das waren ſie alſo: der ehemalige Abbé Jagault, die Tochter und Schweſter der Sapinauds.
Frau von Joannis mochte etwa achtundſechszig Jahre zählen. Sie ſtand mit der Wirthin in gleichem Alter, war aber noch in der That eine vollkommen ſchöne Frau, deren ganze Erſcheinung lebhaft an jene Bilder berühmter, durch körperlichen und geiſtigen Reiz glän⸗ zender Frauen der chevaleresken Zeit Ludwigs XIV. erinnerte. Sie trug keinen Hut, ſondern hatte einen ſchwarzen Spitzenſchleier um ihr Haupt gewunden, wodurch ihr ſchönes, liebenswürdiges Geſicht wie in einem Rahmen von Ebenholz erſchien. Eine ſchwere, ſeidene Robe, deren Aermel durch Behänge der prachtvollſten, alten Brüſſeler Kanten verziert waren, umſchloß die ſtattliche Figur der Dame. Ihre mit geſtickten Handſchuhen bedeckten Hände hielten ein in Sammet gebundenes Gebetbuch und zugleich einen ſchönen Roſenkranz. Biſchof war einfach ſchwarz gekleidet. Seine Geſtalt war groß und imponirend. Das Antlitz hätte das eines Soldaten ſein können, nur ein Bart und man hätte einen alten Heerführer vor ſich zu ſehen geglaubt. Die Hakennaſe, der kühne Schnitt des Geſichtes und die großen, blauen Augen, welche muthig um ſich blickten, vollendeten das Ehrfurchtgebietende der Erſcheinung. Er war ein hoher Siebenziger.
Der Diener reichte dem Biſchof die Hand, um ihn aus dem Wagen zu helfen. Als Herr Jagault ſich erhob„erhob ſich auch Frau von Joannis. Sie küßte dem Biſchof die Hand, er legte ſeine Rechte wie zum Segen auf ihr Haupt, dann ſtieg er aus dem Wagen, der bald davon rollte. Der Biſchof ging durch eine Doppelreihe von Menſchen, die ſich um ihn drängten, um ſeine Hände zu küſſen und denen er den Segen ertheilte. Die Wirthin führte ihn in ein Zimmer, woſelbſt er ſtets nach dem Meſſeleſen in Le Mans blieb, bis ſeine Kutſche angelangt war, um ihn nach Chateaudun, wo er den Sommer über ſich aufhielt, zu bringen.
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